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[PIC1]die Geschichte:

Wieder mal ist es der unrühmlichen "Jungen Union", Nachwuchskader der CDU für Strebertypen, Karrieristen und Spinner, gelungen, unangenehm aufzufallen: Mit ihrer Internetseite "Ostalgie? Nein Danke" unternimmt sie den Versuch, deutsche Geschichte für das enge Weltbild von Stammtischdemagogen und Dorfkneipenmussolinis schmackhaft zu machen:

- Die DDR stelle die Schattenseite deutscher Vergangenheit dar, "sozialistische Planwirtschaft" sei schuld an mangelndem Wohlstand in der ehemaligen DDR, die "SED-Diktatur" und die "Mauer" dürften nicht im Fernsehen "idealisiert" werden...

Als Verkörperung des Übels machen die Jungen-Union-Geschichtskrämer die zum täglichen Sendeprogramm gehörenden "Ostalgie-Shows" aus, die mit ihrer Romantisierung von Trabis, Tempo-Bohnen und Club-Cola angeblich eine Diktatur schönreden. Über die Qualität solcher Senden soll hier mal geschwiegen werden - über das Geschichtsverständnis der marodierenden Untersekundaner, die hier im Auftrage der Jungen Union herumstoppeln, hingegen nicht.

wie es wirklich aussieht:

Beginnen wir mal ganz am Anfang der deutschen Trennung. Die Teilung des Landes wird, wie selbstverständlich, der Ostseite, oder dem "sowjetischen Besatzungsbereich", der "SBZ", "Pankow", "Ulbricht" oder schlicht der "Zone" vorgeworfen.
Es war allerdings die Sowjetunion, die mehrere Angebote, unter anderem die berühmt gewordene "Stalin-Note" aus den 50er Jahren, an den Westen richtete, deren Vorschläge alle auf die Schaffung eines wiedervereinigten, allerdings militärisch neutralen Deutschlands hinausliefen. Und eben dieses "militärisch neutral" machte den Westmächten und dem "Kanzler der Alliierten" (der damalige SPD-Vorsitzende Schumacher über Konrad Adenauer) zu schaffen. Von Adenauer stammt schließlich das bekannte Wort: "Lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb." Und es waren die Westmächte und die junge BRD, die jedes Vereinigungsangebot ausschlugen, nachdem nicht zuletzt durch ihre Bestrebungen die Teilung erstmal endgültig wurde. Die einseitige Währungsunion in der Trizone, also den westlichen Besatzungszonen, stieß die Sowjetunion 1948 vor den Kopf - und zwang zum reagieren. Der Anstoß kam allerdings - aus dem Westen.

Der Bau der Berliner Mauer und die Befestigung der innerdeutschen Grenze nutzte nicht zuletzt dem Westen und wurde stillschweigend akzeptiert.

Vorrausgegangen waren dem Mauerbau über zehnjährige Diversionstätigkeiten der Westmächte. Mit "Kopfgeldern", die DDR sprach, nicht ganz ungerechtfertigt, von "modernem Sklavenhandel", wurden DDR-Bürger in den Westen gelockt. Insbesondere Angehörige höherer Berufsschichten, die eine teure Ausbildung erfordern, wurden zum Grenzübertritt umworben. So wurde die DDR, die erst einmal viel Geld in eine anerkanntermaßen gute Schul- und Berufsausbildung, die damals ganz im Gegensatz zum Westen für die Studenten und Schüler umsonst war, gesteckt hatte, ganz gezielt zur Ader gelassen: die Intelligenz wurde abgeworben.
Doch das "großzügige" Angebot der BRD und der Westmächte brachte diese selbst in Schwierigkeiten: Natürlich kamen nicht nur Akademiker. Und dank der finanziellen Verlockung kamen immer mehr, die Flüchtlingslager quollen über, die Situation in der DDR hätte jederzeit umkippen und zur Bedrohung werden können. DEr Bau der Grenzbefestigungen gab also auch dem Westen dringend benötigte Ruhe, und auch in der DDR kam es in Folge der Grenzbefestigung zu einem deutlichen Anstieg des Wohlstandes, da neben der Abwerbung von Fachkräften auch Wirtschaftssabotage, die vorher in großem Stil betrieben wurde, unterbunden werden konnte.

