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Von secarts

Auf die ungebrochene Aktualitaet des buddistischen Glaubens in Tibet bin ich bereits eingegangen - die Religion gehoert hier immer noch fest zu Alltagsgestaltung und Alltagsbild... die Leidensmentalitaet, die freiwilligen Strapazen, die rueckwaertsgewandte Lebensgestaltung vieler Menschen hier wirken fremd, manchmal befremdlich. Zu den zumindest optisch schoeneren Seiten des Glaubens zaehlen sicherlich die praechtigen Klosteranlagen, die das Land ueberziehen...

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Gebetsmuehlen: unverzichtbares Instrument in tibetischen Kloestern
Ich habe unterdessen drei der wichtigsten Kloester der Gelupga-Sekte besichtigt: Yokham, Drepung, und heute Sera. Das im 15. Jahrhundert gegruendete Kloster liegt ausserhalb Lhasas, ist aber von dort problemlos mit dem Bus zu erreichen. Wie beinahe alle wichtigen Kloester hier beruft sich auch Sera auf den Gruender der Gelupga-Sekte, Tsongkapa - ein Schueler dieses Religionsfuehrers soll Sera gegruendet haben. Die "grosse Zeit", als von den tausenden monastischen Zwingburgen aus das ganze Land unter Kontrolle gehalten (und gnadenlos ausgepresst) wurde und die groesseren Anlagen (wie bespielsweise Drepung) ueber zehntausend Moenche beherbergten, ist seit 1950 unwiderbringlich vorbei. Die Kloester sind heute auf ihre eigentliche Bestimmung, als Zentrum des religioesen Lebens, reduziert. Damit einher geht natuerlich auch eine Reduzierung der Anzahl aktiver Moenche und Nonnen; zaehlte frueher ein gutes Zehntel der tibetischen Bevoelkerung zum buddhistischen Klerus, leben heute durchschnittlich einige hundert Moenche in den groessten Anlagen.

Diese Entwicklung hat verschiedene Facetten: mit Abschaffung der Leibeigenschaft zum Zeitpunkt der Befreiung 1950 buesste der Klerus einen Grossteil seiner Macht ein: war es bis dahin ueblich, kurzerhand Kleinkinder aus der Umgegend zu entfuehren (oder durch Erpressung der Bauern in die Kloester zu noetigen), um fuer steten Nachschub an Moenchen zu sorgen, gibt es heute Gesetze, die das Mindestalter fuer einen Eintritt in buddhistische Orden auf 18 Jahre festsetzen. Die Moenche stellten im alten Tibet saemtliche Beamten; von den Kloestern aus wurde das gesamte zivile und und militaerische gesellschaftliche Leben Tibets bestritten. Es gab keinerlei licht-religioesen Regierungs- oder Verwaltungsapparat; der Klerus hielt die Zuegel fest in der Hand, mit allen Folgen: zuvorderst die Leibeigenschaft, eine Analphabetenrate von ueber 95 Prozent, bittere Armut und Unwissenheit, vollstaendigen Mangel an medizinischer Versorgung. Die Demutshaltung der Bevoelkerung, die religioes verbraemte Schicksalsergebenheit und Unmuendigkeit waren der Reflex der Menschen hier auf die unumschraenkte Herrschaft der Buddhokraten.

