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Die Ereignisse in der CSSR in den Jahren 1967 bis 1969 erregen immer noch die Gemüter. Die Vorgänge werden kontrovers interpretiert, Legenden verbreitet oder "aufgewärmt". Verteidigen die einen die "Prager Reformer" nach wie vor als Vertreter eines "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" bzw. eines "Dritten Weges", so sprechen andere durchaus "Klartext" - wie schon vor etwa vierzig Jahren der damalige Chef der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Otto A. Friedrich. Er kommentierte damals: "Šik und die tschechoslowakischen Reformer hätten wissen müssen, dass das, was sie wollten, letztlich nur mit der Rückkehr zum Privateigentum zu erreichen war." Ota Šik selbst erklärte 1990 der "Mladá fronta": "Schauen Sie, wir konnten damals nicht alle unsere Absichten voll präsentieren. Gerade in meinen Erinnerungen beschreibe ich unsere Kulissenkämpfe um die Reform mit Antonín Novotny. Auch für manche Reformkommunisten war nur der Gedanke auf die Einführung des Privateigentums oder Gemeinschaftsbetriebe mit kapitalistischen Firmen eine Todsünde. Somit war auch der Dritte Weg ein Täuschungsmanöver. Schon damals war ich überzeugt, dass die einzige Lösung für uns der vollblütige kapitalistische Markt darstellt. Und heute, nach zwanzig Jahren des Lebens im Westen, bezweifle ich das nicht im geringsten." (Mladá fronta, 2.8.1990, S. 2)

In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" schrieb Karl-Peter Schwarz am 20. August 2008 jenen, die immer noch Illusionen über die Vorgänge in der CSSR zwischen 1967 und 1969 haben "ins Stammbuch": "Fast schon vergangene Geschichte ist schließlich die Kontroverse über die vermeintlichen Gemeinsamkeiten der Achtundsechziger im Osten und Westen. Zwar gibt es immer noch Leute, die meinen, deutsche und französische Linksradikale hätten die gleichen oder wenigstens ähnliche Ziele verfolgt wie die tschechoslowakischen Studenten und Intellektuellen. Doch die einen gingen auf die Straße, um den Sozialismus einzuführen, die anderen, um ihn abzuschaffen."

Der DDR-Diplomat Klaus Kukuk hat mit Büchern, Artikeln (mehrfach auch in der UZ) sowie Vorträgen viel zur Aufklärung der widersprüchlichen Ereignisse in der CSSR und der Ziele antisozialistischer Kräfte beigetragen. Im vorliegenden Band "Prag 68. Unbekannte Dokumente" hat er Dokumente vor allem aus den früheren Parteiarchiven der SED und der KPTsch zusammengefasst und auch - soweit erforderlich - übersetzt. Von jenen der KPTsch aus dieser Zeit ist bislang nur der Hilferuf der fünf Mitglieder der Parteiführung der KPTsch an Breshnew in deutscher Übersetzung erschienen.

Fast alle bi- und multilateralen Verhandlungen der mit der KPdSU und den Parteiführungen weiterer vier sozialistischer Länder liegen in den Archiven im Wortlaut als stenografische Mitschrift vor. Klaus Kukuk hat aus diesen Mitschriften wichtige Dokumente ausgewählt und den deutschen Lesern zugänglich gemacht. So Auszüge aus dem Treffen von Dresden im März 1968, der Verhandlungen von Cierna nad Tisou im Juli 1968 und der Moskauer Verhandlungen im August 1968. Das Protokoll der Diskussion im Präsidium des ZK der KPTsch über die Meinungsfindung zur Einladung der KPTsch nach Warschau gibt einen Einblick in die tatsächliche Argumentation verschiedener Vertreter der Parteiführung der KPTsch. Auch ausführliche Vermerke über bisher nicht bekannte Verhandlungen der Ersten Sekretäre der KPdSU, der BKP, der SED, der PVAP und der USAP am 18. August 1968 sowie vom 23. bis 26. August 1968 in Moskau parallel zu den Verhandlungen zwischen der KPdSU und der KPTsch legen offen, mit welcher Sorge für den Bestand des Sozialismus in der CSSR und Europa die Verbündeten die dortige Entwicklung sahen, wie sie um politische Lösungen rangen, versuchten, die Genossen der KPTsch zu überzeugen und wie sie zusammenwirkten. Trotzdem kann man aus heutiger Sicht sicher über einzelne Einschätzungen streiten.

Eine angekündigte Zeittafel zu ausgewählten internationalen Aktivitäten jener Zeit fehlt leider in dem mir vorliegenden Exemplar.

Hochinteressant und einer genaueren Betrachtung wert wären jene Auszüge, die zu einer Studie "Zivilisation am Scheideweg" gehören, die Gesellschaftswissenschaftler wie Radovan Richta und andere im Auftrag des ZK der KPTsch im Vorfeld des XIII. Parteitages 1966 erarbeitet hatten. Dazu fehlt hier leider der Platz. Nur kurz einige Anmerkungen: Es ging in dieser Studie damals unter anderem um die durch die wissenschaftlich-technische Revolution entstehenden Herausforderungen an die unterschiedlichen Gesellschaftssysteme. Auch für die sozialistische Gesellschaft in der CSSR entstandenen neuen Anforderungen (in der DDR wurde dies gleichfalls diskutiert). Notwendig wäre es gewesen, entsprechende Folgerungen für die Planung und Leitung der Volkswirtschaft, die Struktur und den Charakter der Arbeit, die Volksbildung usw. usf. nicht nur abzuleiten sondern auch umzusetzen.

Zum Auswahlband hat der Historiker Horst Schneider das Vorwort geschrieben. Er ordnet die im Band zusammengefassten Dokumente von 1968 in den historischen und politischen Zusammenhang ein und macht deutlich, dass die Frage gestellt werden muss, "wann die USA- und BRD-Archive ihre diesbezüglichen Bestände öffentlich machen". "Denn ohne die Aktionen der USA und der BRD, meist verdeckt und weltweit realisiert, sind manche Reaktionen der UdSSR und ihrer Verbündeten nur schwer verständlich. Insbesondere das gesteuerte Agieren imperialistischer Medien harrt der Untersuchung."



Klaus Kukuk: "Prag 68. Unbekannte Dokumente". Verlag Edition Ost 2008. 288 Seiten, 14,90 Euro