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Die friedliche Koexistenz in der sozialistischen Au├čenpolitik. Teil I: Bei Lenin nur f├╝r den Umgang mit den m├Ąchtigsten imperialistischen Staaten gedacht, erkl├Ąrt sie Chruschtschow zur Generallinie im Umgang mit allen Nationen.

Wenn ├╝ber die Ursachen der Niederlage des Sozialismus nachgedacht wird, stehen Probleme der Demokratie und der ├ľkonomie im Vordergrund. Da├č die Sowjetunion aber mit ihrer Au├čenpolitik seit Mitte der f├╝nfziger Jahre dem Imperialismus in die H├Ąnde arbeitete, wird seltener problematisiert.


Umgang mit Imperialismus

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sehnten sich die Menschen weltweit nach Frieden, besonders in der stark zerst├Ârten Sowjetunion. Als nach Stalins Tod 1953 darum der damalige erste Sekret├Ąr des ZK der KPdSU Nikita Chruschtschow der Erhaltung des Friedens einen besonders gro├čen Stellenwert einr├Ąumte, konnte er mit gro├čer Zustimmung rechnen. Er kn├╝pfte dabei an die Tradition sowjetischer Au├čenpolitik an, die seit Lenins Zeiten im Wesen immer Friedenspolitik war. Die friedliche Koexistenz wurde von Lenin als eine Form des Klassenkampfs verstanden, bei der das sozialistische Ru├čland und die kapitalistische Welt nebeneinander bestanden und auf einen kriegerischen Angriff verzichteten. Dennoch warnte Lenin: ┬╗Wir leben nicht nur in einem Staat, sondern in einem System von Staaten, und die Existenz der Sowjetrepublik neben den imperialistischen Staaten ist auf die Dauer undenkbar. Am Ende wird entweder das eine oder das andere siegen. Und bis dieses Ende eintritt, ist eine Reihe furchtbarster Zusammenst├Â├če zwischen der Sowjetrepublik und den b├╝rgerlichen Staaten unvermeidlich.┬ź1 Deshalb betonte Lenin, da├č der sozialistische Staat dem Imperialismus gegen├╝ber stets wachsam bleiben m├╝sse und da├č die friedliche Koexistenz nur durch Kampf mit den imperialistischen Staaten m├Âglich werde. Au├čerdem entwickelte Lenin gegen├╝ber den einzelnen kapitalistischen Staaten unterschiedliche Formen der Au├čenpolitik. Zu den vom Imperialismus gedem├╝tigten und unterdr├╝ckten L├Ąndern strebte er freundschaftliche Beziehungen an, obwohl sie dem Sozialismus feindlich gegen├╝berstanden. Grundlage der sowjetischen Au├čenpolitik war f├╝r Lenin der proletarische Internationalismus. Darauf baute die Politik der friedlichen Koexistenz mit kapitalistischen Regierungen auf. In seiner f├╝r den VII. Parteitag der KPR (B) ausgearbeiteten ┬╗Ersten Skizze eines Programmentwurfs┬ź definierte er sie als ┬╗Unterst├╝tzung der revolution├Ąren Bewegung des sozialistischen Proletariats (┬ů) in den fortgeschrittenen L├Ąndern┬ź und ┬╗Unterst├╝tzung der demokratischen und revolution├Ąren Bewegung in allen L├Ąndern ├╝berhaupt; insbesondere in den Kolonien und abh├Ąngigen L├Ąndern┬ź.2 F├╝r Lenin steht die gegenseitige Hilfe der verschiedenen Abteilungen des Weltproletariats ┬ľ der Arbeiterklasse im Sozialismus, des Proletariats in den kapitalistischen Nationen und der Befreiungsbewegungen der Kolonien bzw. der unterentwickelt gehaltenen L├Ąnder ┬ľ im Vordergrund. Das Prinzip der friedlichen Koexistenz galt allein f├╝r die Beziehungen zu den kapitalistischen Staaten. Die Einheit und eine gewisse St├Ąrke des sozialistischen Ru├člands waren eine der Voraussetzungen f├╝r die friedliche Koexistenz, da der Imperialismus schlie├člich immer die Vernichtung des Sozialismus im Auge hatte.

