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Im 200. Geburtsjahr von Karl Marx kommt auch die bürgerliche Öffentlichkeit nicht darum herum, sich zu diesem Mann zu äußern, dessen Erkenntnisse damals wie ein Lauffeuer um die Erde gingen und seitdem weltweit nicht tot zu kriegen sind. Je nach politischer Strömung der Kommentatoren bürgerlicher Medien wird ihm in der einen oder anderen Frage mehr oder weniger Recht gegeben, vor allem dann, wenn es um die kaum zu übersehende wachsende Ungleichheit in diesem Land geht. Einig sind sie sich aber alle darin, dass Marx sich geirrt habe in der Frage, die im Kommunistischen Manifest kurz so zusammengefasst ist: „Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst hinweg gezogen, worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Sie produziert vor allem ihren eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.“1

Nun ist es weder verwunderlich noch besorgniserregend, wenn das Bürgertum den eigenen Untergang als völlig falsch und wissenschaftlich unhaltbar zurückweist. Wäre es nur das, müssten wir daran keinen weiteren Gedanken verschwenden. Doch die bürgerlichen Apologeten des Kapitalismus können eine Erscheinung der Wirklichkeit für ihre Haltung in Anspruch nehmen: Es ist in diesem Land seit längerem keine als Klasse kämpfende Arbeiterschaft sichtbar. Das hat auch innerhalb der Linken zur Folge, dass für viele der wissenschaftliche Sozialismus dort sein Ende hat, wo es um die Klasse geht, deren historische Aufgabe es ist, die Menschheitsgeschichte weiter zu treiben. Und, aufgrund der derzeitigen Situation in den Betrieben, erklären einem dazu auch manch fortschrittliche Arbeiter kategorisch „vergiss es“.

Andere befürchten ein baldiges Verschwinden dieser Klasse aufgrund der Entwicklung der Produktivkräfte, Stichwort „Industrie 4.0“.

Das wirft aber Fragen von erheblicher Bedeutung auf, was die gesamten Erkenntnisse der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus betrifft, wie z.B.:

– dass die Geschichte der Menschheit seit dem Untergang der Urgesellschaften eine Geschichte von Klassenkämpfen ist;

– dass diese Klassenkämpfe Ausdruck der Widersprüche sind, die durch die Ausbeutung einer Klasse durch die andere zwangsläufig entstehen und zu heftigen Eruptionen führen, wenn die alten Produktionsverhältnisse zu eng geworden sind für die Entwicklung der Produktivkräfte;

– dass die Bourgeoisie notwendig die Arbeiterklasse erzeugt und ohne sie nicht existieren kann, da es ohne Arbeiterklasse kein Kapital gibt;

– dass die Arbeiterklasse nicht wegen angeborener Weitsicht und revolutionärer Heldenhaftigkeit die einzig revolutionäre Klasse ist, sondern aufgrund ihrer Stellung in der Produktion als diejenige Klasse, die bereits in Riesenbetrieben, über die Ländergrenzen hinweg, gesellschaftlich produziert, die Produktionsmittel und damit das Produkt aber in den Händen einer verschwindend kleiner Schicht sind, während die Arbeiter aus dem Produktionsprozess ebenso besitzlos herauskommen, wie sie hineingegangen sind;

– dass sie deshalb die Klasse ist, die den Sprung der Menschheit von Ausbeutergesellschaften hin zu Gesellschaften ohne Besitzende und Besitzlose, ohne Ausbeutung revolutionär erkämpfen kann hin zu Gesellschaften, in denen entsprechend der Bedürfnisse geplant und produziert werden kann und in denen der Fortschritt nicht durch die Eigentumsverhältnisse eingeengt und pervertiert wird, sich gegen die Produzenten richtet, sondern gesellschaftlich nützlich ist.

Hätten also diejenigen recht, die behaupten, es gäbe keine oder auch bald keine Arbeiterklasse mehr, gäbe es auch das revolutionäre Subjekt für diese Umwälzungen nicht mehr. Die Analysen von Marx und Engels über die Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung der Menschheitsgeschichte wären in einem entscheidenden Punkt falsch. Und der erste Ansturm der Arbeiter 1917, ihr Kampf um den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft, wäre ein bedauerlicher Irrtum, genauso wie die folgenden Revolutionen und die Kämpfe der abhängigen Völker um ihre Befreiung.

Alles ein Spuk, richtig gestellt durch die Ereignisse 1989-1992 und wir nun auf Gedeih und Verderb dem Irrsinn der Bourgeoisie ausgeliefert? Oder doch ganz reale Kämpfe mit Siegen und Niederlagen, notwendig hervorgerufen durch die Zuspitzung der Widersprüche, die die Bourgeoisie im Zeitalter des Imperialismus nicht mehr anders lösen konnte und kann als durch massenhafte Zerstörung und unvorstellbare Barbarei?

Schauen wir uns also anhand nüchterner Zahlen und Fakten an, wie das ganz konkret heute in diesem Land ausschaut.

Wer erzeugt den Reichtum und wem gehört er?

Dazu aber ist es in einem Land, in dem nicht einmal mehr die IG-Metall Klassen zu kennen scheint und den Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital aus ihren Bildungsprogrammen gestrichen hat, notwendig, zunächst darauf hinzuweisen, was Klassen sind. Lenin schreibt dazu:

„Als Klassen bezeichnet man große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem (größtenteils in Gesetzen fixierten und formulierten) Verhältnis zu den Produktionsmitteln, nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und folglich nach der Art der Erlangung und der Größe des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen. Klassen sind Gruppen von Menschen, von denen die eine sich die Arbeit der anderen aneignen kann infolge der Verschiedenheit ihres Platzes in einem bestimmten System der gesellschaftlichen Wirtschaft.“2

Wem gehören also heute, im höchsten und letzten Stadium des Kapitalismus in seiner deutschen Ausprägung die Produktionsmittel, die Maschinen und Fabriken, wem gehören die damit geschaffenen Waren und wer erzeugt sie? Wem gehören die Banken, wem die sog. Dienstleitungsunternehmen, die der Imperialismus in immer größerer Zahl hervorbringt, die Werbeagenturen, Vermögensberatungsfirmen usw. und wem gehören die Gewinne, die sich mit dem Verkauf dieser Dienstleistungen erzielen lassen? Wer schafft also den Reichtum und wer kann ihn sich aneignen?

