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Von eva

18.2., 22.40 Uhr. Endlich wieder in Jo'burg (Johannesburg klingt wie leider noch so vieles hier nach der Apartheid einfach zu burisch). Der vertraute Geruch nach subtropischer Savanne, nicht der Treibhaus-Mief wie in Asien ... Mein Genosse Gastgeber holt mich ab; 25 Jahre Anti-Apartheid-Kampf, Soweto-Aufstand, Verhaftung und Folter, das volle Programm ... Vor sieben Jahren waren wir gemeinsam in Cuba zum Welttreffen 2000 und haben anschliessend versucht, die von ihm in Jo'burg gegründete Marxistische Arbeiterschule zu unterstützen. Die Normalität des täglichen Existenzkampfes hatte zwischenzeitlich alles weggespült, und es galt nun, einen Neuanfang zu wagen ...

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Der ANC hat sich inzwischen, d.h. seit den ersten demokratischen Wahlen 1994, als Verteter der südafrikanischen Bourgeoisie einschliesslich der neuen Klein- und Mittelbourgeoisie (sprich: sozial aufgestiegene Schwarze) etabliert, die SACP (KP Südafrika) als neue Sozialdemokratie. Sowas brauchte man unter dem Apartheid-Regime noch nicht ...

Die “Klassennormalität” ist überall sichtbar: Schwarz und weiss sind überall sichtbar, schwarz natürlich mehr unten, weiss mehr oben. Wer aber das “Vorher” kannte, empfindet durchaus den demokratischen Fortschritt, wenn er an den Cafetischen Inder, Schwarze, Couloreds (Mischlinge) und Weisse in angeregte geschäftliche Unterhaltungen - mit Handy am Ohr, versteht sich – beobachten kann. Ueberhaupt könnte Jo'burg auch in Europa oder Nordamerika liegen, auf den ersten Blick zumindest: keine hungernden Bettler in den Strassen, letztere auch als solche zivil befahren, jede Menge Begrünung, Shopping ohne Ende ...

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Man muss schon einen Ortskundigen bei sich haben, der einem erklärt, dass z.B. die schwarzen Verkehrsregler von der Regierung aus den - ehemals und immer noch - schwarzen Townships für ein Jahr OHNE Lohn eingesetzt sind – mit der vagen Aussicht auf einen Job im Staatsdienst ... Oder dass eine umgefahrene Ampel ein paar Wochen mit aller elektrischen Kabelage erstmal liegen bleibt, bis sich die Betuchteren so lange medial wirksam beschweren, bis die Stadt reagiert ... Oder dass Arbeiter, die im offenen Pick-up zur Baustelle gefahren werden, anschliessend zusehen müssen, wie sie nach Hause kommen. Und das heisst hier: laufen, denn es gibt nur den privaten Verkehr – kaum Buslinien, keine Metro, keine Strassenbahn – naja, und der kostet dann gleich bis zu 50% des Tageslohns. (Metro gibt es in Jo'burg deshalb nicht, weil hier in der zweiten Haelfte des 19. Jahrhunderts Gold gefunden wurde, und dieser Fleck neben der Cecil-Rhodes-Gesellschaft (heute noch Anglo American) mit dem Burenkrieg im Gefolge auch allerhand unorganisierte Goldsucher angezogen hat und die Schächte heute noch unter der Erde liegen.)

Jo'burg ist dadurch hügelig geworden und in die Breite gegangen: ca. sechs Millionen Menschen leben hier auf 40 km x 60 km Fläche (entspricht etwa dem Ruhrgebiet). Es ist das Finanzzentrum Südafrikas, beherbergt ausserdem Maschinenbau und Metallverarbeitung im grossen Stil. 80% aller wirtschaftlichen Aktivitäten finden hier statt.
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Waehrend die Apartheidszeit hier vor allem dem britischen und deutschen Kapital gehörte, hat inzwischen die USA heftig aufgeholt und eine neue Runde im Verteilungskampf eingeläutet. Dem imperialistischen Kapital steht allerdings auch die Konkurrenz des über ein Jahrhundert gewachsenen südafrikanischen (ursprünglich burisch/britischen) Kapitals gegenüber, das eine im globalen Vergleich extrem hohe Zentralisation aufweist (darüber mehr in einem extra Referat).

Wie schon eingangs erwähnt, gibt es hier keine Partei und damit konsequente Interessenvertretung der Arbeiterklasse mehr. Der Gewerkschaftsverband COSATU wurde nach 1994 u.a. vom DGB von revolutionären in reformistische Bahnen gelenkt ... Es gibt allerdings eine recht starke Organisation der Landlosen, die die endliche Durchführung der versprochenen Landreform fordert (lediglich 3% des Landes in Staatsbesitz und lediglich Land aus freiwilligem Verkauf des einst Gestohlenen wurden bisher umverteilt). Sehr stark sind außerdem die zahlreichen AIDS-Gruppen, die die Freigabe der AIDS-Präparate fordern. Süadrika gehoert zu den wenigen afrikanischen Ländern, die über ein breites Netzwerk an eigenen (!) NGOs und Bürgerinitiativen verfügt – im Gegensatz zu den anderen afrikanischen Ländern, die massgeblich von NGOs aus den imperialistischen Ländern beherrscht werden.

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Interessant ist auch die Medienlandschaft: Trotz Abwesenheit einer linken Presse erfährt man hier sogar in einer Wirtschaftszeitung interessante Dinge über Afrika, u.a. Putschversuche imperialistischer Staaten in Gegenden, die die meisten erstmal im Atlas orten müssen ... Oder das Hochglanzmagazin “The New African” berichtet über die langjährigen geheimen Treffen 1988 bis 1992 zwischen der ANC- und US/britischen Regierungen über die “Zeit danach”, d.h. die Sicherung kapitalistischer Verhältnisse in Suedafrika.

Als medial verwertbare Sensation taucht die weitverbreitete Selbstjustiz auf, insbesondere wenn sie ganz besonders krasse Formen annimmt: z.B. wenn eine Putzkolonne = Frauen kurzerhand vom Kleinchef in die Waschmaschine gesteckt werden oder ein renitenter Landarbeiter von seinem Feudalherrn den Löwen zum Frass vorgeworfen wird. Dazu muss man wissen, dass in Südafrika das „Subsidiaritätsprinzip“ einen sehr grossen Stellenwert hat: Es gibt viele rechtsfreien Räume, in denen der Staat den lokalen reaktionären Machstrukturen das Feld überlässt.
So ist es gerade im Kleingewerbe (Taxi-Unternehmen etc.) gang und gäbe, dass man die Ahndung von Betrug und Bedrohung selbst regelt, vorzugsweise mit Methoden, die das Burengeschmeiss früher gerne an der einheimischen Bevölkerung exerzierte: Peitschenschläge, Tranchierungen oder Verbrennungen (lebendig, versteht sich).
Ein Stück dieser Barbarei wurde als eine der Altlasten der Apartheid noch mitgenommen ...


Fortsetzung folgt.

 
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