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Von secarts

Gegen böse chinesische "Produktpiraten" muss man zusammenhalten, hat sich wohl die "Süddeutsche Zeitung" gedacht; anders lässt sich der Artikel, der gestern - immerhin über 2 Wochen nach Bekanntwerden des Falles - in der Online-Ausgabe erschien, nicht erklären: die chinesischen Studenten, die ihren Unmut über den von der Firma "Philipp Plein International" auf ein T-Shirt gedruckten Spruch "f-u-c-k you China, Manufactured in Europe, produced and designed by Philipp Plein" in Diskussionsforen äußerten, werden vom "SZ"-Autor prompt zum "Internetpöbel" erklärt, der "seit einer Woche Morddrohungen" gegen Philipp Plein versenden würde. Nun: die Frechheit, über diesen Fall im Internet (als erstes deutschsprachiges Medium überhaupt) zu berichten, haben auch wir uns nicht nehmen lassen. Damit gehören wir wohl ebenfalls zum neuen, digitalen "Pöbel"; und können ganz gut damit leben - "Morddrohungen" haben wir bisher jedenfalls nirgendwo, auch nicht in chinesischsprachigen Foren, entdeckt.

Unternehmenschef Plein, 29, wird in der "SZ" als Opfer einer gemeinen Kampagne dargestellt - nur gegen chinesische "Produktpiraten", die seiner "mit viel Arbeit und Herzblut" aufgebauten Firma "sehr zu schaffen" machten, hätte er mit "Ironie" vorgehen wollen, und eigentlich sei der Spruch ja nur ein kleiner Witz gewesen, teilt "Philipp Plein" der "SZ" mit - warum dieser ganz spezielle Humor bei Chinesen auf wenig Gegenliebe stieß, weiß die Zeitung auch: "Nur die Chinesen konnten nicht lachen. Ironie ist ihrer Kultur ohnehin fremd." Da kann man die Frage durchaus erweitern: Ist es Rassismus, ein ganzes Land und seine 1,4 Milliarden Bewohner, stellvertretend für einzelne "Produktpiraten", "ficken" zu wollen? Und ist es Rassismus, Pauschalverurteilungen gegen die Kultur eines ganzen Landes abzugeben, a la "Ironie ist ihnen fremd"? Typisch deutsche Überheblichkeit und miefiger Schrebergarten- und Stammtischdünkel, das zumindest scheint weder der "Süddeutschen" und der Firma "Philipp Plein" allzu fremd zu sein...

Nach zwei Wochen Plein-Bashing durch besagten "Pöbel" geht Firma Plein International nun zum Gegen-Gegenangriff über: "So werden wir vom Opfer zum Täter gemacht", wird eine Firmensprecherin von Philipp Plein in der "SZ" zitiert: "In Wirklichkeit sollten sich die Chinesen für ihre Produktpiraterie schämen". "Die Chinesen" wollen sich anscheinend nicht grosso modo dafür schämen, dass ein Designer ihr gesamtes Land beschimpft, und so reagierte auch das Beijinger Handelsministerium mit der Einberufung des schweizerischen und deutschen Botschaftsgesandten, um ihnen eine offizielle Rüge zu übermitteln. Firmenchef Plein wurde - der Firmenhauptsitz des gebürtigen Münchners liegt dort - in der Schweiz in die chinesische Botschaft bestellt. Die chinesischen Diplomaten forderten eine öffentliche Entschuldigung - "Sie wollen mich erpressen", sagt Plein gegenüber der "SZ" über die chinesische Regierung.

