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1. Die Sozialdemokratie verfügte über kein Konzept des bewaffneten Kampfes.

Jede Beurteilung der Ereignisse des 12. Februar 1934 muss eine zentrale Frage beantworten: Wie konnte es geschehen, dass eine derartige große und gut organisierte Arbeiterbewegung, die noch immer über beachtliche Machtpositionen, einschließlich einer starken Wehrorganisation verfügte, geschlagen werden konnte? Die Frage stellt sich mit besonderer Schärfe, da zur gleichen Zeit die französische Arbeiterbewegung einen faschistischen Putschversuch niederwarf.
Gewiss gab es eine Reihe objektiver Bedingungen, die sich ungünstig für die österreichische Arbeiterbewegung auswirkten: die internationale Lage nach der Machtergreifung der NSDAP in Deutschland und die Faschisierung des Staatsapparates, insbesondere der bewaffneten Kräfte. Aber zum einen kann auch die Faschisierung des Staatsapparates nicht unabhängig von der Politik der Arbeiterbewegung gesehen werden, zum anderen sind die Zeichen einer tiefen inneren Krise der Arbeiterbewegung in Zusammenhang mit den Februarkämpfen unübersehbar.1
Der bewaffnete Kampf war unorganisiert und konzeptlos. Große Teile des Schutzbundes waren gar nicht einbezogen. Die Schutzbündler, die zu den Waffen griffen, beschränkten sich im allgemeinen auf defensives Handeln. Es bestand weder eine effektive Kampfplanung noch eine wirksame Kampfleitung. In diesem Sinne war der Februarkampf gewiss eine „spontane" Erhebung; und er endet so wie spontane Erhebungen zu enden pflegen: mit dem Sieg der Staatsgewalt, die auf Grund ihrer Organisation' fähig ist, gegen jeden der verstreuten, unkoordinierten, voneinander isolierten Herde des Widerstandes ihre überragende Gewalt zusammenzuziehen.2
Der Einsatzplan des Schutzbundes, der so genannte Eifler-Plan, war von Theodor Körner scharf kritisiert worden, Die Kritik Körners bestand wohl weitestgehend zu recht; tatsächlich waren die Planungen Eiflers illusionär.3 Sie verwandelten den Schutzbund in eine reine Parteiarmee und den bewaffneten revolutionären Kampf in eine rein militärische Konfrontation, bei der die eine Armee -der Schutzbund - den anderen Streitkräften auf gleicher Ebene und mit gleichen Mitteln entgegentreten sollte. Ein abenteuerliches Konzept. Schon Engels hatte darauf hingewiesen, dass bei einer bloß militärischen Konfrontation im klassischen Stil die Armee das Übergewicht über die Aufständischen erhalten werde, wenn nicht ihre Überlegenheit durch andere Faktoren ausgeglichen würde.
Körner hatte diese Faktoren in seinen Schriften immer wieder angeführt. Er stand damit nicht allein, sondern konnte sich z.B. auf eindeutige Positionen Lenins und der qualifiziertesten Militärwissenschaftler der Arbeiterbewegung stützen.4

Diese Faktoren sind: 1) neue, vom klassischen Militär nicht beherrschbare Taktiken, die unter dem Überbegriff „Guerillakriegsführung" zusammengefaßt werden können; 2) die innere Zersetzung, ja Eroberung von zumindestens einigen wesentlichen Teilen der gegnerischen Streitkräfte; 3) die breiteste Einbeziehung der Volksmassen in den Kampf. Keine dieser Faktoren sind 1934 auch nur im mindesten ins Spiel gebracht worden.
Damit gelangen wir zum springenden Punkt. Es gab von Seiten der Sozialdemokratie keine ernstzunehmende Vorbereitung auf den Ernstfall. Soweit überhaupt solche Erwägungen gemacht wurden, wurde alles an den Schutzbund delegiert, der damit völlig überfordert und in eine ausweglose Lage gebracht wurde. Körner beschreibt diese Lage so: „Wenn ich nach so hochtrabend und begeisternd klingenden Redewendungen über den Kampf 'bis zum Äußersten' den betreffenden Genossen frage: Bitte also nunmehr ganz genau um Weisungen, was soll ich machen als Politiker da und dort, in der Fabrik oder im Betrieb da und dort, in einem Amt, bei der Verwaltung in Wien, in einer Landeshauptstadt, im Dorf - dann folgen meist verlegenes Gestammel oder proletarisch hochtrabend klingende Hoffnungen."5

