DE
       
 
0
unofficial world wide web avantgarde
NEUES THEMA29.10.2013, 17:00 Uhr
Nutzer / in
kaz

• Asylrecht wiederherstellen! Übe­r­all in die­sem Land, in Ost und West, kämp­fen Flücht­lin­ge um ihr Recht, um men­schenwürdi­ge Be­hand­lung, um die in der UN-Flücht­lings­kon­ven­ti­on fest­ge­schrie­be­nen Rech­te, die ih­nen hier ver­wehrt wer­den (Recht auf Ar­beit, Recht auf Freizügig­keit – das ih­nen durch die ein­zig in der BRD ver­ord­ne­te „Re­si­denz­pflicht“ ge­nom­men wird) und vor al­lem natürlich um das Recht auf Asyl. Sie trot­zen der Ver­fol­gung durch die Staats­or­ga­ne, sie ha­ben nichts zu ver­lie­ren. In Ber­lin nahm die Po­li­zei im De­zem­ber vo­ri­gen Jah­res Hun­ger­strei­ken­den ei­nen Wärme­bus und De­cken weg, um sie zum Auf­ge­ben zu zwin­gen. In München wur­de das Camp der Hun­ger­strei­ken­den mit Ge­walt auf­gelöst. Der Pro­test­marsch von Flücht­lin­gen durch Bay­ern wird gna­den­los von der Po­li­zei ver­folgt („Ver­s­toß ge­gen die Re­si­denz­pflicht“). In Ei­senhütten­stadt gibt es eine Rich­te­rin, die re­gelmäßig Flücht­lin­ge nach ei­ner Ver­hand­lung von 15 Mi­nu­ten ver­ur­teilt, mit Be­mer­kun­gen wie „Asyl­tou­ris­ten“. Die Flücht­lin­ge kämen nach Deutsch­land, „um Straf­ta­ten zu be­ge­hen”, was dann dazu führe, dass in Deutsch­land Span­nun­gen entstünden, die sich „durch wei­te­re Straf­ta­ten ent­la­den” würden1. Ein Er­mitt­lungs­ver­fah­ren we­gen Rechts­beu­gung wird von der Staats­an­walt­schaft ein­ge­stellt.

[thumb_.png]Das sind nur ganz we­ni­ge Be­spie­le dafür, wie sehr sich der Kampf um das Asyl­recht zu­ge­spitzt hat. Der zuständi­ge Bun­des­mi­nis­ter Fried­rich (In­ne­res) wal­tet sei­nes Am­tes, in­dem er ge­gen die von Krieg und Un­ter­drückung Ge­beu­tel­ten und Ge­hetz­ten Stim­mung macht: Er fin­det den „Zu­strom alar­mie­rend“ und fürch­tet 100.000 Asyl­anträge. Hun­dert­tau­send! Neh­men wir mal 80 Mil­lio­nen Ein­woh­ner der BRD. Dann kommt auf 800 Be­woh­ner 1 (in Wor­ten: ein) Flücht­ling. Hil­fe!! Deutsch­land wird von ei­nem Re­gen­trop­fen über­flu­tet!

Von all die­sen Nie­de­run­gen des All­tags in der BRD un­be­hel­ligt kümmert sich die Kanz­le­rin um die deut­sche He­ge­mo­nie in Eu­ro­pa und der Außen­mi­nis­ter um den Platz an der Son­ne für den deut­schen Im­pe­ria­lis­mus auf dem Rest der Welt. Den­noch lan­de­te ein Asyl­an­trag An­fang Juli auf den Schreib­ti­schen von Kanz­le­rin und Außen­mi­nis­ter. Es war der An­trag des US-Bürgers Ed­ward Snow­den, bis vor kur­zem Mit­ar­bei­ter des Ge­heim­diens­tes NSA, jetzt als Whist­leb­lo­wer po­li­tisch Ver­folg­ter.

Snowden und das deutsche Asyl(verhinderungs)recht

Warum Hellersdorf?
Warum nicht Reinickendorf?


Mar­zahn-Hel­lers­dorf ist ein Ber­li­ner Be­zirk – Rei­ni­cken­dorf eben­falls. In Hel­lers­dorf wen­det sich eine ras­sis­ti­sche „Bürger­initia­ti­ve“ ge­gen Flücht­lin­ge – in Rei­ni­cken­dorf eben­falls. Bei­de ha­ben so­gar den glei­chen An­walt, den üblen Ras­sis­ten Jens-Ge­org Mor­gen­stern.

