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BERLIN/MAZAR-E SHARIF - Die sogenannten Jugendoffiziere der Bundeswehr weiten ihre Propagandat√§tigkeit gegen√ľber Studierenden auf die ausl√§ndischen Operationsgebiete des deutschen Milit√§rs aus. Erst k√ľrzlich waren Angeh√∂rige der Einheit erneut im Norden Afghanistans eingesetzt, um Studenten der Universit√§t Balkh durch das Strategiespiel "Politik und Internationale Sicherheit" (POL+IS) zu f√ľhren. Bei POL+IS handelt es sich um eine Simulation, in deren Verlauf die Teilnehmer gehalten sind, Ma√ünahmen der Aufstandsbek√§mpfung oder "Stationierungen von Truppen" vorzunehmen. √úber den Verlauf des Spiels, das in den R√§umlichkeiten des deutschen "Regionalkommandos" stattfand, informierte sich unter anderem der nordafghanische Provinzgouverneur Atta Mohammad Noor. Dem Politiker und Warlord, der als enger Verb√ľndeter des Westens gilt, werden schwerste Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Beobachtern zufolge waren von Noor befehligte Milizion√§re nach dem Sturz des Taliban-Regimes 2001 an systematischen Vertreibungen, Vergewaltigungen und Morden beteiligt.

Politische Entwicklungshilfe

Wie das Bundesverteidigungsministerium mitteilt, waren die f√ľr die milit√§rpolitische Propaganda gegen√ľber Heranwachsenden zust√§ndigen "Jugendoffiziere" der deutschen Streitkr√§fte erneut im Norden Afghanistans eingesetzt. Gemeinsam mit einer Mitarbeiterin der f√ľr die Realisierung der staatlichen "Entwicklungshilfe" verantwortlichen Gesellschaft f√ľr Internationale Zusammenarbeit (GIZ) f√ľhrten sie Studenten der Universit√§t Balkh durch die geostrategische Simulation "Politik und Internationale Sicherheit" (POL+IS).1 Dabei √ľbernehmen die "Spieler" die Rollen von Staatschefs einer in dreizehn "Regionen" unterteilten Welt (Nord-, Mittel- und S√ľdamerika, Europa, Arabien, Afrika, Russland, Zentralasien, Indien, Japan, China, S√ľdostasien sowie Ozeanien). Sie lernen, zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele auch Gewaltma√ünahmen zu exekutieren; je nach "Region" kann dies die Drohung mit Atomwaffeneins√§tzen oder Operationen zur Aufstandsbek√§mpfung beinhalten (german-foreign-policy.com berichtete2). Passend zur Situation in Afghanistan standen dieses Mal "Stationierungen von Truppen" auf dem Programm.3

Militärische Bildung

Die von den "Jugendoffizieren" geleiteten POL+IS-Simulationen fanden allesamt im "Camp Marmal" bei Mazar-e Sharif statt, wo das deutsche Kontingent der NATO-Mission "Resolute Support" ("Entschlossene Unterst√ľtzung") stationiert ist. Im Rahmen von "Resolute Support" werden afghanische "Sicherheitskr√§fte" in den Techniken der Aufstandsbek√§mpfung geschult; das hierf√ľr in Mazar-e Sharif eingerichtete "Train Advise and Assist Command North" ("Trainingsberatungs- und Unterst√ľtzungskommando Nord") befehligt ein deutscher Brigadegeneral. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) besuchte "Camp Marmal" zuletzt im Dezember vergangenen Jahres - und konnte bei dieser Gelegenheit auch die Teilnehmer einer POL+IS-Simulation begr√ľ√üen. Wie sie anschlie√üend in einer Rede vor deutschen Soldaten ausf√ľhrte, h√§tten die afghanischen Studenten nicht zuletzt durch den Einsatz der "Jugendoffiziere" eine "Bildung" genossen, die ihnen "nie wieder jemand nehmen" k√∂nne.4