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idyllisches Klosterleben? In manchem tibetischen Kloster gat man das Gefuehl, dass die Zeit stillstuende...
Nicht alle heissen das Ende dieser Art Gesellschaft gut: in den Kloestern hat sich traditionell der Widerstand der entmachteten Klassen Tibets gegen die chinesische Volksregierung konzentriert; der tibetische Klerus war (und ist, siehe Dalai Lama) tief gespalten ueber die Entwicklung nach 1950: neben der Fraktion der Vernunft, zu der der vor rund 10 Jahren verstorbene (und hier hoch verehrte) Panchen Erdini ("Panchen Lama") gehoerte, der als stellvertretender Vorsitzender des chinesischen Nationalkongresses konstruktiv an der Modernisierung seines Landes mitwirkte, hielten und halten andere Teile (insb. um die sog. "Exil-Regierung" in Indien organisiert) am Separatismus, an der Allmacht der Religion fest. Die streng organisierten Kloester sind immer wieder der Naehrboden solcher Tendenzen gewesen. Dies hat in der Vergangenheit zu einer staatlichen Beschraenkung der Anzahl der Moenche pro Kloster gefuert, und in manch sehr offen gefuehrtem Gespraech taten einzelne Moenche sehr lautstark ihre Ablehnung der Volksrepublik China kund. Andere hingegen akzeptieren die Trennung von Staat und Religion und sind zufrieden: mit dem hoeheren Lebensstandard ihrer Familien im Lande, mit dem gesetzlichen Schutz iher Art der Religionspraktizierung. Tief gespalten, hin- und hergerissen zwischen Festhalten an der Vergangenheit und Mitgestaltung der Moderne, das ist heute der Buddhismus in Tibet.

Die Zeichen der Zeit, die Moeglichkeiten des Tourismus erkannt haben die Religionsoberen und Klosterfuehrer allerdings allesamt: die Klosteranlagen sind zum eintraeglichen Geschaeft geworden, was Pilger, Laien, westliche und han-chinesische Touristen angeht. Saftige Eintrittspreise, die durchaus auf westlichem Niveau liegen, Devotionalienhandel, Spenden fuer alle tausende Erscheinungen des Buddhas, die in Gold und Elfenbein in den Kloestern stehen - auch tibetische Kloester sind, nicht anders als ihre westlich-christlichen Pendants, zu mittelstaendischen Betrieben mit, wie der Volkswirt sagen wuerde, guter und zukunftssicherer Prognose geworden. Fehlt nur noch der Ein-Wochen-Meditations-Urlaub fuer gestresste Manager oder die Moeglicheit, im Schnellkurs gegen klingende Muenze zum Boddhisatva gekuehrt zu werden...

10.09. bis 19.10.2007: eine Reise durch die VR China
Vom 10. September bis zum 19. Oktober bereise ich die Volksrepublik China - und auch über die zweite große China-Reise werde ich (nach technischen Möglichkeiten), ähnlich wie vor zwei Jahren, auf secarts.org multimedial berichten: mit regelmäßigen Artikeln, Bildern und Impressionen aus diesem großen Land, vom Aufbauwerk seiner Menschen und dem Eintritt in eine - selbstbestimmte - Moderne für 1,4 Milliarden Menschen.
Ein besonderes Reiseziel innerhalb Chinas ist die Autonome Region Tibet, die mit der vor einem Jahr neu eröffneten Eisenbahn bereist werden wird: Dieses technische Wunderwerk, auf Permafrost und eine Höhe von ~ rund 4000 bis 5000 Höhenmetern erbaut, macht erstmals in der Geschichte Tibets einen regelmäßigen Austausch von Menschen, Industrie und Konsumgütern mit dem restlichen China möglich, und wird so die Modernisierung des dünn besiedelten und früher schwer erreichbaren Gebietes beschleunigen.
Durch die neuen technischen Möglichkeiten, Internet und digitale Medien, ist eine "Live"-Berichterstattung möglich geworden - und so hoffe ich, meine Freunde und Leser mit auf die Reise nehmen zu können!

