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Vor 50 Jahren versuchte eine reaktionäre Clique um den Dalai Lama in einem Putsch die vorrevolutionären Gesellschaftsverhältnisse in Tibet wiederherzustellen und Tibet von China abzutrennen. Der Putsch wurde abgewehrt, der jugendliche Dalai Lama floh in den Westen. Die Volksrepublik China hat nun zum 50. Jahrestag den 28. März in Tibet zum offiziellen »Feiertag der Befreiung von Leibeigenschaft und Sklaverei« erklärt.

In drei Palästen, eingerichtet für die drei Jahreszeiten, umgeben von blühenden Gärten mit Lotos-Teichen, lebt Siddharta, Sohn eines reichen grundbesitzenden Adligen aus dem alten Geschlecht der Sakjas, in Genuß und Wollust. In den ausgedehnten Parks des Anwesens kommt er mit dem Alltag der arbeitenden und leidenden Menschen nicht in Berührung. Doch erfaßt ihn die Neugier nach dem Draußen, und er läßt sich von seinem Diener zur Stadt fahren. Von vier Ausfahrten wird gleichnishaft berichtet. Bei der ersten begegnet ihm ein Greis, elend und an einem Stock sich dahinschleppend; bei der zweiten ein Kranker, bei der dritten ein Leichenzug, bei der vierten ein mit sich zufriedener Bettelmönch: Alter, Krankheit, Tod und Weltflucht. Vom Anblick des Leidens erschüttert, überzeugt ihn die Entsagung. Er verläßt Palast und Familie samt dem neugeborenen Sohn, nimmt Stab und Bettelschale und zieht als Wandermönch unter dem Namen Gothama in die Welt.

Das ist die vielfach erzählte und von den Erzählern ausgeschmückte Geschichte vom Gründungserlebnis einer Weltreligion. Unter dem Baum der Erkenntnis wird Siddharta die Einsicht in die Wahrheit vom siebenfachen Leiden und der siebenfachen Aufhebung des Leidens empfangen. Er wird zum Buddha, dem Erleuchteten.

Siddharta ist von Elend und Not betroffen. Er sieht, daß die Welt in Armut und Reichtum gespalten, schlecht und überwindungsbedürftig ist. Er wählt nicht den Einsatz für die Veränderung der üblen Wirklichkeit, sondern die Weltflucht. Immerhin: Er wählt die Seite der Armen, der Getretenen, er verzichtet auf Macht und Wohlleben. Die Lehre, die er verkündet, ist nicht eine Lehre für die Herrschenden, keine Rechtfertigung von Macht und Wohlstand. Sie ist auch kein Appell zum Aufstand der Geknechteten, aber ein Trost für die Leidenden. Sie kennt kein Jenseits der Verheißung der Seligkeit, ihr Glück ist die Aufhebung der Begierde, die Wunschlosigkeit als Preisgabe irdischen Strebens.

Der andere Palast

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der Potala-Palast
Szenenwechsel. Über den geduckten Häusern und Hütten von Lhasa ragt der Palast – in seiner Breite nicht auszumessen mit einem Blick – mit Fenstern wie Schießscharten sich abschirmend gegen die Außenwelt, eine Zwingburg, prächtig im Innern für den dort residierenden Fürsten. Ein Vielfaches der päpstlichen Herrschaftsburg in Avignon, doch trotz der klaren Luft der Ebene in 3 000 Meter Höhe ebenso düster wie diese am Ufer der Rhône: bis zu seiner Flucht 1959 der Sitz des Dalai Lama, des geistlichen Oberhaupts der tibetischen Buddhisten, heilige Stätte der lamaistischen Abzweigung vom Pfad der Erlösung.

Es ist wohl soziologisch unausweichlich, daß Religionen, wenn sie nicht im Sektendasein kleiner Gemeinden verkümmern wollen, sich eine Organisation schaffen müssen. Auch der Vatikan hat nichts gemein mit dem Stall von Bethlehem, und Jesus würde in den Päpsten wohl kaum seine Nachfolger und Stellvertreter erkennen. Paulus und nach ihm die Kirchenväter haben die Unausweichlichkeit der Umformung der Gemeinden von Gläubigen in eine hierarchische Kirche erkannt, in der die Gläubigen zu Untertanen im Reich Gottes werden. Zyprian, Ratzingers Favorit unter den Patristikern, hat das Programm dazu geschrieben und gleich den Bischof von Rom als das Haupt der Ökumene nominiert. Kaiser Konstantin hat das staatsrechtliche Fundament gelegt.

