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NEUES THEMA11.12.2019, 22:36 Uhr
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FPeregrin

• Italien 1969: Strategie der Spannung In der jW von morgen steht ein sehr interessanter Artikel von Gerhard Feldbauer zur Geschichte der "Strategie der Spannung" des Klassenfeinds. Dergleichen dĂŒrfte auch heute - erst recht - immer wieder zum Arsenal dieses Dreckspacks gehören. Wir sollten uns darauf einstellen.

Komplott der Faschisten

Vor 50 Jahren wurde das Attentat auf der MailĂ€nder Piazza Fontana verĂŒbt. Dies war der Beginn der Spannungsstrategie in Italien, die einem Putsch den Weg ebnen sollte

Von Gerhard Feldbauer

Am 12. Dezember 1969, einem Freitag, herrschten am spĂ€ten Nachmittag in der Industriemetropole Mailand Vorweihnachtsstimmung und die vor einem Wochenende ĂŒbliche Hektik. In der Schalterhalle der Landwirtschaftsbank an der Piazza Fontana drĂ€ngen sich die Menschen, als um 16.37 Uhr eine Bombe explodiert. 14 Menschen sind sofort tot, zwei weitere sterben im Krankenhaus, fast 100 werden verletzt.

Eine weitere Bombe wird um 16.25 Uhr in einer Aktentasche an einem Fahrstuhl gefunden. Ein Maresciallo vergrĂ€bt sie zunĂ€chst im Hof der Bank und sperrt ihn ab. Fast zur gleichen Zeit detonieren in Rom vier Bomben bzw. SprengsĂ€tze. Zwischen 16.40 und 16.55 Uhr eine in der Prachtstraße Via Veneto in der Banca Nazionale del Lavoro, durch die 14 Angestellte verletzt werden. Danach um 17.20 Uhr eine weitere am »Altar des Vaterlandes« auf der Piazza Venezia und zehn Minuten spĂ€ter zwei SprengsĂ€tze mit geringerer Kraft, die einen Carabiniere und drei Passanten verletzen.

Den Linken in die Schuhe geschoben

Mit den AnschlĂ€gen begann die unter Beteiligung der CIA seit Mitte der 60er Jahre ausgearbeitete »Strategie der Spannung«. Ihr Ziel war es, mit forciertem Terror die öffentliche Ordnung zu untergraben und so das Klima fĂŒr einen MilitĂ€rputsch zu schaffen, eine Situation, in der die Armee als »Ordnungsfaktor« auf den Plan treten sollte. Konkret sollte einem Staatsstreich der Weg geebnet werden, den der aus einem alten Adelsgeschlecht stammende, »schwarzer FĂŒrst« genannte Junio Valerio Borghese mit der von ihm gegrĂŒndeten faschistischen Avanguardia Nazionale dann im Dezember 1970 auslösen wollte. Er war unter Mussolini Kommandeur der Decima MAS (10. Torpedobootflotille) gewesen und wegen wenigstens 800fachen Mordes an Partisanen 1949 zu lediglich zwölf Jahren Haft verurteilt, auf Betreiben der USA aber begnadigt worden.

FĂŒr die Spannungsstrategie nutzte die CIA das linksradikale Spektrum. Sie begann, mit den italienischen Geheimdiensten linksradikale Organisationen mit ihren Agenten zu unterwandern, um diese zu Gewaltakten zu provozieren und sie als die Verantwortlichen fĂŒr den rechten Terror hinzustellen. Die Weichen dafĂŒr hatte der Geheimdienstausschuss des US-ReprĂ€sentantenhauses 1968 mit seiner Orientierung fĂŒr alle Geheimdienstorgane gestellt, bei ihren Operationen stĂ€rker linksradikale KrĂ€fte zu instrumentalisieren. Dieser Linie entsprechend wurden jedoch nicht nur in großer Zahl V-Leute und neofaschistische Agenten in linksradikale Gruppen eingeschleust, um diese zu gewaltsamen Aktionen anzustacheln, sondern schwarzer Terror auch pseudorevolutionĂ€r getarnt, durch Agenten selbst »linksextreme« Gruppen gebildet oder bestehende neofaschistische Terrorbanden einfach auf »linksradikale« Namen umgetauft.

