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Beschäftigt man sich ernsthaft mit der Geschichte der Marx-Rezeption der letzten gut einhundert Jahre, anstatt alle dort verhandelten Probleme und Kontroversen mit generalisierenden Totschlagsbegriffen wie „Traditions-“ oder „Weltanschauungsmarxismus“ einzuebnen, dann springen zahlreiche Übereinstimmungen von Heinrichs Ansichten mit Positionen ins Auge, die in der sozialdemokratischen Diskussion um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert vertreten wurden. Worum drehten sich die Debatten zwischen den Theoretikern des reformistischen Flügels der II. Internationale und ihren revolutionären Kontrahenten? Insbesondere drei Problemfelder waren von zentraler Bedeutung: Erstens wurde die Frage nach der philosophischen Grundlage einer adäquaten Interpretation des Marxschen Werkes gestellt. Führende Köpfe der zweiten Internationale, allen voran Eduard Bernstein, hatten in den ‚hegelianischen’ Passagen des ‚Kapital’ eine Marxsche Marotte gesehen, die man um eines besseren Verständnisses Willen tunlichst ignorieren müsse. Marx wurde unter Heranziehung der zeitgenössischen bürgerlichen Philosophie, insbesondere des Neukantianismus, ‚modernisiert’. Lenin, Luxemburg, Lukács und Gramsci betonten statt dessen nachdrücklich die Notwendigkeit, das Marx-Studium vor dem Hintergrund des Hegelschen Denkens zu betreiben. Dies ist der Kontext, in dem Schriften wie „Materialismus und Empiriokritizismus“ oder „Geschichte und Klassenbewusstsein“ verfasst wurden.

Die zweite Diskussion kreiste um die Frage, inwiefern der Kapitalismus eine historisch notwendig endliche Gesellschaftsformation sei. Führende Vertreter der Mehrheitssozialdemokratie vertraten die Auffassung einer prinzipiell uneingeschränkten Entwicklungsfähigkeit der bürgerlichen Gesellschaft, der Möglichkeit des grenzenlosen Fortganges der kapitalistischen Akkumulation. Der Übergang zum Sozialismus sei nicht als Resultat krisenhafter Prozesse der bestehenden Gesellschaft zu erwarten, sondern das Ergebnis einer richtigen sozialdemokratischen Reformpolitik. Ihre Gegner, es waren dieselben wie oben, betonten zwar die Wichtigkeit revolutionären Handelns, bestanden aber darauf, dass diesem ohne die Berücksichtigung ökonomischer Prozesse, die die kapitalistische Produktionsweise an objektive Grenzen führten, das Fundament entzogen sei. Die Kontroverse zwischen Rosa Luxemburg und den sozialdemokratischen ‚Experten’, die sich an ihren Schriften „Sozialreform oder Revolution“ und „Die Akkumulation des Kapitals“ entzündet hatte, ist in diesem Zusammenhang ebenso zu nennen wie die Auseinandersetzung zwischen Lenin und Kautsky in Fragen der Imperialismustheorie.

Zum Dritten hatte die Frage nach der richtigen Auffassung der Rolle des Staates eine kaum zu überschätzende Bedeutung. War der Staat ein mehr oder minder neutrales Terrain? Konnte sich die Arbeiterklasse seiner bedienen, um die negativen Folgen des Kapitalismus abzumildern und ihre Lebenssituation stetig zu verbessern? Eröffnete der Staat sogar Möglichkeiten, den Kapitalismus schrittweise zu überwinden? Dann war es nur konsequent, wenn sozialdemokratische Politiker versuchten, in staatlichen Institutionen mitzuwirken; die sozialdemokratische Reichstagsfraktion wurde aus gutem Grund zum wichtigsten Mittel sozialistischer Politik. Sah man im Staat hingegen wesentlich einen Klassenstaat, die zentrale politische Stütze der Macht des Kapitals, dann fiel die Beurteilung der Möglichkeiten des Parlamentarismus deutlich pessimistischer aus. Der bürgerliche Staat musste dann von den Revolutionären zerschlagen, durch einen Arbeiterstaat ersetzt werden. Man vergleiche die entsprechenden Kapitel aus Bernsteins Buch „Der Sozialismus einst und jetzt“ mit Lenins „Staat und Revolution“.

Betrachten wir nun die Argumentation der „Kritik der Politischen Ökonomie - Eine Einführung“ und der „Wissenschaft vom Wert“ im Lichte dieser gut 100 Jahre alten Debatten. Heinrich polemisiert gegen den „Hegelmarxismus“, ersetzt das Hegelsche Erbe durch eine Philosophie, die in direkter Traditionslinie zum damals modischen Neukantianismus steht. Er wird nicht müde, die prinzipielle Schrankenlosigkeit kapitalistischer Akkumulation zu betonen. Schließlich legt er großen Wert darauf, den Klassencharakter des bürgerlichen Staates zu relativieren. Sind diese Übereinstimmungen mit den Positionen der damaligen sozialdemokratischen Rechten bloßer Zufall? Ich denke nicht. Sie sind, wenigstens was die theoretische Ebene angeht, notwendige Folge derselben philosophischen Grundentscheidung: Der Abkehr von einer in Hegelscher Tradition stehenden Dialektik.