In Rei­ni­cken­dorf gab es – noch be­vor es in Hel­lers­dorf so rich­tig mit der po­gro­m­ar­ti­gen Stim­mung los­ging – wi­der­li­che Vorgänge. Mor­gen­stern ließ kein ras­sis­ti­sches Kli­schee aus, um ge­gen die Flücht­lin­ge vor­zu­ge­hen und ihre Ver­trei­bung durch­zu­set­zen. Außer­dem for­der­te er im Na­men sei­ner Man­dan­ten, dass die Flücht­lings­kin­der nicht auf dem Spiel­platz der Wohn­ei­gentümer­ge­mein­schaft spie­len dürfen. In­zwi­schen ist der Spiel­platz, auf dem sonst kei­ne Kin­der zu se­hen sind, ein­gezäunt. Die Rach­sucht an Flücht­lings­kin­dern hat of­fen­bar so­gar das Be­zirks­amt Rei­ni­cken­dorf er­grif­fen: ein „an­ti­ras­sis­ti­scher Spiel- und Ba­de­tag“, ver­an­stal­tet von Flücht­lin­gen und Un­terstützern, muss­te von Rei­ni­cken­dorf nach Kreuz­berg ver­legt wer­den, weil das Be­zirks­amt Rei­ni­cken­dorf ge­gen die Ver­an­stal­ter ein Hüpfbur­gen­ver­bot verhängt hat­te, und das wur­de so­gar noch vom Ver­wal­tungs­ge­richt bestätigt!6

War­um nun stürzen sich die Na­zis auf Hel­lers­dorf und zie­hen da­mit die ge­sam­te Auf­merk­sam­keit der Me­di­en, so­gar in­ter­na­tio­nal, auf die­sen Be­zirk? Wären nicht in Rei­ni­cken­dorf min­des­tens eben­so gute Vor­aus­set­zun­gen für eine Po­grom­stim­mung ge­we­sen? Was ist der Un­ter­schied zwi­schen den bei­den Be­zir­ken?

Wer das nicht so­wie­so weiß, muss nur ei­nen Blick in ei­nen Ber­li­ner Stadt­plan tun, um Be­scheid zu wis­sen: Rei­ni­cken­dorf liegt in Ber­lin-West, Mar­zahn-Hel­lers­dorf in Ber­lin-Ost. Für die Na­zis ist das wie­der mal ein An­lass, die be­son­de­re Un­ter­drückung der in die BRD ein­ver­leib­ten Ost­deut­schen dem­ago­gisch zu nut­zen und ras­sis­tisch zu wen­den. Und da­mit be­die­nen sie gleich­zei­tig das alte Vor­ur­teil, das zum nie en­den­den Kampf ge­gen die an­geb­lich so tote DDR ge­nutzt wird: die Os­sis ha­ben in der Dik­ta­tur kei­ne De­mo­kra­tie ge­lernt, des­halb sind sie ras­sis­tisch und für die Na­zis etc. etc.

Mar­zahn-Hel­lers­dorf ist für die­ses Kli­schee be­son­ders be­liebt we­gen sei­ner zahl­rei­chen Großsied­lun­gen, als „Plat­ten­bau­ten“ ge­schmäht, hin­ter de­ren Gar­di­nen an­geb­lich die dum­men Os­sis sit­zen, die den Na­zis hin­ter­her ren­nen.

Nur: in die­sem Fall lässt sich sehr leicht nach­wei­sen, dass dar­an über­haupt nichts stimmt. Die Rei­ni­cken­dor­fer und die Hel­lers­dor­fer Bürger­initia­ti­ven ha­ben nämlich noch eine Ge­mein­sam­keit: in Rei­ni­cken­dorf han­delt es sich hauptsächlich um Be­sit­zer von Ei­gen­tums­woh­nun­gen7 in Hel­lers­dorf sind das „zum Großteil Ei­gen­heim­be­sit­zer, die Angst um Grundstück­s­prei­se und ihre Gar­tenzäune ha­ben“.8 Auch Rechts­an­walt Mor­gen­stern äußerte sich be­sorgt über die sin­ken­den Prei­se der Im­mo­bi­li­en sei­ner Man­dan­ten, wenn Flücht­lin­ge in der Nähe woh­nen.9

