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Vor genau 6 Monaten verlor der FC St.Pauli in Dresden peinlich 0:3 und fiel am 17. Spieltag auf den 13.Tabellenplatz zur├╝ck, zwei Pl├Ątze trennten ihn noch vom Abstieg in die Oberliga Hamburg (die 4.Liga). Es folgte die Entlassung des Trainers, ein totales Chaos mit gegenseitigen Vorw├╝rfen um den Pr├Ąsidenten. Der Pr├Ąsident tritt zur├╝ck, wenige Tage sp├Ąter klagt er sich wieder in sein Amt; St.Pauli unterwegs! Dann sucht man einen Trainer, weil man den zuletzt erfolglosen, bekennenden Antifaschisten Bergmann, der das Team ins DFB-Pokal-Halbfinale 2006 gebracht hatte (wo sie ungl├╝cklich gegen Bayern M├╝nchen ausschieden), entlassen hat. Man findet aber niemand Geeigneten, das Geld ist auch mal wieder knapp und so wird der 37j├Ąhrige Holger Stanislawski, der eigentlich als Manager fungieren sollte und bis vor kurzem selbst noch f├╝r St.Pauli auf dem Feld stand, Trainer. Damit beginnt sich die Mannschaft zu festigen und holt Punkt um Punkt, insgesamt 40 in 19 Spielen. Da das Feld dieses Jahr in der Regionalliga sehr eng war und viele Punkte sich gegenseitig abgenommen wurden, reichte dies, um am heutigen 25.Mai - 6 Monate nach dem Tiefpunkt - im R├╝ckspiel gegen Dresden den Aufstieg in die 2.Bundesliga perfekt zu machen!!! Man gratuliert, dass nach vier langen und nicht selten bitteren Jahren in der Regionalliga (3.Liga), der Verein dorthin zur├╝ckgehrt, wohin er mindestens (Zitat Pr├Ąsident Littman, 25.05.07) hingeh├Ârt: in die 2.Bundesliga, jep!!

Wer sich mit der Geschichte des FC St.Pauli nicht so genau auskennt, dem sei hier in aller K├╝rze das Wichtigste dargelegt:

Seit seiner Gr├╝ndung im Jahre 1910 ist der FC St. Pauli auf dem Heiligengeistfeld beheimatet und entwickelte schnell eine tiefe Verbindung zum wohl ber├╝hmtesten Stadtteil Deutschlands und seinen Bewohnern. Wobei festgehalten werden muss, dass der Verein - gerade w├Ąhrend des Naziregimes - wahrlich keine ber├╝hmte Rolle gespielt hat und das politisch fortschrittliche Umfeld erst in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, also im letzten Drittel seiner bisherigen Geschichte, bekommen hat. Aber der Reihe nach:

Eine erste sportliche Bl├╝te begann nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich 1948 die legend├Ąre "Wunderelf" bis ins Halbfinale der deutschen Meisterschaft spielte. Dies ist bis heute der gr├Â├čte sportliche Erfolg des FC St.Pauli, danach kommt schon der Einzug ins Pokalhalbfinale vor einem Jahr.

1977 gelang erstmals der Sprung in die 1. Fu├čball-Bundesliga, endete aber mit dem direkten Wiederabstieg und dem Konkurs des Vereins aufgrund von Bilanzbetrug und Misswirtschaft. So fiel man in die 3.Liga, die damalige Oberliga Nord und begann bescheiden, mit einigen Kleinbussen fuhren Mannschaft und Fans gemeinsam zu Ausw├Ąrtsspielen usw.. 1984 gelang (vergleichbar mit dem heutigen Tag!) der Wiederaufstieg in den bezahlten Fu├čball, die damalige 2.Bundesliga Nord.

Parallel zum Wandel des Stadtteils, der immer mehr Studenten, Punks und K├╝nstler anzog, gruppierte sich ab Mitte der 80er Jahre eine alternative Fanszene am Millerntor und hisste erstmalig die Piratenflagge im Stadion. Fortan diente der Totenkopf als Verk├Ârperung der rebellischen und k├Ąmpferischen Grundhaltung des Vereins und seiner Fans.