Man darf immerhin auch nicht vergessen, dass die innerdeutsche Grenze viel mehr war als die Grenze zwischen zwei x-beliebigen Staaten: Hier standen sich zwei antagonistische Systeme so dicht gegenüber wie sonst wohl fast nirgens auf der Welt. Und die gesicherte Grenze hat, trotz all ihrer schlechten Seiten, unter Umständen für fast 30 Jahre den Frieden mitgesichert.

Die Länder hinter der Grenze

Wie sah es diesseits und jenseits der "Mauer" aus? Die Situation war in den 60er Jahren noch völlig in der Schwebe, mit der erfolgreichen Eroberung des Weltalls hatte die Sowjetunion den USA in Rekordzeit den technischen Vorsprung abgenommen und Panik machte sich inden Chefetagen des Westens breit. Auch wenn sich langfristig die Rüstungsspirale zum Vorteil der kapitalistischen Wirtschaft drehte, war dies damals noch nicht abzuschätzen. Die Länder des Warschauer Vertrages waren den westlichen Ländern militärisch gleich auf, wenn nicht überlegen. Die USA waren in Indochina in einem nicht nur moralisch zermürbenden Krieg gefangen, die ersten Krisen nach dem sog. "Wirtschaftswunder" zeichneten sich in der BRD ab.

Die aufkeimende Studentenbewegung, die sich zusehens politisierte, nahm mehrere "Geburtsfehler" der BRD in Kritik:

die Nazivergangenheit der BRD-Spitzen

- der spätere Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger war Adlatus von Joseph Goebbels und arbeitete in seinem "Propagandaministerium
- der spätere Ministerpräsident Baden-Württembergs, Hans Filbinger, hat noch in den Tagen vor der deutschen Kapitulation im Mai 1945 als Marinerichter Deserteure zum Tode verurteilt. "Was damals Recht war, kann heute kein Unrecht sein", so sein Kommentar dazu.
- der spätere Bundespräsident, Heinrich Lübke, tat sich als Architekt in der Nazizeit durch Entwürfe von Konzentrationslagern hervor
- der spätere Geheimdienstchef Reinhard Gehlen verdiente sich seine Sporen in Hitlers "Feindaufklärung Ost",
und so weiter und so fort.

Allein für eine halbwegs vollständige Liste faschistischer Karrieren späterer Wirtschaftsbosse, Spitzenpolitiker und hochrangigen Militärs müsste aus Platzgründen eine eigene Homepage entworfen werden. (Vielleicht nimmt sich ja noch mal wer dieses wichtigen Projektes an?! Da könnte sich die Junge Union in ihrem Schöpferdrang einmal nützlich zeigen!)

- nicht zuletzt aufgrund der Verwicklung vieler akademischer Eliten wie auch Lehrern und Hochschullehrern in der faschistischen Vergangenheit kam es niemals zu einer richtigen Aufarbeitung der jüngsten Geschichte. Schüler paukten die Daten historischer Schlachten Griechenlands, die letzten 30 Jahre der Biographien höchster Repräsentanten des deutschan Volkes hingegen waren tabu.

- die DDR hingegen investierte viel in die Aufarbeitung der Nazivergangenheit. Fast alle späteren DDR-Politiker waren in irgendeiner Art und Weise Verfolgte des Naziregimes, Erich Honecker saß z.B. fast die ganzen 12 Jahre der braunen Herrschaft im Kerker. Zur gleichen Zeit erlebten seine späteren westdeutschen Gegenspieler ihren ersten Karrieresprung unter Hitler. Die wenigsten haben sich dessen später einmal geschämt.

das System hat sich nicht geändert

Trotz aller Beteuerungen zum vollständigen Bruch mit der Nazivergangenheit muss man realistisch einschätzen, dass die vielerwähnte "Stunde Null" zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht niemals stattgefunden hat. Wurden in den Nürnberger Prozessen noch vereinzelte Wirtschaftskapitäne wegen Verwicklungen in der Nazizeit und Finanzierung der NSDAP vor der Machtübergabe verurteilt, konnten sich die allermeisten ihre konfiszierten Vermögen in der BRD sehr schnell wieder sichern - und da ansetzen, wo sie 1945 aufgehört hatten.

