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Von secarts

Der "Spiegel" ist bekanntermaßen die Hauspostille der aggressiveren und auf eher Alleingang setzenden Fraktionen des deutschen Kapitals - was oft so gerne als zynische Kodderigkeit mißinterpretiert wird, ist beim "Spiegel" Programm: die Welt ist böse, will Deutschland an's Leder und wird tendenziell von mehr oder weniger gefährlichen Irren regiert. Rußland unter dem "Autokraten" und "neuen Zaren" Putin, Amerika unter dem "Cowboy" Bush, Polen unter den "nationalistischen Zwillingen" Kaczyński - sie alle haben was gegen unser schönes Deutschland, dem der "Spiegel" seit Jahren und zuletzt gesteigert während der WM einen "gesunden Patriotismus" als Roßkur verschrieben hat. Sie wollen unseren Wohlstand, terrorisieren die Welt und schmälern unseren (unseren?) Anteil an der Beute...

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© by der "Spiegel" Großbildansicht rospanz20060370001-312.jpg (131.8 KB)
Deutschland - bereit zum dritten Weltkrieg um Wohlstand?
Besonders schlimm ist natürlich die Volksrepublik China; beliebtestes Haßobjekt der Weltstrategen aus Hamburgs Redaktionshochhaus: die machen ganz einfach, was sie wollen, klauen obendrein unsere (unsere?) Patente und ruinieren den fleissigen deutschen Mittelstand mit mehr als unfairen Methoden. Nun, die "unfairen Methoden", derer sich die Volksrepublik China bedient, sind eigentlich die, mit denen die jetzigen "Global Players" unter den Nationalstaaten mal groß geworden sind: Kampf gegen Schutzzölle, Waren- und Kapitalexport, Kreditvergabe an ärmere Länder. Das alles ist für die "Spiegel"-Apologeten auch halb so schlimm oder gar noch "humanitär", wenn es aus Deutschland kommt - dramatisch wird's, wenn sich Mächte, die keinem deutschen Einfluß unterliegen, dieser Methoden bedienen. Das jagt dem deutschen Kapital einen gehörigen Schrecken ein: seine Macht ist begrenzt. Und das wird ihm auch noch tagtäglich vorgeführt.

Doch auch deutsche Kapitalisten dürfen noch träumen. Von Weltmacht; von ungeheuren Profiten; von einer Welt, die aus deutschen Vorstandsetagen regiert werden kann. Und von der Beseitigung aller Hindernisse, die diesem Ziel im Wege stehen. Der "Spiegel", adressiert an die Verstandes- und Vorstellungswelt des deutschen Kleinbürgers, dem es die hehren Erfordernisse der deutschen Monopole nahezubringen gilt, überrascht seit dem Jahreswechsel mit einer neckischen Serie, ganz in der Tradition großer Utopisten: "die Welt im Jahre 2065" heißt das, und es ist der geballte Wunschtraum des deutschen Imperialismus, der dort - wenig bis gar nicht kaschiert - durch die Zeilen schimmert.

Die "Welt im Jahre 2065", das ist nach Meinung der "Spiegel"-Lohnschreiber das, was aus der Kreuzung eines im nächsten Kriege siegreichen Großdeutschlands, einer akademisch verbrämten intellektuellen Laubenpiepermentalität und einer nicht zu knauserigen Dreingabe Amphetaminen enstehen würde: Deutschland hat im Jahre 2065 zwar "die Globalisierung gemeistert" und weite Teile der deutschen Scholle wurden gar - auch die "Grünen" soll's ja nicht umsonst gegeben haben - zu "Öko-Reservaten" gemacht. Das Land ist allerdings - immer noch, vielleicht aber auch schon wieder - stark überaltert ("schwarz-rot-greis!"), weil die neueingeführten Mutterkreuze, verliehen durch Eva Herman, nicht so wirklich gut ziehen wollen, und wird obendrein - die Angstphantasie jedes elitären kleinbürgerlichen Universitätsabsolventen - durch eine verblödete mediale Dauerberieselung genervt - "Gammelglotze mit Bullshit- Faktor" halt; "wetten-dass" for ever. Nur gut, dass es für Idioten mit Niveau auch 2065 noch den "Spiegel" geben wird - denn auch das wäre eine Erkenntnis, die für gewöhnlich über den Horizont der Entbehrlichen geht: die eigene Entbehrlichkeit zu erkennen.