Der Aufstieg des Christentums ist eng mit der Spätgeschichte des römischen Reichs verknüpft. Aber der Buddhismus? Woher nimmt er den Anspruch auf hochfeudale Machtentfaltung und Herrschaftsgewalt? Gerade auch noch in Tibet, verschanzt hinter den Bergriesen des Himalaja, des Karakorum und Tienshan, fern von den Zentren der Großreiche Chinas und Indiens, kein Durchgangsland der Handelswege (die Seidenstraße verlief weiter nördlich). Eine herrschende Klasse, die sich einer neuen Religion bemächtigte, sie mit altem Schamanismus vermengte, um sich ihrer als Instrument zu bedienen, die Herrschaft zu festigen, auszudehnen, zu zentralisieren. Buddhas Reinkarnationen kehrten in den Palast zurück, den er verlassen hatte. Klöster machten die freien Armen zu armen Leibeigenen.

Vom Buddha zum Lama

Szenenwechsel. Über die verschneiten Bergpfade des Himalaja ziehen Mönche, kahlgeschoren, in gelbem Gewand. Ein kleiner Sack mit Habseligkeiten ist ihr Gepäck. Einige heilige Texte, die sie auswendig kennen, murmeln sie vor sich hin; gewiß ist die Predigt von Benares darunter, das buddhistische Gegenstück zur Bergpredigt: »Leben ist Leiden«. Viel später erst kommen Gelehrte, die die Schriften für den Kanon mit sich bringen, damit sie in die Sprachen Tibets und der Mongolei übersetzt werden können. Die ersten wollten Einfacheres: die Aufhebung des Leidens, die Tilgung des schlechten Karma von Gewalt, Habgier und Egoismus – eine Erlösungsverkündigung indischer Provenienz, wie wir sie vergleichbar in den christlichen Evangelien kennen; hier wie dort Liebe, entsinnlicht; nicht Eros, sondern Agape. So heißt es in den buddhistischen Schriften: »Wer nicht tötet, nicht töten läßt, nicht unterdrückt, nicht unterdrücken läßt, Liebe erzeigt allen Wesen, Feindschaft droht ihm von niemandem« (Itivuttaka 27). Und: »Töten ist das Böse, Stehlen ist das Böse, den Wünschen frönen ist das Böse, Lüge ist das Böse, Verleumdung ist das Böse, unfreundliche Rede ist das Böse, geschwätzige Rede ist das Böse, Gier ist das Böse, Wut ist das Böse, falsche Erkenntnis ist das Böse« (Majjhimanikayo, 9, 1).

• #4: Tibet wurde 1951 befreit!
#4: Tibet wurde 1951 befreit! (© by REDAKTION secarts.org)
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Von da bis zur Kirchenorganisation des Lamaismus führt ein weiter Weg. Die Zunahme der Macht der Lamas ist eine verwirrende und verworrene Geschichte zentralasiatischer Stammeskämpfe. So wie das Land, einschließlich der angrenzenden Mongolei, in zahlreiche feudale Kleinstaaten zerfallen war, bildeten sich lokale Sekten – die von Adligen gestifteten Klöster. Eine für frühfeudale Verhältnisse typische Gemeinschaft von Adelsherrschaft und geistlicher Lenkung bildete sich heraus, die buddhistischen Mönche, die meist aus den Adelsfamilien stammten, integrierten volkstümliche Elemente der auf Zauberei beruhenden Bon-Religion in den buddhistischen Ritus und veränderten so die ursprüngliche Lehre, um der Volksstimmung entgegenzukommen, die mehrheitlich der neuen Religion abweisend oder sogar feindlich gegenüberstand.