Auch Stalin hielt die Aufrechterhaltung friedlicher Beziehungen zu den kapitalistischen Staaten f├╝r eine unerl├Ą├čliche Aufgabe, sah aber realistischerweise Einschr├Ąnkungen: ┬╗Nur wenn auf beiden Seiten der Wunsch nach Zusammenarbeit besteht, die Entschlossenheit, eingegangene Verpflichtungen zu erf├╝llen, die Prinzipien der Gleichberechtigung und Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des anderen Staats zu respektieren, ist friedliche Koexistenz zwischen dem kapitalistischen und dem sozialistischen System durchaus m├Âglich.┬ź3 Er lehnte es ab, den Revolutionen der V├Âlker und der Arbeiterklasse in den kapitalistischen L├Ąndern die Unterst├╝tzung zu versagen, um sich bei den Imperialisten anzubiedern. Seinen ├ťberzeugung war folgende: ┬╗Es w├Ąre t├Âricht, anzunehmen, das internationale Kapitalwerde uns in Ruhe lassen. (┬ů) Es existieren Klassen, es existiert das internationale Kapital, und dieses kann der Entwicklung des Landes, das den Sozialismus aufbaut, nicht ruhig zusehen.┬ź4

Daran ankn├╝pfend entwickelte die chinesische Regierung im Jahr 1954 die ┬╗F├╝nf Prinzipien der friedlichen Koexistenz┬ź und ver├Âffentlichte sie in gemeinsamen Erkl├Ąrungen mit Indien und Burma: gegenseitige Achtung der territorialen Integrit├Ąt und Souver├Ąnit├Ąt, gegenseitiger Nichtangriff, gegenseitige Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten, Gleichberechtigung und gegenseitiger Nutzen, friedliche Koexistenz trotz unterschiedlicher Systeme. Die zehn Prinzipien, die 23 L├Ąnder Asiens und sechs Afrikas auf der Bandung-Konferenz von 1955, die als Ausgangspunkt f├╝r die Bewegung der Nichtpaktgebundenen gesehen werden kann, verabschiedeten, folgten der gleichen Tendenz.

Friedliche Koexistenz bedeutete immer eine Politik, welche die Widerspr├╝che zwischen den imperialistischen und anderen kapitalistischen L├Ąndern zu nutzen suchte. Sie bestand oft aus Zugest├Ąndnissen und Kompromissen und war also eine Gratwanderung zwischen kommunistischen Prinzipien und notwendiger Realpolitik. Niemals verwechselte eine kommunistische Partei unter Lenin, Stalin oder Mao Tsetung sie mit einem dauerhaften Frieden zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Immer wurde vor dem epochalen Hintergrund des ├ťbergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus und der damit verbundenen weltweiten Solidarit├Ąt der Arbeiterklasse agiert.

Allerdings ergaben sich f├╝r die kommunistischen Parteien mit der Phase der friedlichen Koexistenz neue Widerspr├╝che, da die Interessen des lange Zeit einzigen sozialistischen Staates nicht unmittelbar identisch mit denen der kommunistischen Parteien in den kapitalistischen Staaten waren ┬ľ ein grunds├Ątzliches Problem der Kommunistischen Internationale (Komintern). Der wohl heftigste Widerspruch ergab sich durch den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag vom August 1939, der f├╝r die Verteidigung der Sowjetunion unerl├Ą├člich war, nachdem die Westm├Ąchte ┬ľ Frankreich, Gro├čbritannien und die USA ┬ľ das B├╝ndnis mit ihr gegen den Hitlerfaschismus verweigert hatten. Aber f├╝r die anderen kommunistischen Parteien, vor allem f├╝r die polnische und die deutsche, bedeutete er eine immense Erschwernis ihres Auftretens und ihrer B├╝ndnispolitik. Die Selbstbehauptung der Sowjetunion, eben weil es das einzige sozialistische Land war, war f├╝r den weltweiten ├ťbergang vom Kapitalismus zum Sozialismus von entscheidender Bedeutung; dem mu├čten andere Interessen untergeordnet werden.

