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NEUES THEMA18.04.2020, 18:31 Uhr
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FPeregrin

• Vor 75 Jahren: Schlacht um Berlin Schon vorgestern in der jW:

Die Schlacht um Berlin

Vor 75 Jahren begann mit dem Angriff der Roten Armee auf die Reichshauptstadt Berlin das letzte Kapitel des Zweiten Weltkriegs

Von Ingar Solty

Der 16. April 1945 war ein kühler Tag. Die Temperaturen erreichten bei bedecktem Himmel keine zehn Grad. An diesem Tag begann die Schlacht um Berlin. Sie war für die deutschen Faschisten schon verloren, noch ehe sie begann. Den Durchhalteparolen der Nazis zum Trotz war der Krieg seit Monaten verloren. Er war schon verloren gewesen, als am 12. Januar die Weichsel-Oder-Operation der Roten Armee begann, verloren bereits mit den Schlachten von Stalingrad 1942/43. Die Niederlage war am Kursker Bogen im Sommer 1943 besiegelt worden. Der Krieg, den Deutschland im Osten als Vernichtungskrieg geführt hatte, kehrte nun an seinen Ausgangspunkt zurück.

Die Schlacht um Berlin zögerte das Unvermeidliche nur hinaus, verlängerte das Kriegsmorden und den Holocaust. Millionen Menschen bezahlten die Kriegsverlängerung mit ihrem Leben, Hunderttausende in den Konzentrationslagern und Gestapo-Gefängnissen ersehnten die Befreiung. In den Städten wurden Hunderttausende durch den Bombenkrieg obdachlos. Berlin gehörte im Zweiten Weltkrieg neben Warschau, Stalingrad, Rotterdam und Dresden zu den am stärksten zerstörten Städten. Die Zerstörung Berlins hatte mit den Flächenbombardements der Alliierten begonnen. Die verheerendsten fanden am 3. und 26. Februar 1945 statt. Dabei warfen 939 bzw. 1.184 Flugzeuge jeweils weit über 2.000 Tonnen Spreng- und Brandbomben über den Innenstadtbezirken ab. Fünfeinhalb Jahre zuvor hatte Hermann Göring noch in einer Rundfunkrede gesagt, er wolle Meier heißen, sollte auch nur ein feindliches Flugzeug über dem Himmel von Berlin auftauchen. Jetzt kamen allein am 3. Februar während des nur 50minütigen Bombardements 50.000 Berliner, Kriegsflüchtlinge und Zwangsarbeiter ums Leben. Dieser Angriff war auch eine Demonstration der Alliierten: Am Tag darauf begann die Konferenz von Jalta, auf der die Staatschefs der Alliierten, Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin, die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen beschlossen. Mit den Bombardements schwand in der Bevölkerung auch der Glaube an die von Hitler angekündigten Wunderwaffen.

Zum Beginn der Schlacht waren noch etwa 2,7 Millionen Berlinerinnen und Berliner in der Stadt, zwei Drittel davon Frauen, ansonsten vor allem Jungen unter 16 und Männer über 60 Jahren. Die Nazis setzten diese Bevölkerung nun dem Kriegsende aus und schickten – während SS, Gestapo, Wehrmacht und Polizei zugleich Kriegsmüde und Deserteure exekutierten und die Verbrechen zur Beseitigung ihrer antifaschistischen Gegner forcierten – unausgebildete 14- bis 16jährige sowie die Alten in den schon am 19. Oktober von Hitler befohlenen Volkssturm. Die Hinauszögerung des Kriegsendes führte dazu, dass bei der Befreiung Berlins vom Faschismus bis zum 2. Mai auf beiden Seiten noch einmal 170.000 Soldaten und mehrere zehntausend Zivilisten getötet sowie eine halbe Million Soldaten verwundet wurden.

Der Beginn der Schlacht

Mitte April schloss die Rote Armee mit rund 2,5 Millionen Soldaten, 6.250 Panzern, 7.500 Flugzeugen und 41.600 Artilleriegeschützen einen Ring um Berlin und kesselte die verbliebenen deutschen Soldaten ein. An der Oder soll alle drei Meter ein Artilleriegeschütz gestanden haben. Zum Hitler-Geburtstag am 20.April durchbrach die Rote Armee den Äußeren Verteidigungsring. Zu diesem Zeitpunkt ordnete Hitler den »Fall Clausewitz« an, der neben der Evakuierung der Regierungs-, Wehrmachts- und SS-Dienststellen die Vernichtung von Beweismaterialien wie Akten, Schriftstücke und Urkunden vorsah.

