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BERLIN/WASHINGTON (17.12.2008) - Trotz der beginnenden Rezession erkl├Ąren Wirtschaftsexperten Deutschland bereits vorab zum Gewinner der kommenden Weltwirtschaftskrise. Demnach werden nicht nur die Vereinigten Staaten ihre dominierende Position verlieren. Auch Gro├čbritannien k├Ânne seine Stellung, die in hohem Ma├če von seiner Finanzbranche abh├Ąnge, nicht halten, urteilt der Chef der f├╝hrenden deutschen Unternehmensberatung Roland Berger. Die deutsche Wirtschaft hingegen profitiere von ihrer industriellen Basis und k├Ânne im n├Ąchsten Jahr ihren Aufstieg wom├Âglich mit neuen Konzern├╝bernahmen fortsetzen. Erste Schritte in diese Richtung k├╝ndigt Volkswagen an. Zwar wird das Automobilunternehmen Einbu├čen hinnehmen m├╝ssen, will aber in den USA expandieren, deren Kraftfahrzeugindustrie weit schwerer von der aktuellen Krise getroffen wird als ihr deutsches Pendant. Die industriellen Konkurrenzk├Ąmpfe um die beherrschende Position auf den Weltm├Ąrkten profitieren von dramatischen ├Âkonomischen Zusammenbr├╝chen, die zu schweren sozialen Folgen wie Armut und Arbeitslosigkeit f├╝hren - gegenw├Ąrtig vor allem in den USA, in K├╝rze wohl auch in Europa.

Die St├Ąrke der Europ├Ąer

Thinktanks und Publikumsmedien f├╝hren in diesen Tagen die Debatte um die voraussichtlichen Folgen der beginnenden Weltwirtschaftskrise f├╝r die globalen Machtverh├Ąltnisse fort. Bereits im September hatte der deutsche Bundeswirtschaftsminister mit seiner Prognose, die Vereinigten Staaten w├╝rden infolge der Krise "ihren Status als Supermacht des Weltfinanzsystems verlieren", heftige Diskussionen ausgel├Âst.1 Seiner Auffassung schlie├čt sich jetzt der Wirtschaftsexperte Donald Kalff an, ein ehemaliger Manager bei Royal Dutch Shell und KLM. In einem Interview mit der Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft f├╝r Ausw├Ąrtige Politik (DGAP) antwortet Kalff auf die Frage, ob "Europa gewinnen" werde: "Ich meine, wir haben schon gewonnen."2 Ihm zufolge liegt ein bedeutender Vorteil Europas gegen├╝ber den USA in der Struktur der europ├Ąischen Firmen: "US-Unternehmen finanzieren sich zu 75 Prozent ├╝ber den Aktienmarkt, europ├Ąische Unternehmen hingegen nur zu einem Viertel." Angesichts zusammenbrechender B├Ârsenkurse sei dies "heute die St├Ąrke der Europ├Ąer", urteilt Kalff und erkl├Ąrt: "Wir k├Ânnten mehr aus diesen Vorteilen machen. Viel mehr."

24 : 15 ohne Banken

├ähnlich ├Ąu├čert sich Burkhard Schwenker, Chef der f├╝hrenden deutschen Unternehmensberatung Roland Berger Strategy Consultants, ├╝ber die krisenbedingten Verschiebungen im globalen Machtgef├╝ge. Schwenker weist darauf hin, dass die EU ihre Stellung gegen├╝ber den Vereinigten Staaten ohnehin schon aufgewertet hat: "Vor gut f├╝nf Jahren stammten 24 der 50 umsatzst├Ąrksten Konzerne der Welt, ohne Banken, aus den USA. Heute sind es nur noch 15. Aber 24 haben ihren Sitz in Europa, neun davon in Deutschland."3 Schwenker zufolge kann gerade Deutschland der Krise "eine starke industrielle Basis entgegensetzen" und damit die eigene Stellung ausbauen - auch gegen├╝ber den europ├Ąischen Rivalen. Gro├čbritannien etwa "h├Ąngt in hohem Ma├če vom Finanzsektor ab, der nun darniederliegt", erkl├Ąrt der Unternehmer: "In den USA ist die Lage ├Ąhnlich." Schwenker vermutet, dass bei k├╝nftigen ├ťbernahmen anstelle angels├Ąchsischer Finanzinvestoren wieder mehr Industriekonzerne zum Zuge kommen: Gut aufgestellte Betriebe bek├Ąmen bald "brillante Gelegenheiten, zu wachsen und passende Firmen zu kaufen". "2009 werden Firmen├╝bernahmen das gro├če Thema sein", urteilt der Manager.

