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Was ich neunzig Jahre danach von der Oktoberrevolution denke, soll ich aufschreiben: Gedanken eines durch und durch b√ľrgerlichen Menschen, der aber, w√§hrend des Absturzes seiner Klasse in den Faschismus zum Antinazi erzogen, das Vertrauen in die Geschichtsf√§higkeit seiner Klasse verloren hatte und im Zuge antifaschistischer Besinnung zu so etwas wie einem Kommunisten geworden ist.

Und das auf knapp zwei Seiten! Sind zwei Seiten nicht doch etwas zu wenig Raum daf√ľr? Immerhin: ich will es, betont subjektiv versuchen. Dazu einige Gedankensplitter:


Befreiung und Selbstbefreiung

Großbildansicht communism2.jpg (21.9 KB)
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In gewissem Sinne begann f√ľr mich die Geschichte (nicht als Datensammlung, sondern als Verantwortungsbereich) mit meiner Kriegsgefangenschaft im Mai 1945, f√ľr mich der ¬ĄTag der Befreiung¬ď. Dass es gar nicht sehr viele waren, f√ľr die der 8. Mai ein ¬ĄTag der Befreiung¬ď war, habe ich damals kaum bemerkt. F√ľr die √ľbergro√üe Mehrheit der von den deutschen Faschisten √ľberfallenen V√∂lker war es vielmehr der ¬ĄTag des Sieges¬ď, auch f√ľr die aktiven deutschen Widerstandsk√§mpfer!

Denn, sofern sie in diesen Tagen tats√§chlich aus Konzentrationslagern, Gef√§ngnissen und Illegalit√§t befreit wurden, war diese Befreiung f√ľr sie doch der Sieg ihrer eigenen Sache, ihrer Freunde und Genossen. F√ľr die meisten Deutschen aber war dieser Tag, das merkte ich schon bald nach meiner R√ľckkehr aus der Kriegsgefangenschaft im Hochsommer 1945, der Tag der ¬ĄKriegsniederlage Deutschlands¬ď, kein Freuden- sondern ein Trauertag, und das je l√§nger desto mehr!

F√ľr diejenigen, die sich im ernstlichen Sinne des Wortes durch den Sieg der Antihitlerkoalition vom Faschismus befreit f√ľhlten, begann nun eine Periode der Selbstbefreiung von den pr√§faschistischen und faschistischen R√ľckst√§nden auch in ihrem Bewusstsein. Dabei reiften sie aus b√ľrgerlichen Antinazis zu Antifaschisten. Dieser Prozess vollzog sich in der ¬ĄSchulddebatte¬ď, in der evangelischen Kirche insbesondere durch Martin Niem√∂ller angesto√üen und 1947 im Darmst√§dter Bruderratswort ¬ĄZum politischen Weg unseres Volkes¬ď ausgereift. Da war zum ersten Mal von der innenpolitischen Schuld der deutschen Bourgeoisie gegen√ľber dem Sozialismus die Rede. Zwar hatten die Verfasser dabei wohl insbesondere an Sozialdemokraten gedacht; wir Jungen aber verstanden darunter bereits vor allem die Kommunisten, die wir als Avantgarde im Kampf gegen die westdeutsche Remilitarisierung kennen und sch√§tzen lernten und mit denen wir in diesem Kampf mehr und mehr zusammenwuchsen. Mit dieser Bewegung und Begegnung begann mein Interesse an der und meine Sympathie f√ľr die Oktoberrevolution.