So weit, so langweilig. Das hätte auch jeder Politik-Grundkurs zustande gebracht, ohne den Lehrer in die Frühpensionierung zu treiben - Mittelmaß gebiert eben Mittelmaß und gefällt darum auch dem Mittelmaß. Spaßig wird's jedoch, wenn die Welt neu aufgeteilt wird, ganz nach dem Gusto deutscher Volkswirtschaftsstrategen: 2065, da sei "die Volksrepublik China in bevölkerungsreiche Teilstaaten auseinandergebrochen", dafür gibt es in China unterdessen aber "300 Millionen Katholiken - rund 25 Mal mehr als noch vor sechzig Jahren, als der Vatikan noch keine diplomatischen Beziehungen mit der damals kommunistischen 'Volksrepublik' pflegte". Fieberausschwitzungen? Mitnichten. So in etwa sähe die Welt in 48 Jahren aus, wenn die Nazis den zweiten Weltkrieg gewonnen hätten - oder die Zukunft in der "Spiegel"-Redaktion gemacht würde. Neben der chinesischen Päpstin, die endlich ihren Unfehlbarkeitsanspruch aufgibt und damit auch für rationalismusgeplagte deutsche Akademiker anbetbar wird; den deutschen Öko-Reservaten mit Minderheitenschutz für Josef Fischer, Reinhard Bütikofer und Bruno den Bären sowie der leidigen, aber immer noch nicht beseitigten Lendenfaulheit reinrassiger Arier siegt die "überlegene westliche Kultur", die im Spiegel des "Spiegel" in etwa den Charme einer Fabriksicherheitsordnung eines beliebigen Legehennenbetriebes aus dem Oldenburgischen versprüht. Arme Welt, die keine Träume mehr hat.

Doch der "Spiegel" steht mit seiner Zukunftsprognose, die die mentale Masturbation deutscher Berufsintellektueller, den geistigen Horizont der akademischen Schrebergartenkolonie zum Maß aller Dinge macht, in der Geschichte nicht ganz so alleine, wie man denken mag. Das Kleinbürgertum, ökonomische Basis des "Spiegel", sucht sein Heil naturgegeben in der Konservierung; "Zukunft" ist zunächst erstmal gleichbedeutend mit "Abstiegsangst". Diese Abstiegsangst ist realistisch - und wird durch den Triumphzug des deutschen Monoplokapitals eher beschleunigt als gebremst oder gar umgekehrt. Dementsprechend wäre es unklug, der Leserschaft etwas vorzusetzen, was solchen Befürchtungen noch Nahrung geben könnte - besser, es bleibt alles so, wie es ist, mit ein bißchen mehr Großdeutschland und ein bißchen weniger Rot-China.
Der Chef des New Yorker Patentamtes, mithin Herrscher über das Reich des in Schubladen sortierten geballten kreativen Könnens eines der dynamischsten Länder der Welt, war der Meinung, alle wesentlichen Erfindungen seien gemacht - wohl gäbe es noch die eine oder andere Perfektionierungsmöglichkeit; mit wirklich großen Würfen sei allerdings kaum noch zu rechnen - alles, was erfunden werden könne, sei schon erfunden worden. Das war im Jahre 1901.

Der Mann hat sich schlicht und einfach geirrt. Um das zu erkennen, musste man nur wenige Jahre warten, bis die Kernspaltung, der Siegeszug des Automobils und der Luftfahrt und die ersten Prototypen moderner Computer die Welt nochmals revolutionierten. Und um zu merken, dass der "Spiegel" sich irrt, wird man auch kaum bis 2065 warten müssen.

"Ha-ha."
[frei nach Nelson Muntz]


 
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