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Psychisch bedingte Krankheiten nehmen in erschreckendem Ausmaß zu. Der Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit, prekärer Beschäftigung und Armut ist offensichtlich: "Hartz IV heißt, bereits nach einem Jahr Arbeitslosigkeit in die Armut zu stürzen. Der seelische Druck auf die Arbeitslosen und ihre Familien ist enorm und macht krank.", Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

Keine unbedingt neue, aber eine sehr drastische Botschaft ging Anfang des Monats August durch die Medien. Entsprechend waren die Schlagzeilen in der bürgerlichen Presse auch verschieden groß und die Kommentare unterschiedlich gewichtet. Die Springer-Zeitung "Die Welt" vom 12. 8. platzierte die Nachricht bezeichnenderweise nicht im politischen Hauptteil, sondern "nur" im Wirtschaftsteil unter der Schlagzeile "Kosten für psychische Krankheiten steigen stark".

Anlass war die Meldung des Statistischen Bundesamts über die starke Zunahme psychisch bedingter Krankheiten. Die Zahl der Fehltage wegen Depressionen geht steil nach oben. Psychische Erkrankungen - so bekunden die Statistiken - verursachen zunehmend hohe Kosten. Die Ausgaben für die Behandlung psychischer Erkrankungen stiegen zwischen 2002 und 2008 um zusammen 32 Prozent. Damit lagen sie deutlich höher als bei anderen Krankheiten. Im Durchschnitt erhöhten sich die Kosten aller Krankheiten im selben Zeitraum "nur" um 16 Prozent. Häufiger, - deshalb auch insgesamt am teuersten - sind nur noch die Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, gefolgt von Erkrankungen des Verdauungssystems, zu denen das Statistische Bundesamt aber auch alle Arten von Zahnerkrankungen zählen. Angst ist damit offenkundig ein bedeutender Finanz- und Wirtschaftsfaktor geworden. Aus Sicht der Kosten ist diese Bewertung nachvollziehbar und das Ganze tatsächlich bemerkenswert. Spontan fragt man sich als erstes: Geht es nicht um mehr als um Geld? Spielt das damit verbundene menschliche Leid keine Rolle? Doch dazu später.

Krankenkassen-Reports bestätigen den Trend

Nach den aktuellen Angaben z. B. der Barmer GEK verbringen psychisch Erkrankte im Durchschnitt rund drei Wochen in stationärer Behandlung. Die Behandlung von Depressionen kostete 2008 nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes rund 5,2 Mrd. Euro. Für Demenzkranke wurden sogar 9,4 Mrd. ausgegeben. Für beide Krankheiten zusammen waren das 3,5 Mrd. Euro mehr als noch in 2002. Aus einer Antwort des Bundesgesundheitsministeriums auf eine parlamentarische Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen geht hervor, dass die Ausgaben für Psychopharmaka Steigerungsraten von mindestens 70 Prozent aufweisen. Danach führen psychisch bedingte Krankheiten zu Produktionsausfällen von fast vier Mrd. Euro jährlich.

Der Verband der Betriebskrankenkassen (BKK) meldet ebenfalls einen kontinuierlichen Anstieg der Zahl psychischer Erkrankungen. 2009 entfielen im Schnitt der Versicherten fast zwei Krankheitstage auf das Konto psychischer Erkrankungen - und das, obwohl die Versicherten durchschnittlich weniger Tage pro Jahr krankgeschrieben waren. Zum Vergleich: 1976 fehlte kaum einer der BKK-Versicherten wegen einer psychiatrischen oder psychischen Diagnose. Und das wissenschaftliche Institut der AOK meldet für seine Versicherten, dass in 2009 psychische Gründe für 8,6 Prozent aller Krankheits-Fehltage verantwortlich waren. Inzwischen liegen die seelischen Störungen an vierter Stelle bei den Ursachen für eine Erkrankung Berufstätiger. Auch der Anteil der Frühverrentungen wegen psychischer Erkrankungen steigt.