Bevor wir uns daraufhin die Statistiken anschauen, wird man durch dieses Leninzitat auf etwas anderes gestoßen, wenn man nicht an Gedächtnisverlust leidet:

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Insgesamt werden die Arbeitskämpfe nicht weniger. Wobei im Verhältnis zur Anzahl der Beschäftigten überproportional viele dieser Kämpfe in Ostdeutschland stattfinden.
In einem Teil dieses Landes, in der DDR, gab es keine Klasse mehr, die sich die Arbeit einer anderen Klasse angeeignet hat. Diejenigen, die heute wieder als Teil der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten oder der „Arbeitnehmer“ in den Statistiken auftauchen, erarbeiteten auch in der DDR den Reichtum, der aber nicht im Besitz einer anderen Klasse, sondern gesellschaftlicher Reichtum war.

Davon hört und sieht man heute in den Statistiken nichts mehr, außer dass oftmals noch in Westdeutschland und Ostdeutschland unterschieden wird, da die unterschiedlichen Bedingungen nicht ganz zu ignorieren sind. Unterschiede, die nicht daher kommen, dass Arbeiter auf dem Gebiet der DDR schlechter oder langsamer arbeiten würden, sondern daher, dass der deutsche Imperialismus gar nicht in der Lage, aber auch nicht willens war, mit diesem Reichtum irgendetwas anderes anzufangen, als ihn zu zerstören, die Arbeiter massenhaft auf die Straße zu werfen und das Land zum Billiglohnland herabzuwürdigen. Das Ganze mit reichlich Propaganda gewürzt, von dem maroden Zustand der DDR-Wirtschaft, von der Unproduktivität der Arbeiter, die geringeren Lohn und längere Arbeitszeit zwingend notwendig machen würden. So wurde die arbeitsfähige Bevölkerung in Ostdeutschland zum Lohndrücker für ganz Deutschland hinab gezwungen. Doch nicht Geschrei über die millionenfache Konkurrenz war angesagt, sondern Jubel über die angebliche Wiedervereinigung begleitet von der von Rache getränkten Mär von der Unmöglichkeit des Sozialismus, also von der Unmöglichkeit, sich aus dem Joch kapitalistischer Ausbeutung zu befreien.

Das sollte jeder im Kopf haben, wenn ich im Folgenden da, wo es mir möglich ist, immer wieder mit nur ein paar Zahlen auf die nach wie vor bestehende Spaltung der Arbeiterklasse in West und Ost hinweise.

In der BRD leben3:

– 82,4 Millionen registrierte Menschen, 66,3 Millionen in Westdeutschland und 16,1 Millionen auf dem Gebiet der einverleibten DDR einschließlich Berlin (3,5 Millionen)
– 9 Millionen oder 10,9% davon besitzen keinen deutschen Pass.
– Insgesamt 18,6 Mill. oder 22% haben eine andere Nationalität.


Von den 82,4 Millionen Menschen gehen:

– 43,1 Millionen irgendeiner Erwerbstätigkeit nach oder sind arbeitslos gemeldet (sog. Erwerbspersonen); In Ostdeutschland betrifft das 8,3 Millionen.
– 39,3 Millionen, 7,8 Millionen im Osten, sind zu jung oder zu alt, sind für längere Zeit aus dem Arbeitsprozess herausgefallen oder, wie viele hierher Geflüchtete, dürfen noch gar nicht arbeiten und leben von Sozialleistungen, – 6,0 Millionen Menschen müssen 2016 überwiegend von ALG I, II und sonstigen Sozialleistungen leben. Andere kümmern sich zu Hause um Haushalt und Kinder, leben ausschließlich von ihrer Rente oder besitzen so viel Vermögen, dass sie sich nicht einmal mehr den Anschein irgendeiner Erwerbstätigkeit geben müssen. Dieser kleine Unterschied wird von der bürgerlichen Statistik nicht extra ausgewiesen.

Von diesen 43,1 Millionen Erwerbspersonen sind:

– 41,3 Millionen Menschen in irgendeiner Form erwerbstätig und
– 1,8 Millionen arbeitslos gemeldet und stehen dem Arbeitsmarkt unmittelbar zur Verfügung.4
– 4,3 Mill. Menschen oder ca. 10% dieser 43,1 Millionen Erwerbspersonen sind sog. Selbstständige, im Osten anteilsmäßig etwas mehr (0,8 Mill. oder 10,7%), im Westen etwas weniger (3,4 Mill. oder 9,7%) und
– 39,2 Mill. Menschen oder ca. 90% abhängig Beschäftigte (Ost: 6,9 Mill.; West: 32,3 Mill.)

Das Verhältnis zwischen lohnabhängig Beschäftigten und sog. Selbstständigen ist in der BRD (gesamt) seit 1991 relativ gleich geblieben und schwankt zwischen 9,2% 1991 über 11,3% 2006 bis jetzt wieder 9,9 %. Längerfristig gesehen nimmt die Zahl der sog. Selbstständigen jedoch von der Tendenz her ab. Vor allem das alte Kleinbürgertum, diese noch aus vorkapitalistischen Zeiten übrig gebliebenen Schichten, wie die Einzelbauern, die kleinen Händler, die kleinen Gewerbetreibenden werden durch die Konkurrenz der großen Betriebe und Handelsmonopolisten ruiniert und in die Arbeiterklasse geworfen. So waren in Westdeutschland 1970 noch 16,3 % der erwerbstätigen Bevölkerung Selbstständige.

Das heißt, die lohnabhängig Beschäftigten stellen die übergroße Mehrheit dar.

Vergleicht man das mit der Zeit, in der Marx das Kapital geschrieben hat, in dem er nur etwas weniger als 50 Prozent der damaligen Erwerbspersonen Englands und Wales als Lohnarbeiter aufführt und mehr als 50 Prozent als das, was in der Statistik heute als Selbstständige auftaucht,5 so haben sich die Klassenverhältnisse heute noch um ein Vielfaches weiter vereinfacht. Bedenkt man zusätzlich, das nur ein winziger Teil dieser Selbstständigen große oder gar Monopolbourgeoisie darstellt, sofern diese Herren und Damen überhaupt noch als Unternehmer aufgeführt sind, und die überwiegende Mehrheit dieser Selbstständigen Kleinbürger sind, – Bauern, Kioskbesitzer, niedergelassene Ärzte, Ein-Mann-Betriebe, die Computeranlagen kleiner Unternehmen betreuen, ausgelagerte Softwareprogrammierer, Ein-Mann- oder Frau-Betriebe, die als Reinigungsfirmen gelten usw. – dann wird deutlich, dass die gesamte Kapitalistenklasse heute wirklich nur mehr eine verschwindende Minderheit ist, ganz zu schweigen von der winzigen, aber herrschenden Schicht der Monopolbourgeoisie.