die Große Sozialistische Oktoberrevolution
Auf Grund des Wirkens des Gesetzes der ungleichm√§√üigen √∂konomischen und politischen Entwicklung im Kapitalismus war Ru√üland um die Jahrhundertwende zum Knotenpunkt aller imperialistischen Widerspr√ľche geworden. Im Ergebnis des ersten Weltkrieges bildete sich in den kriegsf√ľhrenden L√§ndern eine revolution√§re Situation heraus. In Ru√üland wuchs die Krise schneller als in anderen L√§ndern. Im Februar 1917 erlebte Ru√üland die zweite b√ľrgerlich-demokratische Revolution (Februarrevolution 1917). Der Zarismus wurde gest√ľrzt. Nach dem Sieg der b√ľrgerlich-demokratischen Februarrevolution 1917 entstand im Lande eine Doppelherrschaft: die b√ľrgerliche Provisorische Regierung und die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Eine eigenartige Verschlingung zweier Diktaturen hatte sich herausgebildet: der Diktatur der Bourgeoisie und der revolution√§r-demokratischen Diktatur der Arbeiterklasse und der Bauern. Die Mehrheit in den Sowjets hatten die kleinb√ľrgerlichen Parteien - die Menschewiki und die Sozialrevolution√§re - an sich gerissen. Das erkl√§rte sich aus der ungen√ľgenden Organisiertheit und der unzureichenden politischen Bewu√ütheit des Proletariats und der Bauernschaft. Die Menschewiki und die Sozialrevolution√§re nutzten einerseits die Leichtgl√§ubigkeit der unerfahrenen, vom Sieg √ľber den Zarismus trunkenen Massen und andererseits dieTatsache, da√ü die bolschewistischen Parteiorganisationen in den Kriegsjahren ausgeblutet und geschw√§cht waren, da√ü die aktivsten Funktion√§re der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Ru√ülands (Bolschewiki) in Gef√§ngnissen sa√üen,in der Verbannung oder der Emigration weilten. Die Menschewiki und dieSozialrevolution√§re halfen der Bourgeoisie, ihre Macht in Gestalt der Provisorischen Regierung zu errichten.
[aus: Wörterbuch der Geschichte, Dietz Verlag Berlin/DDR 1984]

Rund zehn Jahres sp√§ter, im Fr√ľhsommer 1956, wurden meine Frau und ich zu einer (meiner einzigen) Reise in die SU eingeladen. Wir fuhren in einem Jugendzug der FDJ. Von uns abgesehen war er mit jungen Mitarbeitern aus dem Ministerium des Innern der DDR besetzt. Die Trag√∂die des XX. Parteitages der KPdSU lag schon einige Monate zur√ľck, in Moskau allerdings merkte man eigentlich kaum etwas davon. Ich erw√§hne diese Reise hier nur darum, weil ich mich daran erinnere, dass ich unsere Mitreisenden (sie schienen bei einem Theologen allerdings alles f√ľr m√∂glich zu halten und bereit, auch Unm√∂gliches zu tolerieren) bei der Besichtigung der Landwirtschaftsausstellung mit meiner naiven Feststellung verbl√ľffte, mir ginge auf, dass Lenin zwar eine sozialistische Revolution habe machen wollen, tats√§chlich aber einen Bauernkrieg gewonnen habe. So absurd, wie das auch mir viele Jahre lang erschien, war dieser spontane Eindruck allerdings wohl nicht. Die Oktoberrevolution hatte ja wirklich nicht nur mit dem Dekret zum Frieden, sondern auch mit dem √ľber Grund und Boden begonnen. Chruschtschow allerdings verschob nach der Delegitimierung Stalins die sozial-politische Balance im Arbeiter- und Bauernb√ľndnis - bucharinistisch? - einseitig in agrarpolitische Richtung und brach damit dem proletarischen Elan das Genick.

Fr√ľhsozialismus oder Fr√ľhkommunismus?

Inzwischen ist nun das offenkundige Ergebnis der Oktoberrevolution, die Sowjetunion und das um sie gescharte sozialistische Lager, der Konterrevolution erlegen. Und nun kann, in der Dämmerung erst, wie Hegel meinte, die Eule der Minerva ihren Flug beginnen.