Die Verbindung zu der aristokratischen Herrenschicht stärkte zwar den Einfluß der Mönche, war aber weit davon entfernt, ihnen die politische Gewalt über das Land zu geben. Im Gegenteil. Die zahlreichen Sekten, die meist regionalen Charakter hatten und mit den lokalen Feudalherren verquickt waren, bekämpften einander. Die Klöster wurden Zentren der politischen Zersplitterung des Landes. Erst die Invasion der Mongolen, die auch China unterwarfen und dort die Yüan-Dynastie begründeten, stellte unter mongolischer Oberhoheit die Einheit Tibets her. Schon 1249 wurde von Godan, dem Enkel des Eroberers Dschingis Khan, namens des chinesischen Kaisers ein Lama der Sakya-Sekte zum Gouverneur von Tibet bestellt. Seitdem gab es eine formelle Lehensabhängigkeit von China. Kaiser der Yüan-Dynastie setzten die Regenten ein, von denen Jahrhunderte lang die meisten der Sakya-Sekte entstammten. Aber die anderen gaben sich damit nicht zufrieden. Es kam immer wieder zu gewaltsamen Auflehnungen, die Klöster stellten Privatarmeen auf, die sich gegenseitig bekämpften. »Dadurch, daß Godan den Sakya-Pandida zu seinem Vizeregenten machte, begründete er hier erstmals den weltlichen Supremat einer geistlichen Persönlichkeit. Aber indem er das tat, verlieh er dem Oberhaupt nur einer Sekte die Autorität, nicht dem Haupt einer eigenen Kirche« (Hugh E. Richardson, Tibet – Geschichte und Schicksal, Frankfurt/Main 1964, S. 50). Inzwischen hatte sich China unter den sinisierten Herrschern der mongolischen Dynastie vom zerfallenden Reich des Dschingis Khan wieder gelöst.

Um 1400 kam in Tibet eine neue Sekte auf, die Galupta (ähnlich wie die Kluniazenser in Europa), die durch eine Rückkehr zur strengen Reinheit der buddhistischen Lehre schnell Anhänger gewann. 1578 zog sich dann deren Lama Sonam Gyatin vor den Sektenkämpfen einige Zeit in die Mongolei zurück, bekehrte dort den führenden Fürsten, der den Titel Dalai Lama (»Der Ozeangleiche«) verlieh. Mit der Militärmacht der Mongolen wurde 1642 die Vorherrschaft der Galupta-Sekte und ihres Dalai Lama genannten Oberhaupts durchgesetzt. Zum Zeichen ihrer ausgeübten Macht wurde der Potala-Palast in Lhasa errichtet. Die Verweltlichung des Buddhismus hatte ihren Ausdruck gefunden.

Das Herrschaftssystem

Szenenwechsel. So gehörte Tibet seit dem 13. Jahrhundert gemäß feudalem Lehensrecht zum chinesischen Reich. Je nach Stärke der Zentralgewalt war es mehr oder weniger abhängig von der kaiserlichen Administration in Peking. Vor dem Zweiten Weltkrieg galt es, staatsrechtlich nach wie vor zu China gehörig, als »Einflußgebiet« des britischen Kolonialreichs. Nach dem Sieg der Kommunisten in China arrangierte sich der Dalai Lama 1951 zunächst mit der Volksrepublik, widersetzte sich dann aber dem Programm der Sozial- und Bildungsreformen und leitete mit westlicher Hilfe 1959 einen Aufstand ein, der jedoch scheiterte, so daß er am 17. März 1959 ins Exil flüchten mußte, wo er sich seitdem, finan­ziell von den USA reichlich alimentiert, als Haupt einer Exilregierung ausgibt – was er staatsrechtlich nie war, weil die Funktion des Dalai Lama eine rein religiöse ist. Allerdings verwischte das System der Theokratie die Grenzen zwischen weltlichen und religiösen Befugnissen.

Nach 1959 konnte die Volkrepublik die wirtschaftliche, soziale und bildungspolitische Arbeit intensiviert fortsetzen. Das ist der Hintergrund vor dem nun am 50. Jahrestag der 28. März zum »Feiertag der Befreiung von Leibeigenschaft und Sklaverei« erklärt wird. Die Erinnerung an die historischen Fakten liegt der bürgerlichen Antichinapresse so im Magen, daß sie ihre eigene Ideologie von Freiheit und Menschenrechten auf den Kopf stellen muß. So berichtet die Neue Zürcher Zeitung korrekt: »Tatsächlich hatte in der traditionellen tibetischen Gesellschaft die religiöse Elite auch die Macht inne. Den Klöstern gehörte der meiste Grund und Boden, weshalb 90 Prozent der Tibeter leibeigene Bauern waren. Diese waren häufig ungebildet und mußten ein teilweise sehr hartes, rechtloses Leben führen. Die Kommunisten kollektivierten das Land und verteilten es später unter den Bauernfamilien.« Dann aber fügt das Blatt unter der Überschrift »Befreite nicht wirklich glücklich« hinzu: »Doch viele der befreiten Tibeter wollten sich nicht wirklich befreien lassen« (17.1.2009).

