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Vor 65 Jahren, am 18. August 1944, wurde Ernst Thälmann im KZ Buchenwald ermordet. Dies geschah, als die Niederlage Hitlerdeutschlands sich als unabwendbar und zeitlich absehbar abzeichnete, als die Spitzen von Finanzkapital, Nazipartei und SS an die Verwirklichung ihres Nachkriegskonzepts, ihrer sogenannten Überlebensstrategie gingen. Thälmanns Ermordung war der Auftakt einer regelrechten Kampagne zur Liquidierung führender KPD-Funktionäre: Ihr fielen in den folgenden Monaten Robert Uhrig, Erich Gentsch, Anton Saefkow, Franz Jacob, Bernhard Bästlein, Ernst Schneller, Gustl Sandtner, Mathias Thesen, Georg Schumann, Albert Kuntz, Theo Neubauer, Martin Schwantes, Hermann Danz und viele andere zum Opfer. Diese systematische antikommunistische Mordwelle war ein gezielter Enthauptungsschlag gegen die konsequentesten antikapitalistischen Kräfte - wie 1919 die Ermordung von Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Leo Jogiches, Eugen Levine und vieler anderer. Es ging 1944/45 wie 1919 um die Macht in Deutschland. Mord war und ist immer das letzte Wort, die Endkonsequenz des Antikommunismus.

Eine bedeutende antifaschistische Gedenkstätte soll vernichtet werden!

Es geht dabei um die Ernst-Thälmann-Gedenkstätte in Ziegenhals, die dem frühsten und entschlossenen Widerstand der deutschen Kommunistinnen und Kommunisten, eine Woche nach Hitlers Machtantritt, gewidmet ist. Viele Tausende von ihnen gaben im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben, darunter auch ihr Vorsitzender Ernst Thälmann, der zum Symbol des weltweiten antifaschistischen Kampfes wurde.

...ein Spitzenbeamter des Landes Brandenburg, tätig im Ministerium für Infrastruktur und Raumplanung. ersteigert sich billig ein Grundstück auf der eine denkmalgeschützte Gedenkstätte steht, tauscht die Schlösser zur Gedenkstätte aus, lässt alles verkommen und will schließlich die Gedenkstätte abreißen lassen. Als seine Pläne, die Gedenkstätte durch Sommervillen zu ersetzen, wegen bundesweiter und internationaler Proteste nicht zu realisieren sind, will er wieder verkaufen und das mit höchstmöglichen Profit. Doch scheinbar sind seine Preis-Vorstellungen zu hoch – die Verhandlungen enden ergebnislos. Anstatt die Aussichtslosigkeit seines Tuns einzusehen, versucht er nun die Einheit von Grundstück und Inventar zu trennen, um beides separat – mit noch höheren Gewinnaussichten – zu verhökern. Abgesehen davon, dass er zum Verkauf des Inventars nicht berechtigt ist, will er sich dadurch der letzten Hürde entledigen, die einem Abriss noch im Wege stehen. Die Gedenkstätte ist augenblicklich wieder akut bedroht!

Mehr Informationen zum Kampf um den Erhalt der Ernst-Thälmann-Gedenkstätte Ziegenhals finden sich in unserem Themendossier.

secarts.org Redaktion.


Das Vermächtnis Ernst Thälmanns ist reich und vielgestaltig. Ich möchte im Folgenden nur auf drei Aspekte eingehen: seine antikapitalistische Grundposition, seinen Kampf gegen die Gefahr des Faschismus und seine Auseinandersetzung mit Erscheinungen des "linken" Radikalismus.

Kapitalismus - "die schärfste nur denkbare Verantwortungslosigkeit"

Die Klassenauseinandersetzung mit dem Kapital war der Angelpunkt im Wirken der KPD und ihres Vorsitzenden. Wenn Thälmann das kapitalistische Gesellschaftssystem attackierte, dann ging er von seinen Erfahrungen als Arbeiter, Notstandsarbeiter und Arbeitsloser, als Gewerkschaftsfunktionär, Politiker, Parlamentarier auf Landes- und Reichsebene aus. Er verurteilte den Kapitalismus als ein System krasser sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit, einer geradezu wahnwitzigen Profitgier.

