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Nachdem sich Pangäa, der letzte Superkontinent der Erdgeschichte, vor etwa 150 Millionen Jahren aufzulösen begonnen hatte, spreizte sich vor 135 Millionen Jahren der Atlantik immer weiter, so dass sich der bisherige Kontinent Laurasia, d.h. das miteinander verbundene Nordamerika und Eurasien, ebenfalls trennte. Wenn man so will, bedeutete dies die Herausbildung des Kontinents Europa, der genau genommen aber bloß als Subkontinent anzusehen wäre. Die heutigen Umrisse der Kontinente zeichneten sich zwar erst gegen Ende der Kreidezeit, vor 65 Millionen Jahren, deutlich ab, aber dennoch: Europa ist 135 Millionen Jahre alt und definiert sich über die Abgrenzung zu Nordamerika.

Die meisten europäischen Regierungen und die EU-Kommission wollen uns in diesen Tagen jedoch einreden, Europa feiere gerade seinen 50. Geburtstag. Denn am 25. März 1957 seien die "Römischen Verträge" unterschrieben und somit die entscheidenden Vorläuferstrukturen der heutigen EU begründet worden. Mit diesen Römischen Verträgen gründeten die BRD, Frankreich, Italien und die Benelux-Staaten einerseits die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWR), andererseits die Europäische Atomgemeinschaft (EAG oder Euratom). Gemeinsam mit der bereits seit 1952 bestehenden Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) bildeten diese ab 1967 die Europäischen Gemeinschaften (EG), die 1993, erweitert durch die Aufgabenbereiche Militär, Polizei und Justiz, in die Europäische Union (EU) umgewandelt wurden.

Es erscheint recht infantil, die EU und Europa inhaltlich gleichsetzen zu wollen, oder aber ziemlich dumm, beides tatsächlich nicht voneinander unterscheiden zu können. Die EU breitet sich über eine Fläche von 4,3 Millionen Quadratkilometern aus, Europa hat aber eine Fläche von 10,4 Millionen Quadratkilometern. 46 Staaten liegen in Europa, aber nur 27 davon sind Mitglieder der EU. Also handelt es sich schlichtweg um einen armseligen Propagandaschmäh der EU. Es soll vorgegaukelt werden, es handle sich um eine kosmopolitisch-humanistische "europäische Integration" im Sinne der Völkerverständigung, Menschenrechte und Demokratie, des Friedens und der sozialen Sicherheit. Nur ist aber bedauerlicherweise das genaue Gegenteil der Fall - und nichts als der geburtstägliche Anlassfall könnte dies besser unterstreichen. Denn worum ging es 1957?

Die Römischen Verträge sind kein Übereinkommen europäischer Nationen. Sie sind Wirtschaftsübereinkommen zwischen europäischen Konzernen und Banken, Verträge des europäischen Monopolkapitals, ausgeführt durch ihre imperialistischen Staaten. Damals ging es, ebenso wie in der heutigen EU, um ökonomische und militärstrategische Interessen des Imperialismus, nicht um Friedens- und Sozialpolitik, Demokratie und Menschenrechte. Es ging und geht nicht um die Freiheit der Menschen, sondern um die Freiheit des Kapitals. Herausgekommen ist im Gefolge der Römischen Verträge daher auch ein simples imperialistisches Bündnis, keine Gemeinschaft für die und der Menschen, sondern eine Kapitalgemeinschaft. Völlig richtig bezeichnete Werner Schneyder vor wenigen Tagen die EU als "Syndikat", das nicht unkontrolliert bleiben dürfe. Das bleibt es aber, denn die Eurokraten werden wohl kaum freiwillig ihre Macht abgeben. Als politisches Syndikat des europäischen Monopolkapitals ist die EU per se undemokratisch, ja antidemokratisch. Sie vertritt nicht die Interessen der Menschen und Nationen, sondern die des Kapitals: die EU ist keine Sozialunion für die Werktätigen, sondern eine Asozialunion der kapitalistischen Parasiten für sich selbst. Da den Menschen in und außerhalb der EU deren imperialistischer Charakter in ökonomisch-sozialer Hinsicht nicht verborgen bleiben wird, muss die EU diesen auch militärisch erhalten und durchsetzen können: daher steht die EU auch nicht für Friedenspolitik, sondern für Militarisierung, Aufrüstung und Krieg. Daneben dient die EU-Militarisierung freilich auch dem Zweck, früher oder später ein gleichberechtigter (d.h. gleichstarker) imperialistischer Widerpart zur momentanen Hegemonialmacht USA sein zu können.

In der EU bestimmen also die Großbanken und Versicherungen, die Öl- und Energiekonzerne, die Rüstungs- und Kfz-Industrie, Handels- und Transportriesen und nicht zuletzt die Atomlobby, wie Europa und die Welt auszusehen haben. - Was gibt es jetzt also zu feiern? Für die europäischen Nationen: nichts (in Worten: 0). Es feiern ja auch nur die Regierungen der EU-Staaten und die Institutionen der EU, etwas im Hintergrund die Konzerne, Banken und Militärs. Den Menschen sind diese Selbstbefeierungen berechtigterweise schnurzegal. Die einfachen Menschen haben ja auch andere Probleme, als die politischen und ökonomischen Eliten Europas für ihr asoziales und antidemokratisches imperialistisches Bündnis hochleben zu lassen - sie müssen nämlich tagtäglich ausbaden, was diese mit der EU und auch auf nationalen Ebenen anrichten.

Im eingangs erwähnten "Europa" der Kreidezeit, als sich der Subkontinent herausbildete, hatten die Dinosaurier nicht nur diese Weltgegend, sondern die gesamte Erde fest in den Klauen. Die einzigen Säugetiere, die es bereits gab, waren vergleichsweise winzige Insektenfresser. Und dennoch sind die gigantischen Reptilien ausgestorben, während das höchstentwickelte Säugetier heute die Welt beherrscht. Eine dicke Panzerung, ein großes Maul, ein gieriger Schlund und alles zerstampfende Füße sind letztlich nichts wert, wenn das Gehirn so groß ist wie eine Erbse und über den Fresstrieb nicht hinauskommt. Der europäischen Monopolbourgeoisie wird es ähnlich gehen wie den scheinbar allmächtigen Dinosauriern. Sie wird mitsamt ihrem EU-Konstrukt von der Erde vertilgt werden. Dies markiert das Ende der Vorgeschichte der Menschheit, deren eigentliche Geschichte damit beginnen wird. Die antiimperialistischen und antimonopolistischen Kämpfe gegen die EU sowie alle Klassenkämpfe vergangener Jahrhunderte werden dann soweit entrückt erscheinen wie das Massensterben der Dinosaurier am Ende der Kreidezeit.

Vor diesem Hintergrund und mit dieser Zielsetzung bleibt nur noch, Europa wirklich alles Gute zu wünschen. Alles Schlechte haben wir ja schon - nicht zuletzt dank der EU.

 
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