Wer gehört von den abhängig Beschäftigten zur Arbeiterklasse?

Doch nicht alle dieser formal lohnabhängig Beschäftigten gehören zur Arbeiterklasse. Die bürgerliche Statistik kennt keine Klassen und will sie auch gar nicht kennen, sie fragt bei den Beschäftigten also nicht nach Klassenunterschieden, nicht nach ihrer Funktion im Produktionsprozess und in den Produktionsverhältnissen.

Ein Herr Kaeser, Vorstandschef von Siemens oder ein Herr Stadler, das gleiche bei Audi, wenn auch gerade von seinen Geschäften wegen Untersuchungshaft freigestellt, gehören nicht zur Arbeiterklasse, auch wenn sie als Angestellte gelten. Sie sind aufgrund ihrer Funktion und ihres Anteils am gesellschaftlichen Reichtum Teil der Bourgeoisie, selbst wenn sie, was gerade über die Betriebsratsschiene ab und zu vorkommt, einst Arbeiter waren.

Auch alle die unmittelbar zum Gewaltapparat dieses Staates gehören sind nicht Teil der Arbeiterklasse, auch wenn sie aus der Arbeiterklasse kommen. Polizei und Militär, Richter, Staatsanwälte, auf jeden Fall die leitenden Beamten in den Behörden haben die Aufgabe, die Arbeiterklasse niederzuhalten und Widerstand nieder zu schlagen. Lassen wir also die derzeit 1,9 Millionen Beamten und Berufs- und Zeitsoldaten6 weg.

Auch Hochschulprofessoren und Lehrer, Chefredakteure, Chefärzte sind formal angestellte Beschäftigte, gehören aber aufgrund ihrer Funktion, ihrer finanziellen Möglichkeiten und ihres Hintergrundes zum Teil zum Kleinbürgertum, z.T. sogar zur Bourgeoisie.

Aber auch in den Betrieben gibt es eine wachsende Zahl an Angestellten, darunter aufgrund der Entwicklung der Produktivkräfte oder aber des Zwangs der Kapitalisten, gegen die Konkurrenz stetig technische Neuerungen auf den Markt zu bringen, immer mehr Akademiker, die sehr viel mehr verdienen als ein Arbeiter und/oder aber leitende Angestellte mit Aufsichtsfunktionen sind. Grundsätzlich ist es schwierig, eine Grenze zwischen diesen Schichten, den Ingenieuren und Entwicklern, in der Arbeiterklasse und dem Kleinbürgertum zu ziehen, da sie fließend ist. Kompliziert wird die Sache noch dadurch, dass in der Statistik nicht mehr zwischen Arbeitern und Angestellten unterschieden wird. Man kann sich der Größe der Arbeiterklasse also nur annähern.

Die Bundesagentur für Arbeit zählt in ihrer Beschäftigungsstatistik7

– 31,8 Millionen sozialversicherungspflichtige Beschäftigte und
– 5,1 Millionen Kolleginnen und Kollegen, die ausschließlich geringfügig angestellt sind.

Rechnet man von diesen 36,9 Arbeitern und Angestellten alle raus, die Leitungs- und Aufsichtsfunktionen haben (1,8 Millionen oder 5%) und zusätzlich alle, die über 5.300,– Euro monatlich verdienen (3,2 Millionen oder 10% aller SvB, im Osten allerdings nur 4,8%), auch wenn darunter sicherlich viele sind, die gleichzeitig Aufsichts- und Leitungsfunktionen haben, also doppelt gezählt werden, so bleiben 31,3 Millionen Lohnarbeiter oder 72% aller Erwerbspersonen, die nichts besitzen, als ihre Arbeitskraft und diese Arbeitskraft verkaufen müssen, um leben zu können und zudem keine unmittelbaren Kapital- oder staatliche Funktionen gegen die Arbeiterklasse inne haben.

Natürlich ist es ein großer Unterschied, ob man z.B. als Ingenieur 5.000,– Euro im Monat zur Verfügung hat oder, wie 65,3% aller Sozialversicherungspflichtigen, in Ostdeutschland sogar bis zu 76%, nur von bis zu 3.200,– Euro leben muss.[8] Reichtümer anhäufen, die es ihnen erlauben, ohne Lohnarbeit zu leben oder fremde Arbeitskraft einzukaufen, können sie alle nicht. Umgekehrt ist es so, dass ein erheblicher Teil der Lohnarbeiter froh sein kann, wenn er überhaupt etwas für Zeiten der Erwerbslosigkeit, für längere Krankheiten, für die Ausbildung der Kinder und für das Alter zurücklegen kann, was aber notwendig ist, um seine Arbeitskraft und seine Klasse zu reproduzieren, also in den Wert der Arbeitskraft eingehen muss. Da auch die Arbeitslosen und ein großer Teil derjenigen, die überwiegend von Sozialleistungen leben, zur Arbeiterklasse gehören, außerdem selbstverständlich die noch nicht berufstätigen Kinder sowie die Eltern oder Großeltern in Rente zur Klasse gehören, können wir davon ausgehen, dass rund 75 Prozent der 82,4 Millionen in der BRD registrierten Menschen Teil der Arbeiterklasse sind. Eine große Mehrheit gegenüber einer verschwindend kleinen Schicht von Kapitalisten. Eine gewaltige Macht in dem Moment, wo sie sich als Klasse begreift und ihre Macht erkennt „Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.“ heißt es im Kommunistischen Manifest.[9] Nichts davon ist alter Schnee von gestern, ganz im Gegenteil.