Die AnschlĂ€ge in Mailand und Rom wurden von TĂ€tern aus dem Umfeld der faschistischen Terrororganisation »Ordine Nuovo« heraus ausgefĂŒhrt. RĂ€delsfĂŒhrer waren die beiden bekannten Faschisten Franco Freda und Giovanni Ventura. Zu ihnen gesellten sich aus der Leitung der Avanguardia Nazionale Stefano Delle Chiaie und ein Mario Merlino, der unter MailĂ€nder Anarchisten aktiv war und versuchte, diese zu Terrorakten anzustiften, damit die Polizei sie dann als TĂ€ter prĂ€sentieren konnte. Den Anschlag in Mailand leitete der Ordine-FĂŒhrer Pino Rauti (Jahrgang 1926), ein Altfaschist aus Mussolinis SĂ lo-Republik, der als Freiwilliger bei den Schwarzhemden (das italienische Pendant zur SS) an der Seite der Hitlerwehrmacht gekĂ€mpft hatte.

Die Ordine Nuovo hatte sich 1954 in Mailand konstituiert. Schon der Name sollte der Gruppe ein »linkes Image« verleihen. Denn unter gleichen Namen hatte Antonio Gramsci 1920 eine Wochenzeitung gegrĂŒndet. Aus der dem Blatt nahestehenden Gruppe ging im Januar 1921 die Kommunistische Partei hervor. Rauti jedenfalls war in dem im Dezember 1946 als Nachfolgeorganisation der Mussolini-Partei wiedergegrĂŒndeten Movimento Sociale Italiano (MSI) die Nummer zwei und Chef ihrer Terrorbanden. Wegen mehrerer AnschlĂ€ge war er bereits 1951 zu einer zehnmonatigen Haftstrafe verurteilt worden. Die rund 700 Teilnehmer des GrĂŒndungskongresses hatten den »Sturz des Systems« verkĂŒndet, sich zum Programm der 1943 von Mussolini gebildeten SalĂČ-Republik und zum »Dritten Reich« bekannt, als Wahlspruch das Motto der deutschen SS – »unsere Ehre heißt Treue« – gewĂ€hlt und zu ihrem Symbol eine Doppelaxt auf rotem Grund im weißen Kreis, die spĂ€ter durch das keltische Kreuz ersetzt wurde.

Der Spannungsstrategie entsprechend sollten Indizien des Attentats in der Landwirtschaftsbank direkt auf die Anarchisten hinweisen. Die Ermittlungen folgten »einem bereits fertigen Drehbuch«, schrieb der MailĂ€nder Journalist und Anarchist Luciano Lanza.Âč Gleichzeitig wurden Spuren, die zu den neofaschistischen AttentĂ€tern fĂŒhren konnten, beseitigt. So wurde die in der Handelsbank sichergestellte nicht detonierte Bombe auf Weisung des PolizeiprĂ€sidiums am Abend des 12. Dezember mit einer Sprengladung zur Explosion gebracht. Der die Ermittlungen leitende Kommissar Luigi Calabresi ĂŒberzeugte sich, dass der Befehl ausgefĂŒhrt wurde. Der Munitionstechniker Guido Bizzarri, ein Mann mit vierzigjĂ€hriger Berufserfahrung, Ă€ußerte gegenĂŒber Journalisten, das sei absolut unĂŒblich. »Ich hĂ€tte sie entschĂ€rft. Sie zu sprengen war viel gefĂ€hrlicher.« Sichergestellt wurde dagegen ein StĂŒck Buntglas, das sich zusammen mit der Bombe in der Aktentasche befand. Es wurde in Mailand keiner kriminaltechnischen Analyse unterzogen, sondern zur Untersuchung nach Rom geschickt. Dort stellte man erstaunlich schnell fest, dass es sich um Buntglas handelte, das in der Werkstatt von Pietro Valpreda zur Herstellung von Jugendstillampen verwendet wurde. Valpreda, ein MailĂ€nder Anarchist und BallettĂ€nzer ohne Engagement, betrieb in Rom einen Kunstgewerbeladen fĂŒr Lampen und Schmuck. Am 12. Dezember war er am Morgen nach Mailand zu einer polizeilichen Vernehmung vorgeladen worden. Bereits drei Stunden nach dem Attentat – das Buntglas war noch nicht analysiert – wurde er im MailĂ€nder PolizeiprĂ€sidium als einer der AttentĂ€ter genannt.


