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NEUES THEMA30.12.2020, 16:53 Uhr
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30.12.2020, 17:02 Uhr
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arktika

• Zur Geschichte des Warenhauses in Deutschland Ein Zweiteiler auf der Themenseite der jW: Zur Geschichte des Warenhauses in Deutschland von Daniel Bratanovic, veröffentlicht am 24.12. und am 28.12.2020.

Teil 1:
Tempel der Massengesellschaft
Die stürmische kapitalistische Entwicklung brachte um die Jahrhundertwende neue Betriebsformen des Einzelhandels hervor. Sie wurden zu »Wallfahrtsstätten zum Fetisch Ware«. Zur Geschichte des Warenhauses in Deutschland (Teil 1)


Wir mischen Handel mit Gebet,

die Kunst im Dienst des Kaufmanns steht.

Es war einmal, doch jetzt ist’s aus,

Walhalla ist ein Warenhaus.

(Karl Kraus)


Die Türen verriegelt, die eisernen Gitter vorgeschoben, der Laden dicht. An das entwürdigende Schauspiel erinnert nichts. Kurz bevor die Lichter endgültig ausgingen, hatten sich hier noch Rotten von Schnäppchenjägern in eine gnadenlose Rabattschlacht gestürzt, hatten Angestellte, die erschöpft ihre letzten Schichten vor der Entlassung schoben, beschimpft und beleidigt und den Rivalen die sicher geglaubte Trophäe, die Spottpreisware, wieder entreißen wollen. Es ging um nichts weniger als das letzte Hemd. Der große Ausverkauf hatte im Juli begonnen, das gesamte Sortiment wanderte zum um bis zu 70 Prozent reduzierten Preis über den Ladentisch. »Alles muss raus!« Mitte Oktober war Schluss. Der Kaufhof in der Hamburger Mönckebergstraße ist nicht mehr.

So wie in der Hansestadt schließt die Galeria Karstadt-Kaufhof GmbH in diesen Monaten im gesamten Bundesgebiet mehr als 40 ihrer rund 170 noch übriggebliebenen Filialen – von Flensburg bis München, von Trier bis Berlin. Bis zu 5.000 Beschäftigte werden auf kurz oder lang ihren Job verlieren. Der im Schatten der Coronakrise ausgeführte Kahlschlag bildet den vorläufigen Tiefpunkt einer langen Niedergangsgeschichte, die noch nicht auserzählt ist. Das Warenhaus stirbt einen langsamen Tod.

Das Handelsblatt zitiert einen »Branchenkenner«, der Handelsunternehmen berufsmäßig berät: »In Deutschland gibt es nur noch Platz für maximal 100 Warenhäuser im derzeitigen Format. Die Schließungen, die wir jetzt sehen, wären so oder so gekommen – nur nicht so schnell.« Wenige Tage zuvor (am 10. Oktober 2020) lautete eine verräterische Schlagzeile des Wirtschaftsblatts: »Viele Immobilieneigentümer geben dem Warenhaus keine Chance mehr«.

Kalkulierter Ruin

Im gegenwärtigen Stadium des fortschreitend faulenden Kapitalismus sind Grund und Boden kaum mehr das Mittel zum Zwecke einer Unternehmung, sondern immer häufiger der Zweck selbst. Mit der Ursupation des Grund- und Immobilieneigentums verwerten Kapitalgesellschaften – Immobilienfonds bzw. Real-Estate-Investment-Trusts – das eingesetzte Kapital, indem sie auf steigende Bodenrenten in den Städten spekulieren. Der Weiterbetrieb der zentral gelegenen Warenhäuser gerät demgemäß bestenfalls zur lästigen Nebensache, derer man sich schnell zu entledigen hat, da sie die Renditeerwartung dämpft.

Nachdem der kanadische Handelskonzern Hudson’s Bay im Herbst 2015 seinem deutschen Pendant Metro Group die Warenhauskette Kaufhof abgekauft hatte, trennte er 41 der erworbenen Immobilien gesellschaftsrechtlich vom Warenhausunternehmen und überführte sie in eine eigene Gesellschaft. Diese HBC Global Properties verlangte den Häusern – wie dem in der Hohe Straße in Köln oder dem am Berliner Alexanderplatz – nun mitunter einen mehr als doppelten Mietpreis ab. Ein kalkulierter Ruin. Als dann die Signa-Holding des österreichischen Immobilienspekulanten René Benko, die schon 2014 die angeschlagene Karstadt Warenhaus GmbH vom Finanzinvestor Nicolas Berggruen übernommen hatte, 2018 die gezielt heruntergewirtschafteten Kaufhof-Häuser erwarb, blieb der Zweck derselbe. Die Süddeutsche Zeitung fühlte sich im September 2019 in den gebürtigen Innsbrucker Einkäufer so ein: »Die Immobilien sind dem österreichischen Unternehmer René Benko so viel wert, dass er dafür sogar das schwierige Warenhausgeschäft auf sich nimmt.«¹

Kalkulierter Ruin, ein paar Zugeständnisse, neue Pläne. Für das vage Versprechen, drei Karstadt-Filialen in Berlin (in den Ortsteilen Charlottenburg, Wedding und Tempelhof) eine Gnadenfrist von weiteren drei bzw. fünf Jahren zu gewähren, bedingte sich die Signa-Holding vom Senat unter Umgehung bezirklicher Belange die Zusage aus, die Karstadt-Häuser am Kurfürstendamm und am Hermannplatz komplett neu bauen zu dürfen. Dort, an der Grenze zwischen Neukölln und Kreuzberg, plant das Unternehmen, das zwischen 1927 und 1929 errichtete und von SS-Truppen im April 1945 gesprengte Warenhaus in seiner historischen Gestalt wiederauferstehen zu lassen. Abgesehen von der betrüblichen Feststellung einer niederschmetternden stadtplanerischen Einfallslosigkeit zwischen penibler Rekonstruktion und feindseliger Schießschartenarchitektur – in ihrer absurden Symbiose zu besichtigen am Berliner Schloss: Am fabrikneuen Barock klebt ein »monumentales Abluftgitter« (Niklas Maak) –, dürfte der gigantische Neubau die Gentrifizierung des Kiezes weiter beschleunigen, aber mit dem überkommenen Warenhaus nicht viel mehr gemein haben als den Standort. Die Sehnsucht nach der Wiederherstellung vergangener Herrlichkeit, die bloße Hülle ohne Inhalt bleiben muss, Nekromantie des Städtebaus, ist das Kennzeichen dieses Zeitalters der rastlosen Langeweile.

