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UZ: Die NS-Geschichte der deutschen Diplomatie und Außenpolitik ist jetzt vorgelegt worden. Die von Josef Fischer in der Zeit seines Ministeramtes in Auftrag gegebene und jetzt vorgelegte Dokumentation - hat sie euch überrascht?

Ulrich Sander: Durchaus. Die Studie eines Teams um Conze, Frei, Hayes und Zimmermann "Das Amt und die Vergangenheit" war ja so nicht mehr zu erwarten. Die erschütternden Fakten haben ja eine starke Beachtung gefunden. Das ist ein wichtiger Vorgang für unsere Gesellschaft. Es kann nun erkannt werden, welche Politiker aus CDU, CSU und FDP uns vierzig Jahre regiert haben; und wer da als Vereinigung von Mordgehilfen mitregierte, die Globke, Kiesinger, Oberländer, Achenbach, Filbinger, viele Generäle und Botschafter, Ministerialbeamte und Leute der Justiz.

UZ: Experten sagten: Das ist nicht neu. War es der antifaschistischen Geschichtsschreibung bekannt, was da nun ablief?

Ulrich Sander: Ja, es hat doch die "Braunbücher" der DDR gegeben und andere Veröffentlichungen von dort, die die Fakten, die jetzt hier überraschen, ausbreiteten. Das war natürlich alles Ostpropaganda. Die "Braunbücher" erschienen allerdings erstmals 1965. Aber die VVN hat bereits 1960 das "Weissbuch - In Sachen Demokratie" und 1962 die Dokumentation "Die unbewältigte Gegenwart" hier im Westen veröffentlicht. Darin war das meiste des jetzt vorliegenden Materials - wenn auch gekürzt - bereits vorhanden. Die Medien haben dazu geschwiegen, die Bundesregierung hat reagiert: Mit dem Versuch die VVN zum Schweigen zu bringen, ihre Zeitung "Die Tat" und die Organisation selbst zu verbieten. Das Verbot scheiterte, weil die VVN-BdA nachweisen konnte, dass die Richter im Verbotsprozess Nazis waren.

UZ: In manchen Fällen, die jetzt eingeräumt werden, hätte doch nicht nur die bundesdeutsche Geschichtsschreibung früher handeln müssen, sondern auch die Justiz.

Ulrich Sander: Sie hat ja gehandelt - gegen die Enthüller. Thomas Harlan, der Sohn von Veit Harlan, des Nazifilmers von "Jud Süß", zum Beispiel hat 2000 Kriegsverbrecher entlarvt. Er musste das Land verlassen. Er starb kürzlich, ohne rehabilitiert zu werden. Nazidiplomaten waren Schreibtischtäter, doch gegen sie ging die Justiz nicht vor. Jetzt wäre es eigentlich an der Zeit, dass sich die Regierung für ihre Vorgängerregierungen bei der VVN entschuldigt. Doch die Länder Bayern und Baden-Württemberg halten an der Bewertung der VVN als "verfassungsfeindlich" fest, eine Bewertung, die noch aus der Zeit des Ministers Dr. Gerhard Schröder, SA-Mann und Innen- wie auch Außenminister, stammt.

UZ: Hat die VVN-BdA nicht eigentlich resigniert, weil ja doch die früheren Veröffentlichungen zu nichts führten?

