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NEUWie sind die Gelbwesten einzuordnen?
  [2 pics,3 files] begonnen von retmarut am 24.11.2018  | 45 Antworten
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NEUER BEITRAG15.01.2019, 20:21 Uhr
EDIT: FPeregrin
15.01.2019, 20:24 Uhr
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FPeregrin

Nur als Fußnote: Auch wenn es ein einzelne Bild ist - die hier sehen mir auch nicht unbedingt so aus, als wollten sie alles, was sie fordern, mal eben en bloc dem Front National überlassen.

P.S.: Das Bild ist von Christian Hartmann /REUTERS und aus der jW von gestern:
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JPG-Datei • Bild öffnen ...ohne Wasserzeichen: anmelden! Gelbwesten, Hammer & Sichel.jpg
NEUER BEITRAG16.01.2019, 00:19 Uhr
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retmarut

"als wollten sie alles, was sie fordern, mal eben en bloc dem Front National überlassen"

Das hat auch niemand hier behauptet, oder?
Es ging ledigich um die Kompatibilität der Forderungen mit dem FN.
NEUER BEITRAG16.01.2019, 11:48 Uhr
EDIT: FPeregrin
16.01.2019, 11:52 Uhr
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FPeregrin

Das war ja auch nur eine Fußnote (s.o.). Zur FN-Kompatibilität - en détail vs. en bloc - habe ich weiter oben das Nötige gesagt.
NEUER BEITRAG16.01.2019, 20:22 Uhr
EDIT: FPeregrin
16.01.2019, 20:24 Uhr
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FPeregrin

Wie sind die Gelbwesten einzuordnen? Zu Geschichte und Einschätzung der Gelbwesten-Bewegung steht auf der Seite der österreichischen Zeitschrift Proletarische Revolution ein zwar schon vom 12. Dezember datierter, aber gleichwohl sehr lesenswerter Beitrag m.d.T. Frankreich: Was ist von der Bewegung der Gelben Westen zu halten?:
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Zur Stellung zu den Gewerkschaften: "Die Bewegung entwickelte sich außerhalb der Gewerkschaften. Zwar beteiligten sich gewerkschaftliche Basisorganisationen sehr bald daran (zuerst Chemie, Öffentlicher Dienst,…), aber die Gewerkschaftsführungen zögerten lange Zeit. Einerseits hatten sich zu Beginn auch rechte und sogar ultrarechte Kräfte beteiligt, die aber im Laufe der Wochen mehr und mehr zurückgedrängt wurden. Das war also eher nur ein Vorwand. Der wahre Grund lag wohl darin, dass den Gewerkschaftsbonzen jede Bewegung suspekt ist, die sie nicht unter Kontrolle haben. Erst am 7.12. rang sich z.B. Martinez, Vorsitzender der CGT, dazu durch, die Bewegung wenigstens nicht mehr zu denunzieren, sondern ein Lippenbekenntnis dahingehend abzulegen, dass sie verständlich und irgendwie berechtigt, die Regierung aber, wie er meinte, taub und blind sei usw. usf. Einen Aufruf, sie zu unterstützen und sich zu beteiligen, suchte man allerdings vergeblich, auch wenn er nicht wagte, dies den Basisorganisationen der CGT zu verbieten. Umgekehrt ist verständlich, wieso die Bewegung die Unterstützung der Gewerkschaftsführungen nicht nur nicht suchte, sondern sie verschiedentlich direkt zurückwies. Immerhin hatten diese die Kämpfe und Bewegungen der letzten Jahre noch jedes Mal in die Niederlage geführt und wollte man sich nicht von solchen Leuten gängeln lassen. Das Misstrauen gegen die Gewerkschaftsbonzen ist groß und berechtigt. Dass das berechtigt ist, hat sich neuerlich bestätigt. Kaum hatte Martinez sich zu dieser doppelzüngigen „Unterstützung“ durchgerungen, fiel er ihr durch eine gemeinsame „Unterstützungserklärung“ mit mehreren anderen Gewerkschaften in den Rücken, in dem „alle Formen von Gewalt“ abgelehnt werden, ohne die Brutalität des Staatsapparats auch nur zu erwähnen, und das Macron-Regime gelobt wird, es hätte „die Tür des Dialogs geöffnet“. Das Dokument strotzt vor dem augenscheinlichen Interesse, die unangenehme Bewegung möglichst rasch zu einem Ende zu bringen und – das ist das Wichtigste – sich selbst als Vermittler und Verhandler mit der Regierung ins Spiel zu bringen. Allerdings folgten empörte Reaktionen in der CGT auf dem Fuß: die CGT müsse ihre Unterschrift auf diesem Schanddokument zurückziehen. Die Beteiligung gewerkschaftlicher Basisorganisationen wurde dennoch gegen den Willen der Gewerkschaftsbonzen zu einem wichtigen organisierenden Faktor der Bewegung."

