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Die Februarkämpfe in Österreich zerstörten auch die Legende vom kämpferischen Charakter der Sozialdemokratie Österreichs. Sie haben die Ehre der österreichischen Arbeiter gerettet, aber den Zusammenbruch der reformistischen Illusionen über ein friedliches, schmerzloses Hineinwachsen des Kapitalismus in den Sozialismus gezeigt. Sie bewiesen den Arbeitern der ganzen Welt, welch gewaltiger Widerspruch zwischen ihrem Willen zur Verteidigung der Demokratie und zur Eroberung des Sozialismus und der Politik ihrer reformistischen Führer auch in den Ländern bestand, wo diese Führer ihre Politik durch radikale, revolutionäre Worte tarnten. Zwar versuchten und versuchen noch bis heute sozialdemokratische Ideologen, die Taten der Arbeiter der sozialdemokratischen Partei zuzuschreiben und deren Verdienste für die Partei in Anspruch zu nehmen.

• 75 Jahre Februarkämpfe
75 Jahre Februarkämpfe (© by KI Österreich)
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Aber die historische Forschung entlarvt immer mehr den lügenhaften Zweckcharakter solcher Behauptungen. Keine zehn Tage nach Beginn der Februarkämpfe schrieb der Verfasser dieser Arbeit in der Baseler "Rundschau", der Pressekorrespondenz der Kommunistischen Internationale: "Aus dem Blute der Opfer des österreichischen Februaraufstandes versucht bereits jetzt schon die II. Internationale politisches Kapital zu schlagen. Die SPÖ versucht den Anschein zu erwecken, als ob sie die Initiatorin und Führerin der heldenmütigen Kämpfe gewesen sei. Es soll eine Legende entstehen von der kühnen revolutionären Sozialdemokratie Österreichs, die das stark beschädigte Ansehen der II. Internationale heben soll. Die Schande der SPD, so lautet die Legende, sei durch die mutigen Kämpfe der SPÖ gesühnt worden."

Und in der Tat gibt es seit jener Zeit kaum einen sozialdemokratischen Historiker, der diese Legende nicht wiederholte. Nur selten findet sich eine Stimme wie die von N. Leser, der in seiner Gegnerschaft gegen Otto Bauer und aus seiner Stellungnahme für den offenen Reformismus von Karl Renner heraus einiges zugibt, wenn er schreibt: "Der 12. Februar ist auf keinen Fall ein Ruhmesblatt für die politische und militärische Führung der österreichischen Sozialdemokratie, sie ist keine Bestätigung, sondern ein Zusammenbruch der Politik Bauers und Deutschs. Wenn Bauer und Deutsch später die Ereignisse als Bestätigung der Größe und des Heroismus der österreichischen Arbeiterklasse deuteten und feierten, so waren sie durchaus im Recht, nur dass sie persönlich nichts anderes taten, als sich durch Ausrufung des Generalstreiks und nachträgliche Heroisierung hinter eine Bewegung zu stellen, die sie nicht geführt, sondern der sie infolge eines verzweifelten 'Disziplinbruches' von unten nur in letzter Minute ihren Lauf gelassen hatten."

Mit Recht schrieb Dimitroff nach seiner Befreiung aus Hitlers Kerker den österreichischen Arbeitern: "Das österreichische Proletariat hätte auch noch im Februar 1934 siegen können, wenn Ihr, sozialdemokratische Arbeiter, es abgelehnt hättet, der Politik der sozialdemokratischen Führer zu folgen…, wenn Ihr gemeinsam mit den Kommunisten die Organisierung und Führung des Kampfes rechtzeitig in die eigene Hand genommen hättet."


Aus: Arnold Reisberg, Februar 1934 - Hintergründe und Folgen, Wien 1974, S. 204-205