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BERLIN/DJIBUTI (17.03.2009) - Die deutsche Kriegsmarine bilanziert ihren Einsatz am Horn von Afrika und bereitet sich auf weitere Interventionen vor. Der erste Kampfeinsatz der Flotte verlaufe durchaus erfolgreich, urteilt ein an der Operation beteiligter Fregattenkapitän. "Fast täglich" könne man Handelsschiffen Geleit durch den Golf von Aden bieten, berichten Marinekreise; allerdings gehe dies mit einer Brutalisierung der Auseinandersetzungen einher. Die Marineführung wertet die aktuellen Erfahrungen aus und hat künftige Interventionen im Blick. Wie Marineinspekteur Wolfgang Nolting erklärt, schließt er eine deutsche Beteiligung an einem eventuellen UN-Einsatz vor Gaza nicht aus. Auch "das Entstehen neuer Schifffahrtswege aufgrund des Klimawandels" hat laut Nolting einen "maritimen Aspekt" - eine Anspielung auf mögliche Marineaktivitäten in der Arktis, wo das Abschmelzen des Eises neue Routen öffnet. Deutsche Minentaucher haben erst vor wenigen Tagen ein Trainingsprogramm für Kämpfe im Eismeer absolviert. Laut Nolting müssen in Zukunft auch blutigere Szenarien intensiv geprobt werden - Szenarien für den offenen Seekrieg.

Kampfeinsatz

Der erste Kampfeinsatz der Bundesmarine - die EU-"Piratenbekämpfung" am Horn von Afrika - wird von den Beteiligten in der Gesamtbetrachtung recht positiv bewertet. "Das Mandat für die Operation Atalanta", schreibt das Fachblatt MarineForum, "beinhaltet die bislang robustesten Einsatzregeln (...) in der Geschichte internationaler Einsätze der Deutschen Marine."1 Nationale Schranken für die EU-"Rules of Engagement" gibt es - anders als beim Afghanistan-Einsatz - nicht. Den deutschen Kommandanten stehen umfangreiche Gewaltmittel gegen Verdächtige und ihre Fahrzeuge zur Verfügung, die in den vergangenen Wochen Stück um Stück erprobt wurden - zu weitgehender Zufriedenheit der militärischen Führung. "Seit Wiederaufstellung der Deutschen Marine nach dem Zweiten Weltkrieg ist wohl kein Kommandant mit derart eindeutigen und umfassenden Befugnissen in einen Einsatz gegangen", urteilt Fregattenkapitän Hans Kuhfahl, dem die Fregatte Karlsruhe bei ihren Operationen vor dem Horn von Afrika unterstand.2 Kufahl bescheinigt dem Einsatz, stellvertretend für weitere Marineoffiziere, im Großen und Ganzen "Erfolg".3

Brutalisierung

Von der Erprobung neuer Gewaltmittel durch die deutsche Kriegsmarine profitiert unmittelbar die deutsche Handelsschifffahrt. Das Hauptquartier der EU-"Operation Atalanta" hat mittlerweile eine Website kreiert, auf der sich Reeder und Kapitäne deutscher Frachtschiffe nicht nur präzise über aktuelle Bedrohungen am Horn von Afrika informieren können. Möglich sind auch Online-Anmeldungen für Geleitzüge, die "Atalanta" fast täglich für den Transit durch den Golf von Aden organisiert. Dabei werden Schiffskonvois von einem Kriegsschiff durch einen "Transitkorridor" begleitet. Teilnehmen können auch deutsche Kreuzfahrtschiffe, auf denen monatlich mehrere tausend deutsche Luxus-Urlauber die Gewässer am Horn von Afrika durchqueren. Marinekreise räumen offen ein, dass der militärische "Schutz" der westlichen Reichtümer, die entlang der somalischen Elendsküsten kreuzen, zu einer Brutalisierung der Auseinandersetzungen führt. Demnach rüsten die Piraten sich für schärfere Kämpfe. "Das Gewaltpotenzial zu Beginn der Angriffe ist (...) gestiegen", berichtet MarineForum, "es wird früher und gezielter geschossen".4

Einsatz vor Gaza?

