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Von Ivan

8 Die soziale Demagogie des Sozialchauvinismus

Ein Merkmal des deutschen Chauvinismus ist, dass die ‚Sozialisten‘ – Sozialisten in Anführungszeichen – von der Unabhängigkeit anderer Völker reden, nur derer nicht, die von ihrer eigenen Nation unterdrückt werden. Ob man dies jetzt direkt ausspricht oder ob man diejenigen, die das aussprechen, verteidigt, rechtfertigt und in Schutz nimmt – der Unterschied ist nicht sehr wesentlich (...).Sowohl die Sozialchauvinisten Deutschlands – d.h. Sozialisten in Worten, Chauvinisten in der Tat – als auch die gesamte bürgerliche Presse Deutschlands schreien jetzt lauthals über das schamlose, gewalttätige, reaktionäre Schalten und Walten Englands in seinen Kolonien. Die deutschen Zeitungen schreiben jetzt über die Freiheitsbewegung in Indien ohne Unterlass, voller Schadenfreude, Begeisterung und Entzücken.1 2, Über die Wurzel des Betrugs der deutschen Chauvinisten führt Lenin aus: „Während sie ihre Sympathie für die Unabhängigkeit der von ihrem militärischen Gegner (...) unterdrückten Völker nicht laut genug hinausschreien können, bescheiden , mitunter sogar allzu bescheiden – über die Unabhängigkeit ihrer eigenen Nation unterdrückten Völker mit Stillschweigen hinweggehen.
Die Gründe der deutschen Bourgeoisie sind unschwer zu begreifen. Sie hofft, ihre militärische Lage dadurch zu verbessern, dass sie in Indien Unzufriedenheit und eine Bewegung gegen England entfacht."3

Ganz besonders kommt die Heuchelei der eigenen Bourgeoisie im Kampf gegen die Konkurrenz im folgenden zum Ausdruck: „Diese Irreführung der Völker fällt der imperialistischen Bourgeoisie um so leichter, als jede Bourgeoisie, wenn sie beispielsweise von einem Frieden ohne Annexion spricht, die Annexion ihres Rivalen im Auge hat und die Annexionen, die von ihr selber schon gemacht worden sind, ‚bescheiden‘ verschweigt.4

9 Der Kampf der Kommunisten gegen den Sozialchauvinismus

Wie kann dieser Kampf am besten geführt werden, oder wie ersetzen wir den Sozialchauvinismus durch wirklichen proletarischen Internationalismus?
Angesichts dieser objektiven Lage der Dinge ist es die offenkundige und unbedingte Aufgabe jeder aufrichtigen sozialistischen, jeder ehrlichen proletarischen Politik (von einer bewusst marxistischen Politik ganz zu schweigen), vor allem und in erster Linie konsequent, systematisch, kühn und vorbehaltlos die pazifistische und demokratische Heuchelei der eigenen Regierung und der e i g e n e n Bourgeoisie zu entlarven. Andernfalls sind alle Phrasen über den Sozialismus, die Gewerkschaftsbewegung und den Internationalismus ein einziger Betrug am Volk, denn es liegt im unmittelbaren Interesse und ist das direkte Geschäft aller käuflichen Journalisten, aller Imperialisten einschließlich der sich als Sozialisten tarnenden Scheidemann und Co., Sembat und Co., Plechanow5 und Co. u. a., die Annexionen der imperialistischen Rivalen zu entlarven (ganz gleich, ob diese letzteren offen so genannt werden oder ob durch Phrasen gegen Annexionen „überhaupt“ und ähnliche „diplomatische“ Methoden zum Verbergen der eigenen Gedanken nur stillschweigend unterstellt wird, dass von ihnen die Rede ist).6

Und da schlägt es in die selbe Kerbe, wenn jemand vom US-Imperialismus als Feind der Menschheit, oder aggressivster Imperialismus usw., spricht. Um den Sozialchauvinismus zu bekämpfen, gibt es zwei Ansätze:
  • Es gibt nur einen wirklichen Internationalismus: die hingebungsvolle Arbeit an der Entwicklung der revolutionären Bewegung und des revolutionären Kampfes im eigenen Lande, die Unterstützung (durch Propaganda, durch moralische und materielle Hilfe) eben eines solchen Kampfes, eben einer solchen Linie und nur einer solchen allein in ausnahmslos allen Ländern.7
  • Bei der Unterstützung der Befreiungsbewegungen ist indes folgendes zu beachten, um weder ‚ungebetene Hilfe‘ aus dem eigenen imperialistischen Staat anzulocken8 noch über die Belange der Befreiungsbewegung hinweg scheinbar Unterstützung zu leisten:
    Dazu hat die Kommunistische Internationale folgenden Beschluss gefasst: „Alle kommunistischen Parteien müssen die revolutionären Freiheitsbewegungen in diesen Ländern durch die Tat unterstützen. Die Form der Unterstützung muss mit der kommunistischen Partei des betreffenden Landes erörtert werden, wenn es eine solche Partei gibt. In erster Linie trifft diese Verpflichtung zur tatkräftigen Hilfe die Arbeiter desjenigen Landes, von dem die zurückgebliebene Nation in kolonialer oder finanzieller Hinsicht abhängt.9 Wenn das Proletariat in jedem imperialistischen Land so vorgeht, gibt es keine Kolonien oder keine Protektorate, dessen nationale Belange nicht vom Proletariat aus den imperialistischen Ländern unterstützt werden. Und da ist es unsere Pflicht, in erster Linie unsere Kolonien zu untersuchen.