.die DDR war als einzige ehemalige Besatzungszone von Reparationszahlungen betroffen gewesen - die junge BRD erhielt hingegen als "Prellbock" gegen die Staaten des Warschauer Vertrages Milliarden an Starthilfe, die sog. "Marshall-Plan"-Finanzierung. Auch die Kriegszerstörungen waren im Osten Deutschlands höher als im Westen gewesen - die UdSSR musste sich ihre Besatzungszone Meter für Meter erkämpfen, im Westen wurde vielfach mit weißen Fahnen kapituliert, bevor die Amerikaner und Engländer ankamen. Die Nazis hofften schließlich immer noch auf einen Separatfrieden in letzter Minute. Das der Osten Deutschlands industriell sowieso extrem benachteiligt war durch die Konzentration der wesentlichen Industrieen in westlichen Gebieten, kommt noch einmal hinzu.

Es ist also mehr als verleumndnerisch zu behaupten, dass "die Planwirtschaft" schuldig sei an allen Mängeln und Mißständen. Im Gegenteil wäre es wahrscheinlich keiner anderen Wirtschaftsform gelungen, das aus den begrenzten Ressourcen herauszuholen, was der DDR gelungen ist. Immerhin stand dieses Land 1989 wirtschaftlich an 10ter Stelle in der Welt.

das Unterdrückermonopol lag nicht beim Osten

Im Westen hingegen feierten alte Unsitten fröhlich Urständ: Mit Nazimentalität reagierten die Herrscher auf die Studentenbewegung. Es kam zu polizeilichen Willkürtötungen ebenso wie zu einer ungezügelten, an Goebbelsche Hetztiraden gemahnenden Medienhetze gegen die "Roten", die vielfach nicht einmal "rot" waren, sondern schlichtweg durch verewigerte Aufarbeitung der eigenen Geschichte in eine überdrehte Politisierung getrieben wurden.
Auch mit staatlichen Verbotsakten konnte nicht nur der Osten umgehen: Nachdem 1953 in der BRD schon die westliche Freie Deutsche Jugend (FDJ) kriminalisiert und verboten wurde, traf dieses Schicksal 1956 auch die KPD: Viele westdeutsche Kommunisten wurden in den 50er und 60er Jahren wieder in die Gefängnisse gesperrt, in denen sie schon zur Nazizeit saßen.
Nachdem das Scheitern dieser Strategie eingesehen werden musste, nahm die Art der staatlichen Bevormundung und Drangsalierung andere Formen an: Mit "Berufsverboten" wurden potentielle "Verfassungsfeinde" zu zehntausenden in die Arbeitslosigkeit getrieben und als Verbrecher abgestempelt. Dafür reichte bisweilen schon ein Foto, das von den Delinquenten auf einer Demonstration z.B. gegen die Erhöhung der Bus- und Bahnpreise gemacht wurde...

Soviel also zur vielgerümten "Freiheit" des Menschen im Westen. Freiheit hat sich als erstaunlich dehnbar erwiesen. Und genauso dehnbar passt sich die bundesdeutsche Geschichtsschreibung der Historie an.

was die "Wende" brachte

Nach der - völkerrechtswidrigen! - Annketion der Deutschen Demokratischen Republik durch die BRD stellt die "neue" BRD wieder den mächtigsten wirtschaftlichen und damit auch politischen Block im Herzen Europas dar. War zur Zeit der "Mauer", auch das war ihr Verdienst, die Macht der BRD noch beschränkt und ihre aggressive Tendenz in einen antisozialistischen Block eingebunden, ergaben sich nun völlig neue Optionen für den deutschen Imperialismus: Der Weg nach Osten war auf einmal frei, die Armeen des Warschauer Vertrages standen nicht mehr zwischen BRD-deutschen Interessen und osteuropäischem Land. Und so ist es auch nur folgerichtig, dass die BRD zum Hauptnutznießer der Konterrevolution in Osteuropa wurde: Zügig wurde die Tschechoslowakei zerschlagen und damit zwei viel leichter zu beherrschende Einzelstaaten geschaffen. In beiden stellt die BRD-Wirtschaft längst einen nicht mehr zu übergehenden Machtfaktor dar. In Jugoslawien wurde nach dem gleichen Rezept vorgegangen: Der einstmalige Vielvölkerstaat wurde atomisiert; der serbische Widerstand schließlich mit nackter militärischer Gewalt gebrochen.

So ist es dem deutschen Imperialismus gelungen, zumindest das östliche Europa für weitere Herrschaftspläne als Rohstoff- und Personallager zu konsolidieren: Nur möglich wurde dies durch die Beseitigung der "Mauer" und der sozialistischen Staaten dahinter.

 
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