»Etwas Fremdes, Feindliches«

Damals, 1929, stellte Karstadts Konsumkathe­drale am Hermannplatz alle anderen in den Schatten. »Die Warenhausträumer träumten von einem Wolkenkratzer. Und so bauten sie eines Tages das ganz große Warenhaus (…). Die alten und nur großen Warenhäuser sind klein dagegen und beinahe simple Kaufläden«, schrieb Joseph Roth Anfang September 1929 in den Münchner Neuesten Nachrichten. Doch das »ganz große Warenhaus«, bei seiner Fertigstellung das größte Europas, in seinem architektonischen Stilgemisch aus Neugotik, Expressionismus und Art déco mit seinen beiden trutzig drohenden Türmen samt Lichtsäulen obendrauf stand unter keinem guten Stern. Gut sechs Wochen nach Roths Artikel, am 24. Oktober, dem Black Thursday, krachte an der Wall Street die Börse zusammen. Die Schockwellen erreichten Europa und drückten auch die Rudolph Karstadt AG an den Rand des Bankrotts. Die infolge der Weltwirtschaftskrise in Massen erwerbslos gewordenen Proletarier Neuköllns und Kreuzbergs fielen als Kundschaft der Flagschiffiliale am Hermannplatz aus. In der Hetzschrift eines NSDAP-Mannes aus dem Jahre 1932, am Höhepunkt der Krise, hieß es in demagogischer Anbiederung: »Mitten in einem Arbeiterviertel, dessen Bewohner eben gerade noch das Dasein fristen, deren Elend bis zum Himmel schreit, erhebt sich dieses Monstrum von einem Würgepalast fast abseits vom Verkehr der Großstadt.«

Nicht nur dieser »Würgepalast« war den Nazis zuwider, das Warenhaus als Betriebsform an sich verfiel ihrer radikalen Ablehnung (freilich nur solange, das ist der Pragmatismus des Faschismus, wie man ihnen noch nicht die Macht übertragen hatte und sie die »falschen« Eigentümer noch nicht enteignet, verbannt oder ermordet hatten, doch dazu später). Die Verachtung hatten die Faschisten allerdings nicht exklusiv, und sie waren keineswegs die ersten, sondern konnten vielmehr auf Vorbilder und Vorarbeiter zurückblicken. Die Front der Warenhausgegner hatte sich schon bald nach dem ersten Aufkommen solcher Geschäfte im Kaiserreich formiert. In einer Streitschrift von 1899 mit dem Titel »Zum Kampfe gegen die Waarenhäuser!« steht folgendes zu lesen: »Es muss in der ganzen Waarenhausfrage etwas stecken, was dem Empfinden unserer Volksseele zuwiderläuft. (…) Die Waarenhäuser müssen unserem Volke als etwas Fremdes, Feindliches erscheinen, das bekämpft, das ausgerottet zu werden verdient.« Das Fremde und das Feindliche erhielt rasch einen Namen und eine Geschichte. Die damalige Warenhausfeindschaft, soll das heißen, war in Deutschland – anders als in anderen Industrienationen – von Anfang an und durch und durch antisemitisch eingefärbt.


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NEUER BEITRAG30.12.2020, 16:59 Uhr
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30.12.2020, 17:07 Uhr
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Warum aber zog jenes Geschäftsprinzip diese hasserfüllte Ablehnung auf sich? Wer glaubte sich weshalb bedroht? Und allgemein: Was sagen beide – das Warenhaus und seine Gegner – über die Veränderungen der bürgerlichen Gesellschaft aus? Die Kapitalakkumulation, einmal von ihren Fesseln befreit, wälzte jahrhundertealte Verkehrsformen um, ließ alles Stehende verdampfen, ersetzte Schritt für Schritt die feudale Ständeordnung. Die Industrie ließ zünftiges Handwerk und protoindustrielle Manufaktur hinter sich, die industrielle Massenproduktion verdrängte die handwerkliche Fertigung. Warenproduktion und -zirkulation wurden zur herrschenden Form des gesellschaftlichen Stoffwechsels. Proletarisierung, Bevölkerungswachstum und die Wanderung in die Städte verlangten den Wandel der Distributionsformen, forderten, das Problem des Warenabsatzes in der entstehenden Massengesellschaft zu lösen. Das Angebot an Verbrauchsgütern erreichte gegen Ende des 19. Jahrhunderts dank der Produktivitätssteigerungen ein zuvor nie gekanntes Ausmaß. Doch der Einzelhandel löste sich derweil nur langsam aus seinen Bindungen an überlieferte Formen und Methoden der Warenvermittlung. Der Kaufmann war in ein Korsett informeller Regeln eingezwängt, aus dem auszubrechen den Verlust seiner Ehrbarkeit bedeutet hätte. Er dachte nicht in Kategorien wie Gewinn und Expansion, gründete seine Existenz auf einen festen Abnehmerkreis von Käufern, die er nicht mit Reklame lockte, feilschte mit ihnen um die Preise und gewährte jederzeit Kredit. Der Kleinhändler war zum Anachronismus geworden und hatte es noch nicht bemerkt.

Kein Zufall daher, dass die Neuerungen von Geschäftsleuten kamen, die außerhalb dieser alten Ordnung standen. Bis auf Rudolph Karstadt waren die Gründer der ersten Warenhäuser im Kaiserreich um die Jahrhundertwende Juden. »Sie waren nicht integriert in die enge, nahezu zunftmäßig aufgebaute regionale Kaufmannschaft, weder familiär noch als gleichwertige Geschäftspartner.«² Diese »traditionslosen« Kaufleute – Wertheim und Tietz in Stralsund, Karstadt in Wismar – erkannten angesichts der Erfolge im Ausland – in Frankreich, den USA und Großbritannien hatte sich das Warenhaus bereits gegen Mitte des 19. Jahrhunderts etabliert³ – das Geschäftspotential, das die neue Betriebsform bot, und mussten keine Sanktionen fürchten, da sie nicht Teil der korporatistisch verfassten Kaufmannschaft waren.