Lassen wir die Frage beiseite, wer wann glücklich ist. Ich zweifle, ob ein NZZ-Korrespondent, der ein paar Jahre in Peking lebt, etwas vom Glücksgefühl eines leibeigenen Tibeters wissen oder empfinden kann. Wohl aber kann man – ob von Voltaire, Konfuzius oder von Vasubandhu belehrt – mit Gewißheit sagen, daß es das Wesen des Menschen ist, sich aus Vernunftgründen selbst zu bestimmen; das nennt man Freiheit. Und daß Leibeigenschaft das Gegenteil von Selbstbestimmung ist, braucht nicht bewiesen zu werden. Es gibt gute Gründe, die Aufhebung der Leibeigenschaft zu feiern; sie war ein Sieg des Menschenrechts, eine Einlösung der UN-Charta. Nostalgische Sehnsucht nach der Theokratie der Lama-Mönche ist nicht nur ahistorisch, sondern inhuman. Sklaverei war die ökonomische Voraussetzung früher Kulturen. Das kann nicht heißen, daß zur Erhaltung der Kultur auch die Sklaverei erhalten werden müßte. Das barbarische Justizsystem der Lamas mit Strafen wie Verstümmelung und Auspeitschen wird doch kein Vertreter der Menschenrechte verteidigen wollen.

Historischer Fortschritt vollzieht sich nicht kampflos. Eine Restauration wünschen nicht immer nur die Interessenten, sondern mit ihnen die ideologisch Verführten. 1792 ergriffen die Bauern der Vendée die Waffen gegen die Revolutionäre, um die Ausbeuter zu verteidigen, deren Opfer sie waren; das spricht nicht gegen die Revolution.

Die Befreiung

Die Theokratie der Lamas war keine religiöse Kultur, sondern ein ideologisch abgestütztes primitives Ausbeutungs- und Herrschaftssystem. Anders als im mittelalterlichen Klosterwesen verband sich mit der religiösen Schulung des tibetischen Mönchtums keine Fortentwicklung der Produktivkräfte. So fehlte auch der Impuls zu Volksbildung und Aufklärung. Die Lebenserwartung der Menschen war gering, es gab keinen Druck wachsender Bevölkerung, die Masse der Bauern und Hirten, die den Klöstern und adligen Landbesitzern mit Leib und Land gehörten, blieb die gleiche. Die Landreform, also die Enteignung des Großgrundbesitzes und die Landverteilung an die aus der Abhängigkeit befreiten Bauern, war der eigentliche Grund des Konflikts von 1959. Der Dalai Lama und sein klerikaler Anhang wollten ihren Besitz, der ja auch ihre gesellschaftliche Macht verbürgte, nicht preisgeben. Obwohl der Dalai Lama 1951 den Vertrag mit der Volksrepublik schloß und 1954 mit großem Gefolge ein ganzes Jahr in Peking weilte, konspirierte er gleichzeitig mit der CIA, um die Sezes­sion vorzubereiten. Der sogenannte Aufstand von 1959 war ein von den USA unterstützter Versuch, die alten Herrschafts- und Besitzverhältnisse zu erhalten. Die Flucht für den Fall des Mißlingens war schon Jahre vorbereitet worden; ein riesiges Vermögen an Geld und Kunstobjekten war bereits an der Grenze deponiert. Wenige Tage vor dem Aufruhr in Lhasa begab sich der Dalai Lama in das Kloster Lhüntse Dzong an der indischen Grenze. Er sah wohl die Vergeblichkeit einer gewaltsamen Sezession voraus und ließ seine Anhänger im Stich. Nicht nur die Macht Chinas war größer. Die Befreiung aus der Sklaverei mußte die große Masse ergreifen. Sie hatten jahrhundertelang die Zwangsherrschaft erlebt. An die »Spiritualität« des tibetischen Buddhismus glauben nur noch esoterische Phantasten des Westens, die das Heil in der Ferne suchen, deren harte Wirklichkeit sie nicht erleben müssen.

