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Dossier: Hände weg von China! // Die VR China und die Einflußversuche des dt. Imperialismus
alle Artikel aus dem Dossier HĂ€nde weg von China!
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Die Volksrepublik China beschĂ€ftigt die Bourgeoisie hierzulande. Zu jĂŒngst zwei AnlĂ€ssen ĂŒberschlugen sich die bĂŒrgerlichen Medien der BRD regelrecht, was die Hetze gegen das bevölkerungsreichste Land der Erde angeht: zum Einen war dies der Dalai-Lama-Besuch samt Empfang durch Bundeskanzlerin Merkel Ende letzten Jahres, zum Anderen ist es die kommende Olympiade, die in diesem Jahr in Beijing abgehalten werden wird: zeitlich passend zu diesem nicht nur sportlichen, sondern auch politischen Großereignis brachen Mitte MĂ€rz in Lhasa, der Hauptstadt der chinesischen autonomen Region Tibet, „Unruhen“ aus, die zu einer Debatte ĂŒber einen möglichen Boykott der Olympiade fĂŒhrten und wieder einmal die Separatisten um den Dalai Lama ins Rampenlicht der bĂŒrgerlichen Medien brachten.

Auch uns Kommunisten beschĂ€ftigt China. Das chinesische Volk, das sich aus halbkolonialer UnterdrĂŒckung befreit und den japanischen Faschismus besiegte; das dann die eigne Bourgeoisie verjagt hat und den Kampf gegen bĂŒrgerliche Strömungen innerhalb der Partei und des Staatsapparates fĂŒhrte, um die FrĂŒchte seines Kampfes zu retten; dieses Volk, das der konterrevolutionĂ€ren Zerschlagung des Staatsapparates widerstanden hat, ist ein Stachel in den WeltbeherrschungsplĂ€nen der Monopolbourgeoisie weltweit. FĂŒr die Eigner von BASF, VW, Deutsche Bank, ThyssenKrupp, Allianz ..., seit der Öffnung des Landes fĂŒr auslĂ€ndisches Kapital dort alle lĂ€ngst vertreten, geht es gleichzeitig auch um etwas anderes. Ein Markt – in anderen Kategorien kann das Kapitalistenhirn nicht denken – mit ĂŒber einer Milliarde Menschen und seit 2 Jahrzehnten Wachstumszahlen der chinesischen Wirtschaft von jĂ€hrlich ĂŒber 8 Prozent, darf nicht der Konkurrenz aus den USA, Japan oder Europa ĂŒberlassen werden. Schon gar nicht – da sind sie sich mit ihren Konkurrenten wieder einig – darf der von den chinesischen Arbeitern, Bauern und anderen WerktĂ€tigen erarbeitete Reichtum diesen selbst gehören. Mitzumischen bei dem Bestreben der Monopolbourgeoisie weltweit, auch dieses Land in die Knie zu zwingen und wieder ihren KapitalverwertungsbedĂŒrfnissen unterzuordnen und im Kampf um die Vorherrschaft auf der Welt dabei einen möglichst großen Happen fĂŒr sich selbst abzustecken – das ist es, was die deutsche Monopolbourgeoisie in alter Tradition umtreibt. DafĂŒr werden alle Register der „friedlichen“ Infiltration gezogen, Politiker, Diplomaten, Stiftungen, Institute, Menschenrechtsvereine, ins Rennen geschickt – die offene militĂ€rische Gewalt als Drohung stets im Hintergrund. Wie das im Einzelnen und exemplarisch geschieht, ist Thema dieses Artikels. Hierzulande ziehen die bĂŒrgerlichen Medien alle Register, um Verwirrung und Resignation zu stiften und die Alternativlosigkeit zum Kapitalismus weiter in die Hirne der Arbeiter einzubrennen. Jeder Gedanke an SolidaritĂ€t mit der VR China soll damit möglichst schon im Keime erstickt werden.

Volksrepublik China:
- FlĂ€che: 9 571 302 kmÂČ
- Bevölkerung: 1 321 000 000 Einwohner
- Bevölkerungsdichte: 137,6 Einwohner pro kmÂČ
- 56 NationalitÀten (91,6% sind Han-Chinesen, die nationale Minderheit der Tibeter folgt mit 5 416 021 Menschen an 10. Stelle).
- 23 Provinzen, fĂŒnf autonome Gebiete, vier regierungsunmittelbare StĂ€dte und zwei Sonderverwaltungszonen. Die Zugehörigkeit von Teilen Kashmirs sowie der Verlauf der indisch-chinesischen Grenze (von Indien wird die von britischen Imperialisten gezogene sog. McMahon-Linie als Grenze beansprucht, die VR China erkennt diese Grenze nicht an) sind nach wie vor umstritten [in unserer Karte die beiden kleineren, an die AR Tibet grenzenden Gebiete]. Die Provinz Taiwan befindet sich derzeit, trotz international anerkannter Zugehörigkeit zu China, unter fremder Verwaltung [die völkerrechtlich nicht anerkannte sog. „Republik China“].

