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Von secarts

Irgendwie gruselig: Am Sonntag will unsere Bundeskanzlerin nach China, und die chinesische Regierung weiss möglicherweise schon jetzt so gut wie alles über sie: die Kontakte in ihrer ICQ-Liste, den Inhalt ihres Papierkorbs, die Entwürfe für das nächste Weblog... und vielleicht haben die chinesischen Kommunisten auch Angies privates, digitales Tagebuch entdeckt, wo vielleicht folgendes drinsteht: "liebes Onlinetagebuch! Gerade habe ich 'Spiegel Online' gelesen und musste mich wieder so über die bösen Rotchinesen ärgern, denn die haben Gangster beauftragt, aus deutschen Straßen deutsche Gullideckel zu klauen. Dann fallen die deutschen Omis noch in die Löcher und brechen sich die Hüften, was wieder nur die chinesische Hüftimplantatindustrie ankurbeln würde! Es ist doch alles eine große Verschwörung gegen uns Deutsche! Viele Grüße, deine Angie"...

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die "gelbe Gefahr" kommt!
...all das könnte der chinesische Regierungschef brühwarm auf seinem Schreibtisch haben, bevor Merkel morgen in die Volksrepublik aufbricht - er könnte sie dann eventuell auslachen, weil unsere Kanzlerin auf ihrem Computer peinliche Katzenbilder sammelt oder wieder mal den Virenscanner nicht aktualisiert hat. Denn: die Regierung der VR China soll die Computer des Bundeskanzleramtes mit "Trojanern" infiziert haben, wie uns "Spiegel Online" heute morgen auftischt. Und beim Download des neuesten "Windows-Power-Programms", mit dessen Hilfe sich angeblich "tolle Desktopeffekte" herbeizaubern ließen, hat sich unsere gutwillige Kanzlerin den roten Trojaner, von gemeinen rotchinesischen Soldaten an der elektronischen Front als harmloses Tool aufgestellt, eingefangen.

Was wie eine besonders schlecht ausgedachte Meldung für's Sommerloch klingt, reimt sich der "Spiegel" mit Hilfe des Verfassungsschutzes so zusammen: "Der Versuch, weitere solcher Programme über das Internet in deutsche Regierungscomputer einzuschleusen, dauert allerdings unverändert an. Die Angriffe gehen nach vertraulicher Einschätzung des Verfassungsschutzes wohl auf Hacker der chinesischen Volksbefreiungsarmee zurück und wären demnach dem chinesischen Staat zuzuordnen." Und nicht nur Angies Laptop, sondern auch unser "deutscher Mittelstand" gehört natürlich zu den beliebtesten Zielen der chinesischen Volksbefreiungsarmee-Hacker: "Auch der deutsche Mittelstand ist verstärktes Ziel von Hackerangriffen. "In letzter Zeit haben wir verstärkt chinesische Hackerangriffe festgestellt", sagte der Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans Elmar Remberg, im Februar in einem Zeitungsinterview."

Es gehört heutzutage geradezu zum guten Ton, mal von der VR China, der Kommunistischen Partei dieses Landes oder auch von ihrer Armee gehackt worden zu sein - insbesondere dann, wenn man als deutscher Mittelständler sonst nicht viel zu lachen hat und irgendeinen Schuldigen für die drohende Pleite braucht, ohne über die politökonomische Schulung zu verfügen, die einem die historische Überlebtheit des eigenen Geschäftskonzeptes verständlich machen würde. Denn um in Deutschland Schiffbruch zu erleiden, müsste es China nichtmal geben - die Existenz Chinas macht es aber deutlich einfacher, denn ein Sündenbock, der für alle mögliche Unbill herhalten kann, ist eine sehr praktische Sache. Vor einem halben Jahr beispielsweise enthüllte selbst die trotzkistische Webseite "marxists.org", dass die chinesische Regierung massenhaft sog. "DoS"-Attacken, also gezielte Überflutung des Servers mit Anfragen zwecks Herbeiführung eines Systemzusammenbruchs, gegen sie unternommen hätte. Ihre Beweise: eine Liste von zehn IP-Adressen, die unter anderem zur chinesischen staatlichen (!) Eisenbahngesellschaft führen. Der digitale Eispickel, sozusagen.

Nun ist's mit den IPs wie mit Visitenkarten, die man auf der Straße findet: sie könnten jedem gehören und sagen eigentlich so gut wie nichts über das Gesicht ihres Besitzers aus; insbesondere nicht bei gezielten Hacks. Denn: Wer dies kann und will, ist auch in der Lage, seine Adresse zu verschleiern. Über Botnetze zum Beispiel, also gekaperte Fremdrechner, die dann ferngesteuert Angriffe durchführen. Oder über Wegverschleierungstools, wie "Tor", das bei Betrieb einen hübschen Strauß von IP-Adressen verwendet, die mal in Südafrika, mal in Usbekistan und mal eben auch in der VR China beheimatet sind. Und darüber hinaus dürfte es sicherlich auch in der VR China - einem Land mit über 162 Millionen Internetnutzern - den ein oder anderen kriminellen Hacker geben - ohne dass dieser deswegen gleich von der Regierung seines Landes instruiert wird...

...denn diese Behauptung ist ungefähr genauso absurd, wie es folgende Behauptung ebenfalls wäre: weil bei der unsäglichen Hetzjagd auf die acht Inder in Mügeln möglicherweise Kräfte sogenannter "freier Kameradschaften" beteiligt waren, die ja bekanntermaßen wiederum eng mit der NPD zusammenarbeiten, müsste dieser Logik folgend also die deutsche Kanzlerin persönlich den Befehl für die Ausschreitungen gegeben haben, da die NPD eigentlich nur eine Art Filliale des Verfassungsschutzes ist, und dieser wiederum eine Bundesbehörde...

...Schwachsinn? Ja. Auch.

 
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  Kommentar zum Artikel von 127712:
Sonntag, 26.08.2007 - 12:49

Wie schön da indirekt durchschimmert, dass die deutsche Regierung offenbar einiges zu verstecken hat.