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Von secarts

Die Brigade Nummer 2 der Ortschaft Nyiangra liegt am Stadtrand von Lhasa - mit dem Bus ist man innerhalb einer guten halben Stunde (und etlichen Zwischenstopps zwecks Ausrufen des Fahrtziels und Begeistern neuer Fahrgaeste ob des selbigen) dort. Die Stadt Lhasa, vor 30 Jahren noch deutlich kleiner, hat laengst einige Orte am ehemaligen Stadtrand verschluckt und eingemeindet; etwa am heutigen Stadtrand liegt Nyiangra und die dort beheimatete Kooperative, die Brigade Nummer 2.

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© by secarts Großbildansicht dsc03499.jpg (148.8 KB)
Brigade Nr. 2 in Nyiangra
Wir haben uns einfach auf der Karte willkuerlich ein Ziel gesucht, sind auf den Flecken Nyiangra gestossen und haben uns in den Bus gesetzt - dieser brachte uns bis fast ans Ziel, weiter gings mit einem Motorrad-Rikscha in Eigenbauweise. Wir hatten keine Ahnung, was uns im Ort erwarten wuerde, und auch uns erwartete dort niemand. Doch schon wenige Minuten nach Ankunft kamen wir ins Gespraech mit einem aelteren Einwohner, der uns ueber die Brigade und das taegliche Leben dort berichtete: besser sei das Leben geworden, der Lebensstandard sei deutlich hoeher als noch vor wenigen Jahren. Die wachsende Stadt Lhasa mache es den Bauern moeglich, Lagerhallen und Flaechen an staedtische Betriebe und Geschaefte zu verpachten, der Lebensunterhalt hinge also nicht mehr zwingend von der Landwirtschaft ab. Viele Einwohner Nyinagras haetten unterdessen auch Berufe in der Stadt; nur noch rund die Haelfte der Menschen hier wuerden rein von der Landwirtschaft leben. Die guten Lebensbedingungen sieht man in Nyiangra an der Qualitaet der Haeuser, an den vielen Neubauten, an den regen Bau- und Renovierungstaetigkeiten. Wie in Doerfern in ganz China besteht immer noch ein grosser Unterschied zwischen Stadt und Land, und Infrastruktur und Versorgung sind weit hinter staedtischen Standards zurueck - doch zwischen Nyiangra in der Autonomen Region Tibet und Doerfern beispielsweise in der suedchinesischen Provinz Guangzhi, oder im noerdlichen Shaanxi, die ich vor zwei Jahren besuchen konnte, sind auf Anhieb keinerlei Gefaelle in der Lebensqualitaet zu erkennen.

Unser Gespraechspartner lud uns spontan in sein Haus ein - er hatte beim Militaer gedient dann in einem Staatsbetrieb gearbeitet und sich spaeter hier im Ort zur Ruhe gesetzt und vor einem Jahr dieses Haus errichtet. Gemeinsam mit Frau und zwei aelteren Toechtern lebt der Angehoerige der Nationalen Minderheit der Tibeter hier; seine aelteste Tochter arbeitet als Beamtin und vefuegt ueber ein gutes Einkommen, und die Juengere studiert noch an der Universitaet fuer Nationale Minderheiten in Lhasa. Das Treffen und die freundliche Aufnahme in das Haus dieses Tibeters waren Zufall, aber dennoch sicher auch symptomatisch fuer Gastfreundschaft und Kontaktfreude der Menschen hier - nach geschaetzten zwei Litern Yakmilch-Tee, magenfuellenden chinesischen "Mantou" (Hefeteig-Broetchen) und drei Stunden Gespraech kannten wir die Lebensgeschichte des Mannes und seiner Familie: seit 1973 sei er Parteimitglied, und grosser Fan Mao Zedongs (dessen metallenes Abbild sein Jackenrevers schmueckte), der im Uebrigen unter der gesamten Landbevoelkerung in Tibet nach wie vor hoechst populaer sei aufgrund seines Einsatzes fuer die Aermsten, und seiner persoenlichen Bescheidenheit. Heute sei vieles komplizierter als damals, die Korruption unter den Beamten sei ein grosses Problem, doch im Allgemeinen stimme die Richtung; China haette nunmal, isoliert in der Welt und ohne sozialistische Verbuendete, gar keine andere Wahl, als Privatisierungen zuzulassen. Auch wenn die soziale Schere dadurch natuerlich immer groesser wuerde...

