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NEUES THEMA31.01.2020, 14:52 Uhr
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• 100 Jahre Kapp-Putsch u. Rote Ruhr-Armee Aus der jW von gestern:

»Terror demoralisiert«

Vorabdruck. Der Kampf der Arbeiter gegen den Kapp-Putsch vom März 1920 eröffnete Chancen zu wirklichen gesellschaftlichen Veränderungen. Die SPD-Führung, mit der Mordsoldateska der Freikorps verbunden, hintertrieb das

Von Klaus Gietinger

In Kürze erscheint im Stuttgarter Schmetterling-Verlag von Klaus Gietinger das Buch »Kapp-Putsch. 1920 – Abwehrkämpfe – Rote Ruhrarmee«. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor das – redaktionell bearbeitete – Schlusskapitel. (jW)

Klaus Gietinger: Kapp-Putsch. 1920 – Abwehrkämpfe – Rote Ruhrarmee. Schmetterling-Verlag, Stuttgart 2020, 325 Seiten, 19,80 Euro/ Klaus Gietinger ist Autor, Regisseur und ­Sozialwissenschaftler.

»Es war dies ein Gegner, der leider allzu bescheiden war.« Ein Gegner, der »vor allem etwas nicht wollte, nämlich den Krieg«. Das schrieb einer der geistigen Wegbereiter des Faschismus über die Revolutionäre des Jahres 1919 in Berlin. Erst an den »späteren Formationen des Kommunismus ist ein positiver und kriegerischer Wille zur Macht nicht zu verkennen«. Womit Ernst Jünger, neun Jahre nach dem Kapp-Putsch in seinem in Essen herausgegebenen Buch »Der Kampf um das Reich« – das den Hitlerputsch von 1923 verherrlichte –, die Rote Ruhrarmee meinte. Ihm schienen die »Spartakisten« des Januars und März 1919 in Berlin, aber auch die in Mitteldeutschland und im Ruhrgebiet viel zu human, um sich – wir versuchen uns in seiner Sprache – »durchzutanken«. Ihnen habe anders als 1920 der »kriegerische Wille zur Macht« gefehlt.

Das in scheinbarer Anlehnung an Nietzsche vorgebrachte Kompliment für die Rote Ruhrarmee, geht gleichwohl fehl, hauptsächlich fehl. Zwar mangelte es den radikaleren Kämpfern vor der Festung Wesel am Niederrhein, angefeuert von Polizeispitzeln wie Gottfried Karusseit, nicht an Entschlossenheit – es waren »linke Militaristen«, so Wilhem Pieck, die letztlich allein mit militärischen Mitteln den Sieg erringen wollten. Der Rest, und das war die übergroße Mehrheit der Roten Ruhrarmee, hatte indes nicht den Willen zur Macht, sondern wollte den preußischen Militarismus in Form der »Noskiden«, also in Form der Freikorps, zerschlagen. Dabei benutzte sie die Guerillamethode, wie sie Friedrich Engels schon 1848 als Mitglied und Kämpfer der pfälzischen Befreiungsarmee vorgeschlagen hatte. Vor den militärisch überlegenen und besser ausgerüsteten Blöcken der Freikorps wandte sie die Schwarmeinkreisung an, so dass diese ihre schweren Waffen oft nicht einsetzen konnten, gleichzeitig wichen die Rotgardisten taktisch immer wieder zurück, um die schwerfälligen, immer noch in der offenen Feldschlacht geschulten Soldaten des Ersten Weltkriegs ins Leere laufen zu lassen.

Diese Erfahrung sowie die antidemokratische Stoßrichtung der »Regierungstruppen«, die reaktionäre Gesinnung der Offiziere und Unteroffiziere, führte bei den Mannschaften zu Auflösungserscheinungen. Desertion war angesagt. Das »Gift des Bolschewismus«, wie dies die Putschisten und nicht nur die nannten, erfasste die weißen Garden. Es war aber nicht das Gift aus dem »Reich des Bösen«, sondern das Gegengift der Vision einer herrschaftsfreien Gesellschaft.