Autonome Region Tibet:
- FlĂ€che 1 228 400 kmÂČ (12,8% der FlĂ€che Chinas)
- Bevölkerung: 2 630 000 Einwohner (1,9% der Bevölkerung Chinas)
- Bevölkerungsdichte: 2,2 Einwohner pro kmÂČ
- In der Autonomen Region Tibet sind 92,8% der Bevölkerung Tibeter.
Dass sich die bĂŒrgerlichen Ideologen und Meinungsmacher dabei ununterbrochen selbst widersprechen, stört ihre Auftraggeber nicht weiter. Es darf sie auch gar nicht stören, sind diese WidersprĂŒche doch eine Widerspiegelung der Wirklichkeit ihres so hoch gelobten „Endes der Geschichte“. Da wird ein „Manchester-Kapitalismus“ oder „Raubtierkapitalismus“ in China angeprangert und gleichzeitig noch mehr Kapitalismus gefordert. Nur ein Beispiel: Ein Kommentator lĂ€sst sich in der SĂŒddeutschen Zeitung ĂŒber das neue Eigentumsrecht in der VR China aus und beklagt: „Die luxuriösen Villen in der Shanghaier Altstadt erfahren kĂŒnftig den gleichen Schutz wie die LehmhĂŒtten der verarmten Landbevölkerung. Die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung kontrollieren ĂŒber 40 Prozent des Vermögens.“ (SZ 3./4.3.2007) Die Botschaft ist klar: Schaut, wohin der Sozialismus fĂŒhrt, welch ungerechte ZustĂ€nde in China herrschen. Da braucht es uns, unsere Zivilisation! Die „luxuriösen Villen“ kennen wir dabei ja schon aus der Propaganda gegen die DDR – Stichwort „Wandlitz“. Damals waren es die Villen der ParteifunktionĂ€re, die sich bald als mittelmĂ€ĂŸige EinfamilienhĂ€user herausstellten.
Doch unabhĂ€ngig davon, was an diesem Beispiel stimmt, Halbwahrheit oder glatte LĂŒge ist, gelogen wird auf jeden Fall: Durch Herausreißen aus dem Zusammenhang, durch Negieren der geschichtlichen Entwicklung, durch Verschweigen. Z.B. dessen, dass wesentliche Teile der Produktionsmittel in der VR China nach wie vor Staats- oder Kollektiveigentum sind und eben nicht im Besitz der „reichsten zehn Prozent“. Gelogen wird selbstverstĂ€ndlich auch, was die „Segnungen der Zivilisation“ hier betrifft – auch durch Verschweigen. So verschweigt der Kommentar z.B., was zwei Wochen spĂ€ter in der gleichen Zeitung stand, dass das „neue Gesetz ... in weiten Teilen dem deutschen Modell (folgt). Deutsche Rechtsexperten hatten die Chinesen seit mehreren Jahren intensiv beraten“ (SZ 17./18.3.07), ob das nun stimmt oder purer GrĂ¶ĂŸenwahn ist – der Widerspruch bleibt, dass hier als „Modell“ hingestellt wird, was dort als „ungerechte ZustĂ€nde“ angeprangert wird. Auch kein Wort davon, dass das ja gerade die bĂŒrgerliche Freiheit und Gleichheit ist, das berĂŒhmt berĂŒchtigte Menschenrecht, dass Kapitalist und Arbeiter vor dem Gesetz gleich sind, jedem sein Recht auf Eigentum. Den Monopolherren hier, diesem winzigen Bruchteil der Bevölkerung, das Recht auf den Besitz des grĂ¶ĂŸten Teils des Reichtums in diesem Lande und weit darĂŒber hinaus – dem Arbeiter Hartz IV, aber erst nachdem er seine Spargroschen aufgegessen hat. Von all dem will unser Kommentator nichts wissen, sondern unbeleckt von WidersprĂŒchen schlussfolgern: „Marktwirtschaft und Kommunismus lassen sich nicht vermĂ€hlen. Peking muss sich entscheiden. Investitionen aus dem In- und Ausland verlangen Sicherheit. Die Verabschiedung des Eigentumsrechts ist ein Schritt in die richtige Richtung. Doch es kann nur der erste sein.“ (SZ 3./4.3.2007) Es wird den Herrschaften kein Schritt reichen, bis nicht die nackte Konterrevolution auch in der VR China den gesamten Staatsapparat und die EigentumsverhĂ€ltnisse zu ihren Gunsten umgestĂŒlpt hat und damit alle hart erkĂ€mpften Errungenschaften der chinesischen Bauern und Arbeiter, alle sozialistischen VerhĂ€ltnisse mit Stumpf und Stiel in den Boden getreten sind. Bis also auch uns, der Arbeiterklasse und den unterdrĂŒckten Völkern weltweit eine weitere empfindliche Niederlage zugefĂŒgt worden ist.
Noch ein Beispiel, diesmal aus der Frankfurter Rundschau. Nachdem dieser Schreiberling alle antikommunistischen Parolen zusammengedrĂ€ngt auf kĂŒrzestem Platz von sich lĂ€sst, dann demagogisch fragt, was denn an China noch sozialistisch sein soll, lobt er die chinesische FĂŒhrung. Sie wĂŒsste durchaus um die MissstĂ€nde und auch die Gesetzesvorhaben seien richtig, aber sie könne sich nicht durchsetzen. „In den Provinzen regiert ein ungezĂŒgelter Raubtierkapitalismus. Die gleichen Kader, die die Umwelt schĂŒtzen sollen, sind Mitbesitzer der Fabriken. FĂŒr jeden korrupten Beamten, der vor ein Disziplinargericht gebracht wird, kommen zwei ebenso bestechliche nach“ (FR 17.3.07) höhnt dieser journalistische Vertreter eines Landes, in dem sich eine KorruptionsaffĂ€re an die andere reiht. Wehe jedoch, wenn die chinesische FĂŒhrung oder Teile von ihr ob einer solchen (behaupteten) Situation auf Erfahrungen der chinesischen Revolution zurĂŒckgreifen wĂŒrde. Wenn sie die Arbeiter und Bauern aufrufen wĂŒrde den Kampf gegen die Feinde in die eigenen HĂ€nde zu nehmen, um die Revolution zu schĂŒtzen. Ein Aufschrei ginge durch die BRD. „Terror“ wĂŒrde uns aus jeder Zeitung entgegenstarren. Die Regierung wĂŒrde Boykottmaßnahmen mit den Konkurrenten beraten, mit Isolation und schließlich mit MilitĂ€r und Barbarei drohen – im Namen der Menschenrechte und der Zivilisation, versteht sich.