Die Bedeutung des Industrieproletariats

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Ein ermutigendes Beispiel gegen Demoralisierung und Resignation in der Arbeiterklasse gaben junge Arbeiter in Nürnberg. Als ihr Mitschüler direkt aus seiner Berufsschulklasse heraus abgeführt und nach Afghanistan abgeschoben werden sollte, widersetzten sie sich erfolgreich und ließen sich auch von einem brutalen Polizeieinsatz nicht beeindrucken.
Doch nicht alle Teile dieser Arbeiterklasse haben die gleiche Stellung innerhalb der kapitalistischen Produktion und Produktionsverhältnisse. Es ist ein Unterschied, ob jemand als Erzieherin in einer Kindertagesstätte arbeitet, deren Lohn eine staatliche Ausgabe bedeutet oder ob jemand Facharbeiter in einem Produktionsbetrieb ist, der für den Kapitalisten Mehrwert erzeugt. Streiken die Erzieherinnen mit ihren über hunderte Kleinstbetriebe verteilten Kolleginnen und Kollegen um höhere Einstufungen, wie sie es 2015 vier Wochen lang taten, dann sparen die Kommunen schlichtweg den Lohn ein. Streiken die Metallbelegschaften, sparen sich die Kapitalisten zwar auch den Lohn, verlieren aber viel mehr, als sie durch die Nichtauszahlung von Lohn einsparen: den Mehrwert, den die Arbeiter sonst in mindestens ¾ jeder Stunde produzieren. Schon alleine dieses Beispiel zeigt, welche Bedeutung das Industrieproletariat innerhalb der Arbeiterklasse im Kampf gegen Regierung und Kapital hat. Doch es sind noch weitere Faktoren, warum die Arbeiter in der Industrie bessere Voraussetzungen für den Kampf haben, als alle anderen Teile der Arbeiterklasse.



Sie sind massenhaft unter das Kommando weniger Kapitalisten gestellt. Sie erleben tagtäglich, dass sie als Einzelne Teil eines Ganzen sind, das gesellschaftlich produziert, der produzierte Reichtum ihnen aber immer wieder als Kapital gegenübertritt, während sie selbst um jeden Cent Lohn streiten müssen. Sie müssen sich tagtäglich der Fabrikdisziplin beugen und lernen damit die Disziplin, die sie nicht nur zum Kämpfen, sondern später auch zur bewussten Organisierung einer Gesellschaft brauchen. Sie sind eine nicht zu übersehende Kraft und diese Kraft fühlen sie in dem Moment, wo sie beginnen zu kämpfen. Und doch hat die Bourgeoisie im Imperialismus, im Gegensatz zu der Zeit, in der Marx und Engels lebten, Mittel, gerade den Widerstand dieser kampfstärksten Bataillone zu hemmen. Ein großer Teil des Industrieproletariats ist in den Monopolen zusammengedrängt, die mit ihren Extraprofiten nicht nur eine Arbeiteraristokratie herangezüchtet haben, deren ideologischer Ausdruck der Sozialdemokratismus ist, sondern auch die Belegschaften insgesamt etwas besser stellen können, als andere Teile der Arbeiterklasse, was wiederum den Einfluss der Arbeiteraristokratie auf die Belegschaften begünstigt. Das ändert jedoch nichts an der Stellung des Industrieproletariats innerhalb der Produktion als Ausgebeutete, nichts an seiner unsicheren Lage.

Doch untersuchen wir erst einmal, in welchen Bereichen welche Teile der Arbeiterklasse arbeiten und wie das ausschaut mit dem Verschwinden des Industrieproletariats.

Zusammensetzung der Klasse und Entwicklungen

Von allen derzeit 39,2 Millionen abhängig Beschäftigten (nun wieder alle sog. Arbeitnehmer) arbeiten:

West/Ost:

– 0,9% oder 0,3 Mill. in Land- und Forstwirtschaft (0,8% West/1,5% Ost)
– 25% oder 9,8 Mill. im produzierenden Gewerbe10 (25,6% West/22,1% Ost)
– 74,1% oder 29,0 Mill. im Dienstleistungsbereich (73,7% West/76,4% Ost) davon im Handel 13,3% und Verkehr und Lagerei 5,1%,

Es ist also inzwischen ein sehr großer Teil der Lohnarbeiter, der im sog. Dienstleistungsbereich arbeitet. Das Verhältnis zwischen den in der Produktion beschäftigten Lohnarbeitern und denen im Dienstleistungsbereich hat sich in den letzten knapp 30 Jahren tatsächlich deutlich verschoben.

Von allen jeweils lohnabhängig Beschäftigten arbeiten

1991: 37,6%
1995: 33,5%
2000: 29,6%
2005: 26,7%
2010: 25,3%
2015: 25,2%
2016: 24,9%

im produzierenden Gewerbe.

Insgesamt hat die Zahl der dort Beschäftigten in diesem Zeitraum um 3,4 Millionen abgenommen (13,2 Mill. auf 9,8 Mill.). Doch hat dies wenig mit der Entwicklung der Produktivkräfte zu tun, sondern ganz im Gegenteil, mit der gewaltigsten Zerstörung von Produktivkräften, die es in Friedenszeiten jemals gegeben hat: Der weitgehenden Vernichtung der volkseigenen Betriebe in der DDR. Fast 2 Millionen dieser Arbeitsplätze in der Produktion wurden bis 1995 abgebaut, in dem Zeitraum also, als rund 3 Millionen Arbeiter auf dem Gebiet der DDR ihre Arbeit verloren. Insgesamt waren es zwischen 1991 und 2005 3,9 Millionen Arbeitsplätze weniger in der Produktion, was zusätzlich v.a. auch auf Auslagerung von Betrieben in den neu eroberten Hinterhof in Süd- und Osteuropa zurückzuführen sein dürfte. Ab 2010 stieg die Zahl der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe wieder von 9,2 Mill. auf 9,8 Mill. an.

Dazu kommt, dass die Zahl der insgesamt abhängig Beschäftigten von 1991 (35,2 Mill.) bis 2016 (39,2 Mill.) um gute 4 Millionen gestiegen ist, was zusätzlich die Verringerung des prozentualen Anteils der Arbeiter in der Produktion erklärt. Außerdem sind ca. 42% der 1,04 Mill. Leiharbeiter in der Industrie beschäftigt, diese aber im Dienstleistungsbereich gezählt werden. Schließlich erbringt ihr Ausbeuter mit dem Verleih ihrer Arbeitskraft eine Dienstleistung für andere Kapitalisten. Ein Verschwinden des Industrieproletariats aufgrund einer Entwicklung der Produktivkräfte belegen diese Fakten also nicht.