Einen Tag später setzte die Rote Armee das Oberkommando des Heeres in Zossen fest, während zugleich andere Truppenteile um zwölf Uhr mittags in Malchow erstmals die Stadtgrenze überschritten und sich dann gegen Hohenschönhausen, Marzahn und Hönow wandten. Andere Einheiten erreichten bereits Weißensee, und wieder andere schrieben am Haus Landsberger Allee 563 »Na Berlin – Pobeda« (»Nach Berlin – Sieg«) an die Fassade. Am Abend des 21. April hissten Rotarmisten am Turm der Marzahner Dorfkirche die erste rote Fahne. Der Völkische Beobachter hatte am selben Tag gelogen, dass »in der Zeit von 9 bis 16 Uhr ein Übungsschießen einer Flakbatterie im Norden Berlins« stattfinde. Als um 11.30 Uhr Artilleriefeuer sowjetischer Kanonen bereits den Hermannplatz in Neukölln trafen und sich damit der Beschuss von Süden her der Innenstadt näherte, löste dies eine Massenpanik aus. Am Ende des 21. Aprils war der Ring um Berlin fest geschlossen.

Am Folgetag, als im Telegrafenamt in der Oranienburger Straße das letzte Telegramm eintraf (ein Gruß aus Tokio: »Viel Glück für euch alle«), erklärte Goebbels, dass »alle, die weiße Fahnen hissen, erschossen werden«. Am Abend dieses 22. April soll im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt noch einmal die »Zauberflöte« aufgeführt worden sein, während die Ostfrontlinie durch das Vorrücken der Roten Armee bereits entlang der Linie Lichtenberg – Niederschönhausen – Frohnau verlief. Die Innenstadtbezirke wurden nun unter direkten Dauerbeschuss genommen, erwidert mit Dauerfeuer vom Flakturm im Friedrichshain.

Einen Tag später schob sich die Front im Osten nach Friedrichshain vor. Die Rote Armee war bis dahin auf der östlichen Verlängerung der Frankfurter Allee vorgerückt, die zum 30. Jahrestag des Kriegsendes den Namen »Straße der Befreiung« erhielt, nach 1990 dann aber in das zuvor kaum gebräuchliche »Alt-Friedrichsfelde« umbenannt wurde (Die Linke bemüht sich seit 2015 um eine Rückumbenennung). Am 23. April wurde der Frontverlauf von der Linie Tegel – Humboldthain – Wollankstraße – S-Bahnhof Schönhauser Allee – Friedrichshain entlang dem S-Bahnring vom Bahnhof Landsberger Allee bis Frankfurter Allee – Teltow-Kanal markiert. Während nördlich von Berlin die Rote Armee bei Oranienburg das KZ Sachsenhausen befreite, begannen nun die Kämpfe der 5. Stoßarmee um den Zentralvieh- und Schlachthof an der Storkower Straße. Am selben Tag rückte die Rote Armee in Richtung Wilhelmstraße und Berliner Machtzentrum vor, auf die parallele Scharnweberstraße ausweichend, um dem Beschuss auf der Frankfurter Allee durch SS-Verbände auszuweichen. »Sie gingen in voller Breite durch die Häuser und schossen sich die Giebel frei – Haus für Haus«, notierte der kommunistische Widerstandskämpfer Erwin Reisler in sein heimlich geführtes Tagebuch, während der sowjetische Frontkorrespondent Boris Polewoi die strategische Orientierung so beschrieb: »Die Gefechte in Berlin, unter den spezifischen Bedingungen der Stadt, erforderten eine neue Taktik unsererseits. Jedes Haus wurde ein Bunker, jede Straße eine Verteidigungslinie. Ob man sie umging, ob man gegen ihren rückwärtigen Raum vorstieß, jedes Objekt musste einzeln genommen werden, denn es gab keinen Platz, auf den der Gegner hätte zurückgehen können«.