Was in Tibet an zivilisatorischer Aufbauarbeit von den Chinesen in den vergangenen 50 Jahren geleistet wurde, hat die Sinologin Nora Bartels in der jungen Welt vom 17./18. Mai 2008 eingehend berichtet. Ich erinnere nur daran, daß von 1959 bis 2005 die Lebenserwartung eines Tibeters von 35,5 auf 67 Jahre gestiegen, die Kindersterblichkeit von 42 auf drei Prozent gesunken ist. Eine der vom US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt und seinem britischen Amtskollegen Winston Churchill im August 1941 in der »Atlantic Charter« verkündeten Freiheiten ist die Freiheit von Not. Hier ist sie verwirklicht. Die Freiheit von Not für alle schließt die Abschaffung der Ausbeutung durch wenige ein. Die sogenannte tibetische Exilregierung ist die Repräsentanz der ehemaligen Ausbeuter. Redet der Dalai Lama von Freiheit, so meint er die Freiheit für die wenigen, die Massen auszubeuten. Dafür läßt er sich von der CIA aushalten (siehe jW-Thema vom 15.8.2008). Auch den hervorragenden Aufsatz von Anton Latzo in der Mai-Nummer des Roten Brandenburger sollte man zu Rate ziehen, wenn nun in der bürgerlichen Presse zum 50. »Jahrestag der Befreiung Tibets« die verleumderische China-Hetze wieder hohe Wogen schlagen wird.

Stoßrichtung: Volksrepublik China

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Innenhof des Jokham-Klosters
Im Jahrhundert des Kolonialismus wurde China zum Objekt imperialistischer Begehrlichkeit. Die westlichen Industrienationen suchten es vom Rande her einzudämmen. Ohne die formelle chinesische Oberhoheit zu bestreiten, gaben sie ihre Einflußzonen als »Protektorate« für ethnische Eigenständigkeit aus. Großbritannien beanspruchte die Kontrolle über Tibet, das zaristische Rußland über die äußere Mongolei. Die Mandschurei war umstritten, bis die Japaner mit Militärgewalt das Kaiserreich Mandschukuo errichteten und den letzten chinesischen Kaiser, der bei der Ausrufung der Republik entthront worden war, dort einsetzten – der übrigens 1949 in die Volksrepublik zurückkehrte und als Gärtner seinen Lebensabend beendete. In den Atlanten meiner Schulzeit waren diese Gebiete zum Zeichen einer Doppelhoheit in den Farben Chinas mit dem andersfarbigen Rand der angemaßten Protektoratsmächte eingezeichnet. Das war nie völkerrechtlich abgesegnet, sondern stets ein Ausdruck von Machtverhältnissen.

Im Grunde ging es nicht um die bettelarmen und mehrheitlich von nomadisierenden Stämmen bewohnten Randgebiete, sondern um einen Einkreisungsdruck auf das zentrale Großreich mit einem Markt, der langfristig Hunderte Millionen Konsumenten versprach. Es waren die Wirtschaftsinteressen der konkurrierenden Kapitale, die durch Druck von der äußeren Grenze her unterstützt werden sollten. Das war schon im Opiumkrieg (1840–42) so, dann wieder bei der gemeinsamen Aktion der Westmächte im »Boxeraufstand« (1900). Es galt, die Handelsstützpunkte zu sichern, ihnen Privilegien zu verschaffen, Abhängigkeiten zu zementieren. Der Neokolonialismus der heutigen Imperialisten verfährt nicht anders. Nur kommt hinzu, daß mit den modernen Fernwaffen der militärische Druck größer wird und durch die zentrale geographische Lage Tibets, ähnlich wie die Afghanistans, eine doppelte Einkreisrichtung nach Norden gegen das Erdölreservoir Mittel­asien und nach Osten gegen China angelegt ist. Rohstoffe, Entwicklungsmärkte und im Falle Chinas auch noch der zumindest auf Asien ausstrahlende Gegensatz der Gesellschaftssysteme sind die Antriebskraft.

Wie seit je werden kulturell-moralische Propagandaschimären in den Dienst der Expansion gestellt. Seit Dschingis Khan und Tamerlan – die ja keine Chinesen waren – geistert das Gespenst der »Gelben Gefahr« durch Europa.

Als die Unabhängigkeitsbewegung der sogenannten Boxer von den Kolonialmächten niedergeschlagen werden sollte, entwarf Kaiser Wilhelm II. persönlich ein Greuelplakat – wie wir es später wieder aus der antisowjetische Propaganda kennen – unter dem Titel »Völker Europas wahrt Eure heiligsten Güter!«. Dann wurde es brenzlig, und nicht anders als heute in Afghanistan hieß es »Germans to the front«.

