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Von secarts

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Logo der Zhongshan (Sun Yat-Sen) Universität.
Ich bin, wie viele von euch wissen duerften, Student an der mehr oder weniger ruhmreichen Ernst-August-Universitaet zu Goettingen. Nicht zuletzt aus diesem Grunde interessiert mich natuerlich ganz besonders die universitaere Landschaft Chinas – wie gross sind die Unis, wie ist das Angebot, wie leben die Studenten?
Viele Fragen; die meisten sind mit einem Besuch einer chinesischen Universitaet kaum zu beantworten – da ich aber nun gerade in Guangzhou bin, soll dieser Aufenthalt nicht ohne Visite bei der groessten und bekanntesten Universitaet der Stadt vorrueber gehen.

Die Zhongshan (Sun Yat-Sen)-Universitaet in Guangzhou gehoert zu den bedeutendsten Universitaeten des Landes – 1924 wurde sie von Sun Yat-Sen, dem Anfuehrer der demokratischen Revolution von 1911, gegruendet und erlebte juengst ihr 80. Jubilaeum.
Knapp 60.000 Studenten besuchen die Zhongshan-Universitaet – wer hier studieren moechte, muss sehr gut sein, denn chinesische Universitaeten fuehren eine Aufnahmepruefung durch. Nur wer ein Zeugnis mit einem bestimmten Durchschnitt nach Schulabschluss vorweisen kann, wird ueberhaupt erst zu dieser Pruefung zugelassen.

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Das letzte Jahr der Oberschule gehoert somit auch zu den anstrengendsten Zeitem im Leben junger Menschen in China – er/sie und dazu die ganze Familie erlebt eine Ausnahmesituation: es wird gebueffelt, gelernt und gebangt; entscheidet doch die Qualitaet des Studienplatzes und der Ruf der Universitaet, welchen Abschluss man spaeter in der Hand halten kann – und der Universitaetsabschluss wiederum ueber den spaeteren Beruf.
Was in Deutschland meistens mehr oder weniger willkuerlich oder nach Geldbeutel bereits in der vierten Klasse geregelt wird, naemlich die Einteilung in Gymnasium, Real- oder Hauptschule, die im spaeteren Leben des Schuelers schon vorrausbestimmt, wo sein Platz in der Gesellschaft einmal sein wird, laeuft in China voellig anders ab: es gibt kein mehrgliederiges Schulsystem, sondern eine sechsjaehrige Grundschule, eine gemeinsame Mittelschule und spaeter dann eine Oberschule, die ueberwiegend von denjenigen, die studieren wollen, besucht wird – die Weichen werden hier mit 16 Jahren gestellt oder auch mit 18, denn dann gibt es die Abschlusszeugnisse, die nach Leistung die weiteren Moeglichkeiten eroeffnen. Im weiteren Sinne vergleichbar waere das chinesische Schulsystem mit dem in der ehemaligen DDR – viele Bezeichnungen oder Einteilungen sind sich aehnlich und erleichtern mir das Verstaendnis des chinesischen Bildungswesens.

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Campus der Zhongshan-Universität, Guangzhou
Die Anzahl der Studenten steigt in China in jedem Jahr betraechtlich, denn ein Universitaetsstudium ist Garant fuer einen besseren Beruf im spaeteren Leben. Alleine in Guangzhou gibt es dutzende Universitaeten – bei meinem Besuch in Xi’an, als ich genau in den Semesterbeginn geriet, schrieb ich zu den riesigen Massen der chinesischen Studenten, in Xi’an ist es alleine eine halbe Million, schon etwas – und die Zhongshan-Universitaet ist hier in Guangzhou die beruehmteste. Wer also hier hin moechte, muss gut sein und viel Zeit in Lernen investieren.

Studieren kostet auch in China Geld. Es gibt allgemeine Studiengebuehren, die je nach Universitaet variieren – die Zhongshan-Universitaet ist in Guangzhou vergleichsweise guenstig, da sie direkt vom Staat unterhalten wird und grosse Zuschuesse erhaelt. Ein Jahr Studium hier kostet 5000 RMB (umgerechnet derzeit ca. 500 Euro); wer dieses Geld nicht parat hat, kann ein Darlehen vom Staat aufnehmen und im spaeteren Berufsleben zurueckzahlen – vergleichbar dem deutschen „BAFoeG“ und sicher nicht ueber jede Kritik erhaben.
Nun toben in Deutschland derzeit auch die Diskussionen um die Einfuehrung von Studiengebuehren (die de facto schon da sind, denn im Jahr habe ich in Goettingen alleine an „Verwaltungsgebuehren“, „Studentenwerksbeitraegen“ und sonstigen Unkosten, die pro Semester ueberwiesen werden muessen, ungefaehr den gleichen Betrag zu zahlen). Und eines der Hauptargumente der Befuerworter von Studiengebuehren ist die bessere Ausstattung der Unis; eines der Hauptargumente der Gegner der Punkt, dass perfiderweise gerade die Einfuehrung der Gebuehren die Ausstattung verschlechtern koennte, da die Laender dann Mittel streichen.

