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Der Genosse
Heinz Maether
aus Berlin ist am 23. Juli 2010 im Alter von 82 Jahren verstorben. Er war Gr√ľndungsmitglied des Freundeskreises Ernst-Th√§lmann-Gedenkst√§tte, und hat tatkr√§ftig daran mitgewirkt, dass die Gedenkst√§tte bis 2003 betrieben und wenigstens noch bis in dieses Jahr hinein erhalten werden konnte.

Zeit seines Lebens war er als Antifaschist aktiv. Besonders bemerkenswert finden wir seinen Bericht √ľber die Kesselschlacht bei Halbe im April 1945, die vor Jahren in verschiedenen Publikationen (teilweise gek√ľrzt) ver√∂ffentlicht wurde. Wir ver√∂ffentlichen unten eine durch Heinz √ľberarbeitete Fassung.
Wir trauern um Heinz, einen K√§mpfer gegen Faschismus und Reaktion. Sein Leben war der Aufbau der DDR, der Fortschritt nach der Nazi-Barbarei. Wir sind froh und stolz, Heinz gekannt zu haben. Gerade seine lebendigen Erkl√§rungen der Gedenkst√§tte in Ziegenhals und seine kenntnisreichen antifaschistischen Stadtf√ľhrungen in Berlin waren beeindruckend und lehrreich.

www.secarts.org Redaktion.

Die Trauerfeier mit Urnenbeisetzung ist am 18.August 2010, 11 Uhr, auf dem Friedhof Gustav-Adolf-Str. 67-74 (Segenskirchhof) in Berlin-Weißensee.


Wieder einmal wollen Neonazis die Toten auf dem Soldatenfriedhof in Halbe f√ľr ihre revanchistischen Ziele missbrauchen. Als einer, der bei der Kesselschlacht von Halbe dabei war, m√∂chte ich dar√ľber berichten, wie es zu diesem gro√üen Massengrab kam.

1944 begann f√ľr mich als damals Sechzehnj√§hrigen wie f√ľr die meisten meines Jahrgangs mit sechs Wochen milit√§rischer Vorausbildung in einem so genannten Wehrert√ľchtigungslager bei Wangerin (Pommern). Im August erfolgte die Einberufung zum Reichsarbeitsdienst (RAD) nach S√ľdostpreu√üen bei Mielau. Von morgens bis abends galt es zu marschieren, Schie√ü√ľbungen zu veranstalten, Stellungen zu bauen und Schikanen zu ertragen. Der Dienst f√ľr uns Sechzehn- und Siebzehnj√§hrige war sehr hart. Wir unterschieden uns kaum von Pioniereinheiten der r√ľckw√§rtigen Fronttruppe. Bei klarem Wetter konnte man in der Ferne die Artillerie der immer n√§her r√ľckenden Front vernehmen.
Mitte November wurden wir pl√∂tzlich als RAD-Lager aufgel√∂st und in die Heimatorte entlassen. Die Meldung beim Wehrkreiskommando war Pflicht. Die Front im Osten wie im Westen r√ľckte immer n√§her in Richtung Berlin. Ich m√∂chte erz√§hlen von einer der schlimmsten Schlachten auf deutschem Boden, die ich als siebzehnj√§hriger Soldat (eingezogen am 15.12.1944 nach Dresden) erleben musste.
Mitte Januar erfolgte der Zusammenbruch der Ostfront. Am 12. Januar 1945 - wir waren als Soldaten bei der sog. Putz- und Flickstunde - bekam ich von zu Hause ein Paket. Mit großer Freude wurden die Leckereien von meinen Eltern in Empfang genommen. Im selben Moment, als ich das Paket noch in der Hand hielt, kam ein Durchruf: "Alles fertig machen zum Fronteinsatz!" In großer Eile verteilte ich den Inhalt an alle Kameraden. Wir wurden neu eingekleidet, mit Waffen und Munition versehen, und ab ging es in Richtung Bobersberg, Sommerfeld, Christianstadt (Niederschlesien).

...nicht nur in Halbe, sondern - aktuell - auch in Bad Nenndorf wollen deutsche Faschisten die Geschichte umschreiben:

NS-Verherrlichung stoppen!
No pasaran! Bad Nenndorf 14.08.2010


Auch diesen August wollen wieder hunderte Neonazis aus Deutschland und dem benachbarten Ausland ihren ¬ĄGedenk¬ď- Marsch in Bad Nenndorf abhalten. Ihrer Darstellung nach trauern sie um die Menschen, die w√§hrend ihrer Inhaftierung im Winklerbad verstorben sind. Das Winklerbad war nach dem 2. Weltkrieg Verh√∂rlager der britischen Armee, in dem u. a. Oswald Pohl, SS-General und Leiter des SS- Wirtschafts- & Verwaltungshauptamtes und somit zust√§ndig f√ľr die Konzentrationslager inhaftiert war. In Wahrheit geht es ihnen aber nur darum, die Geschichte zu ihren Gunsten um zu deuten. Aus deutschen T√§tern sollen Opfer ¬Ąalliierter Gewaltherrschaft¬ď werden. Die Teilnehmerzahlen an diesem Aufmarsch steigen von Jahr zu Jahr. Es ist der gr√∂√üte Aufmarsch Norddeutschlands und der drittgr√∂√üte in der BRD.