»Großer Umsatz, kleiner Nutzen«

Die industrielle Massenfertigung verbilligte die einzelne Ware, und den Herstellern musste daran gelegen sein, ihre massenhaften Erzeugnisse rasch abzusetzen. Die »neuen« Händler nun traten in Verhandlungen mit den Produzenten und garantierten entgegen dem tradierten Geschäftsgebaren die direkte Abnahme größerer Mengen zum geringeren Preis pro Stück, wobei die Waren dann an den Endverbraucher, der sofort bezahlen musste, zu Festpreisen weiterverkauft wurden. Diese Ausschaltung des Zwischenhandels bildete die Grundlage für das Warenhaus. Um saisonbedingte Schwankungen der Nachfrage auszugleichen, erweiterten die ehemaligen Detailhändler (zumeist spezialisiert auf Textilwaren) sukzessive ihr Sortiment, so dass der Typus des alten Gemischtwarenladens wiederkehrte, allerdings auf ganz anderer Stufenleiter. In seinem 1883 beendeten Roman »Au bonheur des dames« lässt Émile Zola den Inhaber eines Pariser Modewarengeschäftes, der es zu einem »gigantischen Warenhaus« ausbauen will, einem Bankier das Geschäftsprinzip erklären: Der »Handel basiere jetzt auf der ununterbrochenen und raschen Umsetzung des Kapitals, wobei es darum gehe, dieses so oft wie möglich innerhalb eines Jahres in Waren zu verwandeln … ›Sehen Sie, Herr Baron, das ist der ganze Mechanismus. Es ist höchst einfach, aber man muss es erst herausfinden. Wir bedürfen keines großen Betriebskapitals. Wir müssen uns lediglich bemühen, uns sehr schnell der eingekauften Waren zu entledigen, um sie durch andere zu ersetzen, was ebensooft die Verzinsung des Kapitals mit sich bringt. Auf die Art können wir uns mit einem kleinen Gewinn begnügen. Da unsere Allgemeinkosten den ungeheuren Satz von sechzehn Prozent erreichen und wir bei den Artikeln kaum zwanzig Prozent Gewinn einrechnen, ergibt das einen Reingewinn von höchstens vier Prozent; nur werden daraus doch Millionen, wenn man mit erheblichen Warenmengen arbeitet, die unaufhörlich erneuert werden. (…) Sie verstehen, nicht wahr? Es gibt nichts Einleuchtenderes.‹ Der Baron schüttelte abermals den Kopf. (…) ›Ich verstehe schon‹, erwiderte er. ›Sie verkaufen billig, um viel zu verkaufen, und verkaufen viel, um billig zu verkaufen.‹«

Zolas Naturalismus traf die Wirklichkeit recht gründlich. Schnellerer Umschlag unter der Devise »Großer Umsatz, kleiner Nutzen« – nach dieser Maßgabe eroberten Wertheim, Tietz und Karstadt von den Rändern des Reiches her in Windeseile die Ballungszentren. Georg Wertheim konzentrierte sich auf Berlin und eröffnete dort binnen weniger Jahre gleich mehrere Warenhäuser, Oscar Tietz unter dem Namen seines Onkels Hermann im Süden und im Osten, später dann ebenfalls in Berlin. Oscars Bruder Leonhard baute Filialen in der Rheinprovinz, Karstadt in Norddeutschland.


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NEUER BEITRAG30.12.2020, 17:10 Uhr
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Sakralbauten

Die Warenhäuser waren ein stupendes Novum, als eigenständiger Bautyp, aber vermutlich mehr noch als Aufenthalts- und Verweilorte, als »Wallfahrtsstätten zum Fetisch Ware« (Walter Benjamin). »Wer das Haus Wertheim zum ersten Mal betritt«, schilderte Paul Göhre in einer zeitgenössischen Untersuchung von 1907 über die mit Abstand größte und mehrfach erweiterte Wertheim-Filiale in der Leipziger Straße in Berlin, »empfängt den Eindruck eines erdrückenden Gewirres. Menschen fast zu jeder Tageszeit in ununterbrochenen Strömen: unabsehbare, immer neue Reihen von Verkaufsständen; ein Meer von Warenmassen ausgebreitet; Treppen, Aufzüge, Etagen, sichtbar wie die Rippen eines Skeletts; Säle, Höfe, Hallen, Gänge, Winkel, Kontore; Enge und Weite, Tiefe und Höhe, Farben, Glanz, Licht und Lärm: ein ungeheures Durcheinander, scheinbar ohne Plan und Ordnung.« Hier wurde der Satz, mit dem Marx seine Kritik der politischen Ökonomie anheben lässt, erstmals wahrhaft anschaulich: »Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung.« Die Ware war endgültig die »Universalkategorie des gesamten gesellschaftlichen Seins« geworden (Georg Lukács) und das Warenhaus ihr funkelnder Präsentationsraum.

Bei solcher »Inthronisierung der Ware« (Benjamin) mit ihren »theologischen Mucken« (Marx) lag es nahe, diese Orte symbolisch aufzuladen, mit sakraler Metaphorik zu versehen: »Das Warenhaus als Tempel, in dem es nicht um Reinigung oder Selbstbestimmung geht, sondern um Verführung und Exzess; der Kapitalismus als Kultus, der auf universelle Verschuldung statt auf individuelle Entsühnung zielt, das Warenhaus als Kirche, in der nicht Gott, sondern einem Fetisch gehuldigt wird.«⁴ Den religiösen Konnotationen, zuerst von Zola in »Au bonheur des dames« forciert, entsprach die Architektur. Den schon erwähnten Göhre erinnerte bei Betrachtung der Wertheim-Filiale »der Eckbau am Leipziger Platz an einen gotischen Dom, die Hauptfront in der Leipziger Straße an die Front eines griechischen Tempels«. Ein Sakralbau, der den Gedanken an etwas Größeres, Ewiges verkörpern soll, zeichnet sich durch einen Zug nach oben aus. Dieser Vertikalismus war bei dem von den Architekten Alfred Messel entworfenen Wertheim-Gebäude mit seinen hochstrebenden, vom Straßenniveau bis unter das Dach durch fünf Geschosse hindurchgehenden Pfeilern realisiert. Im Innern herrschten Weiträumigkeit und Helligkeit, an die Stelle tragender Wände traten zwischen den einzelnen Stockwerken schlanke Säulen. Den Mittelpunkt und Repräsentationsraum schlechthin bildete ein von einer Glasdecke überwölbter, mit Marmor ausgekleideter Lichthof, der alle Verkaufsräume miteinander verband und den Blick entgrenzte. Diese Bauform beherrschte die Innenarchitektur des Warenhauses in Deutschland bis zum Ersten Weltkrieg fast ausnahmslos. Hier sollte der Kunde in die Warenwelt eintauchen, zwischen den Auslagen flanieren, an anderem Ort ein anderer werden. Jeder durfte eintreten, ein Kaufzwang, das war neu, herrschte nicht. Das Warenhaus machte »die Flanerie selber dem Warenumsatze nutzbar« (Benjamin). Die Verlangsamung der Laufkundschaft war ökonomisch kalkuliert, die Bedarfsweckung, weniger die Bedarfsdeckung, rückte hier in den Vordergrund. »Damit steigert sich das circensische und schaustückhafte Element des Handels ganz außerordentlich«, notierte Walter Benjamin in seinem »Passagen-Werk«.