Nein, Klassenkampf darf es nicht geben, nicht hier und nicht in einem sozialistischen Land, damit die Bourgeoisie ihn hier wie dort möglichst ungestört fĂŒhren kann. Und sollten die KonterrevolutionĂ€re in China schließlich siegen, stehen die ehrenwerten Monopolherren von BASF, Deutsche Bank, Siemens, VW usw., alle selbstverstĂ€ndlich keine Raubtierkapitalisten, sondern verantwortungsvolle Menschenrechtsverteidiger, im Kampf um die Beute schon bereit. Jetzt ermunterte bĂŒrgerliche KrĂ€fte in China dĂŒrfen dann auch wieder enteignet werden – der „freie Wettbewerb“, die „KrĂ€fte des Marktes“, sprich die Macht der Monopole wird schon dafĂŒr sorgen. Sollten ihnen staatliche Schutzmaßnahmen in den Weg gelegt werden, ist das Menschenrecht wieder in Gefahr...

Lassen wir uns durch die bĂŒrgerliche GehirnwĂ€sche nicht irre machen, verteidigen wir das sozialistische China, die chinesische Revolution – unsere eigene Sache! Wer – wen ist auch in China letztendlich eine Frage der internationalen KrĂ€fteverhĂ€ltnisse zwischen der Arbeiterklasse und der Bourgeoisie und damit nicht unwesentlich, wie die Geschichte zeigt, auch eine Frage des Kampfes der Arbeiterklasse hier gegen den deutschen Imperialismus.
Nicht nur, aber insbesondere auch aufgrund der jĂŒngsten aktuellen AnlĂ€sse soll im Folgenden versucht werden, die HintergrĂŒnde und Traditionen deutscher imperialistischer Geopolitik in China aufzuzeigen. Nicht die „unterdrĂŒckten Tibeter“, nicht die „chinesischen Dissidenten“ unter der Knute des „Pekinger Regimes“, sondern keineswegs neue geostrategische und ökonomische Interessen rĂŒcken China in den deutschen Fokus. Beim dritten Anlauf Deutschlands um die weltweite Hegemonie ist das sozialistische China eines der Hauptziele – und eines der grĂ¶ĂŸten Hindernisse.

Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, exemplarische politische, militĂ€rische und diplomatische Methoden, mit deren Hilfe die BRD – und ihre staatlichen VorgĂ€nger – das „Problem China“ in den Griff zu bekommen gedachten, zu skizzieren. Der imperialistische Staat, das Instrument der Kapitalisten zur Durchsetzung ihrer Interessen nach Innen und Außen, versucht im Interesse der Profitmaximierung seiner Auftraggeber die Rahmenbedingungen fĂŒr weltweite Hegemonie zu schaffen. Der Versuch, sich vom großen chinesischen Kuchen ein StĂŒck abzuschneiden, wĂ€re nicht der erste.


„the Germans to the front“

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nationalistische Ansichtskarten aus dem „Schutzgebiet Kiautschou“ anlÀsslich des sog. „Boxeraufstandes“ im Jahre 1900: unten: „Zu wahren Deutschlands Macht und Ehr’, zieh’n wir nach China ĂƒÂŒber’s Meer!“ oben: „Der Krieg in China. Li-Hung-Tschang, ĂƒÂŒberleg dir’s gut, Bring uns Deutsche nicht in Wuth, Denn wir Deutsche wir versteh’n Keinen Spass – das wirst Du seh’n!“
„Der Aufruhr der Boxer ist in den letzten Tagen immer mehr zu einer Gesamterhebung Chinas gegen die fremden MĂ€chte geworden, er hat sich mit ungeahnter Raschheit ĂŒber alle Teile des gar nicht so himmlischen Reiches verbreitet. Vor allem aber ist die Gefahr fĂŒr die in Peking befindlichen AuslĂ€nder eine so furchtbare geworden, dass sie in nĂ€chster Stunde zum schrecklichen Ereignis zu werden droht“, schreibt die „Berliner Morgenpost“ am 16. Juni 1900. Kaiser Wilhelm der Letzte erklĂ€rt 18 Tage spĂ€ter: „Die deutsche Fahne ist beleidigt und dem Deutschen Reiche Hohn gesprochen worden. Das verlangt exemplarische Bestrafung und Rache.“1

Der „Beleidigung der deutschen Fahne“ vorausgegangen war der „Yihetuan-Aufstand“ (der so genannte „Boxeraufstand“). Mitglieder des „Yihetuan“-Bundes2 , einer antiimperialistischen und antifeudalistischen Gruppierung unter hauptsĂ€chlicher Beteiligung von Bauern, rebellierten gegen den kolonialen Ausverkauf des Landes durch die korrupte und heruntergewirtschaftete Qing-Dynastie unter der De-facto-Herrscherin Cixi (die „Kaiserin-Witwe“), die der militĂ€rischen Agression der imperialistischen MĂ€chte England, Russland, Frankreich, Deutschland, USA und Japan nichts entgegen setzte. Im Sommer 1900 hatten die Yihetuan-KĂ€mpfer die Kontrolle ĂŒber fast ganz Beijing. Die Bewegung breitete sich rasch nach Shanxi, Henan, der inneren Mongolei und Nordostchina aus; die Yihetuan-Bewegung wurde zu einem landesweiten Kampf gegen den Imperialismus, deren bevorzugte Ziele zunĂ€chst christliche Kirchen und Missionare, die ideologischen BĂŒttel des kolonialen Imperialismus, wurden.

