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Von Ivan

Die Tage wurden kürzer, feuchter, unangenehmer, es waren dies die untrüglichen Zeichen des heraufziehenden Winters; des Novembers... Und in den Kindergärten, Schulen und Kirchengemeinden wird, wie jedes Jahr, ein Mann gefeiert: St. Martin - vielleicht ist er nur eine Legende. Aber ob es ihn jemals gab, ist unerheblich. Alle Kindergenerationen lernen ihn zu verehren, so wie er einem armen, frierenden Bettler von hohem Ross aus ein Teil seines Mantels abgibt. Der alljährliche Auftakt zur Weihnachtszeit lässt die Kleinsten mit selbstgebastelten oder gekauften Laternen durch die Straßen ziehen und dieselben blöden Lieder trällern.

Denn: gäbe es den Bettler nicht, könnte der „Edelmann“ sich keiner Heldentat rühmen. Und überhaupt, es wird als großzügig gefeiert, dass jemand entscheiden kann, einem Frierenden heute etwas abzugeben und morgen wieder nicht! Denn der Bettler wird wieder frieren, fehlt es ihm nicht auch an Brot, an warmen Getränken und an einer Bleibe?

Nein, St. Martin zieht weiter in sein Schloss und lässt den Bettler hungernd zurück, und wird gefeiert.
Aber wofür? Für das Privileg der Reichen, entscheiden zu können, wann, zu welcher Zeit sie einen geringen Teil des Reichtums an jene zurückzugeben können, den sie ihnen zuvor genommen oder - je nach dem - vorenthalten haben.

Andersherum können die Armen jedoch nicht entscheiden, wann sie etwas einfordern. Wie hätte der „Edelmann“ reagiert, wenn der Bettler ein Zimmer im Schloss oder gar das Schwert eingefordert hätte?

Ja, christlich sollen wir sein, mildtätig....
Siehe die Spenden nach Afrika; wer hat sie nicht vor Augen, die Bilder, in denen traurige, dankbare Kinder um Strohhütten herumtanzen und sich über die Gabe freuen? Aber was für ein Geschrei zieht herauf, wenn die Bauern ihr Land einfordern, das ihnen seit der Kolonialisierung weggenommen wurde. Eben auf diesem Land bestellen sie doch das Brot für die Welt.

Spendenaufrufe quälen einen durch die ganze Weihnachtszeit- Doch wie sieht es bei uns aus? Was heute an tariflich festgelegtem Weihnachtsgeld der Kollegen übrigbleibt, erinnert immer mehr an den Fetzen Stoff, den ein “Edelmann“ von oben herabreicht, um sich anschließend in einem biederen Dankeschön zu laben. An Geschenke für die Kleinen ist kaum noch zu denken. Die Stromrechnung ruft viel schneller als der rotgekleidete Mann in der Fußgängerzone mit dem 1-Euro-Job und dem weißen Bart.

Wie sein Gesicht wohl unter der Wollmasse aussieht?

 
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