Allerdings zeigen sie, dass die seit 1991 zusätzlich entstandenen Arbeitsplätze fast ausschließlich im Dienstleistungsbereich angesiedelt sind. Die Zahl der im Dienstleistungsbereich inkl. Handel und Verkehr Beschäftigten ist um 7,6 Mill. (auf 29,1 Mill.) gestiegen. Das betrifft vor allem die Bereiche:

– Gesundheits- und Sozialwesen: + 2,8 Mill. (bis 2015)11
– Wiss. und tech. Dienstleister: + 1,2 Mill.
– Sonstige Unternehmensdienstleistungen: + 1,8 Mill. (darunter fallen dann die Leiharbeiter)

Das heißt, die Zusammensetzung der Arbeiterklasse hat sich deutlich geändert.

Nicht geklärt ist damit allerdings die Frage, wie und in welchem Ausmaß sich innerhalb der Produktionsbetriebe die Zusammensetzung der Belegschaften verändert hat zu Ungunsten der Zahl der unmittelbar in der Produktion beschäftigten Arbeiter. Statistiken12 über die Höhe der Löhne von Vollzeitbeschäftigten in den einzelnen Bereichen weisen darauf, dass z.B. im Chemiebereich, nicht überraschend, 38% der dort arbeitenden Vollzeitbeschäftigten über 5000,– Euro monatlich verdienen. Eher überraschend ist es, dass dies im Bereich Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen sogar 43% sind, im sonstigen Fahrzeugbau 47,7%. Das deutet schon darauf hin, dass inzwischen ein großer Teil hoch qualifizierter Kolleginnen und Kollegen in den großen Produktionsbetrieben arbeitet, Lohnarbeiter, die aus Erfahrung nicht die ersten sind, wenn es darum geht, die Arbeitskraft zu verweigern und zu streiken und auf die sich gerne Gewerkschaftsfunktionäre berufen, wenn Arbeitszeiten noch weiter flexibilisiert werden sollen, statt für eine für alle geltende Arbeitszeitverkürzung zu kämpfen. Auch deren Interessen müssten berücksichtigt werden, heißt es dann.

Der Vergleich zwischen West und Ost zeigt auch hier wieder, dass in Ostdeutschland andere Bedingungen herrschen. Sind es im Westen 40,5 Prozent der in der chemischen Produktion beschäftigten Vollzeitkräfte, die über 5000,– Euro verdienen, sind es im Osten nur 16,1 Prozent, beim Kraftwagenbau sind es 46,1 Prozent im Westen und 13,4 Prozent im Osten. Daraus kann man schließen, dass die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Konzerne im Westen sitzen, während die Arbeiter im Osten am Band stehen dürfen, was eher an das Verhältnis zwischen einem imperialistischen Staat und einem Protektorat erinnert, als an ein doch angeblich wiedervereinigtes Land.

All das ändert jedoch nichts daran, dass die Maschinen still stehen, die Mehrwertproduktion gestoppt ist, wenn die Arbeiter in den Produktionshallen dies so beschließen – und sich dann auch Kolleginnen und Kollegen aus den Entwicklungsbüros anschließen werden.

Wer arbeitet wo?

Die bürgerliche Statistik erfasst keine Konzerne bzw. Monopole mit über 10.000 Beschäftigten, wie z.B. Audi Ingolstadt, wo 40.000 Menschen arbeiten. Von daher erfährt man nicht, wie viele der Arbeiterklasse in diesen riesigen Betrieben zusammengefasst sind, obwohl die Belegschaften dieser Konzerne bei Streiks ausschlaggebend sind. Die Statistik der Arbeitsagentur unterscheidet nur Betriebsgrößen bis 500 und mehr, wobei Betriebe mit 500 Arbeitern heute eher noch kleine Betriebe sind.

Danach arbeiten 21,8% der Sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Betrieben mit mehr als 500 Beschäftigten (West: 22,9%; Ost: 16,6%) Immerhin 15,3% der Arbeiter müssen sich in Westdeutschland immer noch in Kleinstbetrieben bis zu 10 Angestellten verdingen, wo die Ausbeutungsbedingungen meist am widerlichsten sind. Im Osten trifft das sogar 17,1% der Arbeiter und damit mehr, als in Betrieben über 500 Beschäftigten arbeiten. Statt großen Industriekombinaten tausende von kleinen, mittelalterlichen Klitschen – welch erhebende Entwicklung der deutsche Imperialismus doch zustande bringt.

Die meisten der Betriebe über 500 Beschäftigte stehen in Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Bayern und Baden-Württemberg. Die Wirklichkeit spiegelt das nur sehr schemenhaft wider, da die Konzentration der Monopole z.B. in Bayern dadurch nicht erfasst wird (Siemens, BMW, Audi, MAN, die Panzerschmiede Krauss-Maffei... um nur ein paar zu nennen), in einem Bundesland also mit geringer Arbeitertradition, kleinbürgerlich geprägt und seit Jahrzehnten von der CSU regiert. Günstige Bedingungen für das Kapital, eher schlechte für den Kampf der Arbeiter.

Der Sieg der deutschen Bourgeoisie über die DDR – eine Niederlage auch für die westdeutschen Arbeiter

Die Zeit seit der Konterrevolution in der DDR und der folgenden Einverleibung dieses Staates der Arbeiter durch den deutschen Imperialismus ist geprägt von permanenten Angriffen der Bourgeoisie auf die gesamte Arbeiterklasse, auch in Westdeutschland. Viele Arbeiter im Westen sehen diesen Zusammenhang nicht, sind sie doch immer noch etwas besser gestellt als die Kolleginnen und Kollegen im Osten und beeinflusst von den Sozialdemokraten und Gewerkschaftsführern, die meinten, wie die Bourgeoisie als Sieger über die DDR herfallen zu müssen. Und doch zeigen das ganz nüchterne Zahlen.

Die Angriffe auf die Sozialkassen, vom Lohn der Arbeiter bezahlt, beginnend gleich in den 90er Jahren noch unter der Kohl-Regierung, sind dabei nur ein Teil der Angriffe auf den Preis der Ware Arbeitskraft. Wesentlich sind dabei die Hartz-Gesetze, die den freien Lohnarbeiter nicht mehr kennen und Vorstufen zur Zwangsarbeit sind. Sie zwingen jeden, jeden Job anzunehmen, will er nicht Gefahr laufen, obdachlos zu werden und zu verhungern. Mit ihrer Hilfe wurden tausende Arbeiter dazu gebracht, ihre Arbeitskraft unter Wert zu verkaufen und/oder Leiharbeiter zu werden.