Von Teilen der Bevölkerung konnte die Rote Armee Unterstützung erwarten. Der deutsche Antifaschist Ernst Kehler, der als Soldat der 1. Belorussischen Front und Frontbevollmächtigter des Nationalkomitees »Freies Deutschland« in seine Heimat zurückkehrte, beschreibt das Kriegsende so: Auf dem Weg »zu meinem neuen Einsatzbereich in Berlin Mitte (…) waren neben weißen Fahnen in Riesenbuchstaben noch die faschistischen Losungen ›Berlin bleibt deutsch‹, ›Siegen oder Sibirien‹ zu erkennen. Entfernte sich der Gefechtslärm, kamen einzelne Gestalten auf die Straßen. Elend, Kriegsmüdigkeit und Verzweiflung beherrschten die Menschen. Aber ebenso unvergesslich ist es mir, dass wir in der Uniform der Roten Armee auf unserem langen Weg von Berliner Frauen und Männern wiederholt Hinweise und Warnungen erhielten. ›Geht hier nicht weiter, drüben im Eckhaus liegt noch ein Schützennest.‹ Oder: ›Nehmt den Weg durch die Hauseingänge über die Höfe. Auf der Straße ist noch kein Weiterkommen.‹«


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Die letzte Offensive

Die Nacht vom 23. zum 24. April verlief ruhig. Aber dann wurde, so schreibt Heinz Rein im Dokumentarroman »Finale Berlin«, »als das Licht des neuen Tages durchdringt, die Stille durch eine ungeheure Kanonade zerrissen. Es ist 5 Uhr 15 Minuten: Das Trommelfeuer der rings um Berlin in den Vororten aufgefahrenen russischen Artillerie hat begonnen. Es dauert 45 Minuten, dann treten die russischen Infanterie- und Panzerverbände zum Angriff an.« Der Widerstand ist unterschiedlich intensiv. Die SS-Verbände sind die einzigen, die gut ausgerüstet sind und erbitterten Widerstand leisten.

Die Zivilbevölkerung wird von den Faschisten geopfert. »Als der Friedrichshain Kampfgebiet und die Schultheiss-Patzenhofer-Brauerei verteidigt wird«, schildert Rein eine vielfach bezeugte scheußliche Episoden aus der Schlacht um Berlin, »wird – um das Leben der Zivilbevölkerung zu schonen – von den Russen die Räumung des Viertels zwischen Friedrichshain und Zentralviehhof befohlen. Tausende entsteigen den dunklen Katakomben. (…) Durch die Landsberger Allee und Landsberger Chaussee zieht der endlose Zug der Flüchtlinge ostwärts (…). – Die Landsberger Chaussee ist eine breite Straße, sie stößt zwischen Lauben, Gärten, Feldern und Neubausiedlungen aus der Enge der Stadt ins offene Land hinaus. Nicht nur die Flüchtlinge sind auf ihr, auf der nördlichen Straßenseite rollt der Nachschub der russischen Armee stadteinwärts. (…) So wälzen sich zwei Ströme durch die Landsberger Chaussee, ostwärts die Frauen, Greise und Kinder des geschlagenen, westwärts die Söhne des siegreichen Volkes. – Da tönt von irgendwo, noch von weit her, ein Brummen, es klingt, als sei ein Schwarm von Bienen unterwegs, aber das Geräusch schwillt unheimlich schnell an, wird zum Dröhnen und Donnern. Die Menschen auf der Straße blicken verwundert auf den anfliegenden Verband, zehn, zwölf, fünfzehn, zwanzig Maschinen scheinen es zu sein, sie halten geraden Kurs auf die Straße (…) Deutsche Maschinen vom Typ Ju 87 wachsen riesengroß heran, die schwarzen Kreuze auf den Tragflächen sind schon zu erkennen. Die Flüchtlinge ziehen unbekümmert weiter. Was haben sie von deutschen Flugzeugen zu befürchten? Da geschieht das Unerwartete, Unwahrscheinliche, Unglaubliche – die deutschen Sturzkampfflugzeuge stürzen sich mit aufheulenden Motoren auf den Nachschub der Russen, es kümmert sie nicht, dass auf der gleichen Straße Zehntausende von deutschen Menschen in die Zone des Hinterlandes ziehen. Das Angriffsziel wird befehlsgemäß angeflogen und bombardiert. Immer wieder stürzen sich die Stukas auf die Straße, ziehen die Maschinen singend in die Höhe und stoßen wieder wie gierige Raubvögel herab. Als sie abfliegen, bleiben an den Rändern der Landsberger Chaussee Hunderte von Toten und Verletzten zurück, deutsche Menschen, niedergemetzelt von deutschen Fliegern mit deutschen Bomben und deutschen Bordkanonen (…)«.