Zur Diffusität der Bewegung: "Es handelt sich bei den Gilets Jaunes um eine berechtigte Volksbewegung auf Basis der Empörung gegen die Verschlechterung der Lebensbedingungen, gegen die Verarmung, gegen die in allen Fragen reaktionäre und volksfeindliche Regierungspolitik, gegen die staatliche Ausplünderung mit der Steuerpolitik im Zentrum, für eine Reihe von richtigen und berechtigten Forderungen im Interesse der Arbeiterklasse und des Volkes. Auch gegen die offen zur Schau getragene „Arroganz der Macht“ und die Präsidialallüren des Schnösels Macron. Neben der Steuerfrage spielen der Kampf gegen die rollenden Angriffe auf das Arbeits- und Sozialrecht, der Kampf um den SMIC usw. eine Rolle. Wie jede wirkliche Massenbewegung, vor allem wenn sie ohne politische Führung ist, ist sie eine Bewegung mit aller Konfusion und allen Widersprüchen, die einer solchen Bewegung eben zwangsläufig eigen sind. Die Bewegung ist klarerweise keine reine und feine Klassenbewegung der Arbeiterklasse, aber sie vertritt auch maßgeblich Arbeiterforderungen und wird maßgeblich von der Arbeiterklasse getragen. Natürlich beteiligen sich auch Bauern, Fischer, Gewerbetreibende und Kleinkapitalisten, naturgemäß teilweise auch mit anderen Schwerpunkten und Interessen. Wenn so einer gegen die Steuerausplünderung auftritt, hat er vielleicht andere Forderungen und andere Steuern im Auge als der Arbeiter, aber das bedeutet nicht, dass es keine Volksbewegung gegen die Steuerausplünderung mit ihrem unverkennbaren kapitalistischen Klassencharakter geben kann bzw. man sie nicht unterstützen, sich nicht an ihr beteiligen sollte. Wenn dann freilich einer zusätzlich, obwohl es nicht eine deklarierte Forderung der Bewegung ist, für die Senkung der „Lohnnebenkosten“ in den Ring steigt, muss man ihn eben in die Schranken weisen. Auch so etwas gibt es, aber es ist eine Randerscheinung."

Zu rechten Elementen und FN-Komtabilität: "Natürlich finden sich in so einer breiten Bewegung alle möglichen Strömungen, auch rechte. Es gab rassistische, sexistische usw. Tendenzen und Vorfälle sowie Ausritte gegen Migranten und Sans-papiers und gibt sie immer noch. Sie waren am Stärksten zu Beginn und wurden dann zusehends zurückgedrängt, sodass sie heute das Bild nicht mehr prägen. Es gab einen Vorfall, dass ein paar Gilets Jaunes bei der Überprüfung eines Tankwagens (ob er auch tatsächlich keinen Treibstoff aus dem blockierten Tanklager „herausschmuggle“) im leeren Kessel einen Flüchtling fanden, ihn stolz der Polizei auslieferten und sich damit noch im Internet brüsteten. Dies löste große Entrüstung in der Bewegung selbst aus, wurde zum Schuss ins eigene Knie und half dabei, solche Kräfte zurückzudrängen. Die Lepenisten, um die es ziemlich still geworden war, waren auch wieder aus ihren Löchern gekrochen, um sich an die Bewegung anzuhängen, vor allem aber um sich endlich wieder einmal gegen Macron zu Wort melden zu können und dabei medial beachtet zu werden. Peinlich nur, dass sich Marine Le Pen kurz zuvor gegen eine Erhöhung des SMIC ausgesprochen hatte. In den Demonstrationen und Blockaden selbst spielten sie nirgendwo eine nennenswerte Rolle."