Während die Marineführung die aktuellen Einsatzerfahrungen auswertet, bereitet sie eine neue Ausweitung ihrer Interventionen vor. Im Januar hat ein deutscher Flottillenadmiral das Kommando über die OEF-"Task Force 150" übernommen, die im Namen des sogenannten Anti-Terror-Kampfes vor dem Horn von Afrika kreuzt. Auch die vor dem Libanon manövrierenden Einheiten (UNIFIL) werden voraussichtlich dieses Jahr wieder deutscher Führung unterstellt. Wie Marineinspekteur Nolting erklärt, wirkt sich die "Mehrfachbelastung" der Flotte bereits auf die Soldatenausbildung aus und führt dazu, dass sogar der Ausbildungsverband der Marine "als operative Reserve" für die "derzeitigen und evtl. neuen, unerwarteten Einsatzaufgaben" zur Verfügung gehalten werden muss.5 Als möglich gilt in der Marineführung konkret eine Intervention vor der Küste von Gaza. Die "militärische Operation Israels im Gazastreifen" habe "das Potenzial einer neuerlichen UN-Mission" nach dem Vorbild von UNIFIL, urteilt Nolting, der eine Beteiligung der Bundesmarine nicht ausschließt.

Einsatz in der Arktis?

Konkrete Vorbereitungen gelten zudem möglichen militärischen Auseinandersetzungen in der Arktis. Dort schmilzt das Eis wegen des Klimawandels rasch ab und eröffnet den Zugriff auf erhebliche Bodenschätze unter dem Meeresgrund. Auch neue Routen für die Handelsschifffahrt werden in absehbarer Zeit zugänglich. Die Konkurrenz um die Kontrolle über das Polarmeer verschärft sich zunehmend (german-foreign-policy.com berichtete6). Marineinspekteur Nolting erklärt nun, "das Entstehen neuer Schifffahrtswege aufgrund des Klimawandels" betreffe auch die Marine - eine Anspielung auf mögliche Aktivitäten der Flotte in der Arktis. Tatsächlich trainieren deutsche Einheiten bereits für Kämpfe im Eismeer. Erst vor wenigen Tagen sind deutsche Minentaucher von einem Manöver im Norden Norwegens zurückgekehrt. Dort hatten sie unter Eis operiert - der Marine zufolge "für die meisten deutschen Minentaucher ganz neue Erfahrungen".7

Klassische Warfare Areas

Mit Blick auf die aktuellen Einsätze der Marine, die sich sämtlich gegen kleine Gruppen von Piraten oder Waffenschmugglern richten, warnt der Marineinspekteur schließlich davor, "Seekriegsoperationen mit hoher Intensität" in den Trainingsprogrammen stärker zu berücksichtigen. "Wir dürfen nicht zulassen, dass wir durch das aktuelle Einsatzgeschäft" - dies beinhaltet Operationen "niedriger oder mittlerer Intensität" - "unsere Fähigkeiten im Bereich der klassischen Warfare Areas vernachlässigen", erklärt Nolting. Felder wie "Anti Submarine Warfare", "Anti Air Warfare" oder "Electronic Warfare" dürften keinesfalls zu kurz kommen.8 Der Marineinspekteur weist darauf hin, dass nächstes Jahr erstmals eine deutsche Fregatte in eine US-Flugzeugträgerkampfgruppe ("Carrier Strike Group") integriert werden soll. Der Plan lässt das künftige Eskalationspotenzial der deutschen Kriegsmarine deutlich erkennen. "Dass dies natürlich auch ein erhebliches politisches Signal setzt", erklärt Nolting, "liegt auf der Hand".


Anmerkungen:
1 Hilfe für Somalia - Die Operation Atalanta; MarineForum 3/2009
2 Operation Atalanta; MarineForum 3/2009
3, 4 Hilfe für Somalia - Die Operation Atalanta; MarineForum 3/2009
5 Wolfgang E. Nolting: Bedeutung der Sicherheit zur See für freien Handel und politische Handlungsfähigkeit; MarineForum 3/2009
6 s. dazu Kalter Krieg am Nordpol
7 Kampfmittelbeseitiger unter Eis; www.marine.de 05.03.2009
8 Wolfgang E. Nolting: Bedeutung der Sicherheit zur See für freien Handel und politische Handlungsfähigkeit; MarineForum 3/2009


 
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