Zwei Staatensysteme nach 1945

Mit dem Sieg ├╝ber den Faschismus und der Errichtung von Volksdemokratien in Osteuropa erhielt der revolution├Ąre Proze├č einen gewaltigen Schub. Im Kr├Ąfteverh├Ąltnis der Klassen trat eine fundamentale Wandlung ein. Die Zeit der Einkreisung der Sowjetunion war zu Ende, denn es gab nun ein sozialistisches Staatensystem. Mit der Errichtung der Volksrepublik China umfa├čte es ein Drittel der Weltbev├Âlkerung. Das Lager des Sozialismus wuchs, und es schien sich auf einer fortdauernden Linie des Erfolgs zu befinden: Neben den osteurop├Ąischen Staaten und der Volksrepublik China kamen 1948 Nordkorea und 1959 Kuba dazu. Der antiimperialistische Kampf f├╝hrte zu einem Aufschwung der Befreiungsbewegung auf allen Kontinenten. Algerien, Angola, Chile, Kambodscha, Laos, Mo├žambique, Namibia, Nicaragua, S├╝dafrika, Vietnam seien stellvertretend genannt.

Die Situation war f├╝r die imperialistischen Regierungen alarmierend. Eine regierungsoffizielle US-Studie sah ┬╗die Lebenskraft unseres Systems in gr├Â├čerer Gefahr als zu jedem anderen Zeitpunkt unserer Geschichte┬ź.5 So entsprach die 1941 zwischen den USA, Gro├čbritannien und der Sowjetunion gebildeten Anti-Hitler-Koalition schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr ihren Interessen. 1947 entwickelte der Pr├Ąsident der Vereinigten Staaten, Harry S. Truman, eine Doktrin gegen den Sozialismus. Der Kalte Krieg begann. W├Ąhrend die kommunistischen Parteien in den zentralen kapitalistischen L├Ąndern politisch an Boden verloren, gewann die dort herrschende Klasse mit Hilfe des Marshallplans und anderer antikommunistischer Kampagnen an St├Ąrke. Da├č der Imperialismus die ideologische Hegemonie in der Bev├Âlkerung wieder erringen konnte, daran hatte die Sozialdemokratie einen wesentlichen Anteil. Mit ihrer Duldung konnten die aggressiven Kr├Ąfte des westdeutschen Kapitals mit der Remilitarisierung ihre Restauration bis 1956 vollenden ┬ľ im selben Jahr erfolgte das KPD-Verbot.

Das sozialistische Lager war trotz aller Erfolge und einer gewissen wirtschaftlichen Konsolidierung in einer schwierigen Situation. Das Atomwaffenmonopol der USA wurde zwar schon 1949 mit dem Bau der ersten sowjetischen Atombombe durchbrochen, aber erst 1958 verf├╝gte die UdSSR auch ├╝ber atomare Langstreckenraketen. Die Hochr├╝stung unter dem Druck des Kalten Krieges verschlang immense Summen, die f├╝r den Wiederaufbau und f├╝r die wissenschaftlich-technische Entwicklung dringend ben├Âtigt worden w├Ąren. Der Imperialismus war ├Âkonomisch, politisch und milit├Ąrisch immer noch um ein Vielfaches st├Ąrker. Durch die Folgen des Zweiten Weltkrieges hatten Gro├čbritannien und Frankreich ihre Vorrangstellung an die USA verloren. Diese nutzten ihre eindeutige F├╝hrungsrolle und zwangen das imperialistische Lager zu einer einheitlichen Strategie gegen den Sozialismus, so da├č Widerspr├╝che untereinander teilweise hinten angestellt wurden.6