Zur praktischen Einschätzung: "Wir, ich spreche da für die Marxisten-Leninisten in Frankreich, treten entschieden für die Unterstützung der Bewegung ein und beteiligen uns nach Kräften daran. Wir treten für das Zusammenwirken, schlussendlich die Konvergenz dieser mit anderen Bewegungen und mit gleichzeitig stattfindenden Klassenkämpfen ein. Wir treten gegen Konfusion und Bewusstlosigkeit in der Bewegung und für mehr Klarheit und Klassenbewusstsein ein, wir versuchen, die Bewegung in Richtung einer bewusst antikapitalistischen Orientierung zu entwickeln. Wir bekämpfen alle reaktionären Tendenzen in ihr und entlarven die Manöver der bürgerlichen Parteien, wir denunzieren insbesondere das ultrareaktionäre lepenistische Rassemblement National, das im Hinterhalt sitzt und darauf spekuliert, in der Bewegung im Trüben zu fischen. Wir unterstützen die Bewegung uneingeschränkt, aber – im Unterschied zur France Insoumise des Mélenchon oder zur trotzkistischen NPA („Nouveau Parti Anticapitaliste“) – nicht kritiklos, wir führen den ideologischen und politischen Richtungskampf in der Bewegung. Aber, und das ist der Kernpunkt, wir stehen nicht abseits und rümpfen die Nase über dies oder das. OCML-VP schreibt dazu in einem Flugblatt „Was soll man von der Bewegung der Gilets Jaunes halten?“: „Es stellt sich die Frage, wie sich einerseits die organisierte kämpferische Arbeiterbewegung und andererseits die konfuse, aber reelle und berechtigte Rebellion der Volksmassen miteinander verbinden können. Kämpferische politische und gewerkschaftliche Militanten haben streng über die Gilets Jaunes geurteilt und ihnen vorgeworfen, sie würden sich nicht an die übliche Vorgangsweise der linken Organisationen und der Gewerkschaften halten. Man kann das bedauern, aber es geht vielmehr darum, zu verstehen, warum die Massen in ihrem Zorn sich nicht in den reformistischen politischen und gewerkschaftlichen Organisationen, die sie vorfinden, wiedererkennen, statt ihnen ihre unerwartete spontane Revolte vorzuwerfen.“"
• PDF-Datei prolrevol_Gelbwesten.pdf
635,21 KB | application/pdf
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NEUER BEITRAG16.01.2019, 21:16 Uhr
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FPeregrin

... weitaus weniger gibt das her: Sebastian Chwala u.d.T. Die Bewegung der „Gelbwesten“- Revolte der Unterklasse? in LuXemburg:
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NEUER BEITRAG17.01.2019, 00:14 Uhr
EDIT: FPeregrin
17.01.2019, 00:21 Uhr
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FPeregrin

... und da im PR-Artikel der "aufspringeristische" Nouveau Parti Anticapitaliste erwähnt wurde, sei dessen Einschätzung ebenfalls nicht vorenthalten. Léon Crémieux u.d.T. „Gelbwesten“ – die Herausforderung einer Volksbewegung in der aktuellen die internationale (ehem. inprekorr) hier:
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NEUER BEITRAG03.02.2019, 02:41 Uhr
EDIT: arktika
03.02.2019, 02:45 Uhr
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arktika

Wie sind die Gelbwesten einzuordnen? Ein längerer Artikel zu den "Gelbwesten" findet sich auch in der jW vom 31. Jan. 2019 von Manuel Lindemann
Das Gespenst trägt Gelb
Wer sind die »Gilets jaunes« in Frankreich? Und warum haben einige Linke Angst vor ihnen?

[...]
(...) , so sehnen sich viele richtige und vermeintliche Linke nur danach, das alles möge schnell wieder aufhören – sie wollen nicht erkennen, dass es ihr Traum ist, der da geträumt wird. Wie lange haben die Restlinken sich in Hörsälen und Hinterzimmern revolutionäre Subjekte erträumt? Dabei war es nur das Gespenst ihrer eigenen Machtlosigkeit, das ihnen da entgegentrat. Jetzt, wo das rote Gespenst eine gelbe Weste trägt, erkennen es viele gar nicht mehr. Die Sache ist jedoch klar und leicht zu begreifen, früher wie heute: Den Aufstand macht das Volk.