Gigantischer Streik

In den Vororten von Berlin, in Mecklenburg, Sachsen, Thüringen und im rheinisch-westfälischen Industriegebiet, im Kohlenpott, hatten Arbeiter spontan zu den Waffen gegriffen. Vorausgegangen war ein gigantischer Generalstreik. Auch der entwickelte sich zuerst aus spontanen lokalen Aktionen, wuchs dann durch die Unterschrift der SPD-Führung, durch die Aufrufe des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), des Allgemeinen freien Angestelltenbundes (AfA), der christlichen Gewerkschaften, der SPD, der USPD und der KPD, aber auch durch Unterstützung der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Es kam zu einer letzten fragilen Einheit der Arbeiterklasse, die von Teilen des Bürgertums unterstützt wurde (DDP, Zentrum).

Vorderhand belegten die Reaktionen auf den Kapp-Putsch, dass breite Volksschichten zu den erreichten demokratisch-revolutionären Errungenschaften standen, sie sogar mit einem Generalstreik verteidigten oder sich wie die Verwaltung der Diktatur gegenüber zumindest passiv verhielten. Generalstreik und Volksbewaffnung gingen jedoch über die Abwehr des Putsches hinaus, die Massen verlangten jetzt eine grundsätzliche Demokratisierung aller gesellschaftlichen Bereiche. Ein schier unüberwindliches Problem war dabei der Pakt der Führung der SPD und der Führung von DDP und Zentrum mit den alten und den sich entwickelnden neuen militärischen Mächten, der schon im Winter 1918 geschlossen und im Januar bis Mai 1919 mit dem Blut von Tausenden ermordeter Menschen, dem »Gründungsmassaker der Weimarer Republik« (so der irische Historiker Mark Jones), besiegelt worden war.

Die Weimarer Koalition hatte sich nicht nur bedingungslos dem militärischen Apparat ausgeliefert, sondern sich auch mit ihm gemein gemacht. Den preußisch-deutschen Militarismus zu zerschlagen und eine demokratische Milizarmee aufzubauen – wie vom Reichsrätekongress (der zu zwei Dritteln aus SPD-Mitgliedern bestand) beschlossen und zuvor bereits im Erfurter Programm der SPD von 1891 gefordert –, verhinderte unter dem Druck der Obersten Heeresleitung (OHL) erst eine Notgemeinschaft aus SPD und USPD (Dezember 1918), dann eine reine SPD-Regierung (Weihnachten 1918 bis Ende Januar 1919) und schließlich eine preußennahe Regierungskoalition aus SPD, DDP und Zentrum. Der Terror der Freikorps, von der SPD-Führung bzw. von ihrem Volksbeauftragten für Heer und Marine, Gustav Noske, mit Unterstützung der OHL gegen die aufbegehrenden und das Parteiprogramm einfordernden Massen aufgebaut, wurde von der Regierung, dem Reichspräsidenten und der Fraktion der SPD gebilligt.

Dem Pabst/Noskeschen Terrorbefehl vom März 1919 kommt dabei entscheidende Bedeutung zu. Mit ihm wurden die Panzer, die Artillerie, die Flugzeuge, die Flammenwerfer, die MGs gegen die Bevölkerung eingesetzt. Nach dem Kampf setzte grenzenloser Terror ein – durch die Exekutionen, »Standgerichte«, durch »Fangschuss«. Es war ein Befehl zum Massenmord, ein Meilenstein auf dem Weg zum Faschismus. Ein Befehl, den die deutschen Militärs schon 1907 erwogen und gegen den Noske 1911 noch im Reichstag protestiert hatte. Im März starben in Berlin mindestens 1.200 Menschen, im Mai gab es in München etwa 1.000 Tote.

Die Ausführung des Terrorbefehls wurde von Noske und Friedrich Ebert sanktioniert und von ersterem bis zuletzt auch als Zeuge vor Gericht verteidigt. Major von Lützow, Kommandant des gleichnamigen Freikorps, das 1920 auch im Ruhrgebiet mordete, drückte dies 1921 so aus: »Dass Noske in Berlin nach Niederschlagen der Unruhen vom März 1919 in einer Besprechung der Kommandeure uns seinen Dank ausgesprochen und dabei hinzugesetzt hat, er wäre der letzte, der hinter einem kleinen Leutnant wegen einer vielleicht nicht ganz gerechtfertigten Erschießung herlaufen und ihm den Prozess machen würde.« In einer seiner letzten Amtshandlungen gewährte Noske General Watter genau diese Straffreiheit im Ruhrgebiet.