F├╝r die sozialistischen L├Ąnder war es ungleich schwieriger, eine Einheit zu bilden. Die befreiten L├Ąnder befanden sich auf v├Âllig unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Au├čerdem waren in Osteuropa ausgepr├Ągte Nationalgef├╝hle entstanden, eine Folge des antifaschistischen Befreiungskampfs, der nicht zuletzt auch ein nationaler Befreiungskampf war. Das f├╝hrte zu Widerspr├╝chen unter ihnen und zur Gefahr, die jeweils eigenen nationalen Bed├╝rfnisse an die erste Stelle zu setzen. Jede Volksdemokratie baute praktisch f├╝r sich den ┬╗Sozialismus in einem Land┬ź auf. Insbesondere auf ├Âkonomischer Ebene folgten daraus verschiedene nationale Interessen. Konkret stand die Frage z.B. so: Sollte jedes Land seine eigene Schwerindustrie aufbauen, oder sollten die einen Stahl kochen und die anderen S├╝dfr├╝chte anbauen? Da ein Zusammenschlu├č aller sozialistischen Staaten im osteurop├Ąischen Bereich utopisch war, wurde mit dem Rat f├╝r gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) wenigstens versucht, einen gemeinsamen sozialistischen Wirtschaftsraum zu schaffen. Auf politischer Ebene entwickelte sich ein Gef├╝ge bilateraler Beziehungen, das sehr stark an der Sowjetunion orientiert war. Die sowjetische Hegemonie hielt zwar das sozialistische Lager zusammen, konnte aber den Mangel an einer Komintern, in der die kommunistischen Parteien der sozialistischen L├Ąnder gemeinsam ├╝ber ihre Zusammenarbeit h├Ątten entscheiden k├Ânnen, nicht kompensieren. Die Widerspr├╝che zwischen den verschiedenen nationalstaatlichen Interessen unterminierten langfristig die Politik des proletarischen Internationalismus. Sie wurden deshalb auch eifrig von imperialistischer Seite gef├Ârdert.

So kam das sozialistische Lager erneut in die Zange des Imperialismus. Der Opportunismus in den sozialistischen L├Ąndern entstand nicht aus blo├čen Ideen und auch nicht nur aus moralischer Verkommenheit, aus dem Verrat, sondern auch aus den real existierenden nationalen Widerspr├╝chen zwischen den sozialistischen L├Ąndern. Die komplizierte Lage beg├╝nstigte die Entwicklung revisionistischer Z├╝ge. Das besagt aber nicht, da├č es keinen anderen Weg gegeben h├Ątte. Es gab zwar kein Vorbild f├╝r diese Situation, wie nun die Beziehungen der kommunistischen Parteien von den Beziehungen der sozialistischen Staaten untereinander zu unterscheiden w├Ąren ┬ľ aber das Instrumentarium des Marxismus-Leninismus gab eine Richtung vor, von der die KPdSU unter Chruschtschow abwich. Statt die Schwierigkeiten und Widerspr├╝che beim Aufbau des Sozialismus zu thematisieren, wurde von den Revisionisten die Unumkehrbarkeit des Sozialismus behauptet und der Klassenkampf in diesem Gesellschaftssystem geleugnet.

Der moderne Revisionismus

Der moderne Revisionismus, im Unterschied zu dem Eduard Bernsteins und Karl Kautskys, entwickelte sich zun├Ąchst in den USA. Nach seiner Entlassung aus dem Gef├Ąngnis 1942 schlug der Vorsitzenden der KP der USA, Earl Browder, einen opportunistischen Kurs ein. Er propagierte die Klassenzusammenarbeit, verharmloste den US-Imperialismus, hielt die Kommunistische Partei f├╝r ├╝berfl├╝ssig und vertrat die Meinung, die herrschenden Kreise des US-amerikanischen Monopolkapitals seien an einem friedlichen Zusammenleben und einem freundschaftlichen Wettbewerb mit der UdSSR interessiert. Die Partei der Arbeit der Schweiz ver├Âffentlichte 1944 seine Gedanken in einer Brosch├╝re. Vor allem ├╝ber die aus den USA in verschiedene europ├Ąische L├Ąnder zur├╝ckkehrenden Emigranten wurden seine Vorstellungen in der kommunistischen Bewegung verbreitet. Insbesondere die f├╝hrenden Genossen des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens (BdKJ) nahmen seine revisionistischen Ideen auf.