[...]
Linke und rechte Töne sind zu hören. Bei den »Gelbwesten« handelt es sich vor allem um die frühere Arbeiterklasse und verkleinbürgerlichte Angestellte, den Teil der beherrschten Klassen also, der sich in den letzten Jahrzehnten von der Kommunistischen Partei Frankreichs massenhaft abgewendet und Marine Le Pens Rassemblement National, früher Front National, zugewandt hatte und auch nur dafür politisch wahrgenommen wurde.
[...]
Wer sind die »Gilets jaunes«? In den offiziellen französischen Medien wird die Bewegung deutlich differenzierter betrachtet als in den deutschen, in denen häufig das Bild eines Pegida-Pöbels entworfen wird.
[...]
Linke und rechte Töne sind zu hören. Bei den »Gelbwesten« handelt es sich vor allem um die frühere Arbeiterklasse und verkleinbürgerlichte Angestellte, den Teil der beherrschten Klassen also, der sich in den letzten Jahrzehnten von der Kommunistischen Partei Frankreichs massenhaft abgewendet und Marine Le Pens Rassemblement National, früher Front National, zugewandt hatte und auch nur dafür politisch wahrgenommen wurde.
[...]
Gewerkschaften wiederholen gelegentlich ihre rituell eingeübten Protestchen. Das jagt dem Staat alles keine Angst ein. Die »Gilets jaunes« hingegen haben nach nur vier Samstagen Protest eine zehn Milliarden Euro teure Beruhigungsspritze von der Regierung erhalten. Das bedeutete mit einem Streich das vorläufige Ende von Macrons großer Offensive, die Staatsschulden zu reduzieren – und widersprach allen europäischen Regeln zur Begrenzung der Neuverschuldung.
[...]
Die Akademikerbourgeoisie wiederum, die jahrelang alte Formen linker Symbolismen und Antagonismen künstlich ernährt hat, spielt bisher nicht mal eine Nebenrolle. Sie kann nur noch entscheiden, ob sie sich dem Aufstand anschließt oder nicht.
[...]


Der ganze Artikel unter Link ...jetzt anmelden!
NEUER BEITRAG03.02.2019, 02:55 Uhr
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arktika

Allerdings auch - wie am 30. Jan. ebenfalls in der jW: Teile der Bewegung würden auch gerne ins Parlament ... Erinnert irgendwie auch an Tante Sarahs Kram.

Auf dem Weg ins Parlament
Frankreich: Aktivisten der »Gelbwesten« wollen zur EU-Wahl mit Liste antreten


Von Hansgeorg Hermann, Paris

Ein Teil der französischen »Gelbwesten«, die seit drei Monaten gegen die neoliberale Politik des Staatschefs Emmanuel Macron protestieren, will im Mai als Partei bei den Wahlen zum Europaparlament mitmischen. Eine Liste von Kandidaten soll Mitte Februar präsentiert werden. Die Entscheidung ist innerhalb der Bewegung höchst umstritten und wird von der Mehrheit offenbar abgelehnt. Das in Frankreich zu wissenschaftlichem Ruhm gekommene Soziologenpaar Monique Pinçon-Charlot und Michel Pinçon warnte am Dienstag vor einer Spaltung des Protestpotentials. Es sei zu hoffen, dass sich die »Gelbwesten« statt dessen zu einem »gemeinsamen Kampf mit den Gewerkschaften, den Eisenbahnern und anderen Aktivisten der Linken« zusammenschlössen.