Gleichzeitig unterstützten Noske, die Weimarer Koalition und die preußische Regierung den maßgeblich vom Ersten Generalstabsoffizier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division (GKSD), Waldemar Pabst und den Generälen angestrebten Wiederaufbau einer durchmilitarisierten Gesellschaft mit Freikorps, Zeitfreiwilligen, Einwohnerwehren, Sicherheitspolizei (Sipo), Technischer Nothilfe, ja Wehrbauern. Erst die Alliierten und der Versailler Vertrag machten ihnen einen Strich durch die Rechnung. Militärischer Widerstand, auch ein Rückzug östlich der Oder mit Überfall auf Polen, wie es Kriegsminister Walther Reinhardt vorgeschlagen hatte, erschien, das wusste General Groener, aussichtslos. Nachdem Pabsts Garde-Kavallerie-Schützen-Division aufgelöst, ein Putsch Pabsts verhindert und im Oktober 1919 mit Unterstützung des ehemaligen OHL-Chefs Erich Ludendorff die antirepublikanische »Nationale Vereinigung« gegründet worden war, pfiffen es die Spatzen von den Dächern, dass ein Staatsstreich bevorstand. Oder wie es General Ernst von Oven vor dem Reichsgericht ausdrückte: »Dass wegen eines Putsches Abmachungen zwischen Kapp, Lüttwitz, Bauer, Pabst und Ehrhardt bestanden, war damals Tagesgespräch.«


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NEUER BEITRAG31.01.2020, 14:56 Uhr
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Rote Flut

Nur Noske hatte angeblich davon nichts mitbekommen. In seiner Furcht vor dem Bolschewismus versprach er den Militärs den Fortbestand der Freikorps. Weder er noch Ebert hatten in ihrer Verblendung begriffen, dass die sich auch gegen sie wenden würden. Dass Figuren wie General Seeckt oder auch die Sicherheitspolizei sie nun im Stich ließen, war ihnen unbegreiflich. In allergrößter Not unterschrieben bzw. billigten Ebert und Noske den Aufruf zum Generalstreik, jenen Massenstreik also, den sie innerhalb der SPD gegen Rosa Luxemburg immer bekämpft hatten. Das war in den Augen des Reichspräsidenten und seines Reichswehrministers eine notwendige Sünde, die begangen zu haben sie, aus Berlin vertrieben, schon in Dresden leugneten und in Stuttgart nochmals abstritten.

Den Militärs – ob deren Kommandeure nun beim Putsch mitmachten, ihn billigten, mit ihm sympathisierten oder sich auf den Standpunkt von Ruhe und Ordnung zurückzogen – und natürlich nicht zuletzt den Freikorps erschien der Generalstreik gleichsam als eine rote Flut, die ihre militärische Macht angriff: Die geschlagenen Hunde fingen an, ihre Herren effektiv zu beißen, und nutzten dabei das, was sie im Weltkrieg auch von denen, die sie dahin getrieben, gelernt hatten: den Umgang mit Waffen. Und plötzlich, nicht wie 1919, verloren die Freikorps und Sipos und mussten die Waffen strecken, in Ostdeutschland, in Mitteldeutschland und im Westen. Sie standen vor der Auflösung, gerieten in Panik, schworen Rache. Während es ihnen 1919 im geschurigelten Bayern noch gelungen war, an der Macht zu bleiben, in Württemberg und Baden, in Hessen und Norddeutschland der bewaffnete Widerstand weitgehend ausblieb und im Osten, in Sachsen und Thüringen die Kraft der Arbeiterbewegung nicht ausreichte, die wahllos in die Menge schießenden Militärs gefangen zu nehmen, einige Obere zur Rechenschaft zu ziehen, gelang es im Westen, in Westfalen, im Ruhrgebiet, einen großen Landstrich unter die Kontrolle der Roten Armee und der Vollzugsausschüsse zu bringen.

Parallel zum Sieg im Ruhrgebiet brach aufgrund des Generalstreiks der Militärputsch in Berlin in sich zusammen. Kapp, Lüttwitz, Pabst und Konsorten flohen. Die Regierung saß jedoch noch in Stuttgart. Dies wäre jetzt die Stunde der Gewerkschaften gewesen und die Stunde der USPD, die in Berlin eine große Mehrheit hinter sich hatte. Es wäre auch die Stunde der sich neu formierenden Rätebewegung gewesen, ja auch die Stunde der KPD.