Jetzt ist es die Spiritualität des tibetischen Buddhismus, die geschützt werden soll und für die der Dalai Lama Bürgerkriegspropaganda treibt. Seit Jahrzehnten im abendländischen Sektenwesen gezielt aufgebaute Heilsverkündigung aus dem »Licht des Ostens« wird mobilisiert, von ignoranten Schreibern eine verlogene Esoterik beschworen. Spiritualität! Im früheren Land der Lamas will der Westen gegen China die Menschenrechte erhalten. Das Menschenrecht auf schamlose Ausbeutung der Bauern und Hirten durch steinreiche Klöster und Großgrundbesitzer. Das Menschenrecht auf Analphabetismus, auf medizinische Unterversorgung und hohe Kindersterblichkeit. Die Schwärmer für die Wundertaten tibetischer Heilkunst müssen sich fragen lassen, warum die Gebetsmühlen der Lamas den Tibetern kein höheres Durchschnittsalter als 35 Jahre beschert hatten. Die Mönche natürlich wurden älter, sie hatten ja bessere Lebensbedingungen.

Für all das will uns der Dalai Lama einfangen, von den Spenden erleuchtungssüchtiger Sektierer und vom US-Außenministerium reichlich alimentiert. Gemeint ist die Destabilisierung Chinas. Auf den von der tibetischen Exiljunta verbreiteten Landkarten werden schon mehr als die Hälfte der Provinzen Sichuan und Quinhai für Tibet gefordert, weil in den Jahren nach der Befreiung Tibeter dorthin gezogen sind wie umgekehrt Chinesen nach Tibet.

Bevölkerungsbewegung in einem Land wird nun schnell zur »Heim-ins-Reich-Parole« umgedreht. Mit wenigen Ausnahmen folgt die Weltpresse, meist ohne das mindeste von den Sachverhalten zu wissen, den Propagandavorgaben aus der Küche Washingtons. »Tibeter im Modernisierungsstreß, aber voll spiritueller Stärke« schreibt die NZZ am 11. März 2009. Bei einem von der Lama-Gemeinde einen Tag zuvor in Bern organisierten Kundgebung sagte ein Mönch aus dem Gefolge des Dalai Lama der Richtlinie widersprechend zu dem Reporter. »Der Westen macht etwas sehr viel Propaganda gegen China.«

Die Propagandawelle rollt im Vorfeld des Befreiungstags, wie zu erwarten war; der Dalai Lama läßt sich von Papst und Bundeskanzlerin die Hand drücken. Er, der seit 50 Jahren nicht mehr in Tibet gewesen ist, erzählt der Presse, die Menschen dort zitterten vor Angst vor dem chinesischen Terror, die Jugend sei zum Aufstand bereit. Sozusagen zwischen den Zeilen dokumentiert dann die Zeitung verschämt: »Es liegt wohl auch an der Auswahl von Tibetern der ersten Generation, daß sich der Blick vor allem in die fernere Vergangenheit richtet. Bei den Nachkommen dürfte die Perspektive anders sein.«

Es geht nicht um Tibet, wenn der feudale Lamaismus zum Objekt der Freiheit, ein – auch buddhistisch gesehen – obskurantistischer Aberglaube, zur bewahrungswürdigen Kultur erhoben wird. Für den Kapitalismus geht es um die Eroberung des Marktes China, um die Eindämmung des Konkurrenten China. Dafür ist jede Fälschung recht, die man durch »Seine Heiligkeit« absegnen lassen kann. Die Geschichte lehrt anderes als die Gebetsgesten des Lamas.

Geschichte muß erinnert werden. Der historische Wandel bekundet sich in der Darstellung seines Werdens. Der Potala-Palast, einst Sitz und Machtsymbol des Dalai Lama, ist heute ein Museum. In der fast zweitausendjährigen bezeugten Geschichte Tibets ist die Zeit der Lamas nur eine beschränkte Spanne. Die letzte in einer Abfolge von Herrschaftsformen, die sich durch die Vertreter der Religion legitimieren lassen. Daß der Palast der Zwingherren zum Palast des Volkes wurde, ist das Symbol für den Anbruch eines neuen Zeitalters.


Prof. Hans Heinz Holz lehrte Philosophie in Marburg und Groningen/Niederlande. Er hat u.a. Sinologie studiert und zahlreiche Arbeiten zu den kulturgeschichtlichen Wurzeln des Maoismus veröffentlicht