Bereits im Jahr 2010 hatten sich »die Pinçon-Charlots«, wie die beiden in Frankreich genannt werden, um eine Figur an der Spitze der Republik gekümmert. In ihrem Buch »Der Präsident der Reichen – Untersuchung der Oligarchie im Frankreich Nicolas Sarkozys« hatten sie den früheren rechtskonservativen Staatschef und seine Beziehungen zum Großkapital des Landes unter die Lupe genommen. In diesen Tagen erscheint nun eine neue Untersuchung: Unter dem Titel »Der Präsident der Ultrareichen – eine Chronik über die Verachtung der unteren Klassen in der Politik Emmanuel Macrons« beschreiben die Wissenschaftler den Weg ihres Forschungsobjekts bis an die Spitze des Staates. Resultat: »Macron ist der Chefkapitalist, der in Frankreich den Klassenkampf anführt.«

In einem Interview mit der Pariser Zeitung Libération stellten die Pinçon-Charlots am Dienstag klar: »Allein die Abschaffung der Vermögenssteuer (durch Macron, jW) symbolisiert das Ende der Solidarität der Reichsten mit dem Rest der Gesellschaft. Nicht nur werden die Reichen nicht mehr von nationaler Solidarität belästigt, man entbindet sie zudem von der progressiven Kapitalsteuer. Die am schlechtesten bezahlten Steuerpflichtigen bezahlen am Ende mehr Abgaben auf ihr Einkommen als die reichsten Aktionäre auf jeden mit der Dividende kassierten Euro.« Das Ehepaar lobt den Kampf der »Gelbwesten« gegen Ungerechtigkeit und gibt zu, sie und andere Soziologen hätten sich »niemals vorstellen könnten, dass eines Tages eine derartige Bewegung auftauchen könnte«. Die »Gelbwesten« erwiesen nicht nur der französischen Gesellschaft »den Dienst des Jahrhunderts«.

Der Fortbestand der Bewegung und die Einigkeit unter ihren verschiedenen Strömungen, die bisher auf der allgemeinen Ablehnung des gegenwärtigen Parteiensystems und einer radikalen Kritik der repräsentativen Demokratie gründete, scheint nun durch den schon halb vollzogenen Schritt Richtung EU-Parlament gefährdet. Ingrid Levavasseur, eine 31 Jahre alte Krankenpflegerin aus dem nördlichen Département Eure, hat sich an die Spitze jener gesetzt, die innerhalb des bislang von ihnen kritisierten und bekämpften Systems etwas verändern wollen. Die Aktivistin hat es in den vergangenen Wochen mit Eloquenz und Intelligenz zur von den bürgerlichen Medien händeringend gesuchten Wortführerin der Bewegung gebracht. Ihre Berühmtheit in Frankreich gipfelte schließlich in einem Angebot des Fernsehsenders BFM TV, sie als Korrespondentin einzustellen. Es hagelte Kritik und Hohn aus den Reihen der »Gelbwesten«, Levavasseur sagte letztendlich ab.

Auf der Kandidatenliste, die sie selbst anführt und die sie in der vergangenen Woche in einer Pressekonferenz vorstellte, stehen gegenwärtig nur zehn Namen, unter ihnen Mediziner, Rechtsanwälte und Handwerker. 80 zusätzliche Namen würden bis Mitte Februar folgen, wenn die Liste eingereicht werden muss, heißt es in Lavavasseurs Erklärung. Eine Entscheidung, die nach allgemeiner Einschätzung vor allem den bereits bestehenden linken Bewegungen, wie Jean-Luc Mélenchons »France insoumise«, Stimmen entziehen könnte. Die Mehrheit der »Gelbwesten« ließ Lavavasseur wissen: »Glaubt ja nicht, dass ihr über Wahlen irgend etwas verändern werdet.«


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NEUER BEITRAG03.02.2019, 03:06 Uhr
EDIT: arktika
03.02.2019, 03:08 Uhr
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arktika

Wie sind die Gelbwesten einzuordnen? Ach ja, und ansonsten gilt auch in Frankreich das übliche: Knüppel frei, ... oder was die Staatsgewalt sonst noch so anzubieten hat.

Dazu der Artikel in der jW vom 1. Feb. Knüppel und Granaten
Frankreichs Präsident Macron will Demonstrationsrecht verschärfen. Protest in Nähe von »Terrorismus« gerückt

Von Hansgeorg Hermann unter Link ...jetzt anmelden!