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NEUER BEITRAG11.12.2019, 22:38 Uhr
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FPeregrin

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Das »Drehbuch«

Schon zu diesem Zeitpunkt hatte der PolizeiprĂ€fekt Libero Mazza MinisterprĂ€sident Mariano Rumor ĂŒber »die Linie des Vorgehens« informiert: »Annahme zuverlĂ€ssig, dass Lenkung der Ermittlungen auf anarchoide Gruppen oder jedenfalls auf ex­tremistische AuslĂ€ufer erfolgen muss. Hat bereits begonnen, vorherige Absprachen mit oberster Justizbehörde, energische Aktion, gerichtet auf Identifikation und Festnahme Verantwortlicher.« WĂ€hrend der PolizeiprĂ€fekt seinen »Bericht« nach Rom absetzte, der ganz dem »Drehbuch«, das Lanza erwĂ€hnt, entsprach, versuchte Calabresi bereits, von den ersten verhafteten Anarchisten GestĂ€ndnisse zu erpressen. Der Kommissar benötigte dazu nicht erst die Befehle seines PrĂ€fekten. Er erhielt seine Weisungen direkt von der CIA, die ihn wĂ€hrend eines mehrmonatigen »Fortbildungskurses« in den USA 1966 angeworben hatte.ÂČ Calabresi ging denn auch exakt nach den Instruktionen des US-amerikanischen Geheimdienstes vor und suchte die AttentĂ€ter unter den Linken. Die AnschlĂ€ge zeigten deutlich »die Handschrift der Anarchisten«, setzte Calabresi die Inhaftierten unter Druck und verlangte von ihnen AuskĂŒnfte Â»ĂŒber diesen irren kriminellen Valpreda« und dessen »Anhang von Halbstarken«. Dann das vorgefasste Urteil: »Das ist das Werk von Anarchisten, daran gibt es nicht den geringsten Zweifel.« Dass es »die Faschisten gewesen sind«, schloss der Kommissar kategorisch aus. Die Turiner Stampa zitierte ihn am nĂ€chsten Tag mit dem Urteil, dass es sich »ohne Zweifel um die Tat von Linksextremisten« handele. Das neofaschistische Secolo d’Italia schrieb: »Die Kommunisten sind die Mörder! Schluss mit dem kommunistischen Terror«. Drei Tage spĂ€ter forderte das MSI-Parteiblatt ganz im Sinne der Vorbereitung auf den geplanten Borghese-Putsch, »mit aller SchĂ€rfe gegen die Verbrechen wider die öffentliche Ordnung« vorzugehen.

Nach dem Attentat wurden mehr als 300 Personen aus Kreisen der Anarchisten und der außerparlamentarischen Linken verhaftet, darunter einer der bekanntesten Anarchisten Mailands, der Eisenbahner Giuseppe Pinelli, der noch am Abend des 12. Dezember festgenommen wurde, drei Tage spĂ€ter erfolgte die Inhaftierung Valpredas. Pinelli hatte fĂŒr die Tatzeit allerdings ein Alibi. Vier Zeugen belegten, dass er in einer Bar Karten gespielt hatte. Ein Polizist der Questura behauptete jedoch, das stimme nicht, er sei sich »beinahe sicher, dass Pinelli nicht gespielt hat«. Das genĂŒgte Kommissar Calabresi, den anarchistischen Aktivisten weiter festzuhalten und zu beschuldigen. Obwohl Pinelli nach 48 Stunden hĂ€tte freigelassen oder ein Haftbefehl ausgestellt werden mĂŒssen, wurde er weiter verhört und ihm der Kontakt zu einem Rechtsanwalt verweigert. Dann, in der Nacht vom 15. zum 16. Dezember, stĂŒrzte Pinelli aus dem BĂŒro Calabresis im fĂŒnften Stock des PolizeiprĂ€sidiums. PolizeiprĂ€sident Marcello Guida persönlich berief daraufhin unverzĂŒglich eine Pressekonferenz ein und behauptete, es sei Selbstmord gewesen. »Sein Alibi hat den NachprĂŒfungen nicht standgehalten«, behauptete Guida. »Er sah sich verloren (
) Es war eine Geste der Verzweiflung, alles in allem eine Art Selbstanklage.«³ Der PolizeiprĂ€sident war ein offen neofaschistisch eingestellter Offizier, der unter Mussolini eines der berĂŒchtigten Straflager fĂŒr politische Gefangene geleitet hatte. Die Anarchisten des MailĂ€nder Viertels an der Ponte della Ghisolfa klagten bereits am 17. Dezember den Innenminister und den PolizeiprĂ€fekten auf einer Pressekonferenz an, die neofaschistischen TĂ€ter zu decken.