Laut dem aktuellen Gesundheitsreport 2010 der Techniker Krankenkasse (TK) hat sich das Verschreibungsvolumen von Antidepressiva unter Deutschlands Beschäftigten in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Der Gesundheitsreport kommt zu der Feststellung, dass immer mehr Krankschreibungen durch Stress am Arbeitsplatz verursacht werden. TK-Vorstandsvorsitzender Norbert Klusen erklärte gegenüber der Presse: "Die Arbeitswelt hat sich in diesen zehn Jahren deutlich gewandelt. Immer mehr Beschäftigungsverhältnisse sind befristet, dank moderner Kommunikationsmittel sind wir mittlerweile rund um die Uhr und nahezu überall erreichbar. Das geht an den Menschen nicht spurlos vorbei." Statistisch gesehen erhielt laut TK-Report jeder Berufstätige 2009 für acht Tage Medikamente zur Behandlung von Depressionen. Das bedeutet einen Anstieg von 113 Prozent im Vergleich zum Jahr 2000. Frauen erhielten mit 10,5 Tagesdosen deutlich mehr Antidepressiva als Männer, die Medikamente für sechs Tage verschrieben bekamen. Dabei fällt aber der Anstieg des an Männer verordneten Volumens mit 132 Prozent in der letzten Dekade deutlich stärker aus. Michael Paus, Sprecher des Sozialverbands VdK, kommentierte den TK-Report so: "Die Zahlen zeigen einmal mehr, dass die Angst vor Hartz IV krank macht. Hier spielt vor allem die Sorge vor sozialem Abstieg und Armut eine große Rolle." Auch Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, führt die starke Zunahme von psychischen und körperlichen Gesundheitsschäden auf das Inkrafttreten der Hartz-Gesetze zurück. Schneider erklärte: "Hartz IV heißt, bereits nach einem Jahr Arbeitslosigkeit in die Armut zu stürzen. Der seelische Druck auf die Arbeitslosen und ihre Familien ist enorm und macht krank."

Angst nur ein "menschliches Schicksal"?

Dafür, dass die Ausgaben für Krankheiten, die Verhaltensstörungen, Krankmeldungen und Invalidität zur Folge haben, so stark gestiegen sind, gibt es von vielen Kassenfunktionären und Statistikern allzu oft keine so eindeutige Erklärung wie im neuen TK-Gesundheitsreport. Vordergründig liegt laut Statistischem Bundesamt die Ursache der höheren Kosten einfach darin, dass es mehr Fälle gibt. Welche Gründe dies wiederum hat, liegt aber angeblich im Dunkeln. "Wir wissen es nicht genau", kommentierte der Referent der Bundespsychotherapeutenkammer Johannes Klein-Hessling die neuen Trends und die Frage nach den Ursachen. Und das Statistische Bundesamt "vermutet" nur, dass Patienten und Ärzte eine psychische Erkrankung heute einfach häufiger erkennen. Dies führe halt dazu, dass die Behandlungen häufiger in Anspruch genommen werden. Über die tatsächlichen Ursachen wird also allseits gerätselt.