Drei Jahre zuvor, im November 1897, hatte das deutsche Kaiserreich die Jiaozhou-Bucht in Shandong okkupiert. Dem deutschen Imperialismus gelang es damit, verspĂ€tet auch in China Fuß zu fassen; im Gegensatz zu den allermeisten anderen kolonialisierten LĂ€ndern war China trotz der beiden „Opiumkriege“3 noch nicht vollstĂ€ndig zerstĂŒckelt und aufgeteilt worden. Somit begannen alle imperialistischen MĂ€chte im Wettlauf, einen möglichst großen Teil Chinas unter Kontrolle zu bringen.
Seit Mitte der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts drĂ€ngten Kapitalkreise die deutsche Reichsregierung, einen MarinestĂŒtzpunkt an der chinesischen KĂŒste zu errichten, um von dieser Ausgangsbasis China aufrollen zu können; die Wahl fiel auf die strategisch gĂŒnstig gelegene Jiaozhou-Bucht („Kiautschou“). Als Anlass fĂŒr die Aggression wurde die Ermordung zweier deutscher Missionare durch Chinesen genommen. Am 14. November 1897 landete ein 720 Mann starkes Landungskommando mit drei Kampfschiffen in der Bucht und erzwang mit der Drohung, die Hafenstadt Qingdao („Tsingtau“) zusammenzuschießen, den Abzug der chinesischen Garnison. Einen Monat spĂ€ter traf kaiserliche TruppenverstĂ€rkung ein; im MĂ€rz 1898 zwang die deutsche Reichsregierung die chinesischen Qing-Herrscher im sog. „Kiaotschou-Vertrag“ zur Abtretung eines 515 Quadratkilometer großen Gebietes – in der Sprache der Imperialisten ein „Pachtvertrag“ fĂŒr „99 Jahre“. „Der Griff des deutschen Imperialismus nach Kiaotschou löst ein erbittertes Ringen fast aller imperialistischen MĂ€chte um die Aufteilung Chinas aus, und China geriet immer mehr in eine politische und wirtschaftliche AbhĂ€ngigkeit von den imperialistischen MĂ€chten. Das chinesische Volk beantwortete diesen Raubzug jedoch mit dem machtvollen Yihetuan-Aufstand.“4

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Titelblatt einer BroschĂƒÂŒre, die vom Internationalen Sekretariat der Liga gegen Imperialismus herausgegeben wurde, Berlin 1932.
Nur drei Jahre nach Besetzung der Jiaozhou-Bucht droht der Volksaufstand der Yihetuan die koloniale Beute zunichte zu machen – der Tod des deutschen Gesandten von Ketteler wĂ€hrend des Yihetuan-Aufstandes in Beijing dient der deutschen FĂŒhrung zur propagandistischen Untermauerung ihrer Invasion. Die Qing-Herrscherin Cixi versuchte, den zunĂ€chst erfolgreich verlaufenden Aufstand fĂŒr sich zu vereinnahmen; die Yihetuan-Organisation wurde als legal anerkannt. Um die chinesischen BesitztĂŒmer vor der vollstĂ€ndigen Eroberung durch die immer mehr erstarkende Yihetuan-Bewegung zu retten, schiffte sich ein internationales Expeditionskorps unter dem britischen Admiral Seymour nach China ein – zunĂ€chst zusammengesetzt aus 300 EnglĂ€ndern, 112 Ă°ÂČ—&VĂ°ÂČ—&Vܖ&VĂ°~—&VXÂł—&VÂł—&V@Âł—&Vutsche Abteilungen, letztere mit 350 Soldaten, dazu. Admiral Seymour war jedoch kein KriegsglĂŒck beschieden: Am 21. Juni treiben Yihetuan-KĂ€mpfer und regulĂ€re chinesische Truppen das Expeditionskorps in die Enge.

Nun jedoch schlĂ€gt die Stunde der Deutschen. Admiral Seymour gibt das Kommando an KapitĂ€n von Usedom, der mit vier Kompanien das Korps befreit: „the Germans to the front“. Unter dem Eindruck des militĂ€rischen Erfolgs der Interventen ließ die Qing-Herrschaft von ihrer UnterstĂŒtzung fĂŒr die Yihetuan ab und schickte gar regulĂ€re chinesische Soldaten auf Seiten der Angreifer mit in den Kampf. Bis zum 14. August hatten sich die Truppen gegen den blutigen und heldenhaften Widerstand der Yihetuan bis nach Beijing vorgekĂ€mpft; die Stadt wurde drei Tage lang geplĂŒndert und teilweise niedergebrannt. Die „Ehre der deutschen Fahne“ war wieder hergestellt. Auf deutsche Methode.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs, am 7. November 1914, wurde die damalige deutsche Kolonie Qingdao nach 3 Monaten Belagerung durch japanische Truppen besetzt. 5.000 deutsche Soldaten konnten gegen die Übermacht von 30.000 Japanern nichts ausrichten; das deutsche Ostasiengeschwader floh in den Pazifik, die deutsche Garnison ging in japanische Kriegsgefangenschaft. Mit der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg 1918, dem durch den Versailler Vertrag festgelegten Verlust sĂ€mtlicher deutscher Kolonien und der drastischen Verkleinerung der deutschen Armee war der Traum vom mit Bajonetten errichteten deutschen Weltreich zunĂ€chst vorbei. Bis nach Ostasien sollten deutsche Soldaten nie wieder kommen.