"Worin besteht das kapitalistische Wirtschaftssystem?" fragte er in einer Rede 1931 in Hamburg, und antwortete: "In der organisierten Ausbeutung und Unterdrückung der Massen, im Lohnraub und Gehaltsabbau, in Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich, in der Steigerung des Millionenheeres der Erwerbslosen, in der Vernichtung des armen Mittelstandes USW. Mit anderen Worten: in der größten Unwirtschaftlichkeit. Es gibt keinen größeren Anarchisten als das Finanzkapital, keinen größeren Verschwender als den Monopolkapitalismus. ... Ein Lahusen vom Nordwolle-Konzern macht mit 240 Millionen Mark Defizit bankrott. Den Großen, den Reichen gibt man Millionen, den Armen raubt man die Pfennige in Deutschland. 300 Millionen wurden zur Sanierung der Dresdner Bank, 43 Millionen für die Danatbank aufgebracht. Aufgebracht aus den Steuergroschen der Millionen Werktätigen. Das ist Korruption allergrößten Stils. Das ist ein Beispiel der niederträchtigsten Plünderung Millionen arbeitender Menschen."

Und auf die Phrase von der persönlichen Verantwortung der Wirtschaftsführer eingehend fragt Thälmann: "Wo gibt es im Kapitalismus persönliche Verantwortung? Wer verantwortet den Bankrott der Danatbank oder der Lahusen, den Bankrott des Nordwolle-Konzerns? Der Kapitalismus ist die schärfste nur denkbare Verantwortungslosigkeit."1

Thälmann spricht, als sei er unser Zeitgenosse. Ernst Thälmann ging davon aus, dass der Kampf gegen das hoch konzentrierte und gut organisierte Kapital nur erfolgreich zu führen war, wenn es gelang, dessen Politik der Spaltung der Arbeiterklasse und ihrer Isolierung von den Mittelschichten zu durchkreuzen und ihm eine breite Front antikapitalistischer Kräfte entgegenzustellen. Er lenkte das Augenmerk auf solche Berührungspunkte wie die monopolistische Preistreiberei, den Steuerdruck, den Mietwucher und die Zollpolitik. Davon ausgehend umriss er die Aufgabe, die Klein- und Mittelbauern, die werktätige Intelligenz, den Mittelstand und die Kleinrentner gegen die Politik der Großbourgeoisie zu mobilisieren und ein antiimperialistisches Bündnis der Arbeiterklasse mit den werktätigen Mittelschichten in Stadt und Land zu schließen.

Dieses Problem erlangte noch größere Bedeutung in den Jahren der Weltwirtschaftskrise und der rasch anwachsenden faschistischen Gefahr. Charakteristisch für Thälmanns Fragestellung war seine Berliner Rede am 11. Juni 1931: "Wir rufen das Volk! Wir wenden uns an die Massen der Arbeiter und Angestellten, an die Erwerbslosen, die Frauen und das Jungproletariat ... Wir wenden uns an die Beamten, denen jetzt der neue Raubzug der Bourgeoisie abermals die Gehälter kürzt ... die Intelligenz, die freien Berufe, die Techniker und Ingenieure, die Künstler und Musiker - sie alle werden durch die Krise ebenfalls in Armut und Elend gestürzt ... Wir rufen den städtischen Mittelstand, wir rufen die werktätigen Bauern: Her zu uns! Schließt die Volksfront mit uns, mit dem revolutionären Proletariat gegen die kapitalistischen Ausbeuter, Spekulanten, Schieber und Räuber!"2

Die faschistische Gefahr

Wichtige Beiträge leistete Ernst Thälmann zur Analyse und Bekämpfung der faschistischen Gefahr. Voraussetzung dafür waren seine klaren Vorstellungen von den Ursachen und gesellschaftlichen Wurzeln faschistischer Tendenzen und Entwicklungen, vom sozialen Wesen faschistischer Kräfte. Er sah sie vor allem in den Interessenlagen von Teilen des Großkapitals und des Junkertums. Er ließ sich nicht dadurch täuschen, dass die faschistischen Kräfte ihre Massenbasis weitgehend unter Kleinbürgern, Bauern, Angestellten und Beamten, Landarbeitern, Deklassierten aller Art, vereinzelt auch unter besonders zersplitterten, verelendeten und politisch rückständigen Gruppen des Proletariats fanden. Auch nicht dadurch, dass die Faschisten in heftigem Konkurrenzkampf mit den altetablierten bürgerlichen Parteien ihre Positionen auszubauen suchten. Thälmann erkannte sehr genau, dass von einer wirksamen Bekämpfung der faschistischen Gefahr, von einem ernsthaften Antifaschismus nicht die Rede sein kann, wenn man sie auf die vordergründige Auseinandersetzung mit faschistischen Demagogen und Terroristen einschränkt und nicht die großkapitalistischen und großagrarischen Förderer und Nutznießer der faschistischen Bestrebungen ins Visier nimmt.

