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LHASA/BEIJING/BERLIN (18.04.2008) - Die westliche Tibet-Kampagne stößt auf erste Widersprüche in Deutschland. Während die weltweiten Sabotageaktionen gegen den olympischen Fackellauf andauern, fürchten deutsche Unternehmen um ihr China-Geschäft; Milliardensummen stehen auf dem Spiel. Politikberater warnen vor dem endgültigen Verlust politischer Glaubwürdigkeit in Beijing, sollte die Bundesregierung weiterhin "unterschiedliche Standards (...) in verschiedenen Ländern" anwenden. Außerdem schwächt die Demütigung Chinas durch die anmaßende Kampagne der ehemaligen westlichen Kolonialmächte die prowestlichen Kräfte im Land, berichten übereinstimmend deutsche Korrespondenten. Demnach werden in der Volksrepublik inzwischen die deutschen Medien "als besonders manipulativ empfunden". Experten bestätigen den Propagandacharakter der deutschen Berichterstattung über Tibet. So konstatiert der Sinologe Dr. Ingo Nentwig, der über die chinesische Nationalitätenpolitik arbeitet, im Gespräch mit german-foreign-policy.com eine eklatante "Unverhältnismäßigkeit in der medialen Darstellung". Der westlichen Massenmobilisierung gegen China schließen sich jetzt auch Sportverbände und die evangelische Kirche an. Demnach sollen Sportler und protestantische Olympia-Touristen ihre Anwesenheit bei den Spielen nutzen und den Druck auf Beijing verstärken.

Wachstumsmarkt

Spitzenvertreter von Unternehmen und Wirtschaftsverbänden lancieren seit Tagen ihren Unmut über die westliche Tibet-Kampagne an die Medien. Die Bedeutung des China-Geschäfts für die Gewinne deutscher Firmen steigt ununterbrochen: Im vergangenen Jahr wuchsen allein die Ausfuhren in die Volksrepublik um 9,4 Prozent auf insgesamt 54 Milliarden Euro. Eine Kaufverweigerung chinesischer Konsumenten brächte ebenso schwere Einbußen wie der Verlust chinesischer Staatsaufträge. Auch Schwierigkeiten bei ihren China-Investitionen würden den deutschen Unternehmen schaden. "Einschränkungen der geschäftlichen Beziehungen würden die deutsche Wirtschaft (...) empfindlich in einem wichtigen Wachstumsmarkt treffen", erklärt der Vorsitzende des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, Jürgen Hambrecht.1 Hambrecht ist Vorstandsvorsitzender des Chemiekonzerns BASF, der in hohem Maße von den geringen Löhnen und den unternehmensfreundlichen Rahmenbedingungen in China profitiert: BASF hat dort Milliardensummen investiert, das Land ist inzwischen sein drittgrößter Absatzmarkt nach Deutschland und den USA.

Unglaubwürdig

Warnend äußern sich auch deutsche Politikberater. "China wird auf schroffe Forderungen anderer Regierungen nicht reagieren", heißt es in einer realistischen Lageeinschätzung aus dem Hamburger Institut für Asien-Studien. Man müsse sich "davor hüten, unterschiedliche Standards im Zusammenhang mit vergleichbaren Ereignissen in verschiedenen Ländern anzulegen", schreibt der Thinktank in unmittelbarer Anspielung auf die Tibet-Kampagne: Doppelmoral "macht jede noch so klare Haltung unglaubwürdig"2 und entzieht damit künftigen Gesprächen den Boden. Dies wiegt umso schwerer, als die Autoren eine deutliche Verschiebung des internationalen Machtgefüges konstatieren - politische und wirtschaftliche Druckmittel gegen China greifen nicht mehr wie zuvor. "Bei den Themen Nordkorea, dem iranischen Atomprogramm oder beim globalen Klimaschutz geht nichts mehr ohne Beijing"3, heißt es in Hamburg: "Wirtschaftliche Strafmaßnahmen träfen westliche Volkswirtschaften zudem wohl mehr als die chinesische."

Demütigungen

Wie Korrespondentenberichte aus Beijing bestätigen, sind die Befürchtungen von Wirtschaft und Politikberatern durchaus begründet. "Viele Chinesen innerhalb und außerhalb der Volksrepublik fühlen sich international gedemütigt", heißt es in einer führenden deutschen Tageszeitung über die Reaktionen auf die westliche Kampagne: "Auch solche chinesischen Bürger, die sonst viel Kritik an ihrer Regierung vorbringen, sind sich einig in der Zurückweisung westlicher Kritik".4 In China ist die Erinnerung an das Vorgehen der westlichen Kolonialmächte im 19. und 20. Jahrhundert noch lebendig - ihnen gelang es damals, China zu spalten und verschiedene Landesteile gegeneinander auszuspielen, mit blutigen Folgen für das gesamte Land. Die aktuellen westlichen Demütigungen rufen Erinnerungen an die damaligen Aggressionen wach, schwächen die Position prowestlicher Kräfte und bereiten möglichen Boykottmaßnahmen der chinesischen Seite den Boden. So berichtet etwa ein TV-Korrespondent aus China: "Die Mehrheit der Bevölkerung steht jetzt in trotziger Wut dem Ausland und vor allem den westlichen Medien gegenüber."5