Weiter südlich dringt noch am 24. April die Rote Armee im Häuserkampf entlang der Frankfurter Allee vor, während zugleich unter schweren Gefechten am Bahnhof Wedding der Innere Verteidigungsring durchbrochen wird und das 7. Korps mit geringerem Widerstand vom Prenzlauer Berg in Richtung Alexanderplatz durchbricht. Die 301. Schützendivision überschreitet auf der Höhe Treptower Park die Spree und bringt das Kraftwerk Rummelsburg unzerstört und betriebsfähig unter ihre Kontrolle. Am frühen Nachmittag des 24. April erscheint zum vorletzten Mal die Nazizeitung Der Angriff und titelt: »Berlins heroischer Widerstand ist ohne Beispiel«. Am 25. und 26. April macht die 5. Stoßarmee im Osten jedoch nur geringe Fortschritte, vor allem die Einnahme des Schlesischen Bahnhofs (heute Ostbahnhof) gestaltet sich als äußerst schwierig. Am 27. April, während Himmler noch versucht, Verhandlungen über eine Teilkapitulation zu führen, ist der Bahnhof jedoch vollständig erobert, und bis zum Folgetag sind auch die Gebiete um den Alexanderplatz, die Flughäfen Tempelhof und Gatow sowie Spandau, Teile von Schöneberg, Tempelhof und Kreuzberg befreit. Die Schlinge um das Regierungsviertel zieht sich zu. Bis zum 29. April reduziert sich der Machtbereich der Nazis auf 25 Quadratkilometer. Am Tag darauf nimmt Adolf Hitler sich das Leben, einen Tag später folgt Joseph Goebbels. Die verbliebene Staatsführung hält die Nachricht unter Verschluss und vermeldet erst am 2. Mai, dem Tag der Kapitulation Berlins, »der Führer« sei »beim Kampf um Berlin gefallen«. Am Tag von Hitlers Selbstmord hisste der Rotarmist Michail Petrowitsch Minin die rote Fahne auf dem Reichstagsgebäude, festgehalten auf der berühmten Fotografie von Jewgeni Chaldej.

Stalin hatte Wert daraufgelegt, Berlin zum internationalen Kampftag der Arbeiterklasse zu erobern; in Teilen Berlins wurde jedoch noch gekämpft, zuletzt rund um die Flaktürme im Friedrichshain, wo sich heute der Mont Klamott befindet, und im Prenzlauer Berg in der heutigen Kulturbrauerei, wo sich die SS-Einheiten in den Kellerräumen verschanzt hatten. In der Nacht vom 8. zum 9. Mai unterzeichneten schließlich Generalfeldmarschall Keitel für die Wehrmacht, durch Generaloberst Stumpf für die Luftwaffe und Generaladmiral von Friedeburg für die Kriegsmarine in Karlshorst die Kapitulationserklärung.


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Berlin nach Kriegsende

Die Zivilbevölkerung zahlte in der Schlacht um Berlin einen hohen Preis. Aus Angst vor Racheaktionen seitens russischer Soldaten für das durch den deutschen Vernichtungskrieg im Osten erlittene Leid erließ der sowjetische Marschall Konstantin Rokossowski den Befehl, dass Plünderungen und Vergewaltigungen nach Kriegsrecht und mitunter durch unverzügliche Erschießung zu ahnden seien. Trotzdem sollen im Großraum Berlin rund 100.000 Frauen vergewaltigt worden sein, wie Helke Sander und Barbara Johr in ihrem Buch »BeFreier und Befreite« schätzen.

Als Kriegsdonner und Rauch sich verzogen hatten, gab der Himmel den Blick auf eine untergegangene Stadt frei. Insgesamt bestand Berlin im Mai 1945 aus 75 Millionen Kubikmetern Trümmern. Damit hätte man einen 35 Meter breiten und fünf Meter hohen Damm von Berlin bis nach Dortmund bauen können. In ganz Berlin waren 48 Prozent aller Gebäude total zerstört: Von den ehemals 1,5 Millionen Wohnungen existierten noch 870.000, aber nur 730.000 waren noch halbwegs bewohnbar. 140 der 225 Brücken waren durch Bombardierungen und Sprengungen zerstört, das S-Bahn-System an Hunderten Stellen unterbrochen. Die Stadt besaß von 153.000 Kraftfahrzeugen noch 115. Besonders betroffen waren indes die Arbeiterquartiere. Von allen damals 20 Stadtbezirken wies der östliche Berliner Bezirk Friedrichshain den zweitgrößten Zerstörungsgrad auf. Von 8.088 Gebäuden waren 27 Prozent völlig zerstört und 18,5 Prozent schwer beschädigt. Der zynische Berliner Volksmund der Nachkriegszeit nannte Lichterfelde nun Trichterfelde, machte aus Steglitz Steht nix und aus Charlottenburg Klamottenburg.