So sehr auch der glanzvolle Schein dieser Weihestätten entsprechende Assoziationen weckte, die das Mystische, Unerklärliche, der Vernunft Unzugängliche betonten – wer hinter die Kulissen blicken konnte und wollte, gelangte zu einer anderen Metapher. Der Fabrik auf der Ebene Produktion entsprach das Warenhaus auf der Ebene der Distribution. Hier wie dort herrschte ein bis weit in das 19. Jahrhundert hinein gänzlich unbekanntes verwissenschaftlichtes, rationalisiertes Arbeitsregime. Die komplexe Organisationsstruktur des Warenhauses war streng hierarchisch gegliedert, die Statistik als Methode der vollständigen Überwachung und Kontrolle der Arbeitsprozesse und der Arbeitsleistung wurde, wie Julius Hirsch in seiner Studie aus dem Jahr 1910 festhielt, »gleichsam das Nervenzentrum des Warenhauses. (…) Die Tages- und Monatsleistung jedes einzelnen Angestellten bis zum jüngsten Lehrmädchen hinab wird hier genau festgestellt.« Der »fast wissenschaftlich-automatisch funktionierende Großbetrieb« (so Georg Tietz, Sohn des Gründers der Tietz-Warenhäuser Oscar Tietz) war eine riesige Maschine, die ihren Anhängseln, den Angestellten, den Takt der Arbeit vorgab. Leo Colze konstatierte in seiner Untersuchung »Berliner Warenhäuser« von 1908: »Der einzelne ist eine Nummer, die an ihren Platz gestellt wird und dort ihre Arbeit zu verrichten hat, ein kleines Rädchen in dem Riesenmechanismus, das, wenn es unbrauchbar wird, durch ein neues ersetzt wird, um den Gang des Ganzen nicht zu hemmen.« Das disziplinäre Regime, das widerspruchslosen Gehorsam verlangte, bildete dabei den Rahmen eines internalisierten Konkurrenzprinzips im Kampf um die besten Provisionen. In Manfred Georgs Roman »Aufruhr im Warenhaus« (1928) sagt der Filialchef: »Ich kann kein Personal gebrauchen, in dem sich einer auf den anderen verlässt. Das hemmt die Aktivität und die Leistungsfähigkeit des einzelnen.« Und in Falladas Angestelltenroman »Kleiner Mann – was nun?« von 1932 heißt es an einer Stelle: »Ich kenne nur eine Art Verkäufer: die, auf deren Verkaufsblock abends recht hohe Zahlen stehen. Ich weiß, es gibt noch die mit den niedrigen Zahlen, aber ich sorge schon dafür, dass es die hier bald nicht mehr gibt.«

Entzaubert und verzaubert

Das Warenhaus hatte die alte Ordnung des Einzelhandels gehörig umgekrempelt. Mehr noch, es war der repräsentative Ausdruck einer binnen weniger Jahrzehnte entstandenen Konsum- und Massengesellschaft. Die kapitalistische Produktionsweise, endlich total geworden, hatte mit der Verwissenschaftlichung und Berechnung von Produktion, Distribution und Arbeitsorganisation die Welt entzaubert und zugleich auf neue Weise verzaubert, indem sich die Waren scheinbar verselbständigten und der Warenfetisch die tatsächlichen sozialen Beziehungen der Gesellschaftsmitglieder verschleierte. Das Unbehagen an dieser entpersonalisierten, anonymisierten Moderne, oft genug als Verlusterfahrung erzählt, äußerte sich auf verschiedenen Feldern und fand rasch Schuldige. Das Warenhaus bot dafür eine ideale Angriffsfläche. Dass die Warenhausgründer des Kaiserreichs zumeist Juden waren, gab den Gegnern dieses Betriebstyps ein leichtes Ziel ihrer Agitation.


Anmerkungen

1 Die raschen Eigentümerwechsel mit der wiederkehrenden Folge erheblicher Zugeständnisse, Abstriche, ja einer Kapitulation der Belegschaft (Außerkraftsetzung bestehender Tarifverträge, Lohnkürzung, Entlassung) sind ein Hinweis auf die angedeuteten veränderten kapitalistischen Verhältnisse, unter denen die kurzfristige Renditeerwartung der Eigner überakkumulierten Kapitals die längerfristige, aber dennoch immer schon vom Druck der Profitrealisierung geformte Strategie früherer Kapitalunternehmungen komplett verdrängt hat und unter denen das Schicksal der Belegschaften allerhöchstens noch so bedeutsam ist wie die Fußnote eines Zeitungsessays.

2 Simone Ladwig-Winters: Wertheim. Ein Warenhausunternehmen und seine Eigentümer, Münster 1997, S. 30

3 Zu nennen sind vor allem Le Bon Marché in Paris, Macy’s in New York und Harrods in London.

4 Uwe Lindemann: Das Warenhaus. Schauplatz der Moderne, Köln 2015, S. 142


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NEUER BEITRAG30.12.2020, 17:14 Uhr
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Zur Geschichte des Warenhauses in Deutschland Teil 2:
»Etwas Fremdes, Feindliches«
Für Antisemiten eine bedrohliche, »dem jüdischen Wesen gemäße« Erscheinung, von den Nazis schließlich enteignet. Zur Geschichte des Warenhauses in Deutschland (Teil II und Schluss)


Mit der Erschütterung der Warenwirtschaft ­beginnen wir, die Monumente der Bourgeoisie als Ruinen zu erkennen, noch ehe sie zerfallen sind. (Walter Benjamin)

Die grundstürzenden Neuerungen, die das Warenhaus repräsentierte, handelten seinen Betreibern bald eine entschiedene Gegnerschaft ein und sorgten dafür, dass sich auch der Staat der Sache annahm, um seine weitere Ausbreitung einzudämmen. Der Erfolg der Warenhäuser, deren Umsätze rasant wuchsen, brachte die übrigen kleinen Einzelhandelsgeschäfte gegen die entlaufene Konkurrenz auf. Unter dem Eintrag »Mittelstandsbewegung« nennt »Meyers Großes Konversations-Lexikon« von 1908 einen zehn Jahre zuvor in Berlin gegründeten »Bund der Handel- und Gewerbtreibenden«, der »unter andern Umgestaltung der Gewerbesteuer im progressiven Sinne, Bekämpfung der Großbasare und Filialgeschäfte, der Konsum- und Rabattsparvereine, der Offizier- und Beamtenwarenhäuser, hauptsächlich durch hohe Sondersteuern« fordere. Anschließend heißt es lapidar: »Auch in dieser Beziehung hat die Gesetzgebung den Wünschen der Beteiligten schon vielfach Rechnung getragen.«

