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Schon lange ist mir aufgefallen, dass über "Spiegel-TV"-Dokumentationen, teilweise abgedruckt in einem Heft, oder mediennah beigelegt als DVD, eine Geschichtsdarstellung gegeben wird, die von Einseitigkeit, Ignoranz, Lügen, Unterschlagungen und Verfälschungen geprägt ist, die Widerspruch erfordert.

Der "Spiegel" trachtet Journalistinnen und Journalisten in die "richtige" bürgerliche Spur zu verhelfen. Doch er will mehr, denn er wirft die Frage auf: "Was wissen unsere Schüler über deutsche Geschichte?" Und da will das Hamburger Magazin helfen und die Meinungsbildung beeinflussen. Das Magazin vom 6. Juli 2009 präsentiert neben einer DVD über "Wilhelm II. Der letzte deutsche Kaiser" im Heft eine dreiste Story. Der Titel: "90 Jahre Versailler Vertrag. Der verschenkte Frieden. Warum auf den Ersten Weltkrieg ein zweiter folgen musste."

Arno Wiedmann hat dankenswerterweise sofort, am gleichen Tag, am 6. Juli in der Frankfurter Rundschau das Ding durchleuchtet und erkannt: Hitler soll mit der Spiegelstory weißgewaschen werden. Wiedmann schreibt: "Es ist das nicht etwa neue Ergebnis historischer Forschung, sondern eben die historische Legende, die die alten Nazis in der jungen Bundesrepublik zu verbreiten pflegten." Und weiter: "Wenn durch den Versailler Vertrag auf den Ersten Weltkrieg ein Zweiter Weltkrieg folgen musste, dann ist, was dazwischen geschah, irrelevant. ... Man könnte sagen: Schuld am Zweiten haben die Alliierten des Ersten Weltkrieges. Es war nicht Hitlers Wille, diesen Krieg anzuzetteln, sondern sein Wille und der Erfolg des Willens waren das Resultat einer von den Alliierten geschaffenen Konstellation."

Wiedmann deckt auf: "Was als quasi naturgesetzliche Reaktion auf die erniedrigenden Bedingungen der Versailler Vertraäge verkauft werden soll, war in Wahrheit ein Rachefeldzug jener Täter, die sich als Opfer stilisierten, um noch einmal Täter sein zu können. Der Zweite Weltkrieg war weniger eine Reaktion auf Versailles als der Versuch, dem ´Griff nach der Weltmacht´, der beim ersten Mal so kläglich gescheitert war, beim zweiten Mal zum Erfolg zu führen."

Und schließlich sein Fazit: "Der Zweite Weltkrieg war keine zwangsläufige Folge des Versailler Vertrages 1919. Er war auch keine unumgängliche Konsequenz der Weltwirtschaftskrise 1929, ja er ´musste´ nicht einmal sein, weil die Nazis an der Macht waren. Der Zweite Weltkrieg war nicht blindes Resultat einander widersprechender Kräfte, sondern die freie Tat Adolf Hitlers, der gute Chancen sah, alte Pläne in die Tat umzusetzen." So ist das also, wenn der "Spiegel" Geschichte lehren will und das - sicherlich nicht zufällig - in einer Zeit der tiefen wirtschaftlichen Krise, die zu Verwerfungen führen kann. Da muss rechtzeitig in richtige bürgerliche und reaktionäre Bahnen gelenkt werden.

In diese Richtung ging auch ein anderes Ereignis der Geschichtsdarstellung, das allerdings die Spiegelstory glatt toppte. Da hatte sich der Brite Bernie Ecclestone, der starke Mann in der Autorennszene Formel 1, in der konservativen Zeitung "The Times" über die "Demokratien" und ihre Politiker mokiert. "Ich ziehe starke Führer vor." Ausgerechnet den Verbrecher Adolf Hitler würdigte Ecclestone, weil der "Dinge erledigen" und der "Autobahnen bauen" konnte und der "erst am Ende" (1938) "die Orientierung verloren" habe. Kein Wort der Kritik war bisher zu hören von den Autorennställen Ferrari, Daimler, BMW und anderen. Müssen wir vermuten, dass wiederum mächtige Industrielle - wie 1933 - faschistische Auffassungen und Meinungen zunächst insgeheim unterstützen und später finanziell fördern?

Es ist gut zu wissen, dass zumindest der Labour-Abgeordnete Denis McShane umgehend erklärte: "Wenn Herr Ecclestone ernsthaft glaubt, dass Hitler dazu überredet werden musste, sechs Millionen Juden zu ermorden, jedes europäische Land zu überfallen und London zu bombardieren, dann hat er entweder von Geschichte keine Ahnung oder überhaupt kein Urteilsvermögen."

In Deutschland sind Antifaschistinnen und Antifaschisten angesichts dieser Geschichtsverfälschungen emotional stark betroffen. Hier gibt es nur eine aufgrund der Geschichte erarbeitete Meinung: Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.