21% der Erwerbstätigen arbeiten inzwischen in sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnissen, sind also Leiharbeiter, arbeiten in Teilzeitjobs unter 50%, haben befristete Arbeitsverträge. 1991 waren das noch nur 13%. Gab es im Jahr 2000, also vor den verbrecherischen Hartz-Gesetzen der Schröderregierung 0,3 Millionen Leiharbeiter, sind es nun über eine Million. Nur 20,8 Mill. der 31,8 Mill. sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten haben ein Vollzeitstelle.

Viele Unternehmen sind aus den Flächentarifen ausgestiegen, um die Kampfkraft der Arbeiter zu schwächen und so die Lohnkosten zu drücken. Für nur mehr 51 Prozent der Beschäftigten in Westdeutschland gilt ein Flächentarifvertrag, 1996 waren das noch 70 Prozent. In Ostdeutschland ist das nur mehr ein Anteil von 36 Prozent, 1996 waren es dort noch 56 Prozent.13

Die Folge ist eine Verarmung der gesamten Klasse. So ist der Anteil der Löhne am Volkseinkommen niedriger als 1991, die Brutto-Lohnquote sank von 57,3% auf 55,7% im Jahr 2015, die Nettolohnquote gar von 40% auf 36,9%.14 Und das ist berechnet auf der Grundlage aller Einkommen aus unselbstständiger Arbeit, d.h. inbegriffen der Beamtenbezüge und der sehr hohen Gehälter.

Auch die Lohnstückkosten in der Metallindustrie sind von 100 im Jahr 2000 auf 91,1 im Jahr 2007 gefallen, steigen zwar seitdem wieder langsam an, sind mit 96,6 Punkten aber immer noch (2018) geringer als 2001.

Fast die Hälfte der Klasse verarmt absolut: Laut Wirtschaftsministerium verdienen 40% aller Lohnarbeiter 2017 weniger als vor 20 Jahren.15

Insgesamt übersteigen die Reallöhne erst seit 2015 den Stand von 2000; bis 2013 sanken sie um 1,5% und damit lag die BRD an drittletzter Stelle ausgewählter Staaten.16

Angriff auf die Arbeitszeit

Während die Löhne fallen, steigen die Arbeitszeiten, zumindest für einen großen Teil der Klasse. Das ist nicht nur ein zusätzlicher Angriff auf den Preis der Arbeitskraft, sondern dadurch nimmt auch die Zersplitterung der Klasse durch höchst unterschiedliche Wochenarbeitszeiten zu.

So arbeiten die Arbeiter im Osten, schon alleine was die durchschnittliche tarifliche Wochenarbeitszeit betrifft, mit 38,7 Stunden pro Woche, immer noch eine Stunde länger, als die Arbeiter im Westen mit einer durchschnittlichen 37,7-Stunden-Woche.17 Insgesamt aber lag die tatsächlich geleistete Wochenarbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten aber in der BRD bei 43,5 Stunden. Gründe dafür sind die vielen nicht tarifgebundenen Betriebe oder auch Betriebe mit Haustarifverträgen mit höherer Wochenarbeitszeit, aber auch die vielfältigen Flexibilisierungsregelungen, die in den letzten Jahren in den Tarifverträgen vereinbart worden sind und bedeuten, dass nicht einmal mehr in einem Betrieb gleiche Arbeitszeit gilt. Hinzu kommt, dass 2016 insgesamt 820 Millionen bezahlte und 941 Millionen unbezahlte Überstunden geleistet werden mussten.

Seit den teils mehrwöchigen Arbeitskämpfen von Ende der 70er (Stahlarbeiter) bis Ende der 80er Jahre in Westdeutschland um die 35-Stunden-Woche (Metaller, Drucker) kam es zu keinen, zumindest branchenkollektiven Arbeitszeitverkürzungen mehr. Die 35-Stunden-Woche gilt zumindest auf dem Papier nur in den Bereichen Stahl, Metall, Holz und Kunststoff, Druckindustrie und Papier verarbeitende Industrie. Alle anderen Bereiche haben längere tariflich vereinbarte Wochenarbeitszeiten bis zur 40-Stunden-Woche. In einigen Bereichen wurde die wöchentliche Arbeitszeit ab der Jahrtausendwende wieder ohne Lohnausgleich verlängert, so im Baugewerbe von 39 auf 40 Stunden (2005), bei der Deutschen Bahn von 38 auf 39, die Deutsche Telekom hat ihre Servicefunktionen ausgegliedert und dort die Arbeitszeit von 34 Stunden auf 38 Stunden verlängert, in den Kommunen West wurde 2008 die Arbeitszeit von 38,5 auf 39 erhöht.

Im Osten konnte nur in der Stahlindustrie die 35-Stunden-Woche erkämpft werden. In der Metallindustrie scheiterte der Kampf an der mangelnden Solidarität bzw. muss man fast schon sagen an der Sabotage durch Betriebsratsfürsten großer Automobil-Konzerne im Westen. Alle anderen branchentariflich vereinbarten Arbeitszeiten liegen (mit Ausnahme der Telekom) im Wesentlichen zwischen 38 und 40 Stunden. Und so haben nur 8,3% der westdeutschen Arbeiter einen Tarifvertrag mit 40 und mehr Stunden, aber 40,2 Prozent der ostdeutschen Arbeiter.

Arbeiter ohne deutschen Pass

Zu den vielfältigen Spaltungen und zunehmenden Zersplitterungen der Arbeiterklasse – grundsätzlich in Ost und West, zusätzlich in noch relativ besser gestellte Belegschaften in den Großbetrieben mit Flächentarifverträgen und den vielen kleinen und auch größeren Betrieben ohne Tarifvertrag usw. – kommt noch eine weitere grundsätzliche Spaltung: Arbeiter mit und ohne deutschen Pass.