Erinnert an die deutschen Bullereigesetze!
NEUER BEITRAG03.02.2019, 15:17 Uhr
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retmarut

Wie sind die Gelbwesten einzuordnen? Der große Vorteil der Gelbwesten ist ihre Indifferenz und das Fehlen innerer Organisationsstrukturen. So kann jeder seine eigenen Teilbereichs- und Spartenforderungen unter der dem Zeichen der Warnweste auf die Straße tragen, selbst wenn diese Forderungen anderer Teile der Gelbwesten diametral gegenüberstehen. So entsteht ein Potpourri des Wünsch-dir-Was. Und da es keine organisatorischen Strukturen gibt und sich quasi jeder zum Sprecher der Bewegung machen kann, ist die Bewegung auch nach außen hin eine Projektionsfläche der Beliebigkeit. Jeder kann seine Wünsche und seinen Elitenhass in die Bewegung draufprojezieren. Das macht die Anziehungskraft dieses Phänomens aus.

Der große Nachteil der Gelbwesten ist ihre Indifferenz und das fehlen innerer Organisationsstrukturen. So kann sich jeder Wutbürger als Teil einer großen Bewegung fühlen, ohne dass er dafür in eine Organisation eintreten muss. Er braucht keine gemeinsamen Interessen herauszuarbeiten, wie das beispielsweise in Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen oder Parteien der Fall ist. Er geht als eher unpolitischer Citoyen (die meisten hatte bisher keine Organisationserfahrung oder Bindung an Organisationen) mit viel unkanalisierter Wut in die Bewegung hinein und kommt als selbiger, dann vielleicht etwas Wut auf der Straße und im Internet abgelassener, Citoyen wieder heraus. Wenn Macron in seiner arroganten Grundhaltung erklärt, er sei doch eigentlich auch eine Gelbweste ("Wenn eine 'Gelbweste' jemand ist, der für eine bessere Bezahlung der Arbeit eintritt und für eine bessere Funktionsweise des Parlaments, dann bin ich auch eine 'Gelbweste'."), dann trifft er, so lächerlich anbiedernd die Aussage von ihm auch gemeint sein mag, dabei den Pudels Kern: Die Bewegung ist dermaßen beliebig, dass letztlich jeder Teil davon sein kann.

Das einzig verbindende Element der Gelbwesten ist doch der Protest auf der Straße als Ablassventil der eigenen Wut und Empörung. Sobald sich das totläuft, wird die Bewegung vermutlich so schnell wieder auseinanderfallen, wie sie sich zusammengefunden hat. Erste Anzeichen der Auflösung sind ja bereits zu sehen, wo Teile der Bewegung, die ein bisschen über den Tellerrand schauen, bereits auf Gründung einer Wahlliste etc. hinarbeiten.

Die entscheidende Frage ist meiner Ansicht nach, was nach dem Ganzen kommt. Zuerst hat Macrons liberalkonservative LREM die klassische Parteienlandschaft eingerissen und dabei die PS weitgehend zerlegt (-22%-Punkte bei der Parlamentswahl 2017 = -250 Sitze im Parlament), jetzt trabt eine planlose, von innerer Wut getriebene Gelbwestenbewegung wie irre durchs Land. Die Frage ist, wer von dieser Entwicklung profitieren wird. Vieles deutet darauf hin, dass es einen noch deutlicheren Rechtsruck in Frankreich in den kommenden Jahren geben wird. Die RN von Le Pen jedenfalls scheint derzeit am besten aufgestellt, um die LREM zu beerben. Bei den Prognosen zur EU-Wahl in Frankreich liegt Le Pens RN derzeit bei 22%-Punkten knapp vor Macrons LREM (21%). Die Zeiten, wo der FN (jetzt RN) zwar gute Gesamtergebnisse bei den Parlamentswahlen erhielt, aber (wegen des französischen Wahlrechts) nur wenige Parlamentssitze erhielt, dürften sich wegen der Erosion seiner traditionellen Gegner bald erledigt haben.
NEUER BEITRAG03.02.2019, 19:53 Uhr
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mischa

Prognosen zur französischen EU-Wahl gibt es z.B. unter Link ...jetzt anmelden!
NEUER BEITRAG03.02.2019, 23:40 Uhr
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FPeregrin

Lieber retmarut, ich erneuere an dieser Stelle den Verdacht der Massenfeindlichkeit. Ich zitiere aus Deinem letzten Post über das Movens der Gelbwesten: "jeder Wutbürger", "unpolitischer Citoyen" (eine Contradictio in adiecto), "viel unkanalisierte[...] Wut", "etwas Wut auf der Straße und im Internet", "der Protest auf der Straße als Ablassventil der eigenen Wut und Empörung". - Gibt es für Dich so gar nichts, was irgendwie einer kollektiven Gefühlslage auch nur den Funken einer - vielleicht nur kurzfristigen - Rationalität hätte? Ich finde es zumindest nicht. Leider.