Dass auch professionelle Behandler, die es eigentlich besser wissen sollten und müssten - Therapie soll ja nach einer wissenschaftlich begründeten Ursachenanalyse auch zu wissenschaftlichen und rational begründeten Zielen und Behandlungsstrategien führen - ist wenig verwunderlich. Betrachtet man eines der bekanntesten Standardwerke psychoanalytischer Angst-Behandlung, dann müsse das "Wesen der Angst" von den "Antinomien", den Widersprüchen (laut Kants "Kritik der reinen Vernunft" vom "Widerstreit der Gesetze" ) des Lebens her verstanden werden. Es heißt dann weiter bei Riemann: "Angst gehört unvermeidlich zu unserem Leben. In immer neuen Abwandlungen begleitet sie uns von der Geburt bis zum Tode. Die Geschichte der Menschheit lässt immer neue Versuche erkennen, Angst zu bewältigen, zu vermindern, zu überwinden oder zu binden. Magie, Religion und Wissenschaft haben sich darum bemüht. Geborgenheit in Gott, hingebende Liebe, Erforschung der Naturgesetze oder weltentsagende Askese und philosophische Erkenntnisse heben zwar die Angst nicht auf, können aber helfen sie zu ertragen und sie vielleicht für unsere Entwicklung fruchtbar zu machen. Es bleibt wohl eine unserer Illusionen, zu glauben, ein Leben ohne Angst leben zu können; sie gehört zu unserer Existenz und ist eine Spiegelung unserer Abhängigkeiten und des Wissens um unsere Sterblichkeit. Wir können nur versuchen, Gegenkräfte gegen sie zu entwickeln: Mut, Vertrauen, Erkenntnis, Macht, Demut, Glaube, Liebe. Diese können uns helfen, Angst anzunehmen, uns mit ihr auseinanderzusetzen, sie immer wieder neu zu besiegen." (Fritz Riemann: Grundformen der Angst, 1992, S. 7)

Mysteriöse "Grundformen" der Angst
oder unspezifische "Stress-Anfälligkeit"?


Mit dieser Ansicht rücken die so weit verbreiteten Volkskrankheiten Depression und Angst fast in den Bereich des Mystischen. Die gesellschaftliche Dimension von Krankheitsursachen und -folgen löst sich auf in die Suche nach dem individuellen, oftmals auf das Familiäre begrenzten "lebensgeschichtlichen Hintergrund", in dem vor allem gestörte Eltern-Kind-Beziehungen, aber auch die Einflüsse von Ideologien und Religionen eine auslösende Rolle spielen.

Riemann unterscheidet als Psychoanalytiker dabei vier "Grundformen der Angst":
  1. Die Angst vor der "Selbsthingabe", die als "Ich-Verlust und Abhängigkeit" erlebt wird;
  2. Die Angst vor der "Selbstwerdung", die als "Ungeborgenheit und Isolierung" empfunden wird;
  3. Die Angst vor der "Wandlung", die als "Vergänglichkeit und Unsicherheit" erlitten wird;
  4. Die Angst vor der "Notwendigkeit", die als "Endgültigkeit und Unfreiheit" als erfahren wird.

Angst wird dadurch vor allem Ausdruck einer innerpsychischen Vorganges, bei dem der Widerspruch zwischen dem Wunsch nach Stabilität einerseits und Veränderung andererseits sowie der Widerspruch zwischen der Sehnsucht nach Sicherheit und erlebter Unübersichtlichkeit und Abhängigkeit zu Hauptquellen von Angst werden.

Eine derartig fundierte Angst-Behandlung kann im subjektiven Einzelfall durchaus ihre Berechtigung haben, da verdrängte familiäre und biographische Konflikte, die oftmals zu unbewussten Angstquellen werden, auf diese Weise aufgedeckt werden können. Die Grenzen solcher Behandlung sind klar ersichtlich: im realen Abhängigkeitsverhältnis von Berufstätigen und Arbeitslosen, Arbeitssuchenden, Rentnern mit geringen Subsistenzmitteln spielen Angstursachen ganz anderer Qualität eine weitaus bedeutsamere Rolle.

