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Soldat? Nein, Selbstmordattentäter.
Am Tag, als sich der 18-jährige Sebastian B. im katholisch-münsterländischen Emsdetten an der Geschwister-Scholl-Realschule einen abgesägten Vorderlader in den Mund steckte und das Gehirn wegschoss, erschien "Der Spiegel" mit der Titelstory "Die Deutschen müssen das Töten lernen. Wie Afghanistan zum Ernstfall wird". Auch das "Schüsse ins Gehirn", voll Sorge, ob die LeserInnen auch wirklich "in der Normalität deutscher Kriegseinsätze ankommen" und "das Land darauf vorbereitet ist - mental, politisch und militärisch". Und tags zuvor verbreitete "Spiegel online": "Der Volkstrauertag drohte in den vergangenen Jahren zur Routineveranstaltung zu werden. In diesem Jahr wurde er mit aktuellen Bezügen begangen. Erstmals gedachten der Bundespräsident und die Kanzlerin auch der in den Auslandseinsätzen getöteten Bundeswehr-Soldaten."

Noch nennt es niemand Heldengedenken. 64 Tote sind bisher zu betrauern. Jeder einer zu viel. Ihre Zinksärge? Tabu-Bilder in den Medien und kaum Anlass für erwartete Friedensaktionen! Ihr Status als Kriegstote? Wird ihnen verweigert! "Weil für Kriegsgräber dauerhaft der Staat einstehen müsste." Und weil es (noch) nicht ins Image-Konzept der Bundeswehr passt - als "bewaffnete Entwicklungshelfer". Sebastian B. dagegen bekam - wenn auch nur kurz - die Aufmerksamkeit, die ihm zu Lebzeiten fehlte - mit einem Selbstmordattentat, bei dem er 27 Menschen verletzte. Aber ist auch er ein "Kriegstoter"? In gewissem Sinne schon. Sebastian B. ist im Konkurrenzkampf gefallen. Sein "Täterfoto" - Siegerpose mit Kampfanzug und Knarre - passt zu jedem x-beliebigen Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz. Er fühlte sich als "Looser". Ein Schimpfwort, das auf bundesdeutschen Schulhöfen nur noch getopt wird durch: "Du OPFER!" Leben reduzierte sich für Sebastian B. auf fünf Buchstaben: S.A.A.R.T. - Schule, Ausbildung, Arbeit, Rente, Tod. So steht´s in seinem Tagebuch. Er aber wollte "EIN VERDAMMTER HELD" sein und wurde SelbstmordattenTÄTER, wütend, verzweifelt, allein gelassen.

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Selbstmordattentäter? Nein - Soldaten.
"Spiele bilden den Wettbewerbscharakter unserer Gesellschaft ab", sagt Ralf Reichert, Geschäftsführer von "Turtle Entertainment" reichlich rechtfertigend, aber richtig. Reichert ist einer, dessen Konto Killerspiele bereichern. "Fachleute" wie er halten deshalb natürlich "Verbote in Zeiten des Internets weder für praktikabel noch für sinnvoll, nicht zuletzt weil die Wachstumsbranche Spielsoftware längst höhere Umsätze als die Filmindustrie verbucht." (FAS, 26. 11.) Den Inhalt all dieser Spiele bringt Reichert auf den Punkt: "Es geht ums Gewinnen, und das nach dem alten Räuber-und-Gendarm-Schema." Anmerkung: Nicht nur am PC. Auch wenn Schüler im Projektunterricht "Börse" spielen oder "Unternehmer" gilt es spielend fürs Leben zu lernen: Denken, fühlen, handeln wie ein Börsianer, Unternehmer, Imperator oder Killer ...

"Asozial und trotzdem mehrheitsfähig" nennt der Politologe Mario Candeias die neoliberale Ideologie, weil in ihrem Zentrum eine radikale Vorstellung von Individualisierung steht und weil es ihr gelingt, die ganze Gesellschaft mit ihren Wertmaßstäben zu durchdringen: Maximierung des individuellen Nutzens aller menschlichen Handlungen; jedes individuelle Ziel oder Bedürfnis ein Wirtschaftsgut; Rationalität des Handelns auf Kosten-Nutzen-Kalkulation beschränkt. Jeder muss sich mehr oder weniger widerwillig in die alltägliche Konkurrenz begeben, ob im Kindergarten, in Schule oder Uni, ob im Betrieb oder am Arbeitsmarkt oder auch in Liebesverhältnissen.

Dieser Konkurrenzkampf ist brutaler geworden, zwischen Unternehmen, zwischen Staaten, zwischen Menschen. Er macht brutaler. Krieg verroht - im Spiel wie im wirklich wahren Leben. Wenn dabei Bundeswehr-Soldaten zu öffentlich das Foltern üben oder mit Leichenteilen für Heldenfotos posieren, rollt - im übertragenen Sinne - höchstens der Kopf eines Vorgesetzten. Wenn Kinder oder Jugendliche in staatlicher Obhut zu Tode kommen, ob in einem sozialen Brennpunkt oder im Jugendknast - nimmt eine Sozialsenatorin den Hut, ein Gefängnisleiter oder eine Justizministerin. Suche nach Sündenböcken statt nach Ursachen. Das Personal wechselt, die Verhältnisse bleiben. Die Forderung der CDU/CSU nach Verbot von Killerspielen kann man vor diesem Hintergrund getrost als populistisches Gepolter einstufen. Meinte sie es ernst mit dem Schlachtruf "Keine Gewalt!" müsste sie auf allen Kampffeldern ihre Politik grundlegend ändern.


Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung aus der UZ - unsere zeit, Zeitung der DKP, vom 1. Dezember 2006, übernommen.

 
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  Kommentar zum Artikel von Stephan:
Donnerstag, 30.11.2006 - 17:36

Vielleicht ist den Förderern des Wettbewerbs nicht deutlich genug, daß es nicht nur Gewinner geben kann - wo Siege sind, sind auch Niederlagen anderer. Die Hoffnung, daß man sich durch den Konkurrenzkampf bemüßigt fühlt, mehr zu leisten als ursprünglich geplant und somit auch im Falle einer Niederlage zu den Gewinnern gehört, scheitert da, wo den Leuten die Hoffnungslosigkeit ihres Handelns bewußt gemacht wird - in den Hauptschulen, unter den Ausgeschlossenen der "höheren" Schulen und in den sozialen Brennpunkten.

Pathologische Reaktionen sind da die natürliche Konsequenz, ob es sich jetzt um individuelle Amokläufe oder kollektive Pogrome (oder 1.Mai-Randale ) handelt. Ihnen allen gleich ist die Hilflosigkeit und die Nutzlosigkeit, über einige Zeitungsschlagzeilen hinaus einen relevanten Widerhall zu finden. Ohne diesen wird sich jedoch in der Gesamtstruktur nicht allzu viel ändern müssen...