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Die Zhongshan-Universitaet ist sicherlich im Vergleich mit anderen Universitaeten weit ueber Durchschnitt ausgestattet. Alleine die riesige parkartige Anlage des Campus, die hochmodernen, grosszuegigen Gebaeude, die Freizeitmoeglichkeiten der Studenten und die hohen Neuinvestitionen pro Jahr zeugen vom Stellenwert guter universitaerer Ausbildung in China. Der Gang ueber den Campus gleicht einem Bummel durch einen weitlaeufigen Park: gruene Alleen, kuenstliche Seen, Pavillons und dazwischen immer wieder neue und alte Lehrgebaeude, die sich harmonisch zusammenfuegen.

Wer hier studiert, erhaelt automatisch ein Bett im Wohnheim – im Umkehrschluss bedeutet dies, dass es nicht mehr Studenten an der Zhongshan-Universitaet geben kann, als die Uni Wohnheimsplaetze zur Verfuegung hat.
Chinesische Wohnheime sind den deutschen sicher nicht vergleichbar: die aelteren Gebaeude, die zur Zeit mehr und mehr abgerissen und durch neue ersetzt werden, haben Gemeinschaftsraeume mit 4 oder sechs Betten; der Komfort laesst hier sicher nach deutschen Massstaeben zu Wuenschen uebrig. Natuerlich muss hier niemand wohnen; gerade Studenten aus Guangzhou wohnen waehrend ihres Studiums zu Hause, andere nehmen sich private kleine Appartements, die in Uniumgebung auch nicht teuer sind. Wer das Wohnheim in Kauf nimmt, kann nach einigen Jahren, z.B. nach der „Zwischenpruefung“ (Bachelor-Abschluss) in bessere Wohnungen und Einzelzimmer wechseln.

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Campus der Zhongshan-Universität, Guangzhou
Aufgefallen ist mir auch hier ein anderes Wertegefuege in der chinesischen Gesellschaft, das auch hier zum Vorschein kommt: Studieren heisst studieren und nicht viel anderes. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, sagt das deutsche Sprichwort – schlichtere Lebensbedingungen und weniger Komfort nehmen die Studenten in Kauf; als Lohn erhalten sie dafuer eine weit ueber Durchschnitt liegende Ausbildung an einer fuehrenden Universitaet des ganzen Landes. 81 staatliche oder provinziale Schluesseldisziplinen werden hier unterrichtet, in 148 Faechern kann mit Doktor; in 208 mit Master abschliessen; ueber 7000 Dozenten und Professoren unterrichten die Studenten.

Natuerlich habe ich mir selbst die Frage gestellt, ob ich genre tauschen wuerde, das heisst, hier in China statt in Deutschland zu studieren.
Wenn ich an mein weiches Bett und eigenes Zimmer daheim denke, wohl eher nicht – andererseits werde ich doch neidisch, wenn ich die Goettinger Betonwueste mit der palastgartenartigen Anlage der Zhongshan-Universitaet vergleiche...
Wenn ich in China studieren wuerde, waere natuerlich auch wieder Philosophie mein Fach – ich koennte meine Abschlussarbeit in Marxismus-Leninismus schreiben, bei wirklichen Kapazitaeten lernen und am Aufbau dieses Landes mit seinen ungeahnten Moeglichkeiten teilnehmen.

In China ist die Philosophie die Wissenschaft, die alle anderen Fachwissenschaften miteinander verknuepfen soll und ein wissenschaftlich-weltanschauliches System erarbeitet; in Deutschland suchen wir nach dem „Sinn des Lebens“. Manch ein deutscher universitaerer Sinnsucher findet seinen ganz persoenlichen Lebenssinn vor oder hinter dem Kneipentresen und kann die anderen Gaeste mit Kant-Zitaten unterhalten – meine Vorstellung von Philosophie ist dies nicht; da bin ich mir mit den Chinesen einig.


 
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