Gegenproteste

Seit dem 1. Aufmarsch gibt es auch Proteste dagegen und Versuche den Aufmarsch zu verhindern. Diese wurden aber, durch ein massives Polizeiaufgebot be- / verhindert. Nichtsdestotrotz gab es immer wieder einfallsreiche Aktionen die den Aufmarsch verzögerten oder stören konnten. Gänzlich verhindert werden konnte er leider bisher nicht.

Und 2010? Dresden nach Bad Nenndorf holen!

Der 13.02.10 in Dresden hat gezeigt, dass es durchaus möglich ist, einen Naziaufmarsch komplett zu verhindern. Was in einer Großstadt funktioniert, sollte doch in einem kleinen Dorf erst recht klappen. Wenn tausende GegendemonstrantInnen Dresden lahm legen konnten, welche Wirkung hätten sie dann erst auf die Lage in Bad Nenndorf? Deshalb rufen wir zu Massenblockaden am 14.08.10 in Bad Nenndorf auf!

Den ganzen Aufruf lesen: badnenndorf.blogsport.de.
Die deutsche Front wurde von der vordringenden Roten Armee immer mehr zur√ľckgedr√§ngt, und wir kamen in die ersten Kampfhandlungen. Wir kamen in den Fronteinsatz und erlebten die ersten Verluste. F√ľr uns junge Menschen war das der Beginn einer gro√üen Trag√∂die. Die Truppeneinheiten wurden zur√ľckgeschlagen.
Wir waren verlaust, verdreckt, viele hatten die Kr√§tze, darunter auch ich. In einer Kampfpause meldete ich mich daher von meiner Einheit ab, um das Lazarett aufzusuchen. Aber es gab so viele Verwundete, dass eine Behandlung nicht m√∂glich war. Ich bekam daher auch nicht die √ľbliche Best√§tigung, dass ich tats√§chlich im Lazarett gewesen war.
Bevor ich zu meiner Truppe zur√ľckkehren konnte, setzten wieder heftige K√§mpfe ein. Kompanien, ja ganze Regimenter gingen in den blutigen K√§mpfen zugrunde bzw. wurden in alle Himmelsrichtungen versprengt. Jeder versuchte, in Autos, Pferdewagen usw. unterzukommen, um der anr√ľckenden Roten Armee zu entkommen. Auch meine Kompanie war nicht mehr auffindbar. Im Dorf Steinsdorf (Oder) erfuhr ich schlie√ülich, dass Reste der aufgel√∂sten Kompanie sowie der Regimentsstab sich im n√§chsten Dorf befanden.

Ein verwundeter Soldat, dem ich mich angeschlossen hatte, ging in Richtung dieses Dorfes. Der Weg wurde unterbrochen, indem eine Wagenkolonne uns entgegenkam und hielt. Im zweiten, einem offenen Wagen, saß ein General mit seinem Stab und fragte, was wir hier auf der Chaussee zu suchen hätten. Der andere Soldat, der einen Armschuss bekommen hatte und im Lazarett medizinisch versorgt worden war, konnte seine Bestätigung vorweisen, ich jedoch nicht. Der General packte mich und zog mich in sein Auto, fuhr mit mir in ein Haus in Steinsdorf, wo ein Divisionsstab lag und wo er unbedingt mit der Front telefonieren musste.
Dieser General war der Kommandierende General der 9. Armee, Theodor Busse, wie ich von seinem Adjutanten erfuhr. Nachdem ich ihm die Zusammenh√§nge der K√§mpfe und mein Entfernen von diesem Chaos, das zur Aufl√∂sung der Einheiten f√ľhrte, geschildert hatte, antwortete er, dies sei nicht stichhaltig, ich w√§re gefl√ľchtet. Der General ging in eine Besprechung, kam wieder raus, sah mich und sagte: "Ich werde Sie erschie√üen." Er ging zur√ľck in sein Zimmer und telefonierte mit einigen Befehlshabern. Durch sein lautes Organ erfuhr ich den Zustand der Front. Sie war erb√§rmlich. Der General schilderte Generaloberst Heinrici die Lage der Front als in Aufl√∂sung begriffen, mit schweren Verlusten, nicht mehr imstande, gr√∂√üere Kampfhandlungen zu f√ľhren, und es drohe eine Einschlie√üung der Armee.