In ganz Ber­lin ha­ben Mie­ter Angst da­vor, dass ihre Wohn­ge­gend „auf­ge­wer­tet“ wird durch Lu­xus­woh­nun­gen etc. – denn das kann un­be­zahl­ba­re Mie­ten be­deu­ten. Sin­ken­de Grundstück­s­prei­se sind für Mie­ter eher güns­tig, sie können hof­fen, von hor­ren­den Miet­erhöhun­gen ver­schont zu blei­ben. Also gibt es für die Mie­ter in Großsied­lun­gen („Plat­ten­bau­ten“) über­haupt kei­ne ma­te­ri­el­le Ein­schränkung durch die Flücht­lin­ge. Das heißt natürlich nicht, dass es dort kei­ne ras­sis­tisch ver­hetz­ten Men­schen gibt. Aber er­wie­se­ner­maßen stützen sich die bei­den Bürger­initia­ti­ven nun mal auf Im­mo­bi­li­en­be­sit­zer – ob klei­ne­re oder größere, je­den­falls in­ter­es­siert an ho­hen Grundstück­s­prei­sen und da­mit an ei­ner von Flücht­lin­gen gesäuber­ten Um­ge­bung (wo­bei natürlich auch nicht je­der, der ein Häuschen mit Gar­ten hat, ein Ras­sist sein muss). Da­mit wis­sen wir, was wir von den laut­stark um ihre Au­tos und um ihre Kin­der be­sorg­ten Hel­lers­dor­fer Haus­frau­en zu hal­ten ha­ben, und von dem dämli­chen Kli­schee des Mar­zahn-Hel­lers­dor­fer-Plat­ten­bau-Nazi-Os­sis und von die­ser Hel­lers­dor­fer Nazi-In­sze­nie­rung, auf die die ge­sam­te bürger­li­che Pres­se gern her­einfällt!

E.W.-P.Der An­trag Snow­dens wur­de ab­ge­lehnt. Begründung: Um ei­nen Asyl­an­trag zu stel­len, müsste Snow­den sich in der BRD auf­hal­ten. Das ist eine die­ser nie­der­träch­ti­gen büro­kra­ti­schen Begründun­gen, wie sie in den seit 1993 gülti­gen Zusätzen zum Asyl­recht (oder ei­gent­lich zur Ver­nich­tung des Asyl­rechts) im Grund­ge­setz fest­ge­schrie­ben sind.

Nicht der Hass auf die­se Nie­der­tracht, son­dern ganz an­de­re Lei­den­schaf­ten fühl­ten so man­che bra­ven De­mo­kra­ten nach die­ser Ab­leh­nung in ih­rer Brust. Snow­den habe, so Jürgen Trit­tin (Grüne) „Deutsch­land ei­nen Dienst er­wie­sen. Die Bun­des­re­gie­rung soll­te ihm Schutz gewähren”.2 Ja, war­um fin­det die­se va­terländi­sche Be­geis­te­rung, die nicht nur Trit­tin und an­de­re kleinbürger­li­che De­mo­kra­ten er­fasst hat, kein Echo bei der Bun­des­re­gie­rung?

Die Ant­wort kann nur je­mand ge­ben, der sich in Va­ter­lands­lie­be nicht über­tref­fen lässt, ein prag­ma­ti­scher, mit al­len Was­sern ge­wa­sche­ner So­zi­al­de­mo­krat, ei­ner wie der SPD-In­nen­po­li­ti­ker Die­ter Wie­felspütz. Zwar sei es außer­or­dent­lich sym­pa­thisch „und in ge­wis­ser Wei­se viel­leicht so­gar be­wun­derns­wert”, was Snow­den ge­macht habe, so Wie­felspütz, doch sei Ge­heim­nis­ver­rat auch in Deutsch­land straf­bar3.