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Moenchs-Debatte: zum regelmaessigen Tagesablauf im Kloster gehoert ein Ritual des gegenseitigen Abfragens gelernter Glaubensinhalte.
In dieser Spannung aus Transzendenz und Kommerz schweben alle Anlagen, die ich besichtigt habe: rigide (und extrem teure - bis zu 150 Euro fuer Mitfuehren einer Videokamera) Preisregelungen neben meditierenden Moenchen; Versenkungssingsang neben Touristengruppen, die per Megaphon durch die Anlagen dirigiert werden; Touristen beim Fotoshooting neben der traditionellen Moenchsdebatte, bei der sich die Kleriker gegenseitig nach gelernten Glaubensinhalten abfragen... vor den Klostern haben sich die obligatorischen Troedelstaende, an denen Panchen-Erdini-Bilder, Plastikgebetsmuehlen oder elektronische Vorbeter mit blechernem "Om-Mani-Padme-Hum"-Geschepper erworben werden koennen, breit gemacht. Hinter den Mauern, in den Klosterzellen, scheint das Leben hingegen stellensweise still zu stehen: Mit Yakbutter gespeiste Lampen verbreiten Daemmerlicht und eigentuemlichen Geruch; tibetische Grossfamilien (mit der gehuntuechtigen Oma auf dem Ruecken!) klappern die Hallen ab, drehen Gebetstrommeln und lassen ein kleines Vermoegen in Form von 10-Fen-Scheinen (1 Euro-Cent) an zighunderten Buddha-, Boddhisatva und -Arhatfiguren... das religioese tibetische Universum ist so reich an Goettern, Heiligen und Seligen, das man sich auch mit Kleinstbetraegen um einen Monatsverdients bringen kann, wenn man brav jeder Figur opfert.

Buddhistische Kloester in Tibet, sie gehoeren nach wie vor zum gesellschaftlichen Leben dazu und sind alleine deswegen fuer Besucher der Provinz obligat. Der Widerspruch hier liegt wohl, nicht anders als bei uns, wenn auch unter anderen gesellschaftlichen Vorzeichen, im Alterskonflikt, oder, anders gesagt: im Wegsterben des religioes gepraegten Nachwuches. Noch scheint es genug junge Novizen zu geben, noch ist insbesondere ein nicht unbedeutender Teil der Landbevoelkerung fest im Griff religioeser Moralvorstellungen. Die tibetische Stadtjugend jedoch zieht es eher in Diskotheken; beliebter als meditativer Versenkungssingsang zum monotonen Gedrehe der Gebetsmuehle sind westliche Anziehsachen und Popmusik, die streckenweise in Abscheulichkeit der unsrigen in nichts nachsteht... times are a'changin, auch in Tibet.



Routenaenderung: Wie dies bei Individualreisen so ist, kommt es gelegentlich zu spontanen Aenderungen - so auch bei uns: aus finanziellen Gruenden ist die Mount-Everest-Tour gestrichen; statt dessen werden wir am 03.10. aus Lhasa zunaechst nach Chongqing fliegen. Von dort geht es weiter nach Changsha, Hauptstadt der Provinz Hunan: von dort aus wollen wir nach Shao-Shan, dem Geburtsort Mao Zedongs. Ihr bleibt auf dem Laufenden!

Anmerkung: ich bediene mich sowohl auf der Karte als auch in den Artikeln der offiziellen chinesischen Pinyin-Umschrift, die vielfach von der hierzulande bekannten, allerdings überholten Umschrift abweicht. "Guangzhou" ist gleichbedeutend mit "Canton", "Beijing" mit "Peking" und so weiter. Wenn einmal ein Wort nicht verständlich ist, bitte gleich in den Kommentaren nachfragen!


 
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  Kommentar zum Artikel von secarts:
Donnerstag, 29.11.2007 - 10:30

hallo, und danke für Kritik & Literaturtips!

Kurz zur Ergänzung: der (erblich-weltliche) Adelsstand, den du erwähnst, existierte zwar (und ist im Gegensatz zum Klerus unterdessen verschwunden...), hatte aber in diesem Sinne keine eigene Institution (von gewissen informellen Machtstrukturen in Lhasa selbst mal abgesehen), die bspw. mit den feudalen Hierarchien in Europa vergleichbar gewesen wäre: also z. B. einen Königsstand oder Lehnssitze oder dergleichen. Oder, anders ausgedrückt: Der Adel rückte in den Klerus ein und nahm dort Machtpositionen wahr - tatsächlich gab es (zumindest ab dem V. Dalai Lama, vorher sah es anders aus) keinen Staatsapparat, der durch Vermengung von Klerus und Adel wie hier vor einigen hundert Jahren funktionierte (aber auch immer Konflikte mit wechselnder Machtfülle produziert hätte, also eine Art Papsttum versus weltliche Kaiser/Könige), sondern ausschließlich den Klerus als Machtinstanz, der im eigentlichen Sinne den Staatsapparat, mit Exekutive in Form der Mönchspolizei u. ä. selbst darstellte (und sich durchaus aus weltlichem Adel rekrutierte, zumindest was die höheren Ränge betraf). Das hat historische Stabilität, aber auch extremen Machtmißbrauch produziert. Eben darauf wollte ich hinaus...