Der arme Mann, und sein mit Liebe und Herzblut errichteter mittelständischer Betrieb, nur ein "Opfer" von "Drohungen" und "Erpressung"? Ganz so einfach ist der Fall nicht, und zumindest die Medienpolitik des Hauses Plein ist mehr als merkwürdig. Im Internet kursieren Dutzende unter dem Namen "Philipp Plein" oder "Philipp Plein International" abgegebene Statements, die in der einen oder anderen Form relativieren wollen: der Spruch "f-u-c-k you China" sei in Wahrheit ein "the fascinating and urban collection - KISS you, China" gewesen, lautete eine der ersten "Erklärungen". Auf Anfrage bei der Firma Plein, ob diese und weitere unter dem Firmennamen abgegebene Erklärungen bestätigt werden konnten, erhielten wir keine Antwort. Die "kiss"-Erklärung, die natürlich auch eine aus der ersten Not geborene nachträgliche Relativierung sein kann, mag also authentisch sein oder nicht - immerhin wurde uns telefonisch von Seiten einer Firmensprecherin mitgeteilt, dass zuerst einige unkoordinierte Antworten auf Foren und Blogs, in denen das Thema diskutiert wurde, abgegeben wurden; manche der unter "Philipp Plein" erschienenen Kommentare werden also echt sein. Auch eine Entschuldigungsmitteilung, auf der offiziellen Firmenhomepage, wurde in einem dieser Texte angekündigt und uns ebenfalls telefonisch bestätigt - sie ist, eine Woche nach unserem Anruf, bei dem "technische Probleme" als Grund für die Verzögerung angegeben wurden, immer noch nicht online.

Die Wut chinesischer Studenten ist allerdings noch immer nicht verflogen: in chinesischsprachigen Foren wird weiterhin diskutiert, eine Anti-Plein-Webseite ist nun auch, neben englisch und chinesisch, auf deutsch verfügbar. Die "SZ" hat für dererlei Unmut über alltäglichen Rassismus auch eine ganz einfache Erklärung parat: "Jahrzehnte 'patriotischer' Propaganda durch die Kommunistische Partei hat viele Chinesen zu Nationalchauvinisten werden lassen. Oft genügt ein kleiner Anlass, und in den Internetforen tauchen Tausende rassistischer Kommentare auf", schlußfolgern die Süddeutschen.

Vollends in den trüben Morast antichinesischer Verschwörungstheorien gleitet ein Weblog ab, das nicht nur die Protestierenden in der Nähe von "Neonazis" (!) verortet, sondern auch gleich den Schuldigen zur Hand hat: "Meiner Meinung nach haben die Gehirnwäscher vom Kindergarten bis zur Uni in der VR China ganze Arbeit geleistet. Ihre Kader sind schon in Deutschland angekommen, um mit einem Agitprop, dem nichts zu peinlich ist, die Jungs und Mädels hier auf Linie zu halten: 'F-U-C-K YOU CHINA'", schreibt der Blogger... Die "Kader" sind einfache Studenten, die - manchmal vielleicht in der Wortwahl ungeschickt, aber dies sollte die fehlende Sprachkenntnis rechtfertigen - eine allgemeine gesellschaftliche Stimmung in Deutschland, die mehr und mehr in Richtung Xenophobie kippt, wahrnehmen und an einem bestimmten Punkt die Geduld verlieren - ihre Reaktion wurde weder gelenkt, noch gesteuert, auch nicht durch "Gehirnwäscher" von der KP Chinas. Die "jungen Menschen in Deutschland - Chinesen und aller anderen Nationalitäten - werden als langer Arm von Chinas Außenpolitik instrumentalisiert", legt der Blogger in einem zweiten Beitrag zum Thema nach - und trotz stolzem Verweis auf die guten "Google-Rankings" seiner Elaborate muss er staunen, denn "trotz der Aufklärung nehmen die Agitatoren keine Vernunft an" - "Wie erwartet, geht Chinas Hetze unsachlich gegen ein mittelständisches europäisches Textilunternehmen weiter". Wenn die Welt mal so einfach wäre: die manipulative KP Chinas, nein - die ganze Volksrepublik! - im Struggle gegen einen harmlosen europäischen Mittelständler; mit ihren ferngesteuerten Auslandschinesen und nützlichen deutschen Idioten...