»ZufÀlliger Tod eines Anarchisten«

Die Anarchisten wurden vor allem von der außerparlamentarischen Gruppe »Lotta Continua« unterstĂŒtzt. Die Organisation zĂ€hlte damals etwa 20.000 Mitglieder, gab eine gleichnamige Tageszeitung mit derselben Auflage sowie die Zeitschrift Contre-Informazione heraus, in der die Ziele der Spannungsstrategie enthĂŒllt wurden. Starken Auftrieb erhielten die Proteste durch das solidarische Engagement des Schriftstellers Dario Fo, der das Verbrechen und seine HintergrĂŒnde in seinem TheaterstĂŒck »ZufĂ€lliger Tod eines Anarchisten« auf die BĂŒhne brachte, was vom hohen persönlichen Mut des Autors zeugte. Denn im Griechenland der Obristen und im Chile Pinochets wurden KĂŒnstler und Schauspieler, die sich wie Fo engagierten, in die Kerker geworfen oder kamen ums Leben.

Vor allem vier Fakten widerlegten die von PolizeiprĂ€sident Guida und Kommissar Calabresi aufgestellte Behauptung, Pinelli habe Selbstmord begangen. Die ErklĂ€rung, ein Polizeibeamter habe Pinelli von seinem Sturz aus dem Fenster zurĂŒckhalten wollen, ihn an den FĂŒĂŸen gepackt, aber nur einen Schuh zu fassen bekommen, stimmte nicht. Der Eisenbahner wurde im Hof mit beiden Schuhen an den FĂŒĂŸen gefunden. Bereits vor dem Sturz war in einem Krankenhaus ein Anruf eingegangen und ein Krankenwagen zur angeblichen Hilfe angefordert worden. Schließlich verdeutlichte der Aufprall, dass Pinelli – vermutlich infolge der Folterungen – nicht mehr bei Bewusstsein gewesen sein konnte. Der Verdacht eines von Polizisten begangenen Mordes, erhĂ€rtete sich zusĂ€tzlich dadurch, dass keine Obduktion der Leiche vorgenommen wurde.

Der Tod des 40jĂ€hrigen Giuseppe Pinelli, der eine Frau und zwei Kinder hinterließ, brachte nicht nur die MailĂ€nder Anarchisten in Rage, sondern viele Linke, die in ihren Protesten nicht nachließen. Als Zehntausende, einem Aufruf von Lotta Continua folgend, durch die Stadt zogen und die Straßen von Sprechchören wie »Calabresi Mörder« und »CIA-Kommissar« widerhallten, holte man in der MailĂ€nder Questura zum Gegenschlag aus. Calabresi wurde veranlasst, wegen der Mordanschuldigungen, die die Zeitung Lotta Continua erhob, gegen deren Chefredakteur Pio Baldelli zu klagen. Dieser ging zu Beginn des Prozesses in die Offensive und erklĂ€rte: »Wir haben die Absicht zu beweisen, dass Kommissar Calabresi Pinelli ermordet hat. Er hat ihn umgebracht, wenn vielleicht auch nicht selbst. Auf jeden Fall werden wir beweisen, dass die Verantwortung fĂŒr den Tod des Anarchisten auf ihn fĂ€llt.«

44 Zeitungen und Zeitschriften, die Vereinigung Demokratischer Juristen und zahlreiche Organisationen solidarisierten sich mit Lotta Continua. Calabresi und die als Zeugen geladenen Polizisten verwickelten sich in WidersprĂŒche. Schließlich lehnte der Kommissar die Verantwortung fĂŒr die Ereignisse mit der ErklĂ€rung ab, er sei wĂ€hrend des Fenstersturzes nicht im Zimmer gewesen. Als Lotta Continua die Exhumierung der Leiche Pinellis zur Obduktion beantragte, ließen Calabresis AnwĂ€lte, um die Beweise einer Ermordung zu unterdrĂŒcken, den Prozess platzen. Sie erklĂ€rten den vorsitzenden Richter, einen durch und durch konservativen Juristen, fĂŒr befangen und forderten, ihn abzusetzen. Dem Antrag wurde vom Kassationsgericht stattgegeben.