Natürlich ha­ben bei der Ab­leh­nung von Snow­dens Asyl­an­trag di­plo­ma­ti­sche Rück­sich­ten eine Rol­le ge­spielt. Aber die­se Ab­leh­nung ist gar kei­ne Aus­nah­me, son­dern die Re­gel. Es geht bei Snow­den und bei al­len an­de­ren auch um eine Furcht der Herr­schen­den, die ein wich­ti­ger Grund für die Ab­leh­nung po­li­tisch Ver­folg­ter ist – die Furcht vor der Vor­bild­funk­ti­on. Wie­felspütz warnt hier vor der Straf­bar­keit der Ge­wis­sens­ent­schei­dung (und kei­ne an­de­re „Straf­tat“ kann man ja Snow­den vor­wer­fen). Es ist schon er­schre­ckend ge­nug für Re­gie­rung und Chef­eta­gen, dass die Hartz-4-Sach­be­ar­bei­te­rin Inge Han­ne­mann die Ma­chen­schaf­ten der Job-Cen­ter ans Ta­ges­licht brach­te – sie darf nun nicht mehr im Job-Cen­ter ar­bei­ten. Aber das ist noch „harm­los“, weil es sich hier um kei­nen Ge­heim­dienst han­delt. Aber wenn nun ein Snow­den Schu­le macht? Was, wenn ein­fa­chen Ver­wal­tungs­an­ge­stell­ten beim Ver­fas­sungs­schutz das Ge­wis­sen schlägt und sie uns ver­ra­ten, was in den ge­schred­der­ten Ak­ten zu den NSU-Mor­den stand? Was, wenn Tech­ni­ker aus den deut­schen Ge­heim­diens­ten Abhörprak­ti­ken ge­gen Ge­werk­schaf­ten und po­li­ti­sche Or­ga­ni­sa­tio­nen der Ar­bei­ter­be­we­gung of­fen­ba­ren? Was, wenn von An­ge­stell­ten des BNDs of­fen­ge­legt wird, dass die­ser Ge­heim­dienst ge­nau­so im Weißen Haus in Wa­shing­ton her­um­schnüffelt wie die NSA im Ber­li­ner Kanz­ler­amt?

[thumb_b5.png]Dar­auf müssen wir un­ser Au­gen­merk le­gen, wenn es um den Asyl­an­trag Snow­dens geht – auf die Un­ter­drücker und Aus­beu­ter in un­se­rem ei­ge­nen Land, de­nen va­terländi­sche Auf­wal­lun­gen ge­gen ihre im­pe­ria­lis­ti­schen Kon­kur­ren­ten und „Angst“ vor NSA, Goog­le, Mi­cro­soft und Co. wun­der­bar in den Kram pas­sen.

Karl Lieb­knecht schrieb im Herbst 1917 in ei­nem Brief aus dem Zucht­haus Luckau: „Ge­setzt den Fall: in Ber­lin hau­se eine Räuber-/?Ein­bre­cher-/?ban­de – u. in Pa­ris eine and­re. Was ist da­ge­gen zu tun? Die Re­gie­rungs­so­zia­lis­ten sa­gen: Ganz ein­fach: Die Ber­li­ner for­dern von den Pa­ri­sern, dass die dor­ti­ge Ban­de unschädlich ge­macht wer­de, die Pa­ri­ser von den Ber­li­nern, dass sie die hie­si­ge ab­half­tern, wid­ri­gen­falls –. Wir sa­gen: Da könnt ‚ ihr lan­ge hin- u. her­for­dern‘! Wir wis­sen ein bess­res Re­zept: Ihr Ber­li­ner packt die Ber­li­ner Ban­de, ihr Pa­ri­ser die Pa­ri­ser Ban­de – so seid ihr bei­de mit ei­nem Schla­ge los. Nun ur­teilt, wel­che Tak­tik ist vor­zu­zie­hen?“ 4

Aus der Rede des KPD-Abgeordneten Renner im Parlamentarischen Rat 1949 zum Asylrecht

Herr Dr. von Bren­ta­no will das Asyl­recht nur de­nen gewähren, die ihr Hei­mat­land ver­las­sen muss­ten, weil sie auf­rech­te Kämp­fer für die De­mo­kra­tie wa­ren. Nun ken­ne ich kein Land in Eu­ro­pa, das nicht von sich be­haup­tet, dass der Zu­stand in sei­nem Land die De­mo­kra­tie schlecht­hin ist. Ich ken­ne kein sol­ches Land. Alle Länder, auch Spa­ni­en10, be­haup­ten, de­mo­kra­ti­sche Länder zu sein. Die Mei­nun­gen darüber ge­hen natürlich aus­ein­an­der. Was der eine als De­mo­kra­tie an­sieht, ist dem an­de­ren das Ge­gen­teil. Ich las­se durch­aus of­fen, wel­che Mei­nung rich­tig ist. Ich rede nur schlecht­hin von der Tat­sa­che, dass je­des Land sei­ne Re­gie­rungs­form als de­mo­kra­tisch an­spricht. Nur die­je­ni­gen, die ge­gen die dort exis­tie­ren­de Staats­ord­nung an­ge­hen, ver­s­toßen dann nach Auf­fas­sung der dort herr­schen­den Ge­walt ge­gen die De­mo­kra­tie. Sie müssen aus die­sem Grund das Land ver­las­sen. Sie sind also in je­dem Fall vom Stand­punkt ih­res Hei­mat­lan­des aus ge­se­hen als Kämp­fer ge­gen die De­mo­kra­tie in dem je­wei­li­gen Land an­zu­spre­chen. Dass man aber im 20. Jahr­hun­dert als po­li­tisch rei­fer Mensch und De­mo­krat über­haupt den Ge­dan­ken aus­spre­chen kann, es sei not­wen­dig, das Asyl­recht ein­zu­en­gen, das geht weit über mein Be­griffs­vermögen hin­aus. Es gehört doch hier zum gu­ten Ton, die größten eu­ropäischen Länder ge­ra­de­zu als Mus­ter von De­mo­kra­ti­en hin­zu­stel­len; ich den­ke an Frank­reich und Eng­land. Wie steht es da­mit? Frank­reich war das Land, das bis zu ei­nem ge­wis­sen Zeit­punkt – nämlich bis zu dem Zeit­punkt, als die Kräfte von Vichy11 an die Macht ka­men – das ab­so­lu­te Asyl­recht gewährte. Da wur­den aus Deutsch­land Kom­mu­nis­ten und An­ti­fa­schis­ten je­der Schat­tie­rung auf­ge­nom­men. Es wur­den die Kämp­fer für das Za­ren­tum, die Weiss­gar­dis­ten usw. auf­ge­nom­men, je­der hat­te Asyl­recht.