Nach diesem Gespr√§ch eilte der General wie ein Wahnsinniger wieder durch mehrere Zimmer, sah mich und sprach zum Adjutanten, sie sollten mich abf√ľhren. √úber nacht war ich in einer Scheune untergebracht. Morgens wurde ich von der Feldgendarmerie, drei Kettenhunden, wie sie genannt wurden - das waren teilweise fliegende Feldgerichte, Zubringer f√ľr Todesurteile - zu meinem Regimentsstab gef√ľhrt, der im n√§chsten Dorf lag. Der Befehl lautete: das kriegsgerichtliche Verfahren sollte zwar eingestellt werden, ich aber sofort zum Bew√§hrungsbataillon im vordersten Fronteinsatz gebracht werden. Vorher sollte ich 20 Stockhiebe wegen angeblicher Entfernung vom Truppenteil erhalten. Dies unterblieb zwar, weil der Adjutant, der mir den Befehl zeigte, das unter den Tisch fallen lie√ü.
So begann der gro√üe Marsch √ľber Guben, M√ľlrose in Richtung Teupitz. Inzwischen war die 9. Armee eingeschlossen. Wir wurden von der Luftflotte der Roten Armee mit Bomben belegt. Zu bemerken ist dabei, dass sich dem Treck der Armee Zehntausende von Fl√ľchtlingen angeschlossen hatten: Frauen und Kinder, alte Leute. Wir erfuhren, dass es Aufgabe war, einen Durchbruch zu machen, und wurden dann informiert, dass Berlin fast eingeschlossen w√§re und wir zusammen mit der 12. Armee von General Wenck Berlin entlasten sollten. Von dieser Armee h√∂rten wir dann aber nichts mehr. Wir fanden uns wieder im Waldgel√§nde und erlebten eine Kanonade nach der anderen. Wir verloren immer mehr die Orientierung.

Von Befehlen galt nur einer: Wir m√ľssen durch. Wir haben die Aufgabe, Berlin zu entlasten. Wir m√ľssen aber erst den Kessel aufsprengen, in dem wir uns befanden. Das war der gro√üe Kessel, wo sich die 9. Armee befand, Teupitz, Halbe, M√§rkisch-Buchholz. Ich befand mich hinter den Panzern dieser Armeetruppe. Es hie√ü auf einmal: Alles Stopp! Parlament√§r nach vorn!
Es war ein Oberstleutnant, der ausersehen war, Verhandlungen mit dem Stab der Roten Armee zu f√ľhren. Die Russen boten uns an, zu kapitulieren und das Leben der Menschen zu schonen. Wir erfuhren das aus einem Gespr√§ch mit einem Begleiter des Parlament√§rs.
Nach kurzer Zeit erfolgte die Ablehnung von General Busse, und der Feuerzauber begann erneut. Tausende von Menschen wurden sinnlos geopfert. Soldaten, Frauen und Kinder starben in dieser Feuerh√∂lle. SS-Einheiten mit Vierlingsflakgesch√ľtzen trieben uns zum Sturmangriff mit der Androhung, uns bei Nichtbefolgung niederzuschie√üen. General Busse selbst mit √ľberschweren Tigerpanzern - so wie ich das in Erinnerung habe, sechs an der Zahl - durchbrach die Panzersperre bei Halbe. Halbe ist ein kleine Ortschaft im M√§rkischen, nicht mal ein Dorf. Der einzige Betrieb in diesem Ort, ein S√§gewerk, brannte lichterloh. Busses Panzer durchbrachen die Stra√üe, die voll gestopft war mit Menschen und Fahrzeugen aller Art. Menschen wurden wie Briefmarken plattgewalzt. Menschenleiber wurden durch Granaten zerrissen und in die Luft gewirbelt. Busse konnte seine √ľberschweren Panzer zu den amerikanischen Linien durchsto√üen und sich dort ergeben. Die Reste dieser Armee gingen j√§mmerlich in dieser Schlacht zugrunde.
20 000 deutsche Soldaten sind auf dem Friedhof in Halbe begraben worden. Davon sind viele in Massengr√§bern beigesetzt, Menschen, die nicht mehr identifiziert werden konnten. Die Gesamtverluste betrugen weit √ľber 40 000.
Und dieser Durchhaltegeneral, der 1956 die Bundeswehr mit aus der Taufe gehoben hat, wurde 1966 mit dem Bundesverdienstkreuz vom damaligen Bundespr√§sidenten L√ľbke, dem bekannten KZ-Baumeister, ausgezeichnet. Welch ein Hohn angesichts dieses Massenmordes, untermauert durch Befehle, die nur den Krieg und das Elend um Stunden verl√§ngern konnten, aber nicht mehr die endg√ľltige Niederlage des faschistischen Deutschland aufhalten konnten.
Diese meine Darlegungen sollen Mahnung und Verpflichtung sein, nie wieder von deutschem Boden einen Krieg ausgehen zu lassen. Darum sind revanchistisch-militaristische Aufmärsche zur Verherrlichung der Schlachten des verbrecherischen Hitler-Krieges generell zu verbieten. Alle Antifaschisten sind aufgefordert, diesem Unwesen ein Ende zu setzen.

 
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