Verhaltenstherapeuten, die sich vom so genannten "kognitiv-behavioralen" Konzept der automatisierten Verhaltensmuster und "dysfunktionalen Kognitionsschemata" leiten lassen und die nach dem verhaltensanalytischen "SORKC"-Modell (Situativer Auslöser - Organismusvariable Reaktion - Kontingenz-Verstärker) vorgehen, neigen zwar zu weniger Mystifizierung. In der Regel haben sie auch ein Verständnis dafür, dass sich auf der "Meta-Ebene" des Verhaltens "psychosoziale" Auslöser allgemeinerer und gesellschaftlicher Natur vorfinden und nachweisen lassen. Damit liegen Krankheitsauslöser wie soziale Deprivation (Verluste), Arbeitslosigkeit und Armut eher in ihrem Blickfeld. Aber zu oft sind auch Verhaltenstherapeuten recht rat- und hilflos, wenn es darum geht individuelles und subjektives Einzelschicksal in seiner Abhängigkeit vom politökonomischen Zusammenhang so zu vermitteln, dass die Betroffenen daraus ein Verständnis der Dialektik von objektiver Verursachung und subjektiver Betroffenheit und psychischer Reaktion gewinnen. Individuelle "Stress-Bewältigungsstrategien" sind dann meist die Lösungsangebote. Die spezifische, individuelle "Vulnerabilität" (Verletzlichkeit) ist in der Regel der therapeutische Hauptansatzpunkt. Das Bundesgesundheitsministerium erhofft sich nun "neue Erkenntnisse" von einer großen Gesundheitsstudie, deren Auswertung Ende 2011 beginnen soll.

Marxismus und Angst

Es ist erstaunlich und bedenklich stimmend: Auch in der marxistischen Literatur, z. B. in dem noch zu DDR-Zeiten erschienenen großen "Wörterbuch der Psychologie" oder auch in der in der BRD erschienenen "Europäischen Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften", herausgegeben von H.-J. Sandkühler, die einen profunden Einblick in den Wissensstand bundesdeutscher und "westlicher" Marxisten Ende der 80er Jahre auf vielen wissenschaftlichen Kernbereichen sehr qualifiziert widerspiegelt, beweist die Behandlung des Themas Angst eine starke theoretische und inhaltliche Unsicherheit.

Im "Wörterbuch" taucht das Stichwort "Angst" gar nicht auf. Dies muss den Eindruck erwecken, als handle es sich bei diesem Thema eher um eine Marginalie als um ein gerade auch für Marxisten/Kommunisten und den Marxismus überhaupt gesellschaftlich sehr bedeutendes Problem.

Aber auch in dem entsprechenden Spezialartikel der "Enzyklopädie" heißt es: "Die Defizite der wissenschaftlichen Erkenntnis (über das Thema Angst - HPB) sind so groß, dass sich über die notwendige Differenzierung hinaus kaum konkrete Forschungsaufgaben benennen lassen. Sicher ist, dass erst auf einer humanwissenschaftlichen Grundlage, die den Menschen nicht in die verschiedenen Aspekte seiner biologischen, psychischen und sozialen Existenz, unter denen er gesondert betrachtet werden kann, zerstückelt, die verschiedenen Wirkungs- und Erlebniswelten der A(ngst) in ihrer Bedeutung für den Menschen umfassend erforscht werden können. ... Im Marxismus selbst blieben aber die Erscheinungsformen der A(ngst) lange Zeit pauschalisierend unter dem Begriff des subjektiven Faktors wissenschaftlich ausgeblendet." (Enzyklopädie; Band 1, S. 140)

Der Autor des "Enzyklopädie"-Artikels hat jedoch nur zum Teil Recht: Der Mensch ist mehr als die Summe seiner biologischen, sozialen und psychischen Eigenarten und der dadurch gebildeten Verhaltensmuster. Aber er ist ohne die Komplexität und auch wechselseitige Durchdringung dieser "biopsychosozialen" Bedingungen seiner Entwicklung weder als Gattung noch als Individuum zu verstehen.