Doch, aber - so einfach ist die Welt nicht. Es braucht weder "Nationalchauvinisten" oder Propaganda einer Kommunistischen Partei, noch "patriotische Erziehung", um sich über deutschen Rassismus aufzuregen - die chinesischen Forendiskussionen drehen sich längst um viel mehr als nur den Fall "Philipp Plein": seit Jahren trommeln deutsche Medien gegen die neue "gelbe Gefahr"; von "Arbeitsplatzvernichtern", "Billigkopierern" und "Standortgefährdern" ist die Rede; der "Spiegel" ruft gar zu einem "Weltkrieg um Wohlstand" auf... Die hier lebenden und studierenden Chinesen bekommen diese Hetze selbstverständlich auch zu spüren - noch überwiegend verbal, durch schreiende "Bild"-Schlagzeilen oder martialische "Spiegel"-Titel. Wie schnell so etwas im schwarz-rot-geilen Deutschland kippen kann und zu lebensgefährdender Gewalttätigkeit gegenüber allem, was "anders" aussieht, ausartet, lässt sich in der Kriminalitätsstatistik unter "rassistisch motivierter Gewalt" und "rechtsextremen Straftaten" nachschlagen. Sich über rassistische Sprüche eines Designers im Internet aufzuregen ist keineswegs selbst "Rassismus", wie die "SZ" messerscharf zu analysieren versucht oder staatlich gelenkte "Hetze" gegen irgendeinen für Chinas Volkswirtschaft absolut unbedeutenden Mittelständler, wie uns der verschwörerische Blogger weißmachen will - es ist die absolut legitime und richtige Reaktion auf einen Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Die tendenziöse, antichinesische Propaganda, die seit Jahren auf die Konsumenten deutscher Medien einprasselt und die die Volksrepublik China für alle möglichen Übel verantwortlich macht, vergiftet das Klima in diesem Lande und führt in der Konsequenz auch zu solchen Ausfällen, wie sie nun aus dem Hause "Philipp Plein" tönen.

Schade, dass wir auch weiterhin über eine solche Geschmacklosigkeit berichten müssen; besser wäre es für alle Beteiligten, die Geschichte endlich angemessen zu begraben - auch und vor allem für die Firma Plein, die längst Schützenhilfe von Kräften bekommt, die ihr letztlich durch unsachliches Geraune über irgendwelche Verschwörungen und Gehirnwaschungen mehr schaden als nutzen: "Philipp Plein" sollte sich die Erörterungen über die chinesische "Erpressungs"-Politik, das Gegreine über die "Produktpiraten" aus der Volksrepublik - in der die Firma Plein übrigens selbst billig produziert!! - und die Relativierungen über den mehr als nur dummen Spruch, der auf den T-Shirts prangt, also besser sparen. Angebracht wäre, was schon lange angekündigt wurde: eine öffentliche Entschuldigung, auf der Firmenwebseite.

Und wir, als Teil des "Internetpöbels", bleiben dabei: solange dies nicht passiert, ist Boykott angesagt!

 
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  Kommentar zum Artikel von Angelo:
Donnerstag, 27.06.2013 - 16:37

An Herrn Rich Wellner

Es gibt genügend Klamotten von Philipp Plein wo es auch draufsteht,zumindest Plein.

Und am Ettikett sowieso.

Wie er sein Geld macht Weise er selbt am besten,wenn Leute es kaufen ist doch OK.

Denen gefällt seine Mode,also was gibt es da zu mekkern?


  Kommentar zum Artikel von Rich Wellner:
Donnerstag, 28.02.2008 - 20:19

Das wirklich schlimme daran ist, dass der sogenannte Philipp Plein gar kein Designer Marken Name ist, sondern lediglich unter diesem Namen gepimpte Produkte weiterverkauft werden. Ich nenne das Betrug, und leider gibt es dagegen keine Gesetze. Jetzt hetzt er nur dagegen, dass seine Markenmanipulation funktioniert. Warum sollen Firmen nicht, die die Produkte für sogenante Marken ihre Produkte nicht selbst verkaufen dürfen ? Sie schreiben ja den Namen Philipp Plein nicht drauf, oder ? Phillip Plein ist nur Weiterverkäufer, also wer ist hier der Übeltäter ?

mfg Rich