"Ein Beispiel: Es hat in Tibet einen gesellschaftlich und politisch relevanten weltlichen Adel gegeben, aus dem sicher der Klerus (der ja zumindest theoretisch zölibatär lebte und sich nicht reproduzierte) rekrutierte."
Das (theoretische) Zölibat stimmt nur, was den niederen Klerus betraf - die besondere Ausprägung des tantrischen Buddhismus hat gegenüber anderen buddhistischen Spielarten durchaus seine Eigenheiten... So eben tantrische Rituale, zu denen durchaus (ritualisierter, aber nicht tabuisierter) Geschlechtsverkehr zwischen (höheren) Mönchen und tantrischen Partnerinnen gehört. Es stimmt allerdings, dass sich der Klerus daraus kaum vermehren konnte - erblich in dem Sinne waren Posten nicht, und etwaiige Nachkommenschaft wurde nicht anerkannt. Das Problem wurde allerdings durch die Reinkarnationspraxis, verbunden mit Kindesentführung, gut "gelöst": es dürfte im Wesentlichen auf's Gleiche hinauskommen, ob der eigene Nachwuchs oder gekidnappte Knaben auf Postenkontinuität gedrillt wurden.

In dem Zusammenhang gibt es m. E. durchaus auch Literatur aus Deutschland, die lesenswert ist - "Hitler, Buddha, Krischa" von V. und V. Trimondi beispielsweise (Ueberreuter 2002). Der Schinken ist zwar mehr religionswissenschaftlich als historisch angelegt und (für Laien wie mich) streckenweise harte Kost, nichtsdestotrotz aber hochinteressant, was die "unbekannten Seiten" des tantrischen Buddhismus anbetrifft.


... eine schöne Seite hast du übrigens - hat mir großen Spaß gemacht, deine Fotos von Sera u. a. zu betrachten, wo ich vor zwei Monaten noch selbst rumlief...
Viele Grüße von Deutschland nach Beijing!
secarts


  Kommentar zum Artikel von Gregor K.: Webseite
Donnerstag, 29.11.2007 - 06:41

Du vertrittst einen Standpunkt, der in Deutschland sicher unkonventionell und gut gemeint ist, aber manches hier ist schlicht sachlich falsch.

Ein Beispiel: Es hat in Tibet einen gesellschaftlich und politisch relevanten weltlichen Adel gegeben, aus dem sicher der Klerus (der ja zumindest theoretisch zölibatär lebte und sich nicht reproduzierte) rekrutierte. Der Staatsapparat bestand aus Mönchen und aus weltlichen Beamten.

Eine sehr detaillierte Darstellung der Geschichte Tibets Anfang des 20. Jahrhunderts bietet Melvin Goldstein, ein US-amerikanischer Ethnologe: A History of Modern Tibet; Bd. 1: The Demise of the Lamaist State, 1913-1951 (1989); Bd. 2: The Calm before the Storm: 1951-1955 (2007). Nicht sehr China-freundlich, aber den Exilanten und westlichen Esoterikern werden bei der Lektüre auch die Ohren schlackern. Auf Deutsch gibt's leider gar nichts Brauchbares.

Eine Perle aus der Feder des XIV. Dalai Lama aus den 50er Jahren kann ich noch empfehlen: „Ode an Mao Zedong“. Das waren noch Zeiten ... Kann mir allerdings nicht vorstellen, dass im Westen Übersetzungen davon erschienen sind.

Gruß aus Beijing