Grundsteinlegung

Ein Beispiel f├╝r eine entsprechende Expansionsstrategie bietet Volkswagen. Der Konzern konnte in den USA bis Ende Oktober noch sein Vorjahresniveau halten, brach dann aber bis Ende November ein - auf ein Minus von 2,1 Prozent gegen├╝ber dem Vorjahreszeitraum. Dennoch konnte VW seinen Marktanteil in den Vereinigten Staaten von 1,4 auf 1,7 Prozent steigern, da der Gesamtmarkt dramatisch abst├╝rzte - um 16,3 Prozent. Wie es in der Konzernspitze hei├čt, strebt die Firma langfristig einen Marktanteil von f├╝nf bis sechs Prozent an. Kommt es wirklich zum Bankrott eines US-Automobilriesen, etwa General Motors, dann k├Ânnte VW diesem Ziel mit Zuk├Ąufen schnell n├Ąherr├╝cken.4 Unabh├Ąngig davon ist f├╝r Anfang 2009 die Grundsteinlegung f├╝r ein neues Volkswagen-Werk in den Vereinigten Staaten geplant.

Bald Marktf├╝hrer

Auch in S├╝damerika treibt Volkswagen trotz der beginnenden Weltwirtschaftskrise seine Expansion voran. Die Krise hat den s├╝damerikanischen Automobilmarkt noch nicht in vollem Umfang getroffen; in Brasilien etwa rechnet die Vereinigung der Automobilhersteller f├╝r das laufende Jahr noch mit einem Wachstum von rund 14 Prozent. Zwar werde ein R├╝ckgang des Kraftfahrzeugabsatzes auch in S├╝damerika nicht ausbleiben, hei├čt es in Branchenkreisen; doch k├Ânne VW darauf hoffen, weniger zu schrumpfen als die Konkurrenz. Der Konzern, der mit Viktor Klima einen ehemaligen Bundeskanzler ├ľsterreichs seinen Generalbevollm├Ąchtigten f├╝r S├╝damerika nennt, will dort weiter wachsen und in sp├Ątestens zehn Jahren General Motors als Nummer eins der s├╝damerikanischen Automobilbranche abl├Âsen - falls GM dann noch als eigenst├Ąndiger Konzern existiert. Betroffen von der VW-Offensive ist auch Fiat. Das Unternehmen h├Ąlt in S├╝damerika eine starke Position und ist im bev├Âlkerungsreichsten Land der Region, Brasilien, Marktf├╝hrer.5 Fiat ist jedoch von der beginnenden Wirtschaftskrise weitaus st├Ąrker betroffen als Volkswagen und lotet derzeit einen Not-Zusammenschluss mit Peugeot aus.

Harte Einschnitte

Zugunsten der Expansion w├Ąlzt Volkswagen die Lasten der Krise auf sein Arbeitspersonal ab. Bereits jetzt wurde der ├╝bliche Produktionsstopp ├╝ber die Weihnachtsfeiertage an den deutschen Konzernstandorten um ein Drittel verl├Ąngert; die Entlassung von Zeitarbeitern steht bevor. Konzernchef Martin Winterkorn k├╝ndigt "harte Einschnitte" an.6 In der Volksrepublik China hat Volkswagen in einzelnen Betrieben sogar einen sechsmonatigen Produktionsstopp in Aussicht gestellt. Wie Konzernchef Winterkorn erkl├Ąrt, sucht er die Umstellung auf Kurzarbeit in Deutschland noch zu vermeiden, rechnet aber mit gr├Â├čeren Problemen. Daher w├╝rden bei einem F├╝hrungskr├Ąftetreffen "alle auf die vor uns liegende schwierige Phase eingeschworen".7

Schwierige Phase

Als "schwierige Phase" bezeichnet VW-Chef Winterkorn die beginnende Weltwirtschaftskrise, die seinem Konzern m├Âglicherweise erheblichen Einflussgewinn verschafft, jedoch mit dramatischen Folgen f├╝r die soziale Lage in den betroffenen L├Ąndern verbunden ist. F├╝r Deutschland schlie├čt die Bundesregierung inzwischen eine Drei-Prozent-Rezession nicht mehr aus. Schon f├╝r das laufende vierte Quartal 2008 wird ein R├╝ckgang des Bruttoinlandsprodukts um 1,25 bis 1,75 Prozent f├╝r m├Âglich gehalten.8 Auch die Zahl der Erwerbslosen beginnt bereits zu wachsen. Laut Bundesagentur f├╝r Arbeit ist ein Anstieg um rund ein Drittel auf knapp vier Millionen denkbar. Massenarbeitslosigkeit und Armut bilden das Umfeld, in dem deutsche Unternehmen sich die Marktf├╝hrerschaft im weltweiten Konkurrenzkampf zu sichern suchen - Verelendung bei zunehmender deutscher Wirtschaftsmacht.


Anmerkungen:
1 s. dazu Zeitenwende
2 "Europa muss seine Chance nutzen"; Internationale Politik Dezember 2008
3 "Wir werden Krisen-Gewinner"; Focus 15.12.2008
4 s. dazu St├╝rzende Giganten
5 Volkswagen f├Ąhrt in Brasilien weiter auf Expanionskurs; Frankfurter Allgemeine Zeitung 16.12.2008
6 VW-Betriebsratschef rechnet mit zwei Jahren Talfahrt wegen Krise; Reuters 09.12.2008
7 Derzeit keine Kurzarbeit; Der Standard 14.12.2008
8 Minus drei Prozent - Berlin rechnet mit einer schweren Rezession; Frankfurter Allgemeine Zeitung 16.12.2008



 
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