DE
       
 
0
unofficial world wide web avantgarde
Diesen Artikel auf tumblr™ posten teilen
Artikel:   versendendruckenkommentieren (1)

Der Proze├č des ├ťbergangs der antimonarchistischen, b├╝rgerlich-demokratischen Revolution (Februar 1917) in eine sozialistische Arbeiter- und Bauernrevolution (Oktober/November) verlief im Ganzen ohne Gewaltanwendung (mit Ausnahme der Erschie├čung von Teilnehmern der Arbeiterdemonstration durch die b├╝rgerliche Regierung im Juli und des Kornilow-Putsches im August). Vor der Intervention von au├čen gab es kein Potential eines bewaffneten Konflikts innerhalb Ru├člands.

Großbildansicht a_ghost_wanders_about_europe_a_ghost_of_communism_1920.jpg (75.1 KB)
© by 1920 Großbildansicht a_ghost_wanders_about_europe_a_ghost_of_communism_1920.jpg (75.1 KB)
Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus!
Die Bourgeoisie und ihre Ideologen bem├╝hen sich zum Erhalt der eigenen Diktatur darum, die Diktatur des Proletariats als unvereinbar mit Demokratie und Menschenrechten darzustellen. Das ist eine gewissenlose L├╝ge. Die Arbeitermacht dr├╝ckt die Interessen aller werkt├Ątigen Schichten aus, das hei├čt der Hauptmasse des Volkes. Nat├╝rlich, erkl├Ąrte Lenin, besch├Ąftigt uns in der ersten Zeit nach der proletarischen Revolution vorrangig die Aufgabe, den Widerstand der Bourgeoisie zu ├╝berwinden, keine R├╝ckkehr der Ausbeuter zuzulassen. Es geht dabei aber nur um eine kurzzeitige Gewaltanwendung und nicht haupts├Ąchlich um Gewalt.

Die Praxis von Jahrhunderten zeigt, da├č es keine Staaten au├čerhalb der Klassen, ├╝ber den Klassen und ohne die Herrschaft von Klassen geben kann. Nach dem ersten marxistisch-leninistischen Entwurf sollte der Staat der proletarischen Diktatur ein breites Spektrum von Rechten und Freiheiten der Pers├Ânlichkeit gew├Ąhrleisten. Aber, so unterstreicht Lenin, jede Freiheit ist ein Betrug, wenn sie dem Interesse an einer Befreiung der Arbeit von der Unterdr├╝ckung des Kapitals widerspricht. Die Bourgeoisie hat die von der Sowjetmacht durchgesetzte, tief demokratische Einheit eines Rechts auf Arbeit mit der Pflicht zu arbeiten als ┬äTotalitarismus┬ô deklariert. Dabei ist das nur eine vern├╝nftige Norm des ausgewogenen menschlichen Zusammenlebens. Schon die I. Internationale hatte das Prinzip: Es gibt keine Pflichten ohne Rechte ┬ľ es gibt keine Rechte ohne Pflichten. Gest├╝tzt auf diese Maxime hatten die Sowjetmenschen 70 Jahre staatlich garantierte Rechte auf Arbeit und Erholung, kostenlose Bildung und unentgeltliches Gesundheitswesen, ein Recht auf Wohnraum und gesichertes Alter.

Anfang 1920 gab es in Ru├čland f├╝nf gesellschaftlich- ├Âkonomische Systeme: das sozialistische, das staatskapitalistische, das privatkapitalistische, das der kleinen Warenproduktion und ein patriarchialisches. Technologisch und organisatorisch- technisch war dem sozialistischen System (Volkseigentum und Genossenschaften) das staatskapitalistische und zum Teil auch das privatkapitalistische verh├Ąltnism├Ą├čig nahe. Um ihr positives Potential zu nutzen und gleichzeitig ihre raubtierartige Natur einzuschr├Ąnken, bedurfte es einer starken Arbeitermacht, die ├╝ber die Kommandostellen des Staates verf├╝gte, die Gro├čindustrie, die Finanzwirtschaft, den Au├čenhandel, die Presse, die bewaffneten Organe und andere Bereiche kontrollierte. Eine sozialistische Entwicklungsrichtung w├Ąre ohne diese Bedingungen nicht m├Âglich gewesen. Diese Aufgabe sollte die Neue ├ľkonomische Politik (N├ľP) erf├╝llen. Eingef├╝hrt wurde sie im Jahre 1921. Nach Lenins Auffassung bestand ihr Sinn im B├╝ndnis der proletarischen Avantgarde mit der breiten Masse der Bauernschaft.