(Zu­ruf: So­gar Rau­sch­ning12.)
– Auch Rau­sch­ning; es ist gut, dass Sie das brin­gen. Schließlich, wenn Hit­ler ge­kom­men wäre, hat­te er dort auch Asyl­recht be­kom­men, sei­en Sie si­cher.

Da­ge­gen war Eng­land trotz An­er­ken­nung des all­ge­mei­nen Asyl­rechts schon et­was vor­sich­ti­ger. Da durf­te ein Kom­mu­nist nur un­ter ge­wis­sen Kau­te­len hin­ein­kom­men. Die USA schlos­sen eben­falls bei ge­ne­rel­ler An­er­ken­nung des Asyl­rechts die Kom­mu­nis­ten von vorn­her­ein aus.

(Zu­ruf: Sie sind aber trotz­dem hin­ein­ge­kom­men!)
– Das lag an an­de­ren Din­gen, das wis­sen Sie doch, Herr Kol­le­ge Wag­ner. Wir ka­men übe­r­all hin und ka­men auch übe­r­all wie­der her­aus....

Ein letz­tes Wort. Man soll sich hüten, den Be­griff „po­li­ti­scher Emi­grant“ ir­gend­wie ein­zu­en­gen. Die Pra­xis hat be­wie­sen, dass ein gros­ser Teil der in der Na­zi­zeit aus Deutsch­land geflüch­te­ten Emi­gran­ten im Asyl­land von Deutsch­land her mit ir­gend­ei­ner kri­mi­nel­len Be­schul­di­gung be­las­tet wur­de. Die Na­zi­behörden ha­ben so­zu­sa­gen an ei­nem je­den von uns ir­gend­et­was Kri­mi­nel­les ent­deckt. Sie ha­ben auf Grund die­ser Ent­de­ckun­gen zum Bei­spiel ei­nem Ge­werk­schaft­ler, der dafür ge­sorgt hat, dass das Geld der Ge­werk­schaf­ten ins Aus­land kam, dass un­ser ehr­li­ches Geld nach drüben kam und nicht Hit­ler in den Ra­chen fiel, ei­nen Pro­zess we­gen Un­ter­schla­gung an­gehängt. Das müssen Sie doch wis­sen. Man hat es also in den al­ler­meis­ten Fällen ver­stan­den, den Be­griff po­li­ti­scher Emi­grant mit dem Be­griff kri­mi­nel­ler Flücht­ling zu ver­men­gen. Des­we­gen muss man jede Ein­engung des Be­griffs po­li­ti­scher Emi­grant ver­mei­den. Man muss schlecht­hin von po­li­ti­scher Emi­gra­ti­on und po­li­ti­schem Asyl­recht spre­chen, sonst gerät man in des Teu­fels Küche.

(Die Fußno­ten wur­den von der KAZ-Ar­beits­grup­pe „Flücht­lin­ge“ her­ge­stellt, die die­se Auszüge aus der Rede des Ge­nos­sen Ren­ner in der KAZ 293 do­ku­men­tier­te. Die­se Aus­ga­be der KAZ er­schien 1999, während des Ag­gres­si­ons­krie­ges ge­gen Ju­go­sla­wi­en, als die Bun­des­re­gie­rung nicht nur die Bun­des­wehr son­dern auch die Flücht­lings­ströme als Waf­fe be­nutz­te.)Ge­nau in die­sem Sin­ne for­dern wir: Asyl­recht für alle Flücht­lin­ge (ein­sch­ließlich Snow­den)!