Abschied von Marx

Die von Michael Heinrich und anderen Vertretern der sogenannten ‚Neuen Marxlektüre’ vertretenen Auffassungen kollidieren an allen Ecken und Enden mit den Marxschen Schriften. In den Anfängen dieser Interpretationsrichtung, die eng mit der Frankfurter Schule und der achtundsechziger Studentenbewegung verknüpft sind, wurden die unliebsamen Passagen einfach Friedrich Engels in die Schuhe geschoben: Dieser hätte Marx grob verfälscht. Eine Behauptung, die die Quellenforschung gründlich zerpflückt hat. Auch der zweite Trick, den alten gegen den jungen Marx ins Feld zu führen, scheiterte kläglich. Gerade die von der Neuen Marxlektüre am heftigsten befehdeten Positionen, etwa die Verbindung begrifflicher und historischer Analyse, die Betonung der zentralen Rolle von Klassenkämpfen oder die Überzeugung, der Kapitalismus sei eine historisch endliche Gesellschaftsformation, ziehen sich wie ein roter Faden durch das gesamte Marxsche Werk. Heinrich löst dieses Dilemma, indem er die Entwicklung des Marxschen Denkens in eine Unzahl disparater Entwicklungsstufen zergliedert, von denen jede wiederum durch diverse ‚Inkonsistenzen’ und ‚Ambivalenzen’ gekennzeichnet sei. Typischerweise geht Heinrich in einem Dreischritt vor: Zunächst beschreibt er seine Sichtweise unter Verwendung teilweise abenteuerlich interpretierter Marx-Zitate; häufig geschieht dies in der negativen Form einer Abgrenzung vom „Traditionsmarxismus“. Sodann rudert er zurück, räumt ein, dass sich in den Marxschen Schriften Belegstellen finden, die seiner Auffassung widersprechen. Dies nimmt er nun jedoch keineswegs zum Anlass, die eigene Marx- Interpretation zu hinterfragen. Statt dessen attestiert er dem Marxschen Werk innere Widersprüchlichkeit. Im Heinrichschen Original klingt das dann so: „Es ist also nicht nur die Marxsche Selbstreflektion, die mangelhaft ist; seine eigene kategoriale Entwicklung bleibt an entscheidenden Stellen ambivalent“,„Wie im sechsten Kapitel gezeigt blieb Marx in seiner Darstellung der Werttheorie ambivalent.“, „Auch bei Marx kann man die beiden genannten Fehlschlüsse und eine darauf aufbauende deterministische Auffassung der Geschichte finden...“, „Diese Ambivalenzen machen sich auch in der Krisentheorie geltend.“ Mittlerweile unterscheidet die ‚Neue Marxlektüre’ einen „esoterischen“ von einem „exoterischen“ Marx. Das zugrundegelegte Kriterium ist dabei so einfach wie pragmatisch: Alle Textpassagen, die der Neuen Marxlektüre ins Konzept passen, gehören zum eigentlichen, „esoterischen“ Marx. Alles hingegen, was ihrer Interpretation widerspricht, ist ideologisches Rudiment, sentimentales Überbleibsel oder auch Produkt schlichten Unverständnisses von Marx gegenüber seiner eigenen Theorie.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Selbstverständlich gab es im Marxschen Denken eine Entwicklung, selbstverständlich wurden dabei bestimmte Vorstellungen modifiziert, andere fallen gelassen. Das bedeutet jedoch in keiner Weise, dass es gerechtfertigt wäre, das Marxsche Werk in eine Vielzahl disparater Versatzstücke zu zerlegen und es dem Belieben des Interpreten anheim zu stellen, welche er dem ‚eigentlichen’ Marxschen Denken als zugehörig betrachtet und welche nicht.

Wenn eine Schule, die Ende der sechziger Jahre mit dem Anspruch angetreten war, den wirklichen Marx unter einem Berg marxistischer Fehlinterpretationen und fragwürdiger ‚Weiterentwicklungen’ zum Vorschein zu bringen, damit endet, zentrale Bestandteile der Marxschen Theorie als unmarxistisch auf den Müllhaufen zu befördern, dann erklärt sie ihren Bankrott. Von zwei Dingen eins: Entweder ich verstehe mich als Vertreter einer orthodoxen Marxinterpretation. Dann sollte ich mich davor hüten, Marx in einem fort zu schulmeistern. Oder ich meine, die Marxsche Theorie bedürfe dringend einer grundsätzlichen Revision. Dann sollte ich ehrlich genug sein, dies klar und deutlich zu benennen.

Michael Heinrich widerspricht Marx explizit in Fragen der Werttheorie, der Geldtheorie, des Geschichtsbegriffes, des Klassenkampfs, des tendenziellen Falls der Profitrate, der historischen Tendenz der kapitalistischen Akkumulation und des Sozialismus. Das ist legitim. Aber es ist Etikettenschwindel, eine Marx-Demontage als Einführung in das Marxsche Denken zu verkaufen. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Ich halte Michael Heinrichs Ansichten für mehr als bloß für eine weitere verfehlte Interpretation des ‚Kapital’. Ob er sich der Konsequenz seiner Argumentation bewusst ist oder nicht, sie ist ein Angriff auf die Idee des gesellschaftlichen Fortschritts. Sie liegt damit in ihrer Grundausrichtung nicht nur auf der Gegenlinie zum Marxismus, sondern zur gesamten Tradition der Aufklärung. Dass dies unter Verwendung Marxscher Begrifflichkeiten bewerkstelligt wird, macht die Sache nicht besser.


Der vollständige Beitrag mit ausführlichen Fußnoten steht zum kostenlosen Download bereit unter www.masch-skripte.de. Gegen eine Schutzgebühr von von 2,00 Euro (in Briefmarken) zu bestellen bei Neue Impulse Versand, Hoffnungstraße 18, 45127 Essen.


 
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