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1960 beschrieb der britische Journalist und Schriftsteller Alan Winnington die soziale Struktur Tibets zur damaligen Zeit:

Der Hauch des Geheimnisvollen, der Tibet umgibt, ist zum Teil auf seine hohe Lage und seine Unzug├Ąnglichkeit zur├╝ckzuf├╝hren, weit mehr noch aber auf die Tatsache, da├č die Ausl├Ąnder, die w├Ąhrend der letzten zwei Jahrhunderte dieses Land besuchten, nie in der Lage waren, mit den einfachen Tibetern zu sprechen. Bis in die j├╝ngste Zeit hinein war es einem Fremden unm├Âglich, hier mit anderen Menschen als weltlichen oder klerikalen Aristokraten in Ber├╝hrung zu kommen. Die Folge war eine v├Âllige Unkenntnis der Struktur der tibetischen Gesellschaft, und so entstanden die stereotypen romantischen Vorstellungen von dem seltsamen Land ├╝ber den Wolken, wo die Zeit stehengeblieben war, wo die Lamas regierten und keiner es anders haben wollte.

[...]

Bisher sind in Tibet faktisch noch keine historischen Aufzeichnungen oder ├Âkonomischen Schriften entdeckt worden, aber die Urkunden ├╝ber den Grundbesitz und die gegenw├Ąrtigen sozialen Verh├Ąltnisse lassen darauf schlie├čen, da├č hier vor mehreren hundert Jahren eine Feudalgesellschaft klassischen Typs bestanden hat. Sie erstarrte, die Bev├Âlkerungszahl nahm ab, die land- und viehwirtschaftliche Produktion ging zur├╝ck, aber die Forderungen der Oberschicht stiegen. Das Ergebnis war die Verelendung und Erniedrigung der H├Ârigen und Leibeigenen. [...]

Die Leibeigenen ersten Grades, die urspr├╝nglichen tibetischen H├Ârigen, hei├čen thralba, was soviel wie ┬╗Dienst- und Abgabenpflichtiger┬ź bedeutet. Im Alter von 15 Jahren hatten m├Ąnnliche und weibliche thralbas Anspruch auf ein St├╝ck Land, das in den meisten Gegenden ein F├╝nftel Hektar gro├č war. In jeder Grundherrschaft wurde etwa ein Drittel des Landes den Leibeigenen zugeteilt, das beste Land behielt allerdings der Grundherr f├╝r sich. Als Gegenleistung f├╝r den traditionellen Landanteil mu├čte der thralba j├Ąhrlich drei Monate unbezahlter Arbeit, ula, auf dem Land seines Herrn leisten. Eine vierk├Âpfige Familie mit vier Landanteilen hatte also st├Ąndig eine Person f├╝r den Grundherrn freizustellen und zu unterhalten. Das war ┬╗inneres ula┬ź.

┬╗├äu├čeres ula┬ź war dr├╝ckender und nicht einzuplanen. Jeder Feudalherr hatte seine G├╝ter als Lehen von der ├Ârtlichen Regierung erhalten war daf├╝r zu bestimmten Tributleistungen verpflichtet.
[...] Jeder Grundherr w├Ąlzte diese Verpflichtungen einfach auf seine Leibeigenen ab und sorgte daf├╝r, da├č auch f├╝r ihn noch etwas heraussprang. Die ula-Verpflichtungen hatten Vorrang vor allen anderen, und die Nichterf├╝llung dieser Tributleistungen zog schreckliche Folgen nach sich. Daneben gab es noch eine Vielzahl anderer Forderungen, denen teils regelm├Ą├čig, teils von Fall zu Fall nachgekommen werden mu├čte; die H├Ârigen und Leibeigenen mu├čten die ortsans├Ąssigen Lamas regelm├Ą├čig zu Festessen ┬╗einladen┬ź, ihnen Frauen zur Verf├╝gung stellen und landwirtschaftliche Erzeugnisse ┬╗spenden┬ź. Viele ihrer S├Âhne mu├čten auf Lebenszeit ins Kloster und dort niedere Arbeiten f├╝r die hohen M├Ânche verrichten. [...] Die thralbas waren wie alle Leibeigenen v├Âllig in der Gewalt ihrer Herren, die sie zu Tode peitschen, ihnen die Sehnen durchschneiden, sie auf unbegrenzte Zeit einkerkern und auch verschenken konnten. Dennoch besa├čen sie gewisse minimale Gewohnheitsrechte und wurden von den Leibeigenen zweiten und dritten Grades als gl├╝cklichere Menschen angesehen.

Der thralba, aus dem bei einer so schmalen Produktionsbasis so viel herausgepre├čt wurde, mu├čte borgen, um seine Verpflichtungen erf├╝llen, ja um ├╝berhaupt existieren zu k├Ânnen. Wer sich erk├╝hnte, die Zahlung oder die Arbeit zu verweigern, wurde bestraft ┬ľ und die Auspeitschung war dabei noch das geringste. Unter solchen Umst├Ąnden konnten die Gl├Ąubiger beliebig hohe Zinsen fordern. Da ├╝berdies alle tibetischen H├Ârigen und Leibeigenen mit Ausnahme einer kleinen Anzahl serviler Sekret├Ąre Analphabeten waren, konnte auch die Schuldh├Âhe willk├╝rlich eingetragen werden, und kein Leibeigener h├Ątte es gewagt, sie anzufechten.

Wurde ein thralba unrentabel, weil er zu alt war, weil seine Familie nicht gen├╝gend Arbeitskr├Ąfte besa├č, weil er trotz Borgens seiner Verpflichtungen nicht mehr Herr wurde oder auch nur weil sein Besitzer eine Neuaufteilung des Bodens f├╝r vorteilhafter hielt, so hatte der Grundherr das Recht, den bisherigen Leibeigenen ersten Grades zum langtsan zu degradieren. Das war die dritte, unterste Stufe der Abh├Ąngigkeit, die der Sklaverei gleichkam. Der langtsan war besitz- und rechtlos, und seine Kinder wurden als Sklaven geboren.



Auszug aus: Alan Winnington: Tibet. Ein Reisebericht. Verlag Volk und Welt, Berlin 1960, Seite 6┬ľ9