Aber würde Asyl­recht für Snow­den nicht eine Verschärfung des Wi­der­spruchs zwi­schen dem deut­schen und dem US-Im­pe­ria­lis­mus be­deu­ten und da­mit die Kriegs­ge­fahr erhöhen? Ja, wenn es un­ter den va­terländi­schen Vor­zei­chen ge­schieht, und wenn es nur für Snow­den ge­for­dert wird. Nein, wenn wir für die Wie­der­her­stel­lung des Asyl­rechts im Grund­ge­setz und für sei­ne tatsächli­che An­wen­dung kämp­fen (die es in der BRD auf­grund des ungüns­ti­gen Kräfte­verhält­nis­ses kaum je­mals wirk­lich ge­ge­ben hat). Das Asyl­recht für alle Flücht­lin­ge durch­ge­setzt hieße, dass die­ses Land völlig an­ders aus­sieht als jetzt, dass der deut­sche Im­pe­ria­lis­mus un­ter so star­ken an­ti­fa­schis­ti­schen Druck gerät, dass sei­ne Kräfte ge­bun­den wer­den und er zwangs­wei­se nach außen „fried­li­cher“ wer­den muss, weil ihm nichts an­de­res übrig bleibt. Denn wenn die Lage so ist, könnte am Ho­ri­zont auch schon eine re­vo­lu­ti­onäre Si­tua­ti­on sicht­bar wer­den …

Die ursprüngliche Fassung des Asylrechts im
Grundgesetz muss wiederhergestellt werden!


Es war im Jahr 1993, als das Asyl­recht im Grund­ge­setz so­weit re­la­ti­viert wur­de, dass es fak­tisch außer Kraft ge­setzt ist. Die­ses Asyl­recht war eine der we­ni­gen wirk­lich an­ti­fa­schis­ti­schen Be­stim­mun­gen im Grund­ge­setz – an­ti­fa­schis­tisch un­ter den Be­din­gun­gen, dass der Im­pe­ria­lis­mus herrscht. Das heißt: Das Asyl­recht im Grund­ge­setz war ein ge­gen den Im­pe­ria­lis­mus durch­ge­setz­tes Recht. Es be­inhal­te­te ursprüng­lich: Je­der, der erklärt po­li­tisch ver­folgt zu sein, erhält Asyl. Und das be­deu­tet: un­se­re Her­ren können nicht frei schal­ten und wal­ten mit Men­schen­mas­sen, die nach ei­ner Blei­be su­chen, sie können sie nicht ein­fach für ihre Zwe­cke aus­nut­zen (dass sie trotz­dem von An­fang an in der BRD Men­schen­mas­sen als Waf­fe be­nutz­ten – z.B. Re­pu­blik­flüch­ti­ge aus der DDR, Um­sied­ler aus den be­frei­ten Ländern, Men­schen aus an­de­ren Ländern, die nach ei­nem re­ak­ti­onären Ar­ti­kel des Grund­ge­set­zes als „Volks­deut­sche“ de­fi­niert wer­den usw. – hat mit dem Asyl­recht nichts zu tun, son­dern da­mit, dass es sehr we­ni­ge wirk­lich an­ti­fa­schis­ti­sche Er­run­gen­schaf­ten im Grund­ge­setz gab und gibt). Wie kam die­ses Asyl­recht über­haupt ins Grund­ge­setz: Die re­ak­ti­onäre und völker­rechts­wid­ri­ge Gründung der BRD wur­de mit ei­nem sog. Par­la­men­ta­ri­schen Rat 1948/?49 vor­be­rei­tet. In die­sem Par­la­men­ta­ri­schen Rat saß auch die KPD, ent­schie­de­ne Geg­ne­rin der Gründung der BRD und gleich­zei­tig Kämp­fe­rin für je­des Quänt­chen An­ti­fa­schis­mus. Sie nutz­te es aus, dass die Gründung der BRD ein ge­wag­tes re­ak­ti­onäres Aben­teu­er ge­gen die So­wjet­uni­on und die an­de­ren be­frei­ten Länder war und nützte den Par­la­men­ta­ri­schen Rat als Tribüne, um der Weltöffent­lich­keit und der Ar­bei­ter­klas­se je­den Wi­der­spruch dar­zu­le­gen, in den sich die bürger­li­chen Par­tei­en in ih­rem Kampf ge­gen die Leh­ren aus dem Fa­schis­mus ver­wi­ckel­ten. Ei­ner die­ser Wi­dersprüche war, dass man­che So­zi­al­de­mo­kra­ten und an­de­re Ab­ge­ord­ne­te im Par­la­men­ta­ri­schen Rat, die sel­ber un­ter den Hit­ler­fa­schis­ten ver­folgt wa­ren, sich der For­de­rung nach ei­nem un­ein­ge­schränk­ten Asyl­recht nicht ver­sch­ließen woll­ten. Die Hal­tung der KPD war nicht nur von sol­chen Er­fah­run­gen geprägt, son­dern prin­zi­pi­el­ler Na­tur im Kampf der Ar­bei­ter um De­mo­kra­tie (wir ha­ben auf die­sen Sei­ten Auszüge aus Re­de­beiträgen des KPD-Ab­ge­ord­ne­ten Ren­ner im Par­la­men­ta­ri­schen Rat do­ku­men­tiert). Und der Kampf um ein an­ti­fa­schis­ti­sches Asyl­recht hat­te Er­folg! Natürlich wur­de mit der Sta­gna­ti­on der west­deut­schen Ar­bei­ter­be­we­gung und un­ter den Be­din­gun­gen des KPD-Ver­bots das Asyl­recht mehr und mehr außer Kraft ge­setzt. Aber den Grund­ge­setz­ar­ti­kel zum Asyl­recht konn­ten die Im­pe­ria­lis­ten erst nach der Zertrümme­rung der DDR bis zur Un­kennt­lich­keit ändern, ge­nau­so wie erst seit die­sem Zeit­punkt die gren­zen­lo­sen Einsätze der Bun­des­wehr möglich wur­den.