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© by secarts Großbildansicht dsc03495.jpg (143.7 KB)
die chinesische Fahne auf einem tibetischen Bauernhaus: kein seltener Anblick in Tibet.
Natuerlich blieb auch Zeit, die Frage der "Unabhaengigkeit" Tibets anzusprechen - unser Gespraechspartner hielt davon, verstaendlich nach den klaren Worten zuvor, ueberhaupt nichts, und nur sehr wenige, sehr isolierte Kraefte wuerden dies ernsthaft fordern. Dass der Dalai Lama derzeit in Deutschland weilt war ihm bekannt - dieser haette sich durch seinen unrealistischen Kurs, seine politischen Ansichten und seine unversoehnliche Feindschaft zu China selbst desavouriert., und meiner Anmerkung, dass sein Besuch in Deutschland sicher auch mit politischen Machtfragen um China verbunden sei, stimmte er zu - die Deutschen seien ja schon immer gut im Anfangen von Kriegen und Konflikten gewesen... "und auch gut im Verlieren von selbst angezettelten Kriegen", ergaenzte ich. Ja, obschon sie zeitweise grosse Erfolge verbucht haetten, doch an der Sowjetunion haetten sie sich schliesslich die Zaehne ausgebissen, so unser Gastgeber, ein Maowort zitierend: man solle sich nie mit Feinden anlegen, die staerker und fortschrittlicher seien...

Das Problem mit dem 14. Dalai Lama sei nicht, dass seine politischen Ansichten in Tibet populaer waeren, denn diese seien den Menschen entweder voellig unbekannt oder stiessen rundwegs auf Ablehnung; sein Status als "lebender Gott" verschaffe ihm jedoch unabhaengig von tatseachlichen Handlungen religioesen Rueckhalt, der nicht so einfach zu brechen sei. So pilgerten, trotz Verbot, immer wieder Tibeter nach Dharamsala, dem Exilsitz des Dalai Lamas, um so eine religioese Wallfahrt abzuhalten, ohne im Geringsten am dauerhaften Verlassen des Landes interessiert zu sein oder damit ein politisches Bekenntnis zum Dalai Lama ablegen zu wollen; dies sei einfach Teil der tiefverwurzelten Religion hierzulande und nicht so leicht zu aendern...

...mit einem Schmunzeln drehte unser freundlicher Gastgeber an einer Rosenkranzkette: eigentlich sei es ja unter Parteimitgliedern nicht gern gesehen, religioesen Braeuchen zu folgen; aber auch ihn - seine Frau lacht und schuettelt den Kopf - haetten im Alter manche Gewohnheiten seiner Jugend wieder eingeholt... Selbst der grosse Lenin haette ja bis zu seinem Tode jedes Jahr auf einem echten Weihnachtsbaum zum Weihnachtsfest bestanden. Mao-Button und Gebetskette: kein Widerspruch, im laendlichen Tibet.

10.09. bis 19.10.2007: eine Reise durch die VR China
Vom 10. September bis zum 19. Oktober bereise ich die Volksrepublik China - und auch über die zweite große China-Reise werde ich (nach technischen Möglichkeiten), ähnlich wie vor zwei Jahren, auf secarts.org multimedial berichten: mit regelmäßigen Artikeln, Bildern und Impressionen aus diesem großen Land, vom Aufbauwerk seiner Menschen und dem Eintritt in eine - selbstbestimmte - Moderne für 1,4 Milliarden Menschen.
Ein besonderes Reiseziel innerhalb Chinas ist die Autonome Region Tibet, die mit der vor einem Jahr neu eröffneten Eisenbahn bereist werden wird: Dieses technische Wunderwerk, auf Permafrost und eine Höhe von ~ rund 4000 bis 5000 Höhenmetern erbaut, macht erstmals in der Geschichte Tibets einen regelmäßigen Austausch von Menschen, Industrie und Konsumgütern mit dem restlichen China möglich, und wird so die Modernisierung des dünn besiedelten und früher schwer erreichbaren Gebietes beschleunigen.
Durch die neuen technischen Möglichkeiten, Internet und digitale Medien, ist eine "Live"-Berichterstattung möglich geworden - und so hoffe ich, meine Freunde und Leser mit auf die Reise nehmen zu können!