Carl Legien, der Burgfriedensapostel, der Gewerkschafter, der mit dem Kapital im November 1918 einen Friedensvertrag geschlossen hatte, das »Stinnes-Legien-Abkommen«, lief ein letztes Mal zu Hochform auf und forderte eine Arbeiterregierung, eine Verfassungsänderung und wesentlichen Einfluss der Gewerkschaften.

Hätte die USPD unter Arthur Crispien nicht erst nein gesagt und dann verspätet ja, hätten die Räte, die USPD, Legien, der ADGB, die AfA den Streik fortgesetzt und vor allen Dingen nicht zugelassen, dass sich die Reichswehr neu formiert, hätten sich die Chancen auf eine basisdemokratische Veränderung der alten Machtstrukturen stark erhöht. Dazu hätte Reichsjustizminister Eugen Schiffer das Handwerk gelegt und Seeckt in den Ruhestand geschickt werden, ein USPD-Mann (z.B. Ernst Däumig) zum Reichswehrminister und ein republikanischer Offizier (z. B. Hans Paasche oder Hans-Georg von Beerfelde) zum Reichswehrkommandanten ernannt werden müssen. Die bewaffneten Arbeiter rund um Berlin hätten eine neue Regierung sicherlich geschützt, Sipo und die Brigade Ehrhardt mit der moralischen Autorität einer neuen Arbeiterregierung entwaffnet werden können.

Statt dessen durfte Schiffer sich Seeckt als neuen Exekutor aussuchen und zusammen mit ihm den verschärften Ausnahmezustand ausrufen. Als dann die Regierung aus Stuttgart zurück war, war es schon zu spät. Die Front der Teilnehmer am Generalstreik bröckelte, der Massenausstand wurde schließlich um den 25. März 1920 abgebrochen. Der Abzug der Putschisten aus Berlin wirkte sich schließlich auch auf das Ruhrgebiet aus. Die Bürgerlichen stiegen aus den Kampfleitungen und auch aus den Ausschüssen weitgehend aus. Die Spontanität der Massen, die unabhängig von SPD, USPD und KPD den Generalstreik und vor allem den Kampf aufgenommen hatten, erlahmte mit der vermeintlichen Eroberung der Macht.

Die Ausschüsse, die Räte kontrollierten zwar die Verwaltungen und Gemeinderegierungen, es kam aber mit wenigen Ausnahmen weder zur Ausrufung einer Arbeiterdemokratie, einer Diktatur des Proletariats, noch übernahmen die Betriebsräte die Leitung der Betriebe. Dass aber die proletarischen Massen grundsätzlich nicht bereit gewesen seien, auch ökonomisch und politisch Revolution zu machen, also nicht nur die Armee zu demokratisieren, sondern auch Betriebe und Verwaltung, lässt sich nicht ernsthaft behaupten, denn sie hatten nur 14 Tage Zeit. Solche Vorwürfe dienen letztlich nur dazu, die SPD-Führung zu entlasten.


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NEUER BEITRAG31.01.2020, 14:57 Uhr
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Severings Stunde

Die Rote Armee biss sich schließlich um den 23. März 1920 herum knapp nördlich der Lippe und vor allen Dingen vor Wesel fest und musste dort in den für sie äußerst ungünstigen Stellungskrieg übergehen. Auch Teile der SPD-Basis wollten nun, nachdem der Putsch abgewendet schien, ihren Frieden machen. Dies war die Stunde Carl Severings, der im Gegensatz zu Legien sich seiner Sache absolut sicher war und auch im Unterschied zu Noske in seinen Handlungen geschickter. Severing wollte von Anfang an die Arbeiterschaft spalten bzw. deren ja schon vorhandene und jetzt überdeckte Uneinigkeit nutzen. Erst wenn sie gespalten war, konnten sie von den »Regierungstruppen«, der zu 80 bis 90 Prozent aus Putschisten bzw. Freikorps bestehenden Armee und der ebenfalls putschistischen Sipo geschlagen werden. Die katastrophale Militärpolitik der SPD-Führung und der Weimarer Koalition, die Severing mitgetragen hatte, setzte ihn gleichzeitig extrem unter Druck. General Watter und seine rechtsdrehenden Befehlshaber entzogen sich Severing, der eine faule Kompromisspolitik betrieb, mehrfach und waren nach wie vor eine Bedrohung für ihn. Das galt auch als er preußischer Innenminister wurde und somit die Weisungsbefugnis über Watter hatte.