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Betriebsversammlung bei Daimler Untertürkheim: Die Redebeiträge von Betriebsräten des „Zentrums“ – einer faschistischen, antigewerkschaftlichen Gruppe – wurden von Vertrauensleuten und Betriebsräten der IG Metall mit der Losung “Kein Platz für NAZIS” und von Pfiffen und Lärm aus der Versammlung begleitet. Damit bezog auch die Belegschaft zum ersten Mal Position gegen das „Zentrum“. Warum sollten die Arbeiter in diesem Land nicht wieder politisches Bewusstsein entwickeln können?
Fast 3,9 Millionen Arbeiter oder 10,6% haben keinen deutschen Pass und sind durch ihre weitgehende Rechtlosigkeit doppelt unterdrückt. Je nach Status können sie abgeschoben werden, wenn z.B. ihre Duldung ausläuft, dürfen keine Sozialleistungen beziehen, um hier bleiben zu können bzw. den Erhalt einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis nicht zu gefährden. Ihr Druck, jeden Job zu jeden Bedingungen anzunehmen, ist also doppelt hoch. Eine reguläre Vollzeitarbeitsstelle zu erhalten, ist für sie viel unwahrscheinlicher, als für Arbeiter mit deutschem Pass. Das zeigt sich ebenfalls in nüchternen Zahlen.

So ist ihr Anteil an allen Beschäftigten in den Niedriglohnbereichen relativ hoch. Er beträgt in dem Bereich Reinigung, Gebäudetechnik 25%, in der Gastronomie, Service 19%, während er in der Fertigung nur bei 12% liegt.

Über 300.000 von ihnen sind als Leiharbeiter beschäftigt, also 7,4 Prozent, während von den Arbeitern mit deutscher Staatszugehörigkeit nur 2,2 Prozent Leiharbeiter sind. Das bedeutet konkret, dass fast ein Drittel (29,6 Prozent) aller Leiharbeiter (1.043.405) Arbeiter ohne deutschen Pass sind. D.h. die Spaltung in Leiharbeiter und fest angestellte Arbeiter hat auch oftmals noch eine rassistische Komponente. Zu der Rechtlosigkeit der Leiharbeiter, die als erste auf die Straße fliegen und so die Unsicherheit der Arbeitsplätze für die Kernbelegschaften abfedern, kommt die Rechtlosigkeit als Nichtdeutsche Staatsbürger.

Jede Spaltung innerhalb der Arbeiterklasse dient letztendlich dazu, die Profitquote der Kapitalisten zu erhöhen, da sie den gemeinsamen Kampf erschwert. Die rassistische Spaltung, die derzeit wieder Hochkonjunktur hat und mit allen Mitteln geschürt wird, hat aber noch einen zusätzlichen Aspekt: Unmut und Unzufriedenheit der Arbeiter in rassistische Bahnen zu lenken, um zur Kriegsvorbereitung im Inneren an einer Volksgemeinschaft der Deutschen gegen Ausländer und Ausland zu schmieden. Da ist dann das Geschrei von Ausländern, die die Löhne drücken, die uns was wegnehmen wollen, uns bedrohen, durchaus gefragt.

Zersplitterte Kämpfe

Die vielfachen Spaltungen spiegeln sich auch in den Arbeitskämpfen wieder.

Seit den jeweils mehrwöchigen Streiks um die 35-Stunden-Woche in der Stahlindustrie, der Metall- und Elektroindustrie und der Drucker in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Westdeutschland hat es keine, wenigstens eine Branche des ganzen Landes erfassende Streiks mehr gegeben. Das bedeutet, dass seit der Einverleibung der DDR kein einziger, Arbeiter in West und Ost erfassender Streik über mehrere Tage der Metaller oder anderer Industriearbeiter stattgefunden hat. Die IG-Metall begnügt sich seither mit Warnstreiks, und es ist schon was Neues, wenn diese wenigstens schon einmal einen ganzen Tag andauern.

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Was ist unsere Arbeitskraft wert? Das kann nicht durch hochbezahlte Professoren, sondern nur durch unseren gemeinsamen Kampf ermittelt werden!
Das heißt nicht, dass es keine landesweiten Streiks mehr gab. Doch diese wurden und werden z.T. nicht mehr von DGB-Gewerkschaften angeführt, sondern von Gewerkschaften wie der GDL, oder Cockpit, also letztendlich Gewerkschaften, die bestimmte Berufe vertreten. Und/oder sie finden im sog. Dienstleistungsbereich statt, wie der letzte mehrwöchige Streik der Erzieherinnen und Erzieher 2015 um eine höhere Eingruppierung oder der Streik der Postarbeiter gegen die Ausgliederung des Paketdienstes und den damit verbundenen Angriffen auf die Arbeitsbedingungen.

Insgesamt werden auch die Arbeitskämpfe nicht weniger. Lt. WSI18 ist deren Zahl in den letzten Jahren sogar gestiegen, wobei im Verhältnis zur Anzahl der Beschäftigten überproportional viele dieser Kämpfe in Ostdeutschland stattfinden. Doch sie ergreifen immer nur kleine Teile der Arbeiterklasse. Es sind Kämpfe um Betriebs- oder Firmentarifverträge bzw. um Erhaltung der Tarifbindung der Kapitalisten im Zuge von Auslagerungen von Betriebsteilen oder Privatisierungen, wie in den Krankenhäusern. Die längste Auseinandersetzung, die immer mal wieder in der Presse auftaucht, ist der Kampf der Arbeiter bei Amazon, deren Kapitalvertreter sich hartnäckig weigern, mit ver.di überhaupt Tarifverhandlungen aufzunehmen.

Der weit überwiegende Teil der Streiktage fand in den letzten 10 Jahren im Dienstleistungsbereich statt, 2015 waren dies 90% aller Streiktage. Was die Anzahl der Streikenden angeht, hängt es davon ab, ob in der Metall- und Elektroindustrie Warnstreiks stattfinden. Dann erreicht die Zahl der Streikenden die Million und darüber hinaus. So entfielen 2015 81% der Streikenden auf die Industrie, obwohl die meisten Streiktage auf den Dienstleistungsbereich fielen. Das zeigt ebenfalls die Bedeutung der großen Industrie, in der Massen von Arbeitern zusammengeballt sind. Streiken diese, streikt ein erheblicher Teil der Arbeiter insgesamt und kann so Kristallisationspunkt für andere Teile der Arbeiterschaft werden – würden die Gewerkschaftsführungen eine solche Stärkung der Kampfkraft der Arbeiterklasse nicht ständig zu verhindern suchen.19

Auch die Streikbewegungen zeigen also zum einen die Verschiebung hin zu den Arbeitern im Dienstleistungsbereich mit ihren oft viel schlechteren Arbeitsbedingungen als in der Industrie, zum anderen die seit Einverleibung der DDR zunehmende Zersplitterung der Arbeiterklasse.