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SolidaritÀtsdemonstration fĂƒÂŒr die Sowjetunion und die chinesische Revolution, Dresden 1927
Mit dem raschen Ende der deutschen kolonialen Expansion nach China waren neue Strategien erforderlich, um dort gegen die bereits etablierten Konkurrenten zum Zuge zu kommen: Großbritannien hatte Indien in der Hand, operierte mit MilitĂ€r im chinesischen Kernland und arbeitete dort bei der Aufteilung des riesigen Landes mit Frankreich, das mit der damaligen Kolonie „Indochina“ (Vietnam, Kambodscha, Laos) an der sĂŒdlichen Grenze Chinas einen militĂ€rischen Posten innehatte, zusammen. Russland war nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution aus dem Wettrennen ausgeschieden und hatte, zu Sowjetzeiten, gar besetzte Gebiete gerĂ€umt – dafĂŒr aber eine große gemeinsame Grenze mit China und der verbĂŒndeten Mongolischen Volksrepublik, was das Land fĂŒr die Imperialisten noch attraktiver machte. Hinzugekommen waren neue imperialistische Mitspieler: die Japaner, die seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts einen immer aggressiver werdenden Kurs gegen China einschlugen, hatten den Deutschen die Kolonie Qingdao abgenommen und rĂŒsteten fĂŒr eine militĂ€rische Intervention im chinesischen Kernland, die in den dreißiger Jahren beginnen sollte. Und die USA, die sich aus militĂ€rischen ScharmĂŒtzeln weitestgehend hinaushielten, aber dennoch begehrlich nach Asien schielten: spĂ€testens mit der beginnenden Konfrontation mit Japan sollte China fĂŒr die USA der erste Austragungsort fĂŒr die zwischenimperialistischen WidersprĂŒche mit Japan werden.

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„Der Feind steht im eigenen Land!“ Aus einem Flugblatt des KJVD.
In China selbst herrschte Chaos. Die bĂŒrgerliche Revolution unter Dr. Sun Yat-Sen, die in den Jahren 1911/12 den Sturz der letzten chinesischen Kaiserdynastie, der Qing, vermochte, war stecken geblieben und an der kompletten Befreiung des Landes gescheitert; nicht nur KĂ€mpfe mit verschiedenen Warlords5 , die einzelne Teile des Landes unter ihre Kontrolle brachten, sondern auch interne Streitigkeiten schwĂ€chten und zerstörten schließlich die bĂŒrgerlich-demokratische Befreiungsbewegung Chinas: Nach Dr. Sun Yat-Sens Tod 1925 Ă€nderte sein Nachfolger Chiang Kai-shek6 den Kurs, brach mit der 1922 gegrĂŒndeten und bis dahin gemeinsam mit der chinesischen nationalen Bourgeoisie um nationale UnabhĂ€ngigkeit kĂ€mpfenden Kommunistischen Partei Chinas und ließ sich mit verschiedenen Imperialisten ein. Aus der nationalen Befreiungsbewegung war ein Instrument der Kompradoren geworden; die FĂŒhrung im nationalen Befreiungskampf ging an die Arbeiterklasse ĂŒber, die unter FĂŒhrung des Genossen Mao Zedong ihre Kommunistische Partei und Volksbefreiungsarmee in verschiedenen KĂ€mpfen stĂ€hlen, in aufreibenden MĂ€rschen durch das gesamte Land konsolidieren und ganze Landstriche Chinas unter die Kontrolle des Volkes bringen konnte. Dies brachte ihnen die Todfeindschaft der auslĂ€ndischen wie inlĂ€ndischen ReaktionĂ€re ein.

Deutschland und China zwischen 1927 und 1938/39

Nach dem Scheitern der kolonialen VorstĂ¶ĂŸe Deutschlands in das Herz Chinas und der Niederlage im Ersten Weltkrieg – mit allen damit verbundenen Folgen, insb. dem Versailler Vertrag – wurde die neu entstandene Weimarer Republik gezwungen, die Republik China als gleichrangiges Land anzuerkennen und sĂ€mtliche einst mit Gewalt erpressten Sonderrechte gegenĂŒber China aufzugeben. Doch die weltpolitisch isolierte Lage Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg machte es verschiedenen LĂ€ndern – wie beispielsweise auch der jungen Sowjetunion mit den sog. „Rapallo-VertrĂ€gen“ – möglich, von den zwischenimperialistischen WidersprĂŒchen zu profitieren: die junge chinesische Republik nahm nicht nur enge Kontakte zur UdSSR auf, sondern versuchte auch die SchwĂ€chung und BĂŒndnisbereitschaft Deutschlands zu nutzen, um von deutschem Know-How, insbesondere im militĂ€rischen Bereich, zu profitieren. 1928, drei Jahre nach dem Tod Dr. Sun Yat-Sens, kam es schließlich zu einer offiziellen deutschen Beraterschaft, die sich in der Stadt Nanjing niederließ.