Über die Unterorganisiertheit und die sorum und sorum damit zusammenhängende Kleinbürgerlichkeit sind wir uns NB vermutlich einig.
NEUER BEITRAG04.02.2019, 03:06 Uhr
Nutzer / in
retmarut

Ach komm, Du tust ja bald so, als handelte es sich bei den Gelbwesten um die Frauen vom Montmartre, wie sie ihre Kanonen vor dem Abtransport schützen ... Sorry, aber ein lauter Krakeel auf der Straße allein macht noch keine irgendwie progressive Bewegung.

Nun denn, wenn es bereits als Massenfeindlichkeit gilt, den Charakter und den Movens der Gelbwesten zu skizzieren, lasse ich mich in diesem speziellen Fall gerne von dir einer solchen bezichtigen.

Nachtrabpolitik hinter einer völlig diffusen Bewegung her, egal wie hell ihre Weste auch aus der deutschen Tristess heraus betrachtet leuchten mag, braucht niemand. Da finde ich die Solidarität mit gegen die Regierungspolitik gerichteten Gewerkschaftsprotesten, wie u.a. beim Abwehrkampf die SNCF-Reform vergangenes Jahr, für wesentlich zweckdienlicher und bewusstseinsschaffender. So gesehen ist mir die Arbeiterbewegung tatsächlich näher als der ganze Gelbwestenzirkus.

Es gilt wie stets die alte Weisheit: Nicht jeder, der mit einer Fackel durch die Straßen läuft, ist gleich ein Prometheus.
NEUER BEITRAG04.02.2019, 11:48 Uhr
Nutzer / in
RevLeft

Ja nu, das (retmaruts Position) ist eine legitime, das find ich auch. Warum sollte man aus marxistischer Sicht keine derartige Kritik an indifferenten Bewegungen artikulieren können? Wir sollten hier nun auch keine Denkverbote hochziehen. Der Vorwurf der "Massenfeindlichkeit" hat das Potential dazu.

Vielleicht entwickelt sich aus den "Gelbwesten" mehr, und die Bewegung radikalisiert sich in der Klassenfrage. Das ist zu hoffen. Aber keineswegs eine Gewissheit! (es spricht sogar eher mehr dagegen, wenn man sich die von Mischa gebrachten Prognosen anschaut, falls die Franzosen hier nicht mehrheitlich längst bewusst lügen, dann haben die Gelbwesten exakt 0 (null) Einfluss auf die Tendenzen gehabt: Das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen faschistischem Lager (RN) und Macrons neoliberalen Marschierern geht einfach so weiter...
NEUER BEITRAG04.02.2019, 12:49 Uhr
Nutzer / in
FPeregrin

& @retmarut

Neeneenee! Es geht nicht um Kritik an der Diffusität der Bewegung. Die habe ich auch, siehe meine vergangenen Posts zum Thema. Ich habe auch füglich niemals so getan, als seien die Gelbwesten "die Frauen vom Montmartre" o.ä. Ich finde bei retmarut viele schöne glitzernde Formulierungen, die wenig bis nichts zu tun haben mit dem,was ich geäußert habe.

Worum es mir tatsächlich lediglich ging, ist die Wortwahl in retmaruts Post, in dem die Gelbwesten reduziert werden auf ihr emotionales Potential. Das heiße dann aber von vorn herein dieser Bewegung jede intellektuelle Durchdringugsfähigkeit - und damit Radikalisierungsmöglichkeit - abzusprechen. Und das ohne jede sachliche Begründung. Vielleicht lag dies auch nur der Freunde an eben solchen glitzernden Formulierungen als Selbstzweck. Vielleicht aber auch nicht. Dann wäre es Massenfeindlichkeit.
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dennoch möchte ich Zweifel anmelden an seiner These, daß die Bundeswehr heute im Vergleich stärker sei als die Reichwehr. Mit...mehr secarts 04.04.2019
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