Mit Hilfe der Sozialdemokratie hat es die Bourgeoisie geschafft, mit und seit der Einverleibung der DDR, mit der Zerschlagung und Zerstörung der volkseigenen Betriebe, die Kämpfe der Arbeiterklasse in ganz Deutschland immer weiter zu zersplittern, die Vereinigung der Arbeiter in diesen Kämpfen und damit das sich als Klasse Begreifen erst einmal zu stoppen bzw. zurückzudrehen.

Dies spiegelt sich auch in der gewerkschaftlichen Organisierung der Arbeiter wider. 1989 waren in Westdeutschland 7.861.120 Arbeiter in den Gewerkschaften des DGB organisiert. Nach Einverleibung der DDR und der Übernahme des FDGB durch den DGB waren es 11.800.412 Mitglieder. 2017 waren es nur noch 5.995.437, obwohl die Anzahl der lohnabhängig Beschäftigten im gleichen Zeitraum um 4 Millionen angewachsen ist.

Wie es um die Organisation der Arbeiter hin zur politischen Partei ausschaut, wissen wir alle.

Fazit:

Es gibt sie, die Arbeiterklasse. Sie ist nicht kleiner geworden, sondern gewachsen und stellt die übergroße Mehrheit der Bevölkerung dar. Auch das Industrieproletariat ist nicht am Verschwinden. Es nimmt zwar zwangsläufig durch die Entwicklung der Produktivkräfte ab, doch das ändert nichts an seiner besonderen Stellung innerhalb der Produktion. Das Problem ist der nach wie vor vorhandene Einfluss der Sozialdemokratie, die alles tut, um den einheitlichen Kampf der Arbeiter gegen Regierung und Kapital möglichst gar nicht erst entstehen zu lassen und damit bisher nicht nur erfolgreich verhindert, dass die Klasse lernt, sich als Klasse zu begreifen. Der Bourgeoisie ist es so auch gelungen, die Arbeiterklasse vielfach zu spalten und zu zersplittern und ihre Angriffe auf den Preis der Arbeitskraft durchzusetzen. Desorganisiertheit und Demoralisierung sind die Folgen und der Boden dafür, dass auch rassistische Haltungen in der Arbeiterklasse Einzug halten können.

Karl Marx schrieb über die Klasse, die er als Totengräber der Bourgeoisie und damit der letzten Ausbeutungsverhältnisse erkennt: „Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf der Seite der Klasse, die ihr eigenes Produkt als Kapital produziert“.20 Wie sehr gilt das erst nach einer Niederlage, die nicht einmal als Niederlage begriffen wird.

Das ändert aber nichts daran, dass die Bourgeoisie, der deutsche Imperialismus, die Waffen gegen sich selbst schmiedet und immer weiter schmieden muss – die Angriffe auf die Lebensgrundlagen der Arbeiter, die Krisen und Kriege, die ein Leben mit der Bourgeoisie zunehmend unmöglich und ihren revolutionären Sturz zur zwingenden Notwendigkeit machen. Entsprechend in der Arbeiterklasse zu wirken ist die Aufgabe der Kommunisten.

Gretl Aden
Referat, gehalten auf dem KAZ-Sommercamp Anton Makarenko, August 2018


Anmerkungen:
1 „MEW Bd. 4, S. 474
2 „Die große Initiative“ LW Bd. 29, S. 410.
3 Soweit nicht anders vermerkt sind die folgenden Zahlen dem Statistischen Jahrbuch 2017 des Bundesamtes für Statistik entnommen. Grundlage ist das Jahr 2016.
4 So die Definition des Bundesamtes für Statistik für Erwerbspersonen. Die offiziellen Arbeitslosenzahlen für 2016 sind höher: 2,6 Millionen in der BRD (6,1%), davon West: 1,9 Millionen (5,6%) und Ost: 0,7 Millionen (8,5%).
5 MEW Bd. 23, S. 469 f.
6 Die Beamten konzentrieren sich zunehmend auf den staatlichen Gewalt- und Behördenapparat. Es sind kaum noch Kollegen wie Postboten (es sind noch 61.300 Beschäftigte der Postnachfolgeunternehmen, die ihren Beamtenstatus behalten haben, obwohl sie nicht mehr beim öffentlichen Dienst arbeiten) oder Lokführer Beamte (Statistisches Bundesamt, Fachserie 14, Reihe 6, 2016, S. 25).
7 Stand 2017
8 West: 62,7% und 48,2 % aller Vollzeitbeschäftigten; Ost:76,6% und 68,5% aller Vollzeitbeschäftigten; Durchschnittslohn: West: 3230.–; Ost: 2640,– Euro.
9 MEW Bd. 4, S. 463.
10 Bergbau, Verarbeitendes Gewerbe, Energie- und Wasserversorgung, Bau.
11 Die Zunahme der Lohnabhängigen in diesem Bereich hat damit zu tun, dass inzwischen selbst die reaktionärsten Kräfte in diesem Land, wie die CSU, einsehen müssen, dass zumindest ein Minimum an gesellschaftlicher Erziehung und Versorgung der alten Menschen notwendig ist, sollen die Frauen als Arbeitskräfte zur Verfügung stehen.
12 Nach der Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit
13 Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, doku.iab.de/aktuell/2017/Tarifbindung_2016.pdf
14 Lt. DGB-Verteilungsbericht 2016
15 Süddeutsche Zeitung 31.8.2017
16 DGB-Verteilungsbericht 2016
17 WSI – Wirtschafts- und Sozialpolitisches Institut der Hans-Böckler-Stiftung, Pressedienst 27.07.2017
18 WSI-Arbeitskampfbilanz 2017, 3/2018
19 So liegt lt. WSI die durchschnittliche Arbeitskampfhäufigkeit seit Mitte der 2000er Jahre allgemein deutlich über derjenigen der 1960er und 1970er Jahre. Doch die Streiktage pro Tausend Beschäftigten sind seit dieser Zeit eklatant zurückgegangen: Waren es die ersten 5 Jahre der 1970er Jahre im Schnitt noch 55 Streiktage pro 1.000 Beschäftigten und in der ersten 5 Jahren der 1990er Jahre immerhin noch 20, so sind es seit 1995 jeweils nur mehr zwischen drei und fünf Streiktagen.
20 MEW Bd. 23, S. 675