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„AufstÀnde, Streiks, Meuterei in China“, Die Rote Fahne, 20 Juli 1929
1927 brach der neue Machthaber der Guomindang, Chiang Kai-shek, mit der einst verbĂŒndeten Sowjetunion und begann in China einen Ausrottungsfeldzug gegen die Kommunisten. Damit verbunden war der RĂŒckzug der bis dahin in China tĂ€tigen sowjetischen MilitĂ€rberater; ihren Platz nahmen nun die deutschen Gesandten ein. Max Bauer, einstige rechte Hand des deutschen MilitĂ€rs Erich Ludendorff und spĂ€ter prominenter Teilnehmer des Kapp-Putsches, fand wĂ€hrend einer von deutschen Industriellen anberaumten Inspektionsreise durch China Kontakt zu Chiang Kai-shek und freundete sich mit diesem an; er wurde von chinesischer Seite wie von Kreisen deutscher Industrieller beauftragt, die Auswahl der militĂ€rischen und zivilen Berater zu treffen, die nach China entsandt werden sollten. Bauer verstarb im Jahre 1929, als er sich wĂ€hrend seiner Teilnahme am Feldzug der Nationalisten gegen die Rebellen in Guangxi eine Pockeninfektion zuzog.7
Auch die deutsche Monopolbourgeoisie hatte den unerschöpflich scheinenden chinesischen Markt wieder stĂ€rker im Blick: 1930 bereiste eine Sonderkommission des Reichsverbandes der Deutschen Industrie drei Monate lang China. Als Teilnehmer dieser Delegation fanden sich Vertreter des Maschinenbaus, der Elektro- und Stahlindustrie und auch der PrĂ€sident der deutschen Reichsbank. Zeitgleich zur China-Reise der Industriellen ĂŒbernahm die ReichswehrfĂŒhrung offiziell die Beraterschaft in China und entsandte mit Georg Wetzell einen General der Reichswehr im Ruhestand als Oberhaupt der Beratergruppe nach Nanjing. Unter Wetzell, im Ersten Weltkrieg unter Ludendorff Chef der Operationsabteilung, erreichte die deutsche Beratergruppe ihre grĂ¶ĂŸte Ausdehnung: 77 ehemalige deutsche MilitĂ€rs waren direkt beim Umbau der Guomindang-Armee oder als Lehrende an MilitĂ€rakademien tĂ€tig. Chiang Kai-shek, der sich zu dieser Zeit nahezu ausschließlich auf die deutschen Berater verließ, wurde immer mehr von deren Wirken und UnterstĂŒtzung abhĂ€ngig: Deutsche Hilfe wurde fĂŒr die Diktatur der Guomindang wie auch fĂŒr Chiangs persönliches Regime zur Überlebensfrage.8

Nicht nur die deutschen Imperialisten, sondern auch die deutsche Arbeiterklasse interessierte sich fĂŒr China – aus SolidaritĂ€t mit der Revolution der chinesischen KlassenbrĂŒder. Das immer mehr erstarkende Engagement deutscher Wirtschaftskreise und MilitĂ€rs fĂŒhrte zu massiven Protesten der organisierten Arbeiterschaft bis hin zu Sabotageaktionen der Werft- und Hafenarbeiter gegen Waffenverschickungen nach Fernost; die Kommunistische Partei Deutschlands mobilisierte zur groß angelegten Kampagne „HĂ€nde weg von China“. Das Zentralorgan der KPD, die „Rote Fahne“, sowie die kommunistische Illustrierte „AIZ“ („Arbeiter-Illustrierte Zeitung“) versorgten die damals mehrere Millionen zĂ€hlende Leserschaft mit aktuellen Berichten aus dem revolutionĂ€ren China. Insbesondere mit dem als „Kantoner Kommune“ bekannt gewordenen Aufstand in Guangzhou im Jahre 1927 ĂŒbten deutsche Kommunisten proletarische SolidaritĂ€t; auch ĂŒber die GrĂ€ueltaten der Nationalisten, begangen nach PlĂ€nen und mit Waffen des deutschen MilitĂ€rs wurde breit berichtet. Bei verschiedenen Kongressen und Veranstaltungen kam es zur VerbrĂŒderung chinesischer, sowjetischer und deutscher Genossen. Proletarischer Internationalismus – fĂŒr die KPD und ihren Vorsitzenden, Genossen Ernst ThĂ€lmann, keine leere Floskel.

Die MachtĂŒbertragung an die deutschen Faschisten Ă€nderte nichts an den Konzeptionen der deutschen China-Politik, sondern beschleunigte die Entwicklung gar noch: Insbesondere durch die Kommunistische Partei Chinas und ihre befreiten Gebiete war Chiangs Herrschaft, und damit auch der deutsche Einfluss, konstant gefĂ€hrdet – die KP Chinas konnte verschiedene Provinzen unter ihre Kontrolle bringen, errichtete dort eine RĂ€teherrschaft und schickte sich an, ganze Teile Chinas zu befreien. Chiang reagierte – auf deutschen Vorschlag – mit militĂ€rischer Eskalation: General Wetzell ersann eine Strategie befestigter StĂŒtzpunkte, schlug die standrechtliche Erschießung sĂ€mtlicher habhaft gewordener Kommunisten vor9 und spielte bei allen fĂŒnf von Chiang Kai-shek durchgefĂŒhrten „Umkreisungs- und VernichtungsfeldzĂŒgen“ gegen die Kommunistische Partei Chinas eine herausragende Rolle. China sollte, so die Überlegung bedeutender deutscher MilitĂ€rs und Industrieller, zu einem antikommunistischen Bollwerk ausgebaut werden. Noch vor dem Pakt mit dem faschistischen Japan schloss Deutschland 1936 einen Anleihevertrag mit China, der von Seiten der deutschen Industrie und Wehrmacht seit 1933 gefordert wurde.10 Auf Einladung Chiang Kai-shek ĂŒbernahm der prominente deutsche General Hans von Seeckt – einstiger Chef der Reichswehr und nun im Ruhestand – die deutsche MilitĂ€rberaterschaft, erwarb sich wie seine VorgĂ€nger Bauer und Wetzell das besondere Vertrauen Chiangs und war sogar berechtigt, im Namen des Marschalls eigenstĂ€ndig Befehle zu erteilen.
Die Deutschen machten sich den autoritĂ€ren Herrschaftsstil Chiangs zu Nutze, ermunterten ihn zu hartem Durchgreifen gegen Oppositionelle und Kommunisten und erarbeiteten nach 1933 gar einen Plan fĂŒr eine Umwandlung der Republik in eine offen faschistische Diktatur: auf deutsches Geheiß wurde 1934 eine faschistische Bewegung namens „Neues Leben“ aus der Taufe gehoben. Das Scheitern der hochtrabenden deutschen PlĂ€ne an den gesellschaftlichen RealitĂ€ten Chinas steht allerdings auf einem anderen Blatt: die chinesischen Faschisten, die so genannten „Blauhemden“, endeten als persönliches Terrorinstrument Chiang Kai-sheks gegen politische Konkurrenten.11