54 Prozent der Friedrichshainer Wohnungen waren unbewohnbar. Statt den 1939 gezählten 346.264 Einwohnern lebten 1945 nur noch etwa 156.000 Menschen im Bezirk, darunter 17,2 Prozent Kinder unter 14 Jahren. Der Anteil der Arbeiterinnen und Arbeiter in der Stadt war – nach ausgegebenen Lebensmittelkarten berechnet – von 60 auf 35,3 Prozent gesunken. »Das Gros der männlichen Arbeitskräfte«, schreibt der Historiker Norbert Podewin, »war im August 1945 älter als 40 Jahre alt. Auf 100 Männer zwischen 20 und 30 Jahren kamen 450 Frauen der gleichen Altersklasse. In Friedrichshain gab es 2.545 Mädchen und 504 Jungen im Alter von 18 bis zu 21 Jahren.« Von 203 niedergelassenen Ärzten praktizierten noch 15, von 42 Zahnärzten noch zwei. Das »Horst-Wessel«-Krankenhaus war im Bombenhagel weitgehend zerstört worden, und es existierten nur noch 570 von 986 Betten. Im ganzen Bezirk gab es gerade noch zwei Lkw mit Hängern, eine einzige Zugmaschine mit Anhänger und nur noch 19 Pferdegespanne. Überall war die Wasser-, Strom- und Gasversorgung unterbrochen. Ein Drittel der U-Bahnen stand unter Wasser.

Berlin war untergegangen, ein modernes Pompeji. Ein Neuanfang schien kaum vorstellbar. Die Lyrikerin Inge Müller, Wehrmachtshelferin in den Kämpfen im Prenzlauer Berg, beschrieb im Gedicht »Heimweg 1945« ihren Rückweg von der Schönhauser über die Danziger Allee bis zum Frankfurter Tor und von dort nach Friedrichsfelde raus: »Übriggeblieben zufällig / Geh ich den bekannten Weg / Vom Ende der Stadt zum anderen Ende / Ledig der verhassten Uniform / Versteckt in gestohlenen Kleidern / Aufrecht, wenn die Angst groß ist / Kriechend über Tote ohne Gesicht / Die gefallne Stadt sieht mich an / Ich seh weg.«

Der DDR-Gegenwartsschriftsteller Helmut Meyer erinnerte sich in seinem 1962 geschriebenen Roman »Lena in Berlin« wie folgt an das Ausmaß der Zerstörung: »Benno ging über das Schlachtfeld seiner Heimat. Anschriften mit Kreide an Mauerresten, angenagelte, verwaschene Zettel gaben Kunde von Überlebenden, nannten den neuen Zufluchtsort oder standen mit der nackten Frage: Lebst du noch, Anna? Lebst du noch, Karl?« Und Boris Polewoi schrieb nach dem Krieg über seinen Abschied: »Als wir uns vor Tau und Tag wieder auf den Weg machten, erschien uns Berlin unheimlich menschenleer. Eine verstümmelte, dunkle Riesenstadt, mit Bergen von Ruinen entlang den breiten Straßen, gesprengten, provisorisch instand gesetzten Brücken und buchstäblich an jeder Ecke Spuren erbitterter Gefechte. Das Stadtzentrum war völlig zerstört. Obwohl wir den ganzen Krieg über viele Ruinen und Brandstätten gesehen hatten und obwohl mir die Ruinen meiner Heimatstadt Kalinin und das in einen einzigen Trümmerhaufen verwandelte Stalingrad noch deutlich vor Augen standen, bedrückte mich der Anblick Berlins. Nach manchen unversehrten Details zu schließen, mochte es einmal schön gewesen sein.«

Berlin nach Kriegsende kann in einer Reihe von Filmen besehen werden, darunter in dem ersten deutschen Nachkriegsfilm »Die Mörder sind unter uns« (1946) von Wolfgang Staudte, der etwa den Stettiner Bahnhof und den Andreasplatz zeigt, in »Irgendwo in Berlin« (1946) von Gerhard Lamprecht, in Kurt Maetzigs Dokumentarfilm »Berlin im Aufbau« (1946) und auch in Roberto Rossellinis neorealistischem Klassiker »Deutschland im Jahre Null« (1948).