Calabresi ĂŒberlebte das Fiasko des Prozesses allerdings nicht lange. Am 17. Mai 1972 wurde er in Mailand auf offener Straße von einem »unbekannten TĂ€ter« erschossen. »Die im Prozess aufgedeckten Spuren zeigten, welch prominente MĂ€chte hinter den blutigen Faschistenumtrieben standen – und dass Calabresi wohl etliche sehr bekannte Namen auszuplaudern gehabt hĂ€tte, wenn er unter der Beweislast zusammengebrochen wĂ€re und zu sprechen begonnen hĂ€tte. Das wurde jedoch verhindert: durch die am 17. Mai auf Luigi Calabresi abgefeuerten SchĂŒsse«, schrieb der österreichische Journalist Harald Irnberger und hielt fest, es »könnte die CIA gewesen sein«.⁴


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NEUER BEITRAG11.12.2019, 22:41 Uhr
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FPeregrin

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Das Field manual 30-31

Das Pentagon ließ am 18. MĂ€rz 1970 – zur Orientierung des Geheimdienstausschusses des US-ReprĂ€sentantenhauses von 1968 – ein Feldhandbuch (Field manual 30-31) herausgeben, das detaillierte Instruktionen zur Einschleusung von Agenten in linksradikale Organisationen enthielt, die zur gegebenen Zeit Operationen – von der Provozierung von Unruhen bis zu politischen Morden – auslösen sollten, um VorwĂ€nde zur Errichtung eines Regimes der »starken Hand« zu schaffen.⁵ Zwei Jahre nachdem FM 30-31 ergangen war, verlautete aus einem Bericht der Pariser Le Monde, dass mindestens zehn Prozent aller Mitglieder linksradikaler Vereinigungen Agenten der Polizei seien.⁶

Obwohl die Strategie, radikalen Linken fĂŒr faschistische AnschlĂ€ge die Schuld in die Schuhe zu schieben, in Mailand ein Fiasko erlitt, wurde sie – nicht ohne Erfolg, wie die Entwicklung nach dem Mordkomplott gegen Aldo Moro 1978 zeigte – weiter verfolgt. Einige Beispiele: Nachdem im MĂ€rz 1973 ein Attentat auf den D-Zug Genua–Rom gescheitert war, wurde bekannt, dass zuvor in dem Zug Neofaschisten vor den Reisenden demonstrativ mit Zeitungen und FlugblĂ€ttern von Lotta Continua und Potere Operaio aufgetreten waren, um entsprechende Spuren zu hinterlassen. Im MĂ€rz 1977 kam es in Bologna, das von einer roten Stadtverwaltung regiert wurde, zu tagelangen bewaffneten ZusammenstĂ¶ĂŸen, fĂŒr die linksradikale Gruppen, darunter von der UniversitĂ€t der Stadt, verantwortlich gemacht wurden. Die Zeitschrift ­Giorni berichtete damals, dass nach Bologna jedoch scharenweise Neofaschisten aus Rom, Bari, Palermo und weiteren sĂŒditalienischen StĂ€dten transportiert worden waren, die in Gruppen unter »linken« Namen wie »Roter Stern« (Stella Rossa) oder »Bewaffneter Kampf fĂŒr den Kommunismus« (Lotta armata per il comunismo) agierten.

Schon am 14. Juni 1975 hatte der Mitarbeiter der Wochenschrift Tempo, Lino Jannuzzi, in Rom auf einer Pressekonferenz enthĂŒllt, dass in einem geheimen NATO-StĂŒtzpunkt am Capo Marrargiu auf Sardinien Polizeiagenten auf ihren Einsatz in linksradikalen Gruppen, darunter in den Brigate Rosse (BR) vorbereitet wĂŒrden. Januzzi, ĂŒber dessen Pressekonferenz am nĂ€chsten Tag nahezu alle italienischen Zeitungen ausfĂŒhrlich berichteten, erklĂ€rte weiter, dass die Agenten »Gruppen in den BR anleiten, Kommandounternehmen zur EntfĂŒhrung und Ermordung von Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur durchzufĂŒhren«.

