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Von secarts

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© by secarts Großbildansicht dsc02840.jpg (139.2 KB)
Abendaufnahme einer grossen Moschee in Xining.
Nach einem Flug quer durch China bin ich heute in Xining, Hauptstadt der Provinz Qinghai, angekommen: Ein ziemlicher Wechsel in mehrererlei Hinsicht... zunaechst ist es hier deutlich kuehler: 1 bis 20 Grad sagt der Wetterbericht fuer den Tag an, und nach einem - dank ordentlich Sonnenschein - ertraeglich warmen Tag wird es nun (wir haben hier gerade halb 9 am Abend) doch empfindlich kaelter. Das ist, im Kontrast zur subtropischen Hitze Guangzhous, ein heftiger Wechsel: dazu kommt eine mehr staubige als nur trockene Luft, die ebenfalls das genaue Gegenteil zur Waschkueche Suedchinas ist. Irgendwie ganz nett, nicht nach fuenf Minuten Bewegung komplett durchgeschwitzt zu sein. Wie ich es sonst vertrage, muss ich erstmal abwarten. Wir befinden uns in Xining schon auf ueber 2000 Hoehenmetern; davon merke ich allerdings nichts. Das laesst hoffen, dass auch die naechste Etappe naemlich Lhasa mit 3600 Metern ueber Normal-Null, halb so schlimm wird... Doch wie dem auch sei: noch und fuer drei Tage bin ich erstmal hier.

Xining ist, neben dem klimatischen Umschwung, noch in anderer Hinsicht eine wahre Ueberraschung: alles wirkt hier wie irgendwo im arabischen Orient, aber keineswegs wie in China. Die Stadt ist durch muslimische Mehrheitsbevoelkerung dominiert, die ethnische Minderheit der Hui, vor ueber 1000 Jahren nach China eingewandert und (bis auf die Religion) voellig assimiliert , dominiert das Stadtbild: Maenner im Fez, mit dem typischen Kaeppi, Basare, Maerkte und Moscheen bestimmen den Flair der Stadt. Daneben gibt es auch noch Han-Chinesen, und jede Menge Tibeter: Lamas in gelben und roten Kutten, Frauen in traditionellen Trachten, und Laeden und Restaurants, die alles fuer den tibetischen Geschmack bereithalten: Lamm- und Yakfleisch, Gebetstrommeln, Panchen-Lama-Portraits. Xining ist ein Schmelztiegel der Kulturen, und alles scheint gut zu harmonieren: Lamas im Gespraech mit Moslems, (ueberwigend unverschleierte) Hui-Frauen in chinesischen Garkuechen, Schweinefleisch und Coca-Cola in muslimischen Restaurants, tibetische Moenche in gelben Kutten, die am Handy rumspielen und sich feixend gegenseitig fotographieren - unterschiedliche Kultur und Religion bedeutet nicht automatisch Konflikt. Xining beweist es.

10.09. bis 19.10.2007: eine Reise durch die VR China
Vom 10. September bis zum 19. Oktober bereise ich die Volksrepublik China - und auch über die zweite große China-Reise werde ich (nach technischen Möglichkeiten), ähnlich wie vor zwei Jahren, auf secarts.org multimedial berichten: mit regelmäßigen Artikeln, Bildern und Impressionen aus diesem großen Land, vom Aufbauwerk seiner Menschen und dem Eintritt in eine - selbstbestimmte - Moderne für 1,4 Milliarden Menschen.
Ein besonderes Reiseziel innerhalb Chinas ist die Autonome Region Tibet, die mit der vor einem Jahr neu eröffneten Eisenbahn bereist werden wird: Dieses technische Wunderwerk, auf Permafrost und eine Höhe von ~ rund 4000 bis 5000 Höhenmetern erbaut, macht erstmals in der Geschichte Tibets einen regelmäßigen Austausch von Menschen, Industrie und Konsumgütern mit dem restlichen China möglich, und wird so die Modernisierung des dünn besiedelten und früher schwer erreichbaren Gebietes beschleunigen.
Durch die neuen technischen Möglichkeiten, Internet und digitale Medien, ist eine "Live"-Berichterstattung möglich geworden - und so hoffe ich, meine Freunde und Leser mit auf die Reise nehmen zu können!