Weit über seine Zeit hinaus bedeutsam sind Thälmanns Betrachtungen darüber, wie die deutschen Machteliten den Übergang von der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie zur faschistischen Diktatur vollzogen. Wie er nachweist, handelte es sich keineswegs um eine plötzliche, überraschende Ablösung der einen durch die andere Herrschaftsform - und schon gar nicht um eine "Machtergreifung", eine "Revolution" der Nazifaschisten -, sondern um einen allmählichen, schrittweisen, sich über Jahre erstreckenden Umwandlungsprozess. Er zeigt dessen Mechanismus, der vor allem in einem immer engeren Zusammenspiel zwischen den Präsidialkabinetten Brüning, Papen und Schleicher - als Hebel einer schrittweisen Faschisierung des bürgerlichen Staates (wobei dessen weitestgehend reaktionärer Machtapparat eine höchst aktive Rolle spielte) - und der Nazipartei besteht. Die Konstellation, dass dabei "die faschistische Massenpartei nicht nur außerhalb der Regierung, sondern zur Zeit direkt in einer gewissen Scheinopposition bleibt, ist", wie Thälmann im Februar 1931 schreibt, durchaus neuartig und entspricht ganz spezifischen Bedingungen, unter denen der Faschismus in Deutschland heranwächst"3.

Der Konservatismus erwies sich als eine Brücke zum Faschismus, die Grenzen zwischen ihnen waren fließend. Damals betrieben konservative Politiker und Parteien den Demokratieabbau und betätigten sich als Wegbereiter und Bundesgenossen Hitlers und seiner Nazipartei. Im ersten Kabinett Hitler saßen ganze drei Nazis, aber fast dreimal soviel preußische und bayrische Konservative. Alle bürgerlichen Parteien - die Vorläufer von CDU, CSU und FDP der Bundesrepublik - nahmen im Reichstag einstimmig das Ermächtigungsgesetz für Hitler an und legalisierten damit die faschistische Terrorherrschaft.

An diese Komplizenschaft des deutschen bürgerlichen Konservatismus mit dem Faschismus zu erinnern, ist durchaus aktuell. Um so mehr. als prominente Hitlerermächtiger von 1933, wie Theodor Heuß, Ernst Lemmer oder Fritz Schäffer, zu den Gründervätern der BRD und ihrer ersten Ministergeneration gehörten und die bundesdeutschen bürgerlichen Parteien diese ihre Geschichte bis heute nicht ehrlich aufarbeiten.

Klarheit und Konsequenz der KPD und ihres Vorsitzenden gegenüber der faschistischen Gefahr und ihren Trägern bestimmten den unbestechlichen Demokraten Carl von Ossietzky bei der Reichspräsidentenwahl 1932, den kommunistischen Kandidaten Thälmann zu unterstützen: "Linkspolitik heißt, die Kraft dort einsetzen, wo ein Mann der Linken im Kampf steht. Thälmann ist der einzige, alles andere ist mehr oder weniger nuancierte Reaktion."4

Diese Erkenntnis bewog nicht nur Arbeiter, linke Intellektuelle und christliche Sozialisten, sondern beispielsweise auch den Grafen und die Gräfin Moltke aus Kreisau - hervorragend in der Bewegung des 20. Juli 1944 -, ihre Stimme dem Kommunisten Thälmann als dem einzigen antifaschistischen Kandidaten zu geben. Größte Resonanz und Wirksamkeit erreichte der Kampf der KPD gegen die faschistische Gefahr mit der auf Initiative Ernst Thälmanns Ende Mai 1932 ausgelösten Antifaschistischen Aktion.