Die Ausbildung leitete der Oberst des Geheimdienstes SISMI, Camillo Guglielmi, der bei der EntfĂŒhrung Moros im MĂ€rz 1978 am Tatort persönlich kontrollierte, wie die Operation ablief. Wie 1991 nach der Aufdeckung der geheimen NATO-Truppe »Stay behind« (hinter den Linien), die in Italien »Gladio« hieß, ans Licht kam, fĂŒhrten Einheiten dieser verfassungsfeindlichen Truppe, die in einer Division von 12.000 Mann zusammengefasst waren, einen Großteil der Attentate selbst aus.⁷

Propaganda due

Als Zentrale der Spannungsstrategie wirkte in dieser Zeit die als Freimaurerloge getarnte »Propaganda due« (P2), deren offizieller Chef der Altfaschist aus Mussolinis SalĂČ-Republik, Licio Gelli, wurde, dessen Enttarnung die USA verhindert hatten. Bei ihrer GrĂŒndung zogen, wie das MailĂ€nder Nachrichtenmagazin Espresso am 25. November 1990 schrieb, der damalige NATO-Oberbefehlshaber General Alexander Haig und US-Außenminister Henry Kissinger die FĂ€den. Haig ließ vom Chef fĂŒr verdeckte Operationen der CIA in Rom, Theodore Shackley, Gelli eine Liste mit 400 hohen italienischen NATO-Offizieren fĂŒr den Aufbau ĂŒbermitteln. Als eigentlicher geheimer Chef der P2 galt jedoch, wie die Wochenzeitung L’Europeo am 15. Oktober 1983 schrieb, der auch wegen Komplizenschaft mit der Mafia angeklagte, aber mangels Beweisen freigesprochene mehrmalige MinisterprĂ€sident Giulio Andreotti. Zur Rolle der P2 schĂ€tzte der Politologe Giorgio Galli ein: »Anfang der siebziger Jahre wird das Ausmaß der Macht der P2 in Umrissen bekannt, als unter Richtern und Journalisten im FlĂŒsterton davon gesprochen wurde, die Initiale des â€șSignor Pâ€č, der als Auftraggeber des Massakers auf der Piazza Fontana galt, bezeichne nicht eine Einzelperson (
), sondern eine Organisation â€șPâ€č, die des â€șMeisters vom Stuhlâ€č nĂ€mlich.« Obwohl die Untersuchungsergebnisse, wie Galli schrieb, bei den Terrorakten »klar in Richtung Geheimloge P2« wiesen, wurden sie unterdrĂŒckt, manipuliert, Linke vor Gericht gezerrt, Mitwisser beseitigt«.⁸

Im Ergebnis der Spannungsstrategie kam es zu einer von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr sich steigernden Zahl von Attentaten, die das ganze Land erfassten und oft auf Massenmord zielten. Von 150 AnschlÀgen 1969 stieg ihre Zahl auf fast 2.400 im Jahr 1978 an. In dieser Zeit kamen Hunderte von Menschen ums Leben, wurden Tausende verletzt. Zwischen 1969 und 1984 forderte der von den Neofaschisten entfesselte Terror allein in der »Roten Emilia« 140 Tote und ein vielfaches mehr an Verletzten. 85 Tote und mehr als 200 Verletzte gab es bei nur einem Attentat auf dem Hauptbahnhof in Bologna im August 1980.

Die Spannungsstrategie blieb und bleibt nicht auf Italien beschrÀnkt. Sie wurde schon 1967 bei der Installierung des faschistischen Regimes der Obristen in Griechenland praktiziert, danach in Chile beim Sturz des sozialistischen PrÀsidenten Salvador Allende durch den MilitÀrputsch Pinochets (»Centauro-Plan«).

Anmerkungen

1 Luciano Lanza: Bomben und Geheimnisse – Die Geschichte des Massakers auf der Piazza Fontana, Hamburg 1998, S. 9

2 Harald Irnberger: Die Terrormultis, Wien/MĂŒnchen 1976, S. 203

3 Gisela Wenzel: KlassenkÀmpfe und Repression in Italien. Am Beispiel Valpreda, Hamburg 1973, S. 30

4 Irnberger, a. a. O.

5 AuszĂŒge in L’Europeo, 27. Oktober 1978

6 Antonio e Gianni Cipriani: Sovranità limitata. Storia dell’eversione atlantica in Italia, Rom 1991, S. 201 f.

7 Giovanni Marie Bellu e Giuseppe D‘Avanzo: I Giorni di Gladio, Rom 1991, S. 155 ff.

8 Giorgio Galli: StaatsgeschĂ€fte, AffĂ€ren, Skandale, Verschwörungen. Das unterirdische Italien 1943–1990, Hamburg 1994, S. 216


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