Rostock-Lichtenhagen 1992 –
nicht nur Antifaschisten erinnern sich


[thumb_09-06-13_demo_wuerzburg_1_.png]1992 war das Jahr des ta­ge­lan­gen Po­groms ge­gen Flücht­lin­ge und ge­gen viet­na­me­si­sche Ar­bei­ter in Ros­tock-Lich­ten­ha­gen – vor­be­rei­tet durch maßlose ras­sis­ti­sche Het­ze der Bun­des­re­gie­rung (al­les „stöhnte“ un­ter der „Asy­lan­ten­flut“) und durch staat­lich ver­ord­ne­te Wi­derwärtig­kei­ten ge­gen Flücht­lin­ge in Ros­tock-Lich­ten­ha­gen, ge­dul­det und un­terstützt durch die Po­li­zei, be­klatscht durch ei­nen Teil der An­woh­ner, viel zu we­nig geschützt durch den si­cher­lich auch vor­han­de­nen an­de­ren Teil der An­woh­ner … 1993 wur­de dann das Asyl­recht im Grund­ge­setz „ergänzt“, in Wirk­lich­keit aber ab­ge­schafft – mit den Stim­men von CDU, CSU, FDP und der in der „Op­po­si­ti­on“ be­find­li­chen SPD. Denn man „ver­stand die Sor­gen und Ängs­te der Men­schen“. Da­mit wur­de erst­mals in der Ge­schich­te der BRD eine Nazi-Be­we­gung, die par­la­men­ta­risch völlig un­be­deu­tend ist, zur Durch­set­zung ei­ner Grund­ge­setzände­rung be­nutzt.

Jetzt sind wie­der die Volks­ver­ste­her von CDU und CSU bis NPD und „Pro Deutsch­land“ un­ter­wegs. In Ber­lin-Hel­lers­dorf hat sich der Mob ge­sam­melt, um sich der „be­sorg­ten An­woh­ner“ an­zu­neh­men. Aber die An­ti­fa­schis­ten ha­ben sich or­ga­ni­siert, ma­chen Mahn­wa­chen und De­mons­tra­tio­nen und schützen die Be­woh­ner, die jetzt – zum Teil völlig verängs­tigt – zwangs­wei­se durch die zuständi­ge Behörde in die­sen He­xen­kes­sel ge­bracht wer­den.