2. Die Faschismusauffassung des Austromarxismus

Die Wurzel dieser erstaunlichen Selbstaufgabe ist in der Faschismusauffassung der österreichischen Sozialdemokratie zu suchen, die aus der gesamten Vorstellung des Austromarxismus von der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und damit letztlich auch der gesamten Gesellschaftskonzeption des Austromarxismus erwachsen ist.
Otto Bauer hat diese Faschismusauffassung am klarsten formuliert.6 Er schreibt: „Eine plebejische, rebellische von antikapitalistischen Stimmungen erfüllte Bewegung der ... Deklassierten aller Klassen hat im Gefolge der wirtschaftlichen und sozialen Erschütterungen der Nachkriegszeit verelendete, rebellierende, antikapitalistisch gestimmte Massen von Kleinbürgern und Bauern mitzureißen vermocht. Die Kapitalistenklasse hat sich dieser plebejischen rebellischen Bewegung bedient; aber sie dachte ursprünglich keineswegs daran, ihr die Macht zu überantworten."7
Und weiter: „Der faschistische Terror bedroht auch den Kapitalisten. Die faschistische Diktatur löst auch kapitalistische Organisationen auf oder stellt sie doch unter ihre Vormundschaft."8 Und über die Bourgeoisie: „Sie muss daher sich selbst der Diktatur der faschistischen Banden unterwerfen, ihre eigenen Parteien und Organisationen der faschistischen Gewalt preisgeben."9
Was bedeutet dies? Für den Austromarxismus ist also der Faschismus eine Bewegung von Klassen und Schichten, die bereits von der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung überholt sind (Kleinbürger, Bauern, Vertreter der Militärkaste, allenfalls noch Überreste des grundbesitzenden Adels). Der Faschismus wäre demnach der Einbruch vorkapitalistischer „barbarischer" Politikformen in die bürgerliche Gesellschaft. Von einem solchen Schema ausgehend, glaubten die Austromarxisten, die Kapitalistenklasse könne zur Einsicht gebracht werden, vom Faschismus ebenfalls bedroht zu werden. Man müsse den Kapitalisten den Kompromiss mit der Arbeiterbewegung nur nahebringen, um sie an der Entscheidung, sich dem faschistischen Ansturm zu fügen, zu hindern.10

Dies war die Wurzel der Politik des ständigen Zurückweichens, der ewigen Abwiegelei, des ängstlichen Vermeidens jedes Zusammenstoßes und auch des Verzichts auf die Vorbereitung zum bewaffneten Kampf. Die Waffen in den Händen der Arbeiterbewegung und die militärische Organisation des Schutzbundes sollten bloß als Druckmittel dienen, um die Bourgeoisie kompromißbereiter zu machen. An ihren ernsthaften Einsatz wurde gar nicht gedacht; daher gab es auch keine Planungen für den Ernstfall und die von Körner bemerkte Ratlosigkeit war Ausdruck nicht eines intellektuellen Unvermögens, sondern die Konsequenz der austromarxistischen Politik.

3. Der Februar '34 war die praktische Kritik des Austromarxismus

Nun sind solche Positionen im Austromarxismus nicht zufällig entstanden. Sie sind selbst nur Ausdruck einer tieferliegenden theoretischen Konzeption der mechanischen Gleichsetzung von ökonomischem und politischem Fortschritt. Nach dieser Vorstellung ist die Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie zwangsläufig auch eine Entwicklung zu mehr Demokratie und Liberalismus; Diktatur und Kulturlosigkeit sind Relikte vorkapitalistischer Verhältnisse; der Sozialismus kann erst nach der Überwindung dieser Relikte, erst nach dem vollständigen Sieg des Kapitalismus durchgesetzt werden.
Von einem solchen Standpunkt aus ergibt sich eine Interessengemeinschaft zwischen Arbeiterklasse und Kapitalisten, eine Interessengemeinschaft, die freilich auch eine langfristige Unterordnung der Arbeiterschaft unter das Kapital beinhaltet. Allenfalls kann es zu einem „Gleichgewicht der Klassenkräfte" und einem darauf beruhenden langfristigen Kompromiss zwischen beiden kommen. Genau diese Konstruktion des „Gleichgewichts der Klassenkräfte" als einer langfristigen Erscheinung, an deren Ende dann allmählich durch schrittweise Entwicklung der Sozialismus kommen werde, war eine der zentralen Vorstellungen des Austromarxismus.
Diese Vorstellungen waren zwar nicht nur in der österreichischen Sozialdemokratie heimisch; hier konnten sie sich aber aufgrund der besonderen historischen Situation besonders deutlich entfalten. Tatsächlich gab es in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie so etwas wie eine Interessengemeinschaft zwischen der deutschösterreichischen Sozialdemokratie und der deutschösterreichischen Bourgeoisie.11 Die deutschösterreichischen Arbeiter profitierten von der Vorherrschaft der Deutschsprechenden in der gesamten Monarchie; ihr Lebensstandard war höher und ihre Aufstiegschancen besser als die der Slawen etc. In der deutschsprachigen Sozialdemokratie waren chauvinistische Stimmungen verbreitet.