Parteien und Bewegungen, die sich im Sinne einer Veränderung und Verbesserung der Lebensbedingungen des Menschen engagieren, die vor allem für die Benachteiligten, die Armen und Ausgebeuteten ein anderes, ein "besseres" Leben anstreben, müssen scheitern, wenn sie nicht die Gesamtheit der Faktoren berücksichtigen, die menschliches Verhalten prägen. Es geht um Fragen, die für die Strategie und Politik von Kommunisten enorm wichtig sind: Was hindert oder erschwert der Arbeiterklasse insgesamt, besonders aber ihren arbeitslos gewordenen Sektoren und Hartz-IV-Beziehern, überhaupt den Armen und Ausgebeuteten, das zu tun, was eigentlich das Naheliegende ist - nämlich sich zu wehren und auch zu rebellieren gegen Zustände, Strukturen und Bedingungen, die sie in Abhängigkeit, Erniedrigung und Entmündigung halten?

Warum reichen bloße Analysen und die Propagierung von "vernünftigen" und "wissenschaftlich begründeten Alternativen" trotzdem nicht aus, um die Masse der Deprivierten, Deklassierten - der "Prekarier" - aber auch die Masse der unzufriedenen "Normalos und Normalas" auf die Straßen zu bringen, damit die "versteinerten Verhältnisse zum Tanzen" gebracht werden können?

Arbeit - eine wesentliche Grundlage
der Persönlichkeitsentwicklung


"Das Hemd ist mir näher als die Jacke!" und "Lieber der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach!" Wer kennt nicht diese sogenannten "Volksweisheiten"? Sie reflektieren eine in der Mentalität großer Massen verbreitete Bereitschaft, sich mit dem - oftmals Wenigen - zu arrangieren, was "man hat", aus Furcht und Angst, man könnte eben dieses verlieren, wenn man "zu viel" anstrebt.

Dies betrifft besonders die Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes als der zentralen Voraussetzung zur Absicherung des eigenen und familiären erreichten Lebens- und Sozialniveaus. Dafür werden oftmals Arbeits- und Lebensbedingungen akzeptiert, unter denen die abhängig Beschäftigten sehr oft sogar leiden und körperlich wie psychisch krank werden. Dies gehört zum Standardwissen und zum "Abc des Marxismus". Schon Karl Marx wusste: "Die Überarbeit des beschäftigten Teils der Arbeiterklasse schwellt so die Reihen ihrer Reserve, während umgekehrt der vermehrte Druck, den die letztere durch ihre Konkurrenz auf erstere ausübt, diese zur Überarbeit und Unterwerfung unter die Diktate des Kapitals zwingt, was zur Verdammung eines Teils der Arbeiterklasse zu erzwungenem Müßiggang durch Überarbeit des anderen Teils, und umgekehrt führt." (Karl Marx. Das Kapital, Band 1, S. 670)

Warum ist das so? Und geht es dabei nur um den "schnöden Mammon"? Nein.

Der Verlust des Arbeitsplatzes beinhaltet mehr als nur eine finanzielle Einbuße, mehr als nur einen materiellen und sozialen Abstieg. Dies hängt mit der Bedeutung der Arbeit für die Persönlichkeitsentwicklung der Menschen, mit der "anthropologischen Dimension" der Arbeit insgesamt zusammen. Der verstorbene österreichische Biologe, Mediziner, Psychologe und Philosoph Walter Hollitscher hat diese umfassenden Bedeutung von Arbeit - und damit auch deren Verlust - so verstanden: "Der wohl fundamentalste das Menschenbild betreffende Gegensatz ist der zwischen Idealismus und Materialismus: ist der Mensch Schöpfung Gottes oder war und ist er Schöpfer seiner selbst? Der ´Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen´, den Friedrich Engels herausarbeitete, die Einsicht, dass die Menschen begannen, ´sich von den Tieren zu unterscheiden´, sobald sie anfingen, ´ihre Lebensmittel zu produzieren´, stellen zugleich den Schlüssel für das grundlegende Verständnis des historischen Prozesses dar.