Vie­le An­ti­fa­schis­ten fühlen sich nun an 1992 er­in­nert – von „Hel­lers­dorf-Lich­ten­ha­gen“ ist schon die Rede. Aber nicht nur An­ti­fa­schis­ten er­in­nern sich. Aus der „In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung“ von Ber­li­ner- und Be­zirks­behörden in Hel­lers­dorf – die zu ei­ner Pro­pa­gan­da­ver­an­stal­tung des brau­nen Mobs ge­riet – wird be­rich­tet: „Meh­re­re Teil­neh­mer aus dem rech­ten Spek­trum tru­gen T-Shirts mit dem Da­tum ‚22.-26. Au­gust 1992‘. Die Tage des Po­groms von Ros­tock“5.

Zur Zeit ist nicht klar, wo das hinführen soll. Aber was auch im­mer im Schil­de geführt wird – wir können uns dem ent­ge­gen stel­len, wenn wir uns ohne Wenn und Aber mit den Flücht­lin­gen so­li­da­ri­sie­ren.

Gren­zen auf für alle Flücht­lin­ge! Gren­zen dicht für den deut­schen Mi­li­ta­ris­mus!
Asyl­recht für alle Flücht­lin­ge!
Weg mit den büro­kra­ti­schen Schi­ka­nen wie Re­si­denz­pflicht und Ar­beits­ver­bot!
Ver­bot ras­sis­ti­scher De­mons­tra­tio­nen!

Das muss auch The­ma in den Ge­werk­schaf­ten wer­den – die Ar­bei­ter können sich nie­mals selbst be­frei­en, wenn sie die­sem Elend und die­ser Willkür ta­ten­los zu­se­hen.

E.W.-P.


Anmerkungen:
1 ND 12.07.13
2 ND 02.07.13
3 ebenda
4 Karl Liebknecht, Gesammelte Reden und Schriften, Bd. IX, S. 360, Berlin 1971
5 ND 11.07.13
6 ND 12.08.13
7 ND 23.07.13
8 Aussage der SPD-Bezirksverordneten Marlitt Köhnke, ND 22.08.13
9 1 ND 23.07.13
10 Spanien war bis 1975 ein faschistischer Staat, zu dem übrigens die BRD – voll in der Tradition der Hitlerfaschisten – bis zum Ende freundschaftliche Beziehungen unterhielt.
11 Das Vichy-Regime war eine für die Hitlerfaschisten arbeitende Marionettenregierung in Frankreich unter Pétain nach der Kapitulation Frankreichs (1940) mit Sitz in Vichy.
12 Hermann Rauschning, NSDAP-Mitglied seit 1926, wurde 1933 im Auftrag der Nazi-Partei Senatspräsident des damaligen Danzig (heute Gdansk, Polen). Überwarf sich mit der Führungsriege der Nazis und floh 1936 in die Schweiz, 1938 nach Frankreich.



#asyl #deutscherimperialismus #fluechtlinge #grundgesetz
PNG-Datei • Bild öffnen ...ohne Wasserzeichen: anmelden! thumb_b5.png
• Hier gibt's was extra: mehr Debatten aus den www.secarts.org-Foren
San Marino reicht es: Impfstoff in Russland beste..
1
Sinnvoll und eine solche Entwicklung (nicht nur für San Marino) zeichnet sich ja schon länger ab. s. dazu den Thread Corona...mehr arktika NEU 16.02.2021
Bill Gates und die weltweite Impfstrategie
4
Kann also mit dieser herrschenden Klasse des Imperialismus ein - wie auch immer gearteter - epidemie-medizinischer #Burgfried...mehr FPeregrin NEU 19.02.2021
Stephan NEU 15.02.2021
ramirez NEU 14.02.2021
Wegen Fake News: China verbietet BBC World News
NEU
Eine vernünftige Entscheidung; das #BBC-Verbot war wirklich überfällig. Ein zeitlicher Zusammenhang zum kürzlich erfolgte...mehr secarts 11.02.2021
Wolfgang Wippermann gestorben
NEU
jW heute: Wolfgang Wippermann gestorben Der Historiker Wolfgang Wippermann ist tot. Das berichtete ND. Die Woche (Woche...mehr FPeregrin 11.01.2021
Indien: Größter Streik der Weltgeschichte
Wie die ZdA am 27.11. berichtet hat, fand am Tag zuvor in Indien der bisher größte Streik der Weltgeschichte statt, wenig z...mehr arktika 01.12.2020
Kuba und der Kampf gegen Covid
NEU
Kuba kann zum ersten Land Lateinamerikas werden, das seinen eigenen Impfstoff gegen COVID-19 produziert. Die vom Finlay I...mehr juventud87 21.02.2021