Das Hauptinteresse der Beraterschaft unter von Seeckt war jedoch weniger ideologischer, sondern in erster Linie wirtschaftlicher Natur: der Gesandtschaftsleiter erreichte ein Tauschhandelsabkommen, die Umwandlung des deutsch-chinesischen Tauschhandels in Staatsmonopole auf beiden Seiten und einen Kredit des Reichswirtschaftsministeriums ĂŒber 100 Millionen Reichsmark – mit dem Ergebnis eines enormen Aufschwungs deutscher Waffenexporte: 1937 gingen 37 Prozent der deutschen Waffenexporte nach China.12 Andere deutsche Wirtschaftsbereiche zogen nach: das riesige Chemiekonglomerat IG Farben erwarb ein Monopol in China, die AEG drĂ€ngten auf den Markt, und Siemens konnte seine seit der Kolonialzeit bestehenden Verbindungen nach China erfolgreich reaktivieren und ausbauen.13 Stand Deutschland 1932 noch an fĂŒnfter Stelle der chinesischen Importe, nahm es 1937 bereits den zweiten Platz mit 17 Prozent der gesamten chinesischen Einfuhr ein – nur ĂŒbertroffen durch die USA. Andersherum importierte Deutschland 1937 72 Prozent seines Wolfram-Bedarfs aus China – dieses Metall ist insbesondere fĂŒr die militĂ€risch wichtige Produktion von hochwertigem Stahl bedeutsam und in Deutschland nicht natĂŒrlich vorhanden.

„China ist fĂŒr die Deutschen wie ein offenes Buch“

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Deutsche Schmach in Asien: Soldaten der Guomindang in Uniformen der faschistischen Wehrmacht.
Zu dieser Erkenntnis gelangt im Jahre 1935 der Bericht einer englischen Handelsmission14. Doch zur Wende in den bis dahin fĂŒr Deutschland gĂŒnstig verlaufenden Beziehungen zu China und zum Abbruch der deutschen China-Strategie kommt es, als das verbĂŒndete faschistische Japan seine Aggression gegen China steigert und 1937 direkte kriegerische AktivitĂ€ten entwickelt: hatte der damalige Leiter der Beraterschaft, der deutsche General Alexander von Falkenhausen, noch auf Seiten der Chinesen an strategischen VerteidigungsplĂ€nen fĂŒr die Schlacht um Shanghai und Nanjing mitgewirkt, stellte die deutsche Regierung nun aufgrund scharfer Proteste Japans die offiziellen RĂŒstungsverkĂ€ufe an China ein. Immerhin bis 1939 gelang es jedoch, mehr oder weniger heimlich einen florierenden Handel mit China aufrecht zu erhalten; noch bis 1939 bezog Deutschland beispielsweise 50 Prozent seines Wolframbedarfs aus China.15 Doch die Weichen sind gestellt:

Mit der deutschen Anerkennung des von Japan geformten Marionettenstaates „Manschukuo“ und dem Abzug der deutschen MilitĂ€rberater im Sommer 1938 endete die Beraterschaft Deutschlands in China formell; als die deutsche Regierung endgĂŒltig den von Japan ausgehaltenen Marionettenherrscher Wang Jing-wei anerkannte, brach Chiang Kai-shek 1941 auch die diplomatischen Beziehungen mit dem deutschen Reich ab. Deutschland hatte sich eindeutig auf die Seite des verbĂŒndeten faschistischen Japan gestellt und zog sich aus Ostasien zurĂŒck, um beim Kampf in Europa alle KrĂ€fte zur Unterjochung der NachbarlĂ€nder frei zu machen. Eine zunĂ€chst außerordentlich erfolgreich erscheinende Beziehung faschistisches Deutschland – nationalistische Republik China ging damit zu Ende.


Das Ringen um die Zerschlagung Chinas nahm einen erneuten Aufschwung, als das faschistische Japan mit der Invasion begann. Chiang Kai-shek, sĂ€mtlicher VerbĂŒndeter verlustig gegangen, versuchte den Widerstand gegen die japanische Intervention so gering wie möglich zu halten und sich statt dessen lieber der Kommunisten zu entledigen16. Die USA, ebenfalls mit Japan im Kriegszustand, nahmen Chiangs Regime als neuer Komprador unter ihre Fittiche.
Japan gelang es, die chinesische Mandschurei abzutrennen17 und eine Gegenregierung zu Chiang Kai-sheks Nationalisten unter Wang Jing-wei in den besetzten Gebieten zu installieren. Frankreich und Großbritannien hielten in verschiedenen chinesischen GroßstĂ€dten ganze Stadtteile in ihrer Gewalt und wandelten diese als „EuropĂ€erviertel“ in StĂŒtzpunkte zu weiterer ökonomischer und militĂ€rischer Aggression ins Kernland um. Großbritannien hatte obendrein die Halbinsel Hongkong als direkte Kolonie in Besitz und interessierte sich ganz besonders fĂŒr eine weitere Provinz Chinas, die nur schwer erreichbar war und zudem kulturell besonders einfach zur Abspaltung bewegbar schien – und obendrein als militĂ€risch uneinnehmbar galt und gĂŒnstig an der Grenze zu Britisch-Indien lag: Tibet. Nur der deutsche Imperialismus, dessen Expansion auch nach China so hoffnungsvoll begonnen hatte, war vorerst nicht mehr dabei.