Fehlerhaft wurde lange Zeit in der wissenschaftlichen Literatur der Inhalt der N├ľP lediglich auf die Entfaltung des ┬äfreien Marktes┬ô reduziert. In ihren Rahmen geh├Ârte aber auch die Industrialisierung des Landes, der ├ťbergang der Volkswirtschaft zur energetischen Basis der Elektrizit├Ąt, die Kollektivierung der Landwirtschaft und eine allumfassende Kulturrevolution. Eine nur marktwirtschaftlich verstandene N├ľP widerspricht der grundlegenden Weisung Lenins ├╝ber Planung, und zwar ausgehend von den tats├Ąchlichen Bed├╝rfnissen der Bev├Âlkerung an Nahrungsmitteln und Energie, und ├╝ber die Teilnahme der Staatlichen Plankommission an der Gesetzgebung. Besonders hervorzuheben sind die Ergebnisse der Umgestaltung auf kulturellem Gebiet. Das vorher zu drei Vierteln von Analphabeten besiedelte Ru├čland wurde in einer historisch sehr kurzen Zeitspanne zu einem Land, in dem am meisten gelesen wurde. Die Sowjetmacht sicherte ein beispielloses Aufbl├╝hen von Wissenschaft und Kultur. Der Sieg ├╝ber den Faschismus kostete das sowjetische Volk gro├če Opfer. Mehr als 8,5 Millionen Soldaten der Roten Armee fielen auf den Schlachtfeldern, fast 20 Millionen Kriegsgefangene und friedliche B├╝rger wurden von den Besatzern umgebracht. Etwa drei Millionen Kommunisten kamen ums Leben. Im Grunde genommen hat das Land eine ganze Generation verloren, die von der Sowjetmacht erzogen wurde und beispielhaft war in Bewu├čtsein und Selbstlosigkeit, in K├╝hnheit und Arbeitsliebe beim Kampf f├╝r den Sozialismus. Dieser Verlust hatte schwere negative Folgen.

die Gro├â┬če Sozialistische Oktoberrevolution
Auf Grund des Wirkens des Gesetzes der ungleichm├Ą├čigen ├Âkonomischen und politischen Entwicklung im Kapitalismus war Ru├čland um die Jahrhundertwende zum Knotenpunkt aller imperialistischen Widerspr├╝che geworden. Im Ergebnis des ersten Weltkrieges bildete sich in den kriegsf├╝hrenden L├Ąndern eine revolution├Ąre Situation heraus. In Ru├čland wuchs die Krise schneller als in anderen L├Ąndern. Im Februar 1917 erlebte Ru├čland die zweite b├╝rgerlich-demokratische Revolution (Februarrevolution 1917). Der Zarismus wurde gest├╝rzt. Nach dem Sieg der b├╝rgerlich-demokratischen Februarrevolution 1917 entstand im Lande eine Doppelherrschaft: die b├╝rgerliche Provisorische Regierung und die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Eine eigenartige Verschlingung zweier Diktaturen hatte sich herausgebildet: der Diktatur der Bourgeoisie und der revolution├Ąr-demokratischen Diktatur der Arbeiterklasse und der Bauern. Die Mehrheit in den Sowjets hatten die kleinb├╝rgerlichen Parteien - die Menschewiki und die Sozialrevolution├Ąre - an sich gerissen. Das erkl├Ąrte sich aus der ungen├╝genden Organisiertheit und der unzureichenden politischen Bewu├čtheit des Proletariats und der Bauernschaft. Die Menschewiki und die Sozialrevolution├Ąre nutzten einerseits die Leichtgl├Ąubigkeit der unerfahrenen, vom Sieg ├╝ber den Zarismus trunkenen Massen und andererseits dieTatsache, da├č die bolschewistischen Parteiorganisationen in den Kriegsjahren ausgeblutet und geschw├Ącht waren, da├č die aktivsten Funktion├Ąre der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Ru├člands (Bolschewiki) in Gef├Ąngnissen sa├čen,in der Verbannung oder der Emigration weilten. Die Menschewiki und dieSozialrevolution├Ąre halfen der Bourgeoisie, ihre Macht in Gestalt der Provisorischen Regierung zu errichten.
[aus: W├Ârterbuch der Geschichte, Dietz Verlag Berlin/DDR 1984]

Großbildansicht lets_consolidate_industrial_power_of_soviet_union_1932.jpg (155.5 KB)
© by 1932 Großbildansicht lets_consolidate_industrial_power_of_soviet_union_1932.jpg (155.5 KB)
die industrielle Kraft der Sowjetunion konsolidieren!
Die Lehren des B├╝rgerkrieges und des Gro├čen Vaterl├Ąndischen Krieges sowie der reaktion├Ąren R├╝ckwende 1991 bis 1993 best├Ątigen die Worte Lenins, da├č eine Revolution nur dann etwas wert ist, wenn sie auch dazu in der Lage ist, sich zu verteidigen. Es ist kein Zufall, da├č die verr├Ąterische Revision der Errungenschaften und Siege, die Angriffe auf die sowjetische Gesellschaftsordnung mit Anschuldigungen gegen Kommunisten und die Armee, mit dem sogenannten Entpolitisieren der Streitkr├Ąfte im b├╝rgerlichen Sinne, verbunden wurden. Eine sichere Zukunft kann nur eine sozialistische Gesellschaft haben, die diese Lehre gr├╝ndlich beherzigt. Es ist festzustellen, da├č die UdSSR vom Standpunkt tiefergehender ├Âkonomischer und sozialer Voraussetzungen trotz aller Errungenschaften bis zu ihrer Zerst├Ârung im Jahre 1991 noch nicht ├╝ber den historischen Rahmen eines fr├╝hen Sozialismus hinausgekommen war. Sie hatte also die Aufgaben der ├ťbergangsperiode noch nicht voll gel├Âst.