Mit großem Nachdruck wirkte Ernst Thälmann dafür, dass der Kampf gegen die faschistischen Kräfte und ihren Terror unter allen Umständen als Massenaktion geführt wird und dass keinesfalls "an die Stelle dieser zähen, unablässigen revolutionären Massenarbeit das Spiel mit dem Revolver oder der Handgranate" tritt.5

Im Dezember 1931 machte er in einem Artikel deutlich, um welche (keineswegs zeitgebundenen) drei Aspekte es dabei ging. "Der Mordterror der SA-Banden ist ja nicht zuletzt auch ein Mittel für die Hitlerpartei, die Massen der nationalsozialistischen Anhänger durch eine möglichst erhitzte Atmosphäre blutiger Auseinandersetzungen gegen die kommunistische Aufklärung unempfänglich zu machen. Darüber hinaus versucht die Hitlerpartei, indem sie die Auseinandersetzung mit dem revolutionären Proletariat auf das Gebiet der Schießereien und Messerstechereien zu drängen sucht, ihre eigene großkapitalistische Politik vor ihren Anhängern zu verschleiern und dabei zugleich einen Druck auf die Regierung in der Richtung des Verbotes der KPD auszuüben."6

Auseinandersetzung mit dem "linken" Radikalismus

Aber die Frage des individuellen Terrors, der Anwendung von Kampfmethoden, die der konkreten Klassenkampfsituation widersprechen, war nur ein Aspekt einer viel weiteren Problematik, der Thälmann stets große Aufmerksamkeit widmete: der Gefahr des Abgleitens in "linken" Radikalismus.

Immer wieder mahnte er eine konkrete Analyse der verschiedenen politischen Kräfte und eine darauf beruhende realistische Beurteilung des Kräfteverhältnisses an - als unumgängliche Voraussetzung für eine verantwortungsbewusste Festlegung von Aufgaben- und Zielstellungen. Auf dem Februarplenum des ZK der KPD 1932 wandte er sich gegen Stimmungen, sehr weit gehende Kampfaufgaben ins Auge zu fassen, ohne das dafür nicht ausreichende Niveau der Einheitsfront- und Bündnispolitik zu berücksichtigen. Auf dem Januarplenum 1931 warnte er nachdrücklich vor "Überspitzungen in der Aufgabenstellung", denn dies könne dazu führen, "dass wir auf die provokatorischen Pläne der Bourgeoisie und Sozialdemokraten hineinfallen und uns zu einem verfrühten Kampf provozieren lassen"7.

Demgegenüber betonte er z. B. auf der 3. Parteikonferenz im Oktober 1932: "Verbindung mit den Massen, darauf kommt es an! ... Die Verbindung der Partei mit den Massen, das ist das Grundproblem, das unsere Genossen sehen müssen."8

Dieser Anspruch wurde tagtäglich realisiert. Unter der Leitung Ernst Thälmanns hat sich die Mitgliederzahl der KPD verdreifacht, die Zahl ihrer Wähler mehr als verdoppelt. In Berlin war sie seit 1930 wählerstärkste Partei und erhielt bei der Reichstagswahl im November 1932 ein Drittel aller Stimmen. In der Zeit der von ihr initiierten Antifaschistischen Aktion 1932 erreichte sie ihren größten Masseneinfluss - bei der Wahl im November 1932 fast sechs Millionen Stimmen (16,9 Prozent). Bei dieser Wahl erzielte sie auf dem Gebiet der heutigen Bundesländer Berlin, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt sowie in Oberschlesien mehr Stimmen als die SPD, in den Industriegebieten 2,5 Millionen (gegenüber 1,7 Millionen für die SPD). Die Partei Thälmanns war in der Tat eine Partei der Massen: von ihnen akzeptiert und mit ihnen kämpfend.


Prof. Heinz Karl, Historiker, Berlin

Anmerkungen:
1 E. Thälmann: Zur Machtfrage. Reden, Artikel und Briefe 1920-1935, Berlin 1982, S. 316-318
2 ebd., S. 297/298
3 ebd., S. 288
4 Carl von Ossietzky: Schriften 11, Berlin/Weimar 1966, S. 41
5 E. Thälmann: Ausgewählte Reden und Schriften in zwei Bänden, Bd. 2, Frankfurt a.M. 1977, S. 119
6 ebd., S. 124
7 ebd., S. 64
8 ebd., S. 302