Der BdKJ war, nachdem Tito die Marxisten-Leninisten ┬╗hinausges├Ąubert┬ź hatte ┬ľ 200 000 Mitglieder wurden ausgeschlossen, 30 000 verhaftet ┬ľ, fest in der Hand des Revisionismus. Der Parteivorsitzende der jugoslawischen Kommunisten nutzte seine Stellung und seine Verbindungen zu anderen kommunistischen F├╝hrungen f├╝r dessen Verbreitung. Er gab sich stets als Vertreter des Marxismus-Leninismus, fungierte aber als Leitfigur des Revisionismus.

Er hatte schon seit 1943 Kontakt zum britischen und US-Imperialismus und erhielt seit 1945 Unterst├╝tzung von den USA. Im ┬╗Abkommen ├╝ber gegenseitige Verteidigungshilfe┬ź gestand Tito den Imperialisten milit├Ąrische und diplomatische Koordinierung zu. 1949 sperrte er die jugoslawische Grenze f├╝r die griechischen Partisanen, nicht aber f├╝r die reaktion├Ąren griechischen Truppen. Damit unterst├╝tzte er direkt die Pl├Ąne Trumans zu Beginn des Kalten Krieges. 1950 gab Jugoslawien das staatliche Au├čenhandelsmonopol und damit einen Teil seiner Souver├Ąnit├Ąt auf. 1953 schlo├č das Land mit den NATO-Staaten T├╝rkei und Griechenland den Balkanpakt ab.

Unter dem Deckmantel der Blockfreiheit vertrat Tito den Standpunkt, da├č das Prinzip der friedlichen Koexistenz nicht nur f├╝r die Beziehungen zu den kapitalistischen Staaten, sondern auch zwischen den sozialistischen zu gelten habe. Er meinte, die Nichtpaktgebundenen sollten zu beiden Bl├Âcken gleich gro├čen Abstand wahren, die Prinzipien der friedlichen Koexistenz seien universal und allen Staaten gegen├╝ber anzuwenden. Damit widersprach Jugoslawien dem von Fidel Castro vertretenen Standpunkt, die sozialistischen Staaten seien die nat├╝rlichen Bundesgenossen der Nichtpaktgebundenen in ihrem Kampf gegen die imperialistische Vormundschaft.

Fehlende Komintern

In der kommunistischen Weltbewegung gab es heftige Auseinandersetzungen um den jugoslawischen Weg. 1955 rehabilitierte Chruschtschow Tito und stellte sich damit auf dessen Position. Er mu├čte ihn im Juni 1958 aus taktischen Gr├╝nden wieder verurteilen, nachdem seine Rolle bei den konterrevolution├Ąren Ereignissen in Ungarn offensichtlich geworden war. So ging der Kampf gegen den Revisionismus und damit um die richtige Strategie gegen den Imperialismus und f├╝r einen richtigen Umgang der sozialistischen Staaten untereinander hin und her. F├╝r die KPdSU war der XX. Parteitag 1956 allerdings der Wendepunkt. 1961 schlo├č sich die sowjetische F├╝hrung unter Chruschtschow dem Standpunkt von Tito an und erkl├Ąrte die Politik der friedlichen Koexistenz zur ┬╗Generallinie der Au├čenpolitik der Sowjetunion und der anderen Staaten des sozialistischen Lagers┬ź.7 Damit war das Prinzip des proletarischen Internationalismus in Frage gestellt und die Einheit des sozialistischen Lagers gebrochen.