Als gesellschaftliches Wesen produziert der Mensch seine Lebensbedingungen: die Objekte seiner Lebenstätigkeit wie die eigenen, menschlichen Lebenskräfte - er verändert die Welt und dadurch sich selbst." (W. Hollitscher: "Mensch und Gesellschaft. Natur und Mensch im Weltbild der Wissenschaft", Band V, Köln 1985, S. 9)

Diese Passage aus Hollitschers großem Werk verdeutlicht, wie sehr selbst die im Kapitalismus "entfremdete Lohnarbeit" zu einer wesentlichen Bedingung des Mensch-Seins im umfassenden Sinne gehört. Die von ihm zitierten Arbeiten von Engels ("Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen") bzw. von Marx und Engels ("Die deutsche Ideologie)", die Arbeiten sowjetischer Psychologen wie A. Rubinstein, A. N. Leontjew und L. Wygotsky sind bis heute nützlich um zu begreifen, dass das Persönlichkeitsproblem nicht nur in der Psychologie, sondern auch in der Politik von den sich auf den Marxismus und Leninismus beziehenden Organisationen und Parteien der Arbeiterbewegung "nicht nur in seiner Lösung, sondern auch darin, wie es gestellt wird, wesentlich von dem allgemeinen theoretischen Standpunkt ab(-hängt), von dem man ausgeht. "Die Einführung des Begriffs der Persönlichkeit in die Psychologie bedeutet vor allem, dass man bei der Erklärung der psychischen Erscheinungen vom realen Sein des Menschen als eines materiellen Wesens in seinen Beziehungen zur materiellen Welt ausgeht.

Alle psychischen Erscheinungen gehören in ihren wechselseitigen Beziehungen zum konkreten, lebendigen, handelnden Menschen. Sie sind vom natürlichen und vom gesellschaftlichen Sein des Menschen und von dessen Gesetzmäßigkeiten abhängig und abgeleitet." (S. L. Rubinstein: "Sein und Bewusstsein", S. 331)

Neue DGB-Studie: Arbeitslosigkeit macht krank

Diese alte wissenschaftliche Erkenntnis wird jetzt wieder von einer neuen Studie bestätigt, die den Zusammenhang zwischen Angst und Arbeit im Kapitalismus mit aktuellen Daten und Fakten untermauert. Sie stammt von der dem DGB zugehörenden Hans-Böckler-Stifung. und wurde Mitte August veröffentlicht. Danach ist klar: Wer arbeitslos wird, erlebt dies meist als schwere Belastung, die weit über finanzielle Einschränkungen hinausgeht.

Es ist ein Teufelskreis: Arbeitslose sind der Studie zufolge teilweise doppelt so häufig krank wie Erwerbstätige. Und ihr schlechter Gesundheitszustand erschwert vielen Betroffenen den Einstieg in einen neuen Job. Im Juni 2010 hatten danach fast 540 000 Arbeitslose vermittlungsrelevante Gesundheitsprobleme. Der Studie zufolge liegt die Krankenstandsquote in der Gruppe der 15- bis 24-Jährigen unter Nicht-Arbeitslosen bei drei Prozent, bei Arbeitssuchenden hingegen bereits bei 4,4 Prozent. Diese Differenz wächst mit zunehmendem Alter. In der Gruppe der 55- bis 59-Jährigen sind Arbeitslose rund 2,2 Mal so häufig krank wie die Beschäftigten. Ihre Krankenstandsquote liege hier bei 15,2 Prozent.

Damit bestätigen sich eigentlich "uralte" Resultate aus der sozialwissenschaftlichen Forschung, die schon Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts auf die gesundheitlichen und psychosozialen Risiken der Arbeitslosigkeit hingedeutet hatten.