Seit langem, seitdem in der SU 1953 die Neigung entstand, nicht so sehr √ľber Stalin hinausals vielmehr hinter ihn zur√ľckzugehen, traten M√§ngel der sozialistischen Gesellschaft immer deutlicher in Erscheinung. Statt sie im Fortschreiten zu √ľberwinden, wurden sie zur Munition von Renegaten oder einfach geleugnet. Kritiker standen vor dem Problem, diesen Weg, der von Chruschtschow zu Gorbatschow f√ľhrte, so zu attackieren, dass ihre Kritik nicht antisowjetisch wirkte. Darum haben wir in den Wei√üenseer Bl√§ttern den ¬Ąrealen Sozialismus¬ď gelegentlich entschuldigend als ¬ĄFr√ľhsozialismus¬ď bezeichnet. Das war ein Missgriff in der Begriffswahl. Dahinter stand die Erinnerung an die erste Phase der b√ľrgerlichen Revolution, in der der Feudalismus zuerst politisch und ideologisch zutiefst ersch√ľttert, aber noch nicht √ľberwinden wurde, also an die ¬Ąfr√ľhb√ľrgerliche¬ď Revolution im 16. Jahrhundert, und dann an die Reife der b√ľrgerlichen Revolution im 18. Jahrhundert, als sich die Produktionsweise (an die Stelle der Manufaktur war mit der Dampfmaschine die moderne Industrie), die herrschende Klasse (an die Stelle von Adel und Patriziern waren Kapitalisten) und die revolution√§re Klasse (an die Stelle der Plebejer und Bauern waren ¬Ąfreie¬ď Lohnarbeiter getreten) grundlegend ver√§ndert hatte. Die Entlehnung des Begriffs ¬Ąfr√ľhsozialistisch¬ď aus der b√ľrgerlichen Revolutionsgeschichte war allerdings verfehlt und darum verwirrend; ¬Ąfr√ľhkommunistisch¬ď w√§re treffender gewesen. Zwar hatte auch Marx in seiner Kritik des Gothaer Programms zwischen einer ¬Ąersten¬ď und einer ¬Ąh√∂heren¬ď ¬ĄPhase der kommunistischen Gesellschaft¬ď unterschieden. Aber, was mit dem Begriff ¬Ąfr√ľhsozialistisch¬ď gemeint war, n√§mlich die Anerkennung der vielf√§ltigen Unvollkommenheit des Sozialismus, hatte Marx schlicht ¬Ąsozialistisch¬ď genannt. H√§tten wir das auch getan, w√§ren wir allerdings wohl noch weniger auf Gegenliebe gesto√üen als mit dem Begriff ¬Ąfr√ľhsozialistisch¬ď. Denn war der Sozialismus etwa eine unvermeidlich noch mangelhafte √úbergangsbewegung zum Kommunismus? - Bei Marx allerdings!

[file-periodicals#30]Zum Beispiel: ¬ĄBei gleicher Arbeitsleistung und daher gleichem Anteil an dem gesellschaftlichen Konsumtionsfonds erh√§lt also (im Sozialismus! H.M.) der eine faktisch mehr als der andere, ist der eine reicher als der andere etc. Um alle diese Mi√üst√§nde zu vermeiden, m√ľ√üte das Recht, statt gleich vielmehr ungleich sein. Aber diese Mi√üst√§nde (sic! - H.M.) sind unvermeidbar in der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft nach langen Geburtswehen hervorgegangen ist. Das Recht kann nie h√∂her sein als die √∂konomische Gestaltung und dadurch bedingte Kulturentwicklung der Gesellschaft.

In einer h√∂heren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende (sic! H.M.) Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und k√∂rperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbed√ľrfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihr Produktivkr√§fte gewachsen und alle Springquellen genossenschaftlichen Reichtums voller flie√üen - erst dann kann der enge b√ľrgerliche Rechtshorizont ganz √ľberschritten werden und die Gesellschaft auf ihr Fahnen schreiben: jeder nach seinen F√§higkeiten, jedem nach seinen Bed√ľrfnissen!¬ď (MEW, Bd. 19, S. 21) Eindeutiger l√§sst sich ja kaum sagen, dass der Sozialismus keineswegs das Ziel, sondern nur der anstrengende und von Missst√§nden belastete Weg zum Ziel, n√§mlich zum Kommunismus sei. Wir aber haben ihn, weniger in der Theorie, desto mehr in der allt√§glichen Agitation, kaum noch als revolution√§re Bewegung, sondern als deren Ergebnis behandelt, so als m√ľsse er ¬Ąrealisiert¬ď statt durchschritten werden. Denn wenn er erst ¬Ąrealisiert¬ď, vollendet ist, ist er ja kein ¬ĄSozialismus¬ď mehr, sondern eben: Kommunismus.

Die Oktoberrevolution war der Start auf dem Weg zu diesem Ziel! An jenem 7. Oktober 1917 wurde das Tor aufgesto√üen. Und auch wenn Konterrevolutionen es wieder verschlie√üen m√∂chten, wei√ü seitdem die Welt, dass es zu √∂ffnen ist. Darum bleibt der Kommunismus seit 1917 Angsttraum und Erzfeind des Imperialismus, gerade darum, weil er keineswegs √ľberholt, vielmehr immer noch nicht erreicht, und darum nach wie vor Zukunftsperspektive aller gesellschaftlichen Vorw√§rtsentwicklung ist - heute wie im Oktober 1917.

Das Gespenst geht weiter um, und nun nicht einmal mehr nur in Europa!


 
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