Diese Einstellung wurde mit dem erneuten Aufstieg in die 1. Bundesliga im Jahre 1988 zu einem vielbeschworenen Mythos. Denkw├╝rdige Fu├čballschlachten wurden am heimischen Millerntor gegen scheinbar ├╝berm├Ąchtige Gegner ausgespielt. Dennoch stand der friedliche und faire Umgang mit dem sportlichen Widersacher stets im Vordergrund. Der FC St. Pauli war u.a. der erste Fu├čballverein, dessen Stadionordnung rechtsnationale Tendenzen von vornherein ausschloss. Ein Fanmagazin rief dagegen zum Klassenkampf gegen den FC Bayern M├╝nchen auf, was den Bayernmanager Uli Hoene├č zu einem seiner legend├Ąren, ha├čerf├╝llten Interviews hinriss. So gehts auch dieses Jahr: Bayern nur im UEFA-Cup und St.Pauli aufgestiegen, gab schon schlechtere Saisonabschl├╝sse.

Seit 1991, mit einer zweij├Ąhrigen Unterbrechung (1995 - 1997) wieder in der 1. Bundesliga , wurden die durch Weltoffenheit und Kreativit├Ąt gepr├Ągten Fu├čballfeten in der 2. Bundesliga gefeiert.

Am 20. Mai 2001 gelang einem jungen FC St. Pauli-Team in einem Herzschlag-Finale im N├╝rnberger Frankenstadion der vierte Aufstieg in die erste Bundesliga. Dies war besonders bemerkenswert, weil St.Pauli den geringsten Etat aller 2.Liga-Vereine hatte und mit den notorischen Schulden und Altlasten zu k├Ąmpfen hatte. Daf├╝r waren es aber weiterhin die meisten verkauften Dauerkarten und ungebrochene Sympathie bei allen denkenden Fu├čballfans.

Als denkw├╝rdige Erinnerung an die 1. Bundesliga bleibt den Spielern und Fans der 2:1 Sieg am 6. Februar 2002 gegen den FC Bayern M├╝nchen in einer unfassbaren Athmosph├Ąre am Millerntor. Der Titel "Weltpokalsiegerbesieger" wurde gepr├Ągt! T-Shirts mit diesem Aufdruck gibt es noch heute im Fan-Shop des FC St. Pauli. Diese sicher geglaubten drei Punkte fehlten den Bayern am Ende zur deutschen Meisterschaft, St.Pauli stieg allerdings wieder ab.

Die Talfahrt hielt trotz hartem Kampf auch in der 2. Bundesliga ungebremst an, so dass der FC St. Pauli direkt in die Regionalliga Nord durchgereicht wurde. Sportlich und finanziell stand der Verein am Abgrund. Was folgte war eine wohl einzigartige Aktion im deutschen Fu├čball. Die Fans des FC St. Pauli organisierten sich, und das bundesweit, und unterst├╝tzen die so genannte "Retter-Kampagne".

Die letzten vier Jahre spielte der FC St. Pauli also in der Regionalliga Nord und hatte dabei abgesehen vom letztj├Ąhrigen Pokalerfolg bis auf die letzten Monate nicht wirklich viel hinbekommen. Doch als man den drohenden Abstieg in Liga 4 und das erneute totale Chaos vor Augen sah, drehte der Wind, denn: Gib niemals auf! und ┬äWunder┬ô gibt es immer wieder... Und so trug eine gewaltige Heimst├Ąrke die Mannschaft nach vorne und heute definitiv zum Aufstieg in die 2.Liga! Es war erstaunlich, mit wie viel Geduld und Liebe die Fans die Spiele in der Regionalliga ertragen haben. Dass die Sympathien weiterhin ungebrochen sind, zeigt auch der Verkauf der Dauerkarten in der dritten Liga. Der FC St. Pauli ist mit knapp 10.000 verkauften Saisonkarten absoluter Spitzenreiter und liegt damit weiterhin h├Âher als die meisten 2.Liga-Vereine.

In drei Jahren, im 100. Jahr des Bestehens zum f├╝nften Mal in die Bundesliga aufzusteigen w├Ąre ein sch├Ânes, n├Ąchstes Ziel! Bis dahin warten wir kurzfristig auf den neuen Trainer, Volker Finke vom SC Freiburg ist doch gerade entlassen, w├Ąre das nichts? Also dann: Gl├╝ckwunsch St.Pauli, Totgesagte leben l├Ąnger!

 
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