Mit dem gastfreundlichen Tibeter und seiner Familie verabschieden wir uns auch von Tibet; wissend, viel zu kurz hier gewesen und viel zu wenig gesehen zu haben. Doch die Haelfte der Reise ist bereits vorbei, noch andere Ziele warten. Morgen wird es mit dem Flugzeug ueber Chongqing nach Changsha, die Hauptstadt Hunans, gehen. Von dort aus wollen wir nach Shaoshan, dem Geburtsort des Vorsitzenden Mao - auch von dort werde ich natuerlich berichten. Tibet schon jetzt zu verlassen ist zwar von Anfang an geplant gewesen, nichtsdestotrotz aber traurig: wir wurden ueberall freundlich aufgenommen, haben ein ganz anderes - und doch nicht untypisches - Gesicht des riesigen Landes gesehen, haben kontaktfreudige und gestfreundliche Menschen erlebt. Zum letzten Mal waren wir nicht hier, das steht fest. Und in wenigen Jahren wird die Tibet-Bahn noch viele weitere Bereiche des Landes erschlossen haben - das Dach der Welt bekommt statt bruechiger Treppe einen komfortablen Fahrstuhl. Reisen nach Tibet, das muss nichts Besonderes mehr sein. Unser tibetischer Gastgeber will im naechsten Jahr auch endlich die neue Eisenbahn ausprobieren; gemeinsam mit seiner Frau moechte er, jetzt als Rentner, China bereisen. Und wir werden, wenn wir zurueck in Tibet seien sollten, wieder in Nyiangra vorbeischauen, das haben wir fest versprochen.


Anmerkung: ich bediene mich sowohl auf der Karte als auch in den Artikeln der offiziellen chinesischen Pinyin-Umschrift, die vielfach von der hierzulande bekannten, allerdings überholten Umschrift abweicht. "Guangzhou" ist gleichbedeutend mit "Canton", "Beijing" mit "Peking" und so weiter. Wenn einmal ein Wort nicht verständlich ist, bitte gleich in den Kommentaren nachfragen!


 
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  Kommentar zum Artikel von secarts:
Samstag, 06.10.2007 - 08:41

Halloechen,

ich bins wieder, auch diesmal nur kurz: bin gerade wieder in Guangzhou angekommen und nach einer Reise mit diversen Verkehrsmitteln, diversen Klimazonen und zwei Naechten ohne wirklich Schlaf dementsprechend K.O....

Ich werde sicher morgen dazu kommen, ausfuehrlicher aus Shaoshan zu berichten. Und Bilder gibt's dann natuerlich auch!

Viele Gruesse,
euer secarts.


  Kommentar zum Artikel von secarts:
Mittwoch, 03.10.2007 - 09:25

haalo zusammen,

ich melde mich mal ganz kurz aus Chongqing, der groessten Stadt der Welt (so ca. 35 Millionen Einwohner) - sitze hier grad am Flughafen im Internetcafe und habe mich vom verlockenden Angebot "free internet" koedern lassen... "free" ist das Internet gegen Bestellung eines Getraenks, was ich fuer fair hielt - der schlichte Tee kostet allerdings 48 Yuan (~4,80 Euro) - dafuer bekommt man in China eigentlich schon ein merhgaengiges Essen fuer zwei Leute... naja! Wie dem auch sei, schoen, mich melden zu koennen!

Also denn - viele Gruesse aus Chongqing!
euer secarts