Damals wurde die Studie der österreichischen Sozialisten und Sozialforscher Lazarsfeld/Jagoda "Die Arbeitslosen von Marienthal" zu einem bahnbrechenden Exempel der Arbeitslosenforschung. In der Einleitung zur neuen DGB-Studie wird darauf mit Recht Bezug genommen. Es heißt: "Die psychosozialen Belastungen von Erwerbslosigkeit beschäftigen die Sozialwissenschaften seit der letzten großen Weltwirtschaftkrise 1929. In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde bei den Arbeitslosen von Marienthal der Verlust von Erwerbsarbeit im Hinblick auf ihre psychischen Auswirkungen analysiert. Die Erwerbslosigkeitsforschung stand dabei immer auch im Kontext der historischen Entwicklungen des Arbeitsmarktes." Unter dem Eindruck der Wirtschaftskrisen der 1970er Jahre und der Kombination von Massen- und Dauererwerbslosigkeit in den kapitalistischen Industriestaaten wandten sich die Sozialwissenschaften wieder verstärkt der Thematik zu. Um den logisch-kausalen Zusammenhang zwischen Erwerbslosigkeit und psychischer Gesundheit zu klären, setzte man zunehmend Längsschnittstudien ein. Mit der sich rasant verändernden Arbeitswelt entstanden neue Forschungsschwerpunkte: Auswirkungen der sogenannten " Globalisierung" aber auch die psychosozialen Folgen von Rationalisierung und "Outsourcing". Diese "neuen" Formen der kapitalistischen Organisierung des Arbeitsmarktes schufen für viele Beschäftigte neue psychische Belastungen.

Antworten der Sozialwissenschaften und der Psychologie

Zunehmend drängte sich die Frage auf, unter welchen Bedingungen Erwerbslose wieder in den "normalen" Arbeitsmarkt re-integriert werden können. Oder wirkt sich Erwerbslosigkeit selbst kausal auf den Gesundheitszustand der Betroffenen so negativ aus, dass diese Re-Integration zunehmend psychisch immer schwieriger wird? Sind also die psychischen Beeinträchtigungen die Folge des Arbeitsplatzverlustes und lang andauernder Arbeitslosigkeit (Kausalitätsthese) und nicht umgekehrt?

Längsschnittstudien und Metaanalysen lassen - laut DGB-Studie - eindeutige Aussagen über die Begleiterscheinungen von Arbeitslosigkeit zu. Erwerbslosigkeit bewirkt eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit.

Es lassen sich drastische Unterschiede zwischen Arbeitslosen und Beschäftigten belegen: Depressivität, Ängstlichkeit, Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit bis hin zur Resignation sowie ein verringertes Selbstwertgefühl, geringeres Aktivitätsniveau und Einsamkeit stellen wesentliche Symptome einer schlechteren psychischen Gesundheit von Arbeitslosen dar.

Ob es ein für Arbeitslosigkeit spezifisches Bild von Beeinträchtigungen gibt, wird noch diskutiert. Es heißt dazu: "Einige Forscher sehen Depressionsmerkmale und Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl als Hauptsymptome", die Existenz eines spezifischen "Arbeitslosigkeitssyndrom" wird andererseits verneint. Als gesichert gilt, dass die Forschung - auch im internationalen Vergleich - noch keine Gruppe von Erwerbslosen identifizieren konnte, die "resistent" gegenüber den psychischen Beeinträchtigungen durch Arbeitslosigkeit ist.

Kommunistinnen und Kommunisten können sich zum einen durch die DGB-Studie in ihren grundsätzlichen Auffassungen bestätigt sehen. Das entbindet sie nicht von der Aufgabe, die Zugänge zur politischen Bewusstseinsentwicklung der Arbeiterklasse - sowohl der Beschäftigten wie der Arbeitslosen - ständig neu zu diskutieren.

Eine alte Erfahrung wird dabei sicherlich auch künftig gelten: Nur wenn die Kommunistische Partei ein unverwechselbares, sich eindeutig auf die Arbeiterklasse als Hauptadressaten, auf die kämpferischen Abteilungen der Gewerkschaftsbewegungen orientiertes und auf klassenpolitische Eindeutigkeit und Unverwechselbarkeit ihrer politischen Ziele ausgeprägtes Profil besitzt, wird sie zu einem Faktor, der im Sinne der Zurückdrängung der Angst wirksam werden kann.

 
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