Ulrich Sander: Nein, das hat sie nicht. Sie ist am Thema drangeblieben, z. B. an den Kriegsverbrechern aus der Wehrmacht, besonders an den mutmaßlichen Tätern aus der Gebirgstruppe. 196 von ihnen haben wir angezeigt, einer wurde verurteilt. Wir sind auch an den Enthüllungen drangeblieben. Das "Weissbuch" wurde 2004 neu herausgebracht. Wir haben mit großem Interesse verfolgt, wie die einzelnen Branchen und wissenschaftlichen Disziplinen das aufarbeiteten, was wir schon früher sagten. Ich erinnere an die Geschichtskonferenzen der Ärzte, der Psychiater, der Justiz, an die Wehrmachtsausstellung, an die Historikerkonferenzen. Nur die Diplomaten hielten sich zurück - und damit ist nun Schluss -, und auch die Manager, die Männer der ökonomischen Eliten, die aber sind bis heute verschont worden. Dagegen setzen wir unsere Aktion in NRW "Verbrechen der Wirtschaft 1933-1945". Zahlreiche Täter wurden schon beim Namen genannt. Wir fordern, dass sie in der örtlichen Geschichtsschreibung benannt werden und dass die Stätten ihres Wirkens gekennzeichnet werden. So wie die Villa des Barons von Schröder am Stadtwaldgürtel in Köln, wo Hitler und die Wirtschaft im Januar 1933 die Regierungsbildung perfekt machten. Dort befindet sich eine Erinnerungstafel. So soll es überall sein. Zum Beispiel auch bei Bayer/IG Farben. Dort hat die VVN eine Tafel angebracht, sie musste allerdings dort wieder weg, sie steht nun auf Privatgelände: am Tor der Karl-Liebknecht-Schule in Leverkusen. Auf der Web-Site der VVN-BdA können weitere Aktionen zur Kenntnis genommen werden.

UZ: Wir berichteten in der UZ von den Bemühungen der VVN-BdA um Bekanntmachung des Falls Achenbach. Kurz darauf wurde das Buch "Das Amt" u. a. zu diesem Fall vorgelegt. Hat sich eure Aktion damit erledigt?

Ulrich Sander: Die Aktion geht erst richtig los. Wir verlangen, dass Ernst Achenbach aus Essen, der Mann, der das Geld der Wirtschaft sowohl für die Nazis wie für die FDP sammelte und an der Judenvernichtung als Diplomat in Paris mitwirkte, endlich in der Öffentlichkeit als Verbrecher wahrgenommen wird. Jahrzehntelang war er Politiker und er hat mitgeholfen, dass die Strafverfolgung der Nazis unterblieb. Als die Verjährung für Mord endlich aufgehoben wurde, hat Achenbach zusammen mit seinen Reichssicherheitshauptamtkumpanen Six und Best dafür gesorgt, dass Totschlag und Hilfestellung bei Mord durch NS-Täter unbestraft blieben. Die FDP hat ja nicht nur durch ihre Außenminister die Verbrecher gedeckt, sie hat auch in ihren eigenen Parteireihen nie aufgeräumt.

UZ: Das alte Auswärtige Amt wurde jetzt von den Forschern als "verbrecherische Organisation" gekennzeichnet und Fischer hat diese Formulierung übernommen. Ist damit gewährleistet, dass ein für allemal die richtigen Lehren gezogen wurden?

Ulrich Sander: Viele meinen das, ich finde es nicht. Das Buch "Das Amt" macht deutlich, dass das NS-Auswärtige-Amt am Holocaust beteiligt war und dass Mordgehilfen nach 1945 auf Botschafterposten zurückkehrten. Es macht auch deutlich, dass die Verbrechen dieser Diplomaten auch in der Vorbereitung, Propagierung und Führung des Angriffskrieges bestanden, denn schließlich hat der oberste Diplomat Hitlers, Joachim von Ribbentrop, wegen dieses Krieges in Nürnberg am Galgen gehangen. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung des Buches - einer Wahrnehmung, die von Josef Fischer und Guido Westerwelle stark mitgeprägt wird - bleibt das Hauptverbrechen Krieg ausgeblendet. Das liegt daran, dass Fischer ab 1999 Kriegstreiber war und die Parteien SPD, Grüne und FDP, CDU/CSU an der Kriegstreiberei festgehalten haben. Zur politischen Kultur muss endlich wieder gehören, dass nicht nur der deutsche Faschismus, sondern auch die deutschen Kriege geächtet und künftige unterbunden werden.


(Unser Gesprächspartner ist Journalist und Bundessprecher der VVN-BdA. Von ihm erschien bei papy rossa "Eine Mordstruppe" über die Auseinandersetzung mit dem Kameradenkreis der Gebirgstruppe, und "Die Macht im Hintergrund" über den Einfluss auch der Hitlergeneräle auf die Politik vor und nach 1945.)


Die Fragen stellte
Adi Reiher