• 75 Jahre Februarkämpfe
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Tatsächlich gab es auch durchaus "Fälle der Zusammenarbeit zwischen deutschnationaler Bourgeoisie und deutschsprachiger Sozialdemokratie gegen die nationalen Bestrebungen slawischer Völker in der Monarchie.12 Eine solche Interessengemeinschaft -Privilegien für eine deutschsprechende Arbeiteraristokratie und die Vorherrschaft der deutschösterreichischen Bourgeoisie im ganzen Wirtschaftsraum der Monarchie - wirkte als prägender Faktor nach, auch wenn ihre objektiven Gründe längst verschwunden waren. So bewegten sich die Austromarxisten auch nach dem Zerfall der Monarchie in den durch ihre bisherige Geschichte geprägten Mustern. Was in der Monarchie Aufgabe der internationalistischen Verpflichtungen gegenüber den unterdrückten Nationen gewesen war, wandelte sich in der Ersten Republik zum selbstmörderischen Missverstehen der gesellschaftlichen Situation. Denn es waren nicht „rebellische Kleinbürger", die der Bourgeoisie die faschistische Option aufzwingen wollten; es war die Bourgeoisie selbst, oder doch zumindest ihre entscheidende Kerngruppe, die sich für die Faschisierung des Landes entschied. Dabei handelte es sich um solches Kapital, das entweder selbst schon im Faschismus tätig war (Italien) oder in sicherer Entfernung saß (Frankreich) und erst in zweiter Linie um österreichisches Kapital.

Die Wurzel der Katastrophe von 1934 lag also letztlich in der Kapitalismus- und Faschismusanalyse des Austromarxismus. Die grundlegende Unfähigkeit, den wirklichen Feind zu erkennen und die bestehende Lage zu analysieren, bedeutet im Grunde das Ende des Austromarxismus. Alle seine theoretischen Konzeptionen sind durch die Praxis des Austrofaschismus einer totalen Kritik unterzogen worden. Nicht jede politischideologische Strömung wird durch erlittene Niederlagen auch inhaltlich widerlegt; aber im Fall des Austromarxismus trifft dies tatsächlich zu. Im Austromarxismus gab es keinen Platz für das, was 1934 geschah, er erwies sich auch in der Folge als unfähig, die weitere Entwicklung zu verstehen (z.B. in der Frage der österreichischen Nation). Daher lag es weder am Zufall, noch an persönlicher Verräterei, dass der Austromarxismus nach 1945 nicht mehr zum Leben zu erwecken war. Freilich: an seine Stelle trat in der Sozialdemokratie kein besseres Verständnis des Marxismus, sondern Praktizismus und offene Anpassung an die bürgerliche Gesellschaft. Aber das steht auf einem anderen Blatt.


Anmerkungen:
1 Vgl.z.B. EmilioLussu, Theorie des Aufstands, Wien 1974, S. 138 - 150; Ilona Duczynska, Der demokratische Bolschewik, München 1975; Arnold Reisberg, Februar 1934; Olto Leichler, Glanz und Elend der Ersten Republik, Wien 1964.
2 Diese Erkenntnis ist in klassisch-präziser Form von Engels formuliert worden. Friedrich Engels, Die Bakunisten an der Arbeit. Denkschrift über den Aufstand in Spanien im Sommer 1873 (Marx/Engels, Ausgewählte Werke IV293-317).
3 Vgl. l. Duczynska, a.a.O.; Eric C. Kollmann, Theodor Körner - Militär und Politik, Wien 1973, S. 191 - 229.
4 Vgl. Emilio Lussu, a.a.O.; Vo Nguyen Giap, Volkskrieg. Volksarmee, München 1968; E. Doehler/E. Fischer, Revolutionäre Militärpolitik gegen faschistische Gefahr, Berlin 1982; und vor allem: Lenin, die Lehren des Moskauer Aufstandes (Ausgewählte Werke H/210 - 220); Lenin, Der Partisanenkrieg (ebenda, 220 - 232).
5 Duczynska, a.a.O.; S. 167/168.
6 Otto Bauer, Der Faschismus, in; Faschismus und Kapitalismus (Sammelband), Frankfurt 1967. Das Kapital ist ein Auszug aus „Zwischen zwei Weltkriegen", Bratislava 1936.
7 Ebenda.
8 Ebenda.
Ebenda.
10 Zur Unterscheidung: Es handelt sich natürlich hier nicht um die ursprünglich von Smowjew 1923 kreierte Sozialfaschismustheorie, nach der die Sozialdemokratie ein gemäßigter Flügel des Faschismus sein soll. Eine falsche Faschismusanalyse und eine darauf beruhende falsche Politik machen eine sozialdemokratische Partei nicht „faschistisch"; ebensowenig eine „sozialpartnerschaftliche" Politik.
11 Vgl. Hautmann/Kröpf, Die österreichische Arbeiterbewegung vom Vormärz bis 1945, Linz 1974, 5. 98- 104.
12 So bei den so genannten „Badeni-Krawallen" 1897. Unter dem Vorwand einer Verteidigung des Parlamentarismus brachten alle deutschösterreichischen Parteien unter Einschluß der Sozialdemokratie durch eine wilde Kampagne voller chauvinistischer Gewalttätigkeit eine Sprach Verordnung zu Fall, die eine teilweise Gleichberechtigung von Deutsch und Tschechisch in Böhmen und Mahren bewirken sollte. Erstveroffentlichung; AUFRISSE 1984/1.