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© by secarts Großbildansicht dsc02841.jpg (159.8 KB)
Basar in Xining
Ohne hierzu jetzt fundierte voelkerkundliche Beweise vorlegen zu koennen, tippe ich auf den Einfluss der alten Seidenstrasse als Handels- und Kulturaustauschroute, der die unterschiedlichen Kulturkreise nicht nur in Kontakt, sondern in Verschmelzung brachte: viele Hui-Moslems, die sich - vom Moscheebesuch und der traditionellen weissen Haekelkappe abgesehen - kaum von den sekulaeren Han-Chinesen unterscheiden, habe ich vor zwei Jahren bereits in Xi'an erlebt. Hier bin ich nun in einer Stadt, die definitiv durch und durch orientalisch gepraegt ist: in den Seitenstrassen befinden sich die typischen Basarmeilen und Maerkte, auf den Buergersteige wird Tee getrunken und geplaudert, aus der Moschee ruft der Muezzin zum Abendgebet - waere die Schrift nicht chinesisch, koennte man sich ebenso gut in den Arabischen Emiraten oder in Jordanien waehnen. Mit dem klitzekleinen Unterschied vielleicht, dass niemand hier das Ansinnen hegt, mit menschlichen Bomben gegen vermeintliche religioese Feinde oder imperialistische Interessen vorzugehen. Beruhigend einerseits. Eine gute Widerlegung fuer die "clash of civilizations"-Theoretiker andererseits. Unter einer sekulaer ausgerichteten, keine Religion bevorzugenden Staatsmacht scheint das Zusammenleben der Religionen einfacher vonstatten zu gehen; und, mehr noch: die Fanatiker verlieren an Boden. Hier geht es locker zu, ob die Frauen Kopftuch tragen oder nicht, scheint dem Einzelnen ueberlassen - die uebergrosse Mehrheit jedenfalls laeuft barhaeuptig durch die Gegend.

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© by secarts Großbildansicht dsc02843.jpg (154.8 KB)
Bedarf fuer tibetische Lamas: Gebetstrommeln, Gelbkutten und Rosenkraenze.
Nach der internationalen Metropole Guangzhou, mit riesigen Hotels, Messen und Kongresszentren, bin ich hier wieder einer der wenigen Auslaender - nur ein Hippie, der vielleicht auf der Rueckreise von einem Selbstfindungstrip nach Indien auf Abwege geriet und in Xining gestrandet ist, lief mir bisher ueber den Weg. Dementsprechend gross ist wieder die Aufmerksamkeit, die ich hier auf mich ziehe: staunende, starrende Blicke, neugieriges Getuschel, bisweilen aufdringliches Gehabe: als ich mit meiner Digitalkamera eine Seitenstrasse fotographieren wollte, draengelte sich beispielsweise eine Gruppe tibetischer Lamas hinter mir, um gleich mir einen Blick durch den Sucher zu erhaschen... sehr gross war die Neugier, was der fremde Kerl dort wohl fotographieren wollte. Sich selbst ablichten lassen wollten die Lamas allerdings nicht - sehr bedauerlich. In ihrer interessant zusammengewuerfelten safrangelben Kutte, bestehend sowohl aus original tibetischen Bestandteilen als auch aus mir sehr bekannt vorkommenden Windjacken einer namhaften Trekkingbedarf-Firma, machten kahlgeschorenen Maenner einen spannenden Eindruck.

Xining ist spannend - Schade, dass ich nur wenige Tage hierbleiben werde. Am Mittwoch Abend geht es, mit der Tibet-Bahn, von hier aus ueber Golmud, weiter nach Lhasa. Von dort dann wieder mehr!

Viele Gruesse,
euer secarts.



Anmerkung: ich bediene mich sowohl auf der Karte als auch in den Artikeln der offiziellen chinesischen Pinyin-Umschrift, die vielfach von der hierzulande bekannten, allerdings überholten Umschrift abweicht. "Guangzhou" ist gleichbedeutend mit "Canton", "Beijing" mit "Peking" und so weiter. Wenn einmal ein Wort nicht verständlich ist, bitte gleich in den Kommentaren nachfragen!


 
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  Kommentar zum Artikel von 127712:
Dienstag, 18.09.2007 - 16:01

Wie spricht man diese ganzen chinesischen Wörter eigentlich korrekt aus? Lässt sich das irgendwie beschreiben?


  Kommentar zum Artikel von secarts:
Dienstag, 18.09.2007 - 14:01

Hi Nico,

besten Dank fuer deine Gruesse - die Welt ist ein Dorf geworden dank technischem Fortschritt!

Mir gehts nach wie vor gut, ich geniesse meinen letzten Tag hier, in Xining, morgen gehts nach Tibet!

Auch euch alles Gute, nette Donnerstag-Abende und ne schoene Zeit! Bis bald, so in fuenf Wochen!

Gruss,
secarts


  Kommentar zum Artikel von nico:
Montag, 17.09.2007 - 19:54

hallo secarts,
von mir hier über diesen wege, ein nettes hallöchen und viel spaß weiterhin in china.
super interressant, dein liveticker - läßt einen doch fast ein wenig neidvoll zu dir da rüber schauen.
also weiterhin - pass auf dich auf und im sinne dem morgenrot entgegen - einen kadenzialen gruß.