Diese Thron und Altar verpflichtete Mittelstandsbewegung nahm also erfolgreich so starken Einfluss auf die preußische Gesetzgebung, dass 1900 eigens eine Sonderbesteuerung der Warenhäuser verabschiedet wurde, die ab einer Umsatzgröße von 400.000 Mark griff. Dabei setzten sich die Autoren des Gesetzes der Schwierigkeit aus zu bestimmen, was ein Warenhaus überhaupt sei. Der Rechtsakt definierte es dann als einen Ort, an dem Waren aus mehr als einer von vier Warengruppen verkauft werden. Diese Warengruppen waren derweil völlig willkürlich zusammengestellt. So gehörten zur Gruppe D zum Beispiel »Crocketspielgeräte, »Cruzifixe« und »Deckengurte für Pferde«. Solche Zuordnungsprobleme schuf man sich in Bayern erst gar nicht. In der Neufassung des bayerischen Gewerbesteuergesetzes von 1899 ist allgemein die Rede von »Waren, die ihrer Beschaffenheit nach verschiedenen Gattungen angehören«, bzw. von Erzeugnissen »verschiedener Industriezweige oder Handwerksgeschäfte«. Klarer als im preußischen Gesetz wird allerdings ausgesprochen, warum die Warenhäuser zu einer Sondersteuer herangezogen wurden. »Das bayerische Gesetz postuliert (…) ein überliefertes ›Herkommen‹ der Gewerbe, die in einer bestimmten Art und Weise ›ausgeübt zu werden pflegen‹, wobei eine gewisse ›Ausdehnung‹ nicht überschritten werden darf.«¹ Damit markierten die bayerischen Gesetzgeber eine Differenz zwischen einer traditionellen und als »normal« erachteten Gewerbeform und einem »anormalen«, parasitären Geschäftsverfahren, das die ökonomische und soziale Ordnung stört und zersetzt.

Die Sondersteuern erzielten nicht den beabsichtigten Effekt einer Schwächung, sondern sorgten vielmehr dafür, dass den Betreibern der bestehenden Warenhäuser keine weitere Konkurrenz erwuchs – sie konnten nun ihr Sortiment beliebig erweitern, ohne weitere Sanktionen fürchten zu müssen. Der Erlass der Warenhaussteuer zeigte aber an, dass man hier vergeblich einer Entwicklung beizukommen versuchte, die der überkommenen Einrichtung von Staat und Gesellschaft nicht mehr entsprach. Etwas war ins Rutschen geraten, das Althergebrachte verlorengegangen.

Die Sombart-Legende

Diesen Wandel zu Beginn des imperialistischen Zeitalters reflektierte die bürgerliche Gesellschaftslehre des Kaiserreichs als ein schroffes Gegeneinander von Tradition und Moderne. Ferdinand Tönnies konstruierte in seinem gleichnamigen Buch (1887), das lange Zeit das einflussreichste der deutschen Soziologie bleiben sollte, einen Gegensatz von »Gemeinschaft und Gesellschaft«. Diese galt ihm als tot und künstlich, mechanisch, ja maschinenhaft, jene als organisch und lebendig, einträchtig und harmonisch. An einer Stelle schreibt Tönnies: »So ist Großstadt und gesellschaftlicher Zustand überhaupt das Verderben und der Tod des Volkes, welches umsonst sich bemüht, durch seine Menge mächtig zu werden«. Die »irrationalistische Verzerrung«, die sich Tönnies mit der Schaffung seines Mythos von zwei einander entgegenwirkenden Kräften leistete, fasste Georg Lukács so zusammen: »Gemeinschaft« werde bei ihm »zur Gebietskategorie alles Vorkapitalistischen, zur Verherrlichung primitiver ›organischer‹ Zustände«. »Gesellschaft« wiederum »ist Kapitalismus – mit den Augen des romantischen Antikapitalismus«, ohne dass bei Tönnies, denn der war liberal, »eine Sehnsucht nach Rückkehr zu überwundenen gesellschaftlichen Zuständen, besonders nicht zum Feudalismus laut wird«. So wie er aber »die problematischen negativen Züge der kapitalistischen Kultur scharf hervorhebt«, so sehr unterstreicht er »zugleich jedoch die Unvermeidlichkeit, die Schicksalhaftigkeit des Kapitalismus«.

In ganz ähnlichen Bahnen dachte ein anderer Vertreter des Fachs, der mit seinen Schriften viel unmittelbarer zum Stichwortgeber der Antiwarenhausagitation werden sollte. Noch ausgeprägter als bei Tönnies kommt bei Werner Sombart jener romantische Antikapitalismus zum Ausdruck, der in seinem Falle allerdings deutliche antisemitische Züge trägt. Die Entstehung des Kapitalismus, diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch sein Schaffen, hat ihren gleichnishaften Ursprung in »einer Vertreibung aus dem feudal-handwerklichen ›Paradies‹ des Mittelalters« (…), die Menschen gehen für ihn einen ›faustischen‹ Pakt ein, der sie aus alten Bindungen herausdrängt«.² Und so kann Sombart denn auch stipulieren: »Der vorkapitalistische Mensch: Das ist der natürliche Mensch« (»Der Bourgeois«, 1913). Eine herausragende Rolle bei der »Zerstörung alter Naturgebilde, alter Gebundenheiten, alter Schranken«, bei der Vertreibung »aus den stillen, organisch gewachsenen Liebes- und Gemeinschaftsbeziehungen« (»Der moderne Kapitalismus«, 1916) spielen nach seiner subjektivierten Darstellung objektiver Prozesse der gesellschaftlichen Veränderung insbesondere Juden, die er mit bestimmten stereotypen Charaktermerkmalen versieht: Intellektualität, Zweckgerichtetheit, Mobilität, Anpassungsfähigkeit, Unruhe und auch Geldgier, Schacherei, unsaubere Geschäftspraktiken, Verkauf von Waren minderer Qualität.³

Das Warenhaus nimmt in dieser antisemitisch grundierten Verlusterzählung einen zentralen Platz ein. Dem »alten« Einzelhandel, von Sombart zum »familienhaften«, »persönlichen« und »beseelten« Betrieb verklärt, steht das »neue« Warenhaus – »entpersönlicht« und mit Verkäufern, »die ihren Waren ohne Liebe gegenüberstehen« (»Das Warenhaus – ein Gebilde des hochkapitalistischen Zeitalters«, 1928) – gegenüber, das in seiner Abweichung von der »Normalbetriebsweise« als angeblich jüdische Erfindung gedeutet wird. In seiner 1911 veröffentlichten Schrift »Die Juden und das Wirtschaftsleben« entdeckt Sombart bei »den Juden« eine »Neigung« zur Vermischung unterschiedlicher Branchen, die sich schon dadurch zeige, »dass sich in ihren Läden allerhand verfallene Pfänder verschiedenartigster Natur (…) zum Verkauf aufhäuften, die ohne jeden inneren Zusammenhang rein durch den Zufall hier zusammengeführt waren«. Und er schließt: »Diese Trödelläden – das Urbild des modernen Warenhauses – spotteten jeder zunftmäßigen Gliederung und bedeuteten durch ihr bloßes Dasein eine beständige Auflehnung gegen die bestehende Ordnung von Handel und Gewerbe.« Die »Eigenart des Warenhausbesitzers«, indifferent »gegenüber dem Sachinhalt seiner Tätigkeit« zu sein, sei »eine jüdischem Wesen gemäße Erscheinung«.