Beleidigend

Dem Korrespondenten zufolge wird das "wochenlange Trommelfeuer der westlichen Medien" in China nicht nur allgemein "als beleidigend" wahrgenommen; "die deutschen Medien", deren Berichterstattung nicht zuletzt die wachsende chinesische Community in der Bundesrepublik aufmerksam registriert, werden "mittlerweile als besonders manipulativ empfunden".6 "Das muss man ernst nehmen", urteilt der Journalist, "weil ausländische Medien bislang eine relativ hohe Glaubwürdigkeit in China hatten. Das hat sich komplett gedreht."7

Unverhältnismäßig

Kritik trifft nicht nur den wertenden Charakter der Berichterstattung; auch sachliche Behauptungen sind nicht selten irreführend oder sogar falsch. So hält Dr. Ingo Nentwig, Sinologe und Ethnologe und Experte für die chinesische Nationalitätenpolitik, den oft gebrauchten Terminus "kultureller Völkermord" für die Entwicklung in Tibet für "völlig unangebracht". Auch dass Beijing Tibet "sinisieren" wolle, ist Nentwig zufolge "falsch". Nentwig stellt im Gespräch mit german-foreign-policy.com gängige Vorurteile über China und seine Nationalitätenpolitik richtig und übt scharfe Kritik an der Berichterstattung in Deutschland: "Die Verhältnismäßigkeit ist in der medialen Darstellung überhaupt nicht mehr gegeben." (Das vollständige Interview finden Sie hier.)

Massenmobilisierung

Ungeachtet aller Warnungen und trotz interessierter Kritik verschärft Berlin die Tibet-Kampagne. Jüngste Stellungnahmen deutscher Politiker fordern einen TV-Boykott zentraler Olympia-Feiern. Inzwischen starten sogar Sportverbände und die evangelische Kirche eine antichinesische Massenmobilisierung für die Spiele. Eine nicht näher charakterisierte Sportler-Initiative bereitet Armbänder vor, mit denen die Olympioniken im August gegen ihre Gastgeber protestieren sollen. Auch die evangelische Kirche verteilt Armbänder, die demselben Zweck dienen und für deutsche Olympia-Touristen in Beijing vorgesehen sind. Die Provokationen gegen China heizen systematisch nationalistische Spannungen auf und nehmen inzwischen den Charakter einer Massenbewegung an.


Verweise:Bitte lesen Sie auch unser Interview mit Dr. Ingo Nentwig.

Nähere Informationen zur deutschen Tibet-Politik finden Sie hier: Schwächungsstrategien (I), Schwächungsstrategien (II), Schwächungsstrategien (III), Schwächungsstrategien (IV), Der Olympia-Hebel, Die Fackellauf-Kampagne und Operationen gegen China.

Anmerkungen:
1 Wirtschaft besorgt über kritische China-Debatte; Handelsblatt 14.04.2008
2, 3 "Der Dissens unter den Exiltibetern wächst". Interview mit China-Experten: Unruhen unterminieren pazifistisches Credo des Dalai Lama - Beijing fürchtet Vision eines Großtibet; GIGA News 20.03.2008
4 Kämpft für die Abspaltung Korsikas! Frankfurter Allgemeine Zeitung 16.04.2008
5, 6 "Deutsche Medien werden in China zur Hauptzielscheibe"; tagesschau.de 17.04.2008
7 s. dazu Operationen gegen China



 


 
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 j Kommentar zum Artikel von jürg:
Donnerstag, 01.05.2008 - 09:55

In der Mai-Ausgabe von Konkret findet sich ein informativer und aktueller Artikel von Colin Goldner über die wahren Absichten des tibetischen «Freiheitskampfes». Insbesondere wird dort die aufhetzende Rede des Herrn Gyatso vom 11. März gewürdigt.

Und zum China-Geschäft schreibt Herausgeber Hermann L. Gremliza in derselben Ausgabe in seinem Leitartikel: «Irgendwann könnte die chinesische Regierung den Preis nennen, den sie Störern ihres mit vierzig und mehr Milliarden veranschlagten olympischen Geschäfts in Rechnung stellen wird. China, der grösste Gäubiger der USA, verfügt über Devisenreserven von 1,4 Billionen Dollar. Daraus lässt sich – für oder gegen den Schuldner, und das heisst: gegen oder für Euro-Deutschland – was machen. Wonach unsere Propheten der freien Weltwirtschaft wohl rufen werden, wenn da jemand diesen Spiess umkehrt und in ihren Speckbauch stösst.»