Erstens wurde viel zu lange die unterschiedliche technologische Ausr├╝stung der Volkswirtschaft beibehalten. Es blieb ein hoher Anteil schwerer physischer Arbeit: in der Industrie bis zu 40 %, im Bauwesen 60 % und in der Landwirtschaft noch mehr. Das behinderte eine reale Vergesellschaftung der Produktion.
Zweitens war jahrelang nur von zwei Sektoren der sowjetischen ├ľkonomie die Rede: dem volkseigenen und dem genossenschaftlichen Sektor. Die immer gr├Â├čer werdende Schattenwirtschaft ├╝bersah man v├Âllig.
Drittens wurde die soziale Struktur in der Gesellschaft seit Mitte der 30er Jahre unver├Ąndert vereinfacht dargestellt: Arbeiterklasse, Kolchosbauern und werk-t├Ątige Intelligenz. Ihre Evolution und die Aufgabe der zielstrebigen ├ťberwindung der Klassenunterschiede ignorierte man. Wenn die Zeit von Mitte der 60er bis Mitte der 80er Jahre als Stagnationsperiode deklariert wird, dann stimmt das nicht ganz. Einen vollen Stillstand kannte die sowjetische Planwirtschaft nicht. Leider gab es aber bestimmte Stagnationsprozesse in Schl├╝sselbereichen, praktisch eine Abschottung von der wissenschaftlichtechnischen Revolution der entwickelten kapitalistischen Staaten. Die erste Etappe der Konterrevolution (1985┬ľ1988) verlief getarnt. Erst nach grundlegenden Kaderumstellungen, nach totaler Inbesitznahme der Massenmedien durch die Rechten und Zerst├Ârung der ├Âkonomischen Stabilit├Ąt der Gesellschaft wurde zur Beseitigung der Sowjetmacht ├╝bergegangen. Besonders rechte Positionen nahm die Mehrheit des Volksdeputiertenkongresses der Russischen F├Âderation ein, deren Anteil an Arbeitern und Bauern unter 6 % lag!

Nach der Wahl Jelzins zum Vorsitzenden des Obersten Sowjets der Russischen F├Âderation und zweideutiger Festlegung der ┬äSouver├Ąnit├Ąt┬ô der RF innerhalb der Sowjetunion entstand eine Art Doppelherrschaft von Union und Ru├čland, die zu st├Ąndigen Konflikten f├╝hrte und mit dem Augustspektakel 1991 ihren Abschlu├č fand. Hinter den Kulissen der Vorg├Ąnge waren USA-┬äBerater┬ô allenthalben aktiv. Auf der B├╝hne aber lief eine Posse in drei Akten: Vort├Ąuschung eines Putsches, Vorspiegelung seiner Zerschlagung; Verbot der KPdSU und Verhaftung von Vertretern der gesetzlichen Macht. Dem folgte schlie├člich der echte Putsch mit dem Auseinanderjagen des letzten Kongresses der Volksdeputierten der UdSSR ohne jegliche gesetzliche Grundlage. Anschlie├čend trat die Sowjetunion mit dem ber├╝chtigten Abkommen von Beloweshje von der Weltb├╝hne ab.

Dennoch sei betont: Im Oktober 1917 hat der ├ťbergang vom Kapitalismus zum Sozialismus im Weltma├čstab begonnen. Dieser epochale Ver├Ąnderungsproze├č nimmt allen R├╝ckschl├Ągen und Schwankungen zum Trotz seinen Fortgang.



Der Verfasser dieser Thesen war bis April 1986 Chefredakteur der theoretischen Zeitschrift ┬äKommunist┬ô. ├ťbersetzung: Dr.-Ing. Peter Tichauer



 
Creative Commons CC BY-NC-ND 4.0
Inhalt (Text, keine Bilder und Medien) als Creative Commons lizensiert (Namensnennung [Link] - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen), Verbreitung erwünscht. Weitere Infos.
 


 
Kommentare anzeigen: absteigend   aufsteigend
  Kommentar zum Artikel von 127712:
Mittwoch, 07.11.2007 - 19:31

Was ist denn die Schattenwirtschaft, die im Artikel erw├â┬Ąhnt wird?