Man stelle sich nur kurz vor, Severing wäre kein rechter Sozialdemokrat gewesen, sondern einer, der Watter abgesetzt, die Freikorps aufgelöst und der Roten Armee, die ja nun beileibe keine bolschewistische war, die Hand gereicht hätte. Und in Berlin wäre eine Arbeiterregierung aus SPD, USPD und KPD zustande gekommen. Vermutlich hätte es dann mit den Freikorps etc. noch Kämpfe gegeben, aber die wären politisch, moralisch und militärisch zu gewinnen gewesen.

Ein dritter Faktor waren die Alliierten, die einen Bolschewismus nach russischem Vorbild sicherlich nicht akzeptiert hätten, die aber eine demokratische Armee und die Sozialisierung des Bergbaus nicht als Einmarschgrund gesehen hätten. Da war der Respekt vor dem preußischen Militarismus durchaus größer.

Dadurch, dass die bewaffneten Arbeiter im Osten des Landes letztlich nicht gegen die Reichstruppen durchdrangen, diese Kräfte mithin frei wurden, dadurch dass die Putschisten weg waren, die Arbeiterregierung in Berlin aber nicht zustande kam und die alte Regierung zurückkehrte, letztlich USPD und die Räte versagten, gerieten die Arbeiter im Ruhrgebiet in eine politisch wie militärisch ausweglose Situation. Sie sahen keine andere Möglichkeit, als sich auf das von Severing vermittelte »Bielefelder Abkommen« einzulassen und glaubten, der SPD-Rechtsaußen werde nicht mit falschen Karten spielen, obwohl der immer eine militärische Lösung in Betracht gezogen hatte. Die Rote Armee tat das, was Severing kalkuliert hatte: Sie zerfiel. Viele hielten die Vereinbarung nach vier Jahren Krieg und zwei Jahren Klassenkampf für annehmbar.

Doch mit dem »Bielefelder Abkommen« wurden die Arbeiter vorgeführt, angelogen und schließlich an die Wand gestellt. Die Kampfverbände und Räte, die die Übereinkunft erst gar nicht anerkannt hatten, waren zu schwach und dazu borniert, und die, die ihre Waffen wieder aufnahmen, als die Freikorps mordend einfielen, waren nun ebenso zu schwach und zu wenige. Der erneut aufgerufene Generalstreik erfasste mehr als 300.000 Menschen, konnte indes nicht lange aufrecht erhalten werden. Ob ein Rückzug in die Städte von Erfolg gekrönt gewesen wäre, sei dahingestellt. Aber weder die Regierung in Berlin noch die Freikorps-/Reichswehrführung wollte sich je an das »Abkommen« halten. Die Freikorps wollten Rache und sie bekamen dafür von der durch Arbeiter geretteten Regierung alle Macht in die Hand, auch illegale Standgerichtserlasse und faktische Mordbefehle. Die Weimarer Koalition, die nur ein paar Köpfe ausgetauscht hatte, ließ nun die, welche gegen sie geputscht hatten, gegen ihre Retter los und ihnen freie Hand. Das funktionierte auch ohne Noske.

Fanal des Faschismus

Es waren dies profaschistische Verbände, die wie Epp, Oberland, die Tübinger Studenten und Loewenfeld das Hakenkreuz auf Waffen und Stahlhelmen trugen. Die Thule-Gesellschaft in München hatte es von völkisch-antisemitischen Ideologen aus Österreich (Guido von List, Jörg Lanz von Liebenfels) übernommen und es zu einem faschistischen Symbol gemacht, das Antisemitismus und Antibolschewismus verband. In diesem Sinne wurde es von der Brigade Ehrhardt und den anderen im Ruhrgebiet verwendet.

Spätestens der Einsatz dieser Truppen ist die Geburtsstunde des deutschen Faschismus. »Terror demoralisiert«, hatte Rosa Luxemburg geschrieben. Die Arbeiterbewegung wurde dadurch nicht nur endgültig gespalten, sondern nachhaltig traumatisiert. Die Zahl der Todesopfer des Kapp-Putsches (etwa 2.600–3.000) und die der infolge der Zerschlagung der Novemberrevolution Getöteten sind im Vergleich zum Ersten Weltkrieg und anderen Bürgerkriegen ziemlich gering, aber die demoralisierende Wirkung des »Pardon wird nicht gegeben« und »Wir machen Matsch aus euch« war erheblich.


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