Anmerkungen:
1 Berliner Morgenpost, 04.07.1900
2 Der Bund ging aus der ehemaligen Geheimgesellschaft „Yihequan“ („Faust der Gerechtigkeit und Harmonie“) hervor, die bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts bestand und von Bauern der Provinz Shandong begrĂŒndet wurde. Mit religiöser Ideologie und Aufstandsversuchen wurde zunĂ€chst die Qing-Herrschaft bekĂ€mpft; immer stĂ€rker auch der auslĂ€ndische Einfluss, insb. ĂŒber christliche Missionare. Im Jahr 1899 wandelte sich der Geheimbund in eine offene Massenorganisation um und hieß von nun an „Yihetuan“ (bedeutet wörtlich „Verband fĂŒr Recht und Harmonie“).
3 Der Erste Opiumkrieg (1839-42) zwischen Großbritannien und dem Kaiserreich China der Qing-Dynastie. Als Ergebnis des Krieges wurde China zur Öffnung seiner MĂ€rkte und insbesondere zur Duldung des Opiumhandels gezwungen. Der Zweite Opiumkrieg (1856-60) oder Krieg Großbritanniens und Frankreichs gegen das Kaiserreich China endete mit dem „Vertrag von Tianjin“ und der „Pekinger Konvention“, die in dieser Form von Kaiser Xianfeng am 18. Oktober 1860 ratifiziert wurden. Damit ergab sich fĂŒr Großbritannien, Frankreich, Russland und die USA das Recht, in Beijing (bis dahin eine geschlossene Stadt) Botschaften zu eröffnen. Diese Abkommen öffneten elf weitere HĂ€fen fĂŒr den Handel mit dem Westen, der Opiumhandel wurde legalisiert und Christen bekamen das Recht, die chinesische Bevölkerung zu missionieren sowie Eigentum zu besitzen.
4 „Chinesische Geschichte“, Verlag fĂŒr fremdsprachige Literatur, Beijing 2003, S. 164
5 Als Warlords werden irregulÀre Herrscher bezeichnet, die meist lokal begrenzt Gebiete unter ihre Kontrolle bringen und dort dem Charakter nach unter feudalen VerhÀltnissen herrschen.
6 Die korrekte chinesische Umschrift fĂŒr Chiang Kai-shek lautet Jiang JiĂšshĂ­. Wir benutzen im Folgenden ausnahmsweise ausschließlich die beinahe weltweit (und auch in fremdsprachigen chinesischen Medien) gebrĂ€uchliche Umschreibung Chiang Kai-shek, die der tatsĂ€chlichen Aussprache des Namens jedoch nicht entspricht. Anm. d. Verf.
7 Die deutschen Delegationsleiter waren allesamt keine unbekannten Gesichter: als kommissarischer Nachfolger des verstorbenen Bauer wurde der Teilnehmer an Hitlers gescheitertem Putschversuch im Jahre 1923, Oberstleutnant Kriebel, eingesetzt. Anm. d. Verf.
8 vergl. Martin, Bernd: die deutsche Beraterschaft in China (1927-1938), MilitÀrgeschichte 29 (1990), S. 530-537
9 J. B. Seps, General Georg Wetzell, in: Martin, S. 177 ff.
10 8.4.1936, Akten zur deutschen auswÀrtigen Politik, Serie C, Bd. 5, Dok. Nr. 270
11 A. Dirlik, The Ideological Foundations of the ‚New Life Movement’. A Study in Counterrevolution, in: Journal of Asian Studies. 1975. S. 945-980. Zitiert nach: Martin.
12 W. C. Kirby, Germany and Republican China, Stanford/Cal. 1984, S. 71
13 ebenda, S.201ff.
14 „China has closer relations with Germany than with any other foreign power and her whole economy – commercial, political and military – is an open book for Germans here“ (The Times, 27.11.1935)
15 K. Drechsler, Deutschland – China – Japan. Das Dilemma der deutschen Fernostpolitik. Berlin/DDR, 1964.
16 Im sog. „Zwischenfall von Xi’an“, bei dem Chiang Kai-schek 1936 vom Warlord Zhang Xueliang und seinem eigenen General Yang Hucheng gekidnappt, in der Stadt Xi’an gefangen gehalten und zum patriotischen BĂŒndnis mit der Kommunistischen Partei Chinas, der sog. „zweiten Einheitsfront“ (nach der ersten Einheitsfront mit der Guomindang unter Dr. Sun Yat-Sen) gegen die japanischen Aggressoren gezwungen wurde, fand diese Entwicklung eine Wende: bis 1945 sollten Guomindang und KP China gemeinsam gegen Japan kĂ€mpfen. Anm. d. Verf.
17 Im von Japan errichteten Phantasiestaat „Manschukuo“ wurde der letzte Kaiser Chinas, Pu Yi, als Marionettenherrscher eingesetzt. Anm. d. Verf.



 
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  Kommentar zum Artikel von hw:
Donnerstag, 21.08.2008 - 11:30

Auch die neue Ausgabe der marxistischen BlÀtter hat China zum Schwerpunkt und deckt die ganze Breite der Meinungen zu China - von "erfolgreich aber nicht sozialistisch" bis zur offiziellen Parteimeinung, die Gen. Rolf Berthold anhand von Parteitagsprotokollen wiedergibt - ab.
Interessant finde ich hier, dass die Probleme, die es in der VR China gibt (Umwelt, EinkommensgefÀlle etc.), von den chinesischen Autoren offen angesprochen werden, was sich wohltuend davon abhebt wie in anderen frĂƒÂŒheren sozialistischen LÀndern herangegangen wurde. Da wurde ja bis zum Schluss der unumkehrbare Sieg des Sozialismus bejubelt.
Typisch fĂƒÂŒr die BlÀtter ist natĂƒÂŒrlich wieder, dass sich nichts zum deutschen Imperialismus und seinen Machenschaften findet.
Aber auf jeden Fall ist diese Ausgabe lesenswert.



  Kommentar zum Artikel von hw:
Dienstag, 19.08.2008 - 13:59

Hier ein nicht uninteressantes, weil diffenrenziertes Interview mit einer Journalistin des Österreichischen Rundfunks, ORF.