Der Wiederaufbau

Die erste Aufgabe nach Kriegsende bestand in der Versorgung der Bevölkerung. Während sich der sowjetische Stadtkommandant Nikolai E. Bersarin große Verdienste bei der Abwendung einer drohenden Hungerkatastrophe erwarb, wie auch Konservative später anerkennen mussten, begann zeitgleich schon der Wiederaufbau – insbesondere mit Brückeninstandsetzungen. An vielen Orten riefen KPD und SPD gemeinsam zu einem großen Subbotnik auf, so etwa am 28. Oktober im Berliner Osten. Am Petersburger Platz, in der Frankfurter Allee, am Küstriner Platz (heute Franz-Mehring-Platz), in der Boxhagener Straße und am Krankenhaus im Friedrichshain fanden sich 10.000 Bezirksbewohner ein, die dem Aufruf gefolgt waren. So kam Berlin zu neuem Leben. Aber wer es heute sieht, macht sich wohl kaum eine Vorstellung davon, dass und wie der Krieg noch jahrzehntelang den sozialräumlichen Alltag wie eine schmerzliche Wunde prägte.

In den 1980er Jahren, so schreibt die Schriftstellerin Annett Gröschner über Berlin, sei »in den Vierteln jenseits der Magistralen (…) der Krieg immer noch anwesend« gewesen. »Die Fassaden waren übersät von Einschüssen und bezeichneten den Verlauf der Front (…). Unter jeder Grasnarbe, unter jeder versiegelten Fläche konnte das Grauen verborgen sein, denn die Keller waren bei der Enttrümmerung nur zugeschüttet worden.«

Der Wiederaufbau zeitigte dennoch auch schnelle Erfolge. In Ostberlin beschloss die Regierung zu Ehren von Stalins 70. Geburtstag im selben Monat zum 21. Dezember 1949 den systematischen Wiederaufbau. Symbolisch begann er an der »Roten Weberwiese«. Von hier aus war das andere Deutschland, das Deutschland der Arbeiterbewegung, am 1. Mai 1923 mit einer halben Million Arbeiterinnen und Arbeitern in Viererreihen in Richtung Alexanderplatz gezogen. Ebendort hatten am 5. März 1925 auch Tausende Mitglieder des Roten Frontkämpferbundes gegen »Faschismus und Polizeiterror« demonstriert. Hier entstand nun, damals noch als Stalinallee, die heutige Karl-Marx-Allee. Am 19. Januar 1952 konnte bereits das Richtfest stattfinden – dank der Arbeit von 50.000 Menschen und über einer Million Subbotnik- und Aufbauschichten binnen eines Jahres. Zu diesem Anlass schrieb Bertolt Brecht sein »Friedenslied«, dessen Zeilen bis heute die Fassade des Hochhauses an der Weberwiese zieren: »Friede in unserem Lande, / Friede in unserer Stadt, / dass sie den gut behause, / der sie gebauet hat.« Im Losverfahren zogen tatsächlich Tausende der Erbauer der Stalinallee in die Wohnungen der sozialistischen Prachtstraße ein, auch ohne Parteibuch. Nachlesen lässt sich das etwa in den Lebenserinnerungen von Ingrid Dornberger, die als eine der ersten ins Hochhaus an der Weberwiese einzog.

Brechts Fassadenverse an diesem Haus wiederum sind aus schwarzem Marmor geschlagen. Sein Ursprung ist besonders. Man entnahm ihn der »Carinhall«, dem zerstörten Wohnsitz von Hermann Göring. Der jetzt eigentlich Meier heißen musste. Der deutsche Faschismus hatte die Welt in Brand gesteckt, in der Sowjetunion verbrannte Erde hinterlassen und schließlich Berlin in ein Trümmerfeld verwandelt. Aber am Ende sollte ein neues Deutschland der Werktätigen und der Bauern über den Faschismus triumphieren, wenigstens symbolisch. Ein neues Deutschland mit einer besonderen Losung: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!


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