Große Wertschätzung

√úber den Verlauf der zuletzt von "Jugendoffizieren" im "Camp Marmal" durchgef√ľhrten POL+IS-Simulation informierte sich auch der in Mazar-e Sharif residierende Gouverneur der Provinz Balkh, Atta Mohammad Noor. Noor gilt als zuverl√§ssiger Partner des Westens; durch seinen Herrschaftsbereich f√ľhrt eine der wichtigsten Nachschubrouten der NATO-Truppen. Nicht zuletzt die Bau- und Transportauftr√§ge des Milit√§rb√ľndnisses bescherten ihm ein Millionenverm√∂gen, das sich zudem aus Zolleinnahmen sowie Eink√ľnften aus dem Drogen- und Waffenhandel speist. Beobachtern zufolge leitet Noor ein regelrechtes "Wirtschaftsimperium" und regiert die ihm unterstehende Provinz "im Stil eines Mafiabosses".5 Sein Aufstieg begann in den 1980er Jahren, als er auf Seiten der vom Westen unterst√ľtzten Mujahedin gegen die sowjetischen Besatzer k√§mpfte. Im anschlie√üenden B√ľrgerkrieg avancierte er zu einem der einflussreichsten Kommandanten der Miliz "Jamiat-e Islami"; ihm unterstanden mehrere hundert M√§nner. Organisationen wie "Human Rights Watch" beschuldigen Noor schwerster Menschenrechtsverletzungen: Insbesondere nach dem Sturz des Taliban-Regimes 2001 sollen von ihm befehligte Milizion√§re systematisch paschtunische Zivilisten vertrieben, vergewaltigt und ermordet haben, weil sie sie der Kollaboration mit den Taliban verd√§chtigten. Die Bundesregierung fechten solche Vorw√ľrfe indes offenbar nicht an. So zitiert das Verteidigungsministerium einen der POL+IS-"Spieler" mit den Worten, die Visite des Gouverneurs bei den Teilnehmern der Simulation im "Camp Marmal" sei Ausdruck einer "gro√üe(n) Wertsch√§tzung".6

Überwältigendes Feedback

Wie das Bundesverteidigungsministerium weiter ausf√ľhrt, h√§tten sich die an POL+IS beteiligten afghanischen Hochsch√ľler mit einem "√ľberw√§ltigenden Feedback" bei den anwesenden "Jugendoffizieren" bedankt und die Hoffnung ge√§u√üert, dass "viele weitere Studenten ... diese Simulation erleben d√ľrfen".7 Den "Jugendoffizieren" wiederum gilt POL+IS nach eigenem Bekunden als ein Medium, das "komplexe politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenh√§nge auf internationaler Ebene durch praktisches Handeln veranschaulicht" und deshalb "regelm√§√üig besonderen Anklang" findet.8 So k√∂nnten etwa "inhaltliche Akzente" nach Belieben "immer wieder neu gesetzt werden" - angefangen bei "Ressourcenknappheit" √ľber "Piraterie" bis hin zu "Terrorismus" und "Migration".9

Propagandistischer Exportschlager

Offenbar h√§lt die politisch-milit√§rische F√ľhrung in Deutschland POL+IS aufgrund der geschilderten Eigenschaften f√ľr einen Exportschlager. Daf√ľr spricht nicht zuletzt die Angabe der "Jugendoffiziere", man habe die geostrategische Simulation bereits in der Vergangenheit nicht nur mit deutschen Sch√ľlern und Studenten, sondern auch mit Teilnehmern aus Frankreich, Ungarn, Tschechien, Rum√§nien, Israel, Polen und den Niederlanden durchgespielt.10 Dessen ungeachtet wurde mit dem Einsatz der "Jugendoffiziere" in Afghanistan Neuland betreten: Erstmals stehen nunmehr die k√ľnftigen gesellschaftlichen Eliten eines Entwicklungslandes, das zugleich Operationsgebiet der Bundeswehr ist, im Fokus der deutschen Milit√§rpropaganda.


Anmerkungen:
1 Planspiel: VN-Vollversammlung in Afghanistan. www.bmvg.de 04.05.2016.
2 Siehe dazu Zielgruppengerecht.
3 Planspiel: VN-Vollversammlung in Afghanistan. www.bmvg.de 04.05.2016.
4 POL+IS in Mazar-e Sharif. jugendoffizier.eu 10.02.2016.
5 Andrea Spalinger: B√§rtiger Kriegsf√ľrst wird Multimillion√§r. www.nzz.ch 10.01.2014.
6, 7 Planspiel: VN-Vollversammlung in Afghanistan. www.bmvg.de 04.05.2016.
8 Bundesministerium der Verteidigung: Jahresbericht der Jugendoffiziere der Bundeswehr 2014. Berlin 2015.
9 Zentrum Informationsarbeit Bundeswehr (Hg.): POL+IS. Die interaktive Simulation zu Politik und Internationaler Sicherheit. Erleben. Verstehen. Gestalten. Strausberg 2015.
10 Bundesministerium der Verteidigung: Jahresbericht der Jugendoffiziere der Bundeswehr 2014. Berlin 2015.



 
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  Kommentar zum Artikel von MrLeft:
Sonntag, 15.05.2016 - 22:59

Nicht mehr ganz aktuell 2011) aber lesenswert: Arbeitsstelle Frieden und Abr√ɬľstung e.V.. Alle Rechte vorbehalten. POSITIONENPAPIER 10. Jugendoffiziere in Schulen.