Um diese schwierige Situation zu meistern, h├Ątte es einer starken Kommunistischen Internationale bedurft. Diese aber war 1943 nach l├Ąngeren Beratungen im Pr├Ąsidium des Exekutivkomitees der Komintern (EKKI) aufgel├Âst worden. Sein Generalsekret├Ąr Georgi Dimitroff begr├╝ndete diesen Schritt damit, da├č in der damaligen Etappe die kommunistischen Parteien als selbst├Ąndige nationale Parteien wirken sollten, um ihre verschiedenen spezifischen Aufgaben besser erf├╝llen zu k├Ânnen. So sollte ein Hindernis f├╝r die sich anbahnenden Volksfrontb├╝ndnisse gegen den Faschismus aus dem Weg ger├Ąumt werden. Au├čerdem wurde ein Proze├č der ├ťberwindung der Spaltung zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten angestrebt, wie er sich sp├Ąter z. B. in der SED manifestierte. Die sozialdemokratischen Parteien w├Ąren ohne Aufl├Âsung der Komintern nicht zu gewinnen gewesen. Diese an und f├╝r sich positive Entwicklung schuf andererseits aber starke ideologische Unsicherheiten. Die Zusammenarbeit der kommunistischen Parteien stellte sich nunmehr spontan her, da es keine regelm├Ą├čigen Treffen mehr gab. Jeweils bilaterale Beziehungen zur Sowjetunion bestanden nat├╝rlich, was das ├ťbergewicht der KPdSU verst├Ąrkte. Erst 1947 wurde von verschiedenen europ├Ąischen kommunistischen Parteien das Informb├╝ro gegr├╝ndet. Diese Einrichtung kritisierte die Entwicklung der jugoslawischen Partei, nachdem sich Tito einer Aussprache verweigert hatte, in eindeutiger, aber sachlicher Weise: da├č sie vom proletarischen Internationalismus abweiche und zum Nationalismus abgleite, da├č ┬╗die jugoslawischen F├╝hrer die Au├čenpolitik der UdSSR mit der Au├čenpolitik der imperialistischen M├Ąchte gleichzusetzen begannen und sich der UdSSR gegen├╝ber ebenso benahmen wie den b├╝rgerlichen Staaten gegen├╝ber┬ź. 1956 wurde das Kominformb├╝ro aber auf Wunsch von Chruschtschow ┬ľ ein Entgegenkommen f├╝r Tito ┬ľ aufgel├Âst und damit die wichtigste Institution f├╝r eine sozialistische Gesamtstrategie.

Auf der Moskauer Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien der sozialistischen Staaten von 1957 und 1960 konnte in den jeweiligen Abschlu├čdokumenten (die als Kompromi├čpapiere auch viele revisionistische Gedanken enthielten) zwar der Revisionismus als Hauptgefahr innerhalb der kommunistischen und Arbeiterbewegung benannt und seine wichtigsten Zielsetzungen entlarvt werden: ┬╗Der moderne Revisionismus ist bem├╝ht, die gro├če Lehre des Marxismus-Leninismus in Verruf zu bringen, er erkl├Ąrt sie f├╝r ┬Ťveraltet┬ő, behauptet, sie habe heute ihre Bedeutung f├╝r die gesellschaftliche Entwicklung verloren. Die Revisionisten sind bestrebt, die revolution├Ąre Seele des Marxismus auszumerzen und den Glauben der Arbeiterklasse und des schaffenden Volkes an den Sozialismus zu ersch├╝ttern. Sie wenden sich gegen die historische Notwendigkeit der proletarischen Revolution und der Diktatur des Proletariats beim ├ťbergang vom Kapitalismus zum Sozialismus, sie leugnen die f├╝hrende Rolle der marxistisch-leninistischen Partei, sie lehnen die Prinzipien des proletarischen Internationalismus ab, sie fordern Verzicht auf die grundlegenden Leninschen Prinzipien des Parteiaufbaus und vor allem auf den demokratischen Zentralismus, sie fordern, da├č die kommunistische Partei aus einer revolution├Ąren Kampforganisation in eine Art Diskutierklub verwandelt wird.┬ź8 Aber die Spaltung der kommunistischen Weltbewegung war nicht mehr aufzuhalten.


Dieser Artikel erschien zuerst in der "jungen Welt" vom 07.08.2007 (S. 10). Renate M├╝nder ist freie Journalistin aus M├╝nchen.