Sombarts Legende vom Verstoß gegen das kaufmännische Ethos eingedenk der Unterstellung, Juden verkauften minderwertige Ware und täuschten den Kunden systematisch, ließ »ein komplexes wirtschaftliches Gebilde wie das moderne Warenhaus auf eine schlichte charakterologische Dimension zusammenschnurren«.⁴ Eine solche Komplexitätsreduktion, bei der angeblich unhintergehbare biologische bzw. ethnische Dispositionen behauptet wurden, sollte einem objektiven ökonomischen Prozess einen subjektiv Verantwortlichen zuweisen und bildete demgemäß das Muster der antisemitischen Diffamierung des Warenhauses.


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NEUER BEITRAG30.12.2020, 17:18 Uhr
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Antisemitische Tiraden

Auf welche Weise Antisemitismus und Mittelstandsideologie zusammengingen und zur weltanschaulichen Ausstattung organisierter Interessenpolitik wurden, zeigte der Reichsdeutsche Mittelstandsverband. Auf seiner Gründungsversammlung 1911 definierte er zwei maßgebliche Feinde des Mittelstands: die »goldene Internationale«, also das angeblich jüdisch beherrschte internationale Finanzkapital, mit dem das »Weltjudentum« die Weltherrschaft anstrebe, und die »rote Internationale« der Arbeiterbewegung. Schon die Namenswahl machte deutlich, dass hier nicht bloß eine gesellschaftliche »Mittelklasse« angesprochen werden sollte. Der nicht zuletzt gegen das Warenhaus gerichtete Kampfbegriff »Mittelstand« entsprang vielmehr einer romantischen, vormodernen Vorstellung von einer festgefügten ständisch verfassten Gesellschaft, in der jeder seinen Platz kennt und als gleichsam naturgegeben hinnimmt. »Mittelstand« bildete danach »geradezu den Rumpf einer wohlgeordneten Staatsgesellschaft«. In einer solchen Ordnung war kein Platz für das bekämpfte Warenhaus als Betriebsform, dem von dieser Seite vorgeworfen wurde, wegen seiner »gleichmacherischen Verkaufsmethoden« die »weite Verbreitung des Socialismus« zu befördern. Mit dem Ziel, Handwerker und kleine Gewerbetreibende aus dem eher liberalen Hansabund zu lösen und in die eigenen Organisation zu führen, hatte der streng antisozialdemokratische Verband durchaus Erfolg. Auch dank der Unterstützung durch den Bund der Landwirte und den Centralverband deutscher Industrieller, mit denen er 1913 das gegen die Arbeiterbewegung gerichtete »Kartell der schaffenden Stände« schmiedete, gewann der Mittelstandsverband bis kurz vor Kriegsbeginn gut 500.000 Mitglieder und war damit deutlich stärker als der Hansabund.

Bei der Gründung und der politischen wie ideologischen Ausrichtung des Verbandes spielte der lupenreine Antisemit Theodor Fritsch eine maßgebliche Rolle, der folgerichtig auch einer der exponierten Propagandisten gegen das Warenhaus war. Fritsch, dessen »Handbuch der Judenfrage« (erstmals erschienen 1887 unter dem Titel »Antisemiten-Catechismus«) bis 1945 insgesamt 49 immer wieder aktualisierte und erweiterte Neuauflagen erlebte, wähnte mit der weiteren Ausbreitung des Warenhauses die »Volksgesundheit« in Gefahr: »Die sozialen Folgen dieser Entwicklung sind: Eintönigkeit, Entartung und allmähliches Verschwinden des ästhetischen Sinnes und Geschmackes; Herabsetzung der Persönlichkeit und des Individuums (…) Alle diese Folgeerscheinungen sind Vorläufer und Kennzeichen des Verfalls eines Volkes und seiner Kultur.« Wer trägt schuld an dieser Entwicklung? Unmittelbar an diesen Passus anschließend heißt es: »Es erübrigt sich zu erwähnen, dass die großen Warenhäuser in allen Teilen der Welt fast ausschließlich in den Händen von Hebräern sind und dass es der jüdische Geschäftsgeist ist, der hier seine bedenklichen Triumphe feiert« (»Die Juden im Handel und das Geheimnis ihres Erfolges«, 1913). Das Warenhaus galt ihm als »besondere Form bank-kapitalistischer Volksausbeutung und Mittelstandsvernichtung«: »Zehntausende selbständiger Gewerbetreibender mussten vernichtet werden, damit diese Warenhäuser blühten: mitten im Frieden ein erbarmungsloses Morden – jüdischer Kulturanteil!« (»Handbuch der Judenfrage«, Aufl. v. 1923). Dieses vom Judenhass getriebene Narrativ von etwas Fremdem und Bedrohlichem aus dem Innern der Gesellschaft selbst stand mit der Wirklichkeit erkennbar auf Kriegsfuß, denn erstens wurde damit die tatsächliche ökonomische Macht des Warenhauses angesichts eines damaligen Anteils von lediglich rund fünf Prozent am gesamten Einzelhandelsumsatz grotesk überschätzt, und zweitens darf angenommen werden, dass kleinere Läden in der Umgebung eines Warenhauses durchaus von dessen Nähe profitierten, weil es mehr potentielle Kunden anzog.