10 Der Sozialist eines anderen Landes kann die Bourgeoisie nicht entlarven

(...) Der Sozialist eines anderen Landes kann die Regierung und die Bourgeoisie eines Staates, der mit „seiner“ Nation Krieg führt, nicht entlarven, und keineswegs nur deshalb nicht, weil er die Sprache, die Geschichte, die Besonderheiten des betreffenden Volkes usw. nicht kennt, sondern auch weil eine derartige Entlarvung eine imperialistische Intrige ist, nicht aber die Erfüllung seiner internationalistischen Pflicht.“

"Nicht der ist ein Internationalist, der hoch und heilig versichert, er wäre einer, sondern nur der, der als wirklicher Internationalist die eigene Bourgeoisie, die eigenen Sozialchauvinisten, die eigenen Kautskyaner bekämpft.11

Das hier veröffentlichte Referat wurde auf der I. Konferenz "Der Hauptfeind steht im eigenen Land" im Jahr 2009 in Göttingen gehalten. Es ist - neben den anderen Referaten der Konferenz in der Dokumentation zur I. Konferenz enthalten.

Die Dokumentation enthält die Referate:
  • Entwicklung der deutschen Bourgeoisie / des deutschen Imperialismus seit dem deutschen Bauernkrieg
  • Der deutsche Imperialismus und die EU
  • Kriegsschauplätze Kosovo und Kaukasus
  • Der deutsche Imperialismus und Afrika
  • China und der deutsche Imperialismus
  • „Finanzkrise“ und Neuaufteilung der Welt
  • Was ist proletarischer Internationalismus?

Bestellungen unter der Adresse info@gegen-den-hauptfeind.de; Download u. a. via www.gegen-den-hauptfeind.de oder www.secarts.org. [PDF, ca. 5,4 MB]



Anmerkungen:
1 Lenin, Über den deutschen und nichtdeutschen Chauvinismus. In: Lenin, Gesammelte Werke, Bd. 21, Berlin 1981, S. 186 f.
2 Vgl. auch folgendes Beispiel über die Situation im Irak in der Ausgabe Das Parlament vom 3.5.2004: „Über 100 tote Soldaten, darunter der deutschstämmige Football-Star Pat Tillmann, sowie 879 Verletzte sind die Bilanz der amerikanischen Besatzung (!) im Irak innerhalb der ersten 20 Tage des Monats April. Ein Albtraum für das amerikanische Militär wie für die Nation zu Hause. Gleichzeitig müssen die GIs vor Ort zusehen, wie 1.500 spanische Soldaten einpacken. Auch die Japaner haben das Land verlassen. Die von US-Außenminister Colin Powell und seinem Präsidenten gepriesene ‚Allianz‘ bröckelt angesichts des sich steigernden Hasses und des Widerstandes des männlichen arabischen Bevölkerungsteils (!) im Irak.
3 Lenin, Chauvinismus.
4 Lenin, Chauvinismus.
5 Lenin, Rohentwurf der Thesen für einen offenen Brief an die Internationale Sozialistische Kommission und an alle sozialistischen Parteien. Werke. Bd. 23 Berlin, 1981, S. 213.
teilweise hervorragende ehemalige Marxisten
6 Lenin, Thesen, S. 213.
7 Lenin, Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution, Die Lage in der sozialistischen Internationale. In: Werke, Bd. 24, S. 60, Berlin 1974.
8 vgl. all die rechten Gruppen (von Haider bis...), die den Irak „unterstützen“.
9 Der I. und II. Kongress der kommunistischen Internationale, Berlin 1959. Weiter heißt es an der Stelle: „Notwendig ist der Kampf gegen den Panislamismus und die panasiatische Bewegung und ähnliche Strömungen, die den Versuch machen, den Freiheitskampf gegen den europäischen und amerikanischen Imperialismus mit der Stärkung der Macht des türkischen und japanischen Imperialismus und des Adels, der Großgrundbesitzer, der Geistlichen usw., zu verbinden.“ (ebd.)
10 Lenin, Thesen, S. 215.



 
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