Anmerkungen:
1 Lenin: VIII. Parteitag der KPR (B), Bericht des Zentralkomitees, in: Werke, Bd. 29, S. 138
2 Lenin: VII. Parteitag der KPR (B), in: Werke, Bd. 27, S. 144 f.
3 Stalin: Antworten auf die Fragen amerikanischer Herausgeber, in: Prawda v. 2. April 1952, zitiert nach: Die Polemik ├╝ber die Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung, Berlin 1970, S. 297
4 Stalin: ├ťber die Arbeiten des vereinigten Aprilplenums des ZK und der ZKK, in: Werke, Bd. 11, S. 48
5 Zitiert nach Gerhard Feldbauer: Zum Opportunismus in der kommunistischen und sozialistischen Bewegung Italiens, in: Offensiv, Heft 7, 2003, S. 4
6 Dazu Sahra Wagenknecht: Antisozialistische Strategien im Zeitalter der Systemauseinandersetzung, Bonn 1995
7 Nikita S. Chruschtschow: Rede bei dem Empfang der Botschaft der Koreanischen
Demokratischen Volksrepublik in der Sowjetunion am 5. Juli 1961, zitiert nach:
Polemik ├╝ber die Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung, Berlin 1970, S. 305
8 Erkl├Ąrung der Beratung von Vertretern der kommunistischen und Arbeiterparteien
der sozialistischen L├Ąnder, Moskau 1957, zitiert nach Einheit, hg. vom ZK der SED, Heft 12, S. 16 f.


 
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  Kommentar zum Artikel von secarts:
Donnerstag, 06.09.2007 - 16:36

Genauerer h├â┬Ątte es wohl erster Sekret├â┬Ąr des ZK hei├â┬čen m├â┬╝ssen, zumindest sehe ich da keinen Widerspruch... Ich bin mir ganz sicher, dass Malenkow nicht zu Lebzeiten Stalins Erster Sekret├â┬Ąr wurde, Zeit zum Suchen von Belegen hab ich derzeit leider nicht :/ Hole ich, wenn unterdessen niemand anders Klarheit schaffen kann, aber nach, versprochen!


 m Kommentar zum Artikel von markus:
Donnerstag, 06.09.2007 - 16:08

"Nach dem IX. Parteitag vom 3. April 1922 w├â┬Ąhlte das ZK-Plenum des Zentralkomitees Stalin auf Lenins Antrag hin zum Generalsekret├â┬Ąr des ZK der Partei; auf diesem Posten arbeitete Stalin bis zum Oktober 1952, danach war er bis zum Ende seines Lebens Sekret├â┬Ąr des ZK." (Entsiklopeditscheskij Slowar - Enzyklop├â┬Ądisches W├â┬Ârterbuch - Band 3, Moskau 1955, S. 310).

ist das einzige was ich gerade dazu finde.


  Kommentar zum Artikel von secarts:
Mittwoch, 05.09.2007 - 01:21

Malenkow wurde direkt nach Stalins Tod (M├â┬Ąrz 1953) Erster Sekret├â┬Ąr, gab diesen Posten jedoch noch im selben Jahr (Juni oder Juli 1953) wieder ab; an Chruschtschow.
Ich glaube, dass auf besagtem XIX. Parteitag der Titel "Generalsekret├â┬Ąr" in "Erster Sekret├â┬Ąr" abge├â┬Ąndert wurde - bis zu seinem Tod bleib es aber auf jeden Fall Stalin selbst.


 m Kommentar zum Artikel von markus:
Dienstag, 04.09.2007 - 23:09

kurze frage: ganz zu anfang des textes hei├â┬čt es: ". Als nach Stalins Tod 1953 darum der damalige erste Sekret├â┬Ąr des ZK der KPdSU Nikita Chruschtschow ..."

war nicht zu der zeit malenkow der erste sekret├â┬Ąr? seit dem XIX. parteitag 1952 war meines wissens malenkow der erste sekret├â┬Ąr.


  Kommentar zum Artikel von hw:
Sonntag, 02.09.2007 - 12:14

Hat's dazu aus der jW eigentlich Reaktionen gegeben?
Da ist ja die Redaktionsstube voll von Trotzkisten...