Die Nazis, die dem 1933 verstorbenen Fritsch nach der »Machtergreifung« in Zehlendorf 1935 ein Denkmal setzten, knüpften nahtlos an die antisemitischen Tiraden ihres Stichwortgebers an. Im 1920 verabschiedeten 25-Punkte-Programm der NSDAP wird »die Schaffung eines gesunden Mittelstandes«, die »sofortige Kommunalisierung der Großwarenhäuser und ihre Vermietung an kleine Gewerbetreibende« gefordert. Auf einer Parteiversammlung im September 1922 sprach Adolf Hitler von einer »planmäßig« vorbereiteten »Zugrunderichtung des Mittelstandes«: »Das Großwarenhaus hat die kleineren Existenzen vernichtet.« Hans Buchner, NSDAP-Mitglied der ersten Stunde, Wirtschaftsredakteur beim Völkischen Beobachter und Verfechter der Idee eines Ständestaates, zeichnet in seiner 1930 veröffentlichten Hetzschrift »Warenhauspolitik und Nationalsozialismus« das Musterbild des antisemitischen Stereotyps vom verschlagenen und täuschenden »Warenhausjuden«: »Sie haben in wenigen Jahren verstanden, durch ein sorgsam vertarntes Ramschsystem reich zu werden, den ehrlichen Kaufmann mit Schleuderpreisen zu schlagen, (…) eine Inflation von Stapel- und Kellerwaren ins Werk zu setzen, die der breiten Masse durch schlau garnierte Vorspiegelung falscher Tatsachen oft die letzten Notpfennige aus der Tasche holt.« Und auch Sombarts jüdischer Trödelladen als Archetyp des Warenhauses taucht wieder auf: »Da stehen in den Großstädten die Prunkpaläste des halbwegs seßhaft gewordenen Hausierergeistes, die ebenso wie der Wanderjude in seinem Trödelladen einen bunten, mit Kaufreiz spekulierenden Krimskrams enthalten (…) überall feiert die Verführung zum Kauf überflüssiger, minderwertiger oder wertloser Sachen wahre Orgien.« Das Warenhaus war ihm nichts als ein Krankheitsherd am »Volkskörper«, eine »Krebsgeschwulst«.

»Ein arisches Übergewicht«

Wer den Äußerungen der Nazis Glauben schenkte, wer mithin annahm, diese Leute würden, so wie man ihnen die Macht übertragen hatte, eine Politik zugunsten eines ominösen Mittelstands betreiben, musste erwarten, dass bald nach dem 30. Januar 1933 mit den Warenhäusern Schluss sein würde. Zunächst sah es auch danach aus. Drei Tage nach den Reichstagswahlen vom 5. März 1933, deren Verlauf schon mehr als eine Vorahnung vom Terrorregime im Aufbau gab – veröffentlichte der Völkische Beobachter ein angebliches Dokument, wonach die Firma Hermann Tietz den Wahlkampf der KPD unterstützt habe. Fälschungen und Falschbehauptungen sollten Pogromstimmung stiften und Maßnahmen begründen helfen. Wiederum zwei Tage später, am 10. März, rief Hermann Göring in einer Rede zum Boykott jüdischer Warenhäuser auf und erklärte, er als preußischer Innenminister verwahre sich dagegen, »dass die Polizei eine Schutztruppe jüdischer Warenhäuser ist«. Das war ein kaum verklausulierter Aufruf zum Angriff. Am nächsten Tag belagerten SA-Posten in Hamburg, Breslau und Braunschweig Warenhäuser und sorgten dafür, dass sie geschlossen blieben. Die Übergriffe forderten Verletzte und auch Tote. Die örtliche Polizei schritt nicht ein. Die Hetze und die von einer enthemmten SA verübte Gewalt gegen Juden wurden mit dem von einem Aktionskomitee unter der Leitung des Stürmer-Herausgebers Julius Streicher organisierten »Judenboykott« vom 1. April kanalisiert. In etlichen deutschen Städten standen uniformierte, teils auch bewaffnete SA-, HJ- und »Stahlhelm«-Posten vor jüdischen Geschäften, Arztpraxen und Anwaltskanzleien in der Absicht, etwaige Kunden am Betreten dieser Geschäftsräume zu hindern. Was die Nazis übersahen: Das Datum fiel auf einen Samstag, den Sabbat. Viele gläubige Juden ließen ihre Geschäfte ohnehin geschlossen.
Der Boykott erhöhte allerdings den Druck auf jüdische Geschäftsleute und Vorstandsmitglieder größerer Unternehmen. Von den Maßnahmen ausgenommen war die Karstadt AG, der die neuen Herrschaften das Prüfsiegel »nichtjüdisches Unternehmen« ausgestellt hatten. Man war ihnen sehr entgegengekommen. Zum 1. April 1933 nämlich entließ der Warenhauskonzern sämtliche jüdischen Angestellten fristlos. Sechs jüdische Aufsichtsratsmitglieder traten daraufhin zurück. Karstadt war »judenrein« geworden. In der Filiale am Berliner Hermannplatz sorgten SA-Männer für einen reibungslosen Geschäftsablauf.

Anders erging es den anderen großen (jüdischen) Warenhausbetreibern. Am 3. April, zwei Tage nach dem »Judenboykott«, zwangen die im Aufsichtsrat vertretenen Abgesandten von Deutscher Bank, Dresdner Bank und Commerzbank die Erben der im Rheinland aktiven Leonhard Tietz AG, die in Schieflage geraten war, zur Aufgabe ihrer Vorstandsämter und zum Verkauf ihrer Aktienanteile. Die drei Geldhäuser kassierten die Anteilsscheine mit einem Kurswert von 24 Millionen Reichsmark zum Spottpreis von 800.000 Reichsmark. Am 11. Juli 1933 beschloss die Generalversammlung die Abänderung des Firmennamens in »Westdeutsche Kaufhof AG (vorm. L. Tietz AG)«. 1936 entfiel dieser Zusatz. An den jüdischen Warenhausgründer sollte nichts mehr erinnern.


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NEUER BEITRAG30.12.2020, 17:21 Uhr
EDIT: arktika
30.12.2020, 17:25 Uhr
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arktika

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Auch das Familienunternehmen »Hermann Tietz« mit Schwerpunkt in Berlin war schon vor Machtantritt der Nazis in ökonomische Schwierigkeiten geraten und hatte sich in die Abhängigkeit der Gläubigerbanken begeben müssen. Das Konsortium, unter anderem bestehend aus Dresdner Bank und Deutscher Bank, gründete am 24. Juli 1933 die »Hertie Kaufhaus-Beteiligungs-Gesellschaft m. b. H.« (kurz: Hertie GmbH) und erzwang fünf Tage später mit einem »Auseinandersetzungsvertrag« den sofortigen Rücktritt von Hugo Zwillenberg, dem Schwager von Georg und Martin Tietz, aus Geschäftsleitung und Teilhaberschaft. Die Hertie GmbH, so hieß es unter anderem als Begründung in dem Vertrag, sei der »Hermann Tietz OHG« zum »Zwecke der Herstellung eines arischen Übergewichts« beigetreten. An die Stelle von Zwillenberg trat der »Arier« Georg Karg, bis dahin Leiter des Textileinkaufs bei »Hermann Tietz«, für die Hertie GmbH mit 50.000 Reichsmark Einlage als einer der Geschäftsführer und Gesellschafter des Warenhauskonzerns. Die GmbH besaß ohne nennenswerte Einlage einen mehrheitlichen Stimmanteil. Im August 1934 erzwang die Bankengruppe per Androhung der Kreditkündigungen das Ausscheiden aller Anteilseigner der Familie Tietz. Die jüdischen Gesellschafter mussten ihre Anteile der Hertie GmbH überlassen. Karg konnte seine Karriere an der Spitze eines Warenhauses, die er dem Naziregime zu verdanken hatte, nach 1945 ungebrochen fortsetzen. Aus »Hermann Tietz« war »Hertie« geworden, und Karg war in der Bundesrepublik der uneingeschränkte Herrscher eines ehedem jüdischen Unternehmens unter neuem Namen.

Und auch ein anderer echter Deutscher stieg in jenen Jahren zum Warenhausbetreiber auf. Helmut Horten, der bei der Leonhard Tietz AG zum Textilkaufmann ausgebildet worden war, erwarb 1936 für einen lächerlich geringen Betrag das Kaufhaus Alsberg in Duisburg, dessen jüdische Eigentümer zum Verkauf gezwungen worden waren. Die Finanzierung sicherte die Commerzbank ab, die zur stillen Teilhaberin der nun gegründeten Unternehmung Horten & Co. wurde. Am 9. Mai 1936 erschien im Duisburger General-Anzeiger ein Inserat, in dem zu lesen war: »Das ist Horten. Jawohl – Sie haben ganz richtig gesehen: das Alsberg-Haus hat seinen Hausherrn gewechselt, und ist in arischen Besitz übergegangen.« Wenige Monate später übernahm Horten auch das Wattenscheider Textilkaufhaus des Juden Sally Hess. Horten griff zu, wo sich nach der Enteignung jüdischer Kaufhausbesitzer die Gelegenheit ergab. Auf dieser Grundlage wuchs die spätere Horten AG nach Kriegsende zur viertgrößten Warenhauskette der Bundesrepublik heran – nach Kaufhof, Hertie und Karstadt.

Bei Wertheim waren bis 1937 alle jüdischen Geschäftsleute aus den Führungspositionen herausgedrängt worden. Das Reichswirtschaftsministerium erkannte die Firma als »nicht-jüdisches« Unternehmen an. 1938 wurde der Name getilgt. Aus Wertheim wurde die »Allgemeine Warenhandelsgesellschaft A.G. für Handelsbeteiligungen« (AWAG). Ende 1938 waren alle Eigentumsanteile nahezu vollständig aus »jüdischem« in »arischen« Besitz übertragen worden.

Wie scharf auch immer die Antiwarenhauspropaganda der Nazis vor 1933 geraten war, was auch immer von ideologisch fest überzeugten Teilen der NSDAP noch nach 1933 vorgebracht werden mochte: Der Pragmatismus des faschistischen Regimes, das den Interessen deutscher Gläubigerbanken Rechnung trug, die schon in den ersten Monaten des Jahres 1933 die veränderte politische Lage zu ihren Gunsten ausnutzten, gestattete, dass das Warenhaus in seiner Betriebs- und Organisationsform unbeeinträchtigt weiterexistieren konnte, sofern die jüdischen Besitzer ihrer Beteiligung beraubt wurden. Nicht die Warenhäuser wurden vernichtet, sondern deren ursprüngliche Eigentümer. An einer Zerschlagung bestand abgesehen von den Begehrlichkeiten der Finanzinstitute schon deshalb kein unmittelbarer Bedarf, weil die Warenhäuser als rational organisierte Großunternehmen kriegswirtschaftlich relevant wurden.

Die Vergangenheit beseitigt

Bald nach dem Krieg feierten Kaufhof, Hertie, Karstadt und Horten in der Bundesrepublik wieder satte Umsätze. Bis Mitte der 1970er Jahre eroberten sie sich einen Marktanteil von zehn Prozent des Einzelhandelsvolumens, dann ging es wieder abwärts. Den Häusern und ihren Waren war nicht anzusehen, dass sich hinter der Erfolgsstory im Wirtschaftswunderwestdeutschland die Geschichte von Raub und Mord verbarg. Die Namen der ursprünglichen Eigentümer, die an den einst stolzen Häusern prangten, waren ausgetauscht oder verfremdet. Nichts erinnerte mehr an die Vergangenheit und keiner wollte erinnert werden.

Doch gelegentlich taucht das Alte wieder auf. 2009 stieß Otto Köhler auf die bestechend logische Argumentationskette eines Nachkommens der warenhauskritischen Antisemiten – von Köhler zum besseren Verständnis so wiedergegeben: »Karstadt ist jüdisch, alle Juden unterstützen das Vorgehen der israelischen Regierung im Gazastreifen. Darum stellt sich unserem deutschen Gewissen die Frage, ob wir weiterhin unseren Harzer Käse bei Karstadt kaufen dürfen«. Doch Köhler wusste die um ihr ethisches Kaufverhalten ernsthaft besorgten Konsumenten zu beruhigen und klärte auf: »Die Tietz-Warenhäuser wurden später von den Nazis arisiert und hießen fortan Hertie. Und Hertie arisierte Wertheim. Karstadt schluckte schließlich alle. Samt Neckermann, dem Versandhaus, das von dem Arisierungsgewinner Josef Neckermann gegründet wurde, dem aus der SA-Reiterstaffel. Und Quelle, an dessen Wiege der Arisierer und NSDAP-Ratsherr Gustav Schickedanz stand. Wer heute bei Karstadt einen Baseballschläger kauft, hat damit – warenhausgeschichtlich gesehen – so viele Juden aus dem Weg geräumt, dass es ihm um sein deutsches Gewissen nicht bange sein muss.« (junge Welt v. 1.7.2009)

Das alles ist nun auch schon fast wieder Vergangenheit. Das Warenhaus geht seinem Ende entgegen. Nicht etwa weil der rasende Furor einer »Mittelstandsbewegung« dieses Mal Erfolg gehabt hätte, sondern ganz einfach, weil die rastlose Bewegung der Kapitalakkumulation, die man schon um die Jahrhundertwende nicht verstand und daher vormoderne Zustände und simple Feindbilder beschwor, neue Formen der Warendistribution geschaffen hat.


Anmerkungen

1 Uwe Lindemann: Das Warenhaus. Schauplatz der Moderne, Köln 2015, S. 15

2 Thomas Lenz: Konsum und Modernisierung: Die Debatte um das Warenhaus als Diskurs um die Moderne, Bielefeld 2011, S. 107

3 Vgl. ebd., S. 109

4 Lindemann: Das Warenhaus, a. a. O., S. 20


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