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Wer kann schon mit einem Brief von seiner einstigen Volksbildungsministerin aufwarten? ┬╗Mit Interesse und Gewinn┬ź habe sie mein Buch ┬╗V├Âlkermord statt Holocaust┬ź (2007) ├╝ber den DDR-Literaturunterricht gelesen, schrieb mir Margot Honecker vor einigen Jahren. ┬╗In der so niveaulos gef├╝hrten Diskussion ├╝ber die Geschichte, ├╝ber Faschismus, Rassismus und Antifaschismus in Deutschland ist Ihre Arbeit ein Lichtblick┬ź.

Von 1963 bis 1989 leitete diese Frau besagtes Ministerium. Als sie am 6. Mai in Chile starb, griffen die Qualit├Ątsmedien hierzulande dankbar auf, dass sie im Spiegel einmal ┬╗Hexe┬ź genannt worden war. Der Umgang mit ihr nach dem Mauerfall glich tats├Ąchlich einer Hexenjagd.

Selten genug werden Ostdeutsche gefragt, was sie von der DDR vermissen. Wenn doch, landet immer ┬╗das Bildungswesen┬ź vorn. Dem liegt ein Vergleich zugrunde, der ├Âffentlich nie stattfindet, der zwischen Margot Honeckers Fahnenappellschule und dem Bildungswesen von heute, in dem stattlich bezahlte Beamte keinen Zugang zu Kindern von Hartz-IV-Beziehern finden, wie auch? Wer arbeitslose Zwangsurlauber zu Eltern und Geschwistern hat, wird in Erwartung lebenslanger Armut kaum Interesse oder Freude am Lernen entwickeln.

Die Polytechnische Oberschule der DDR kann als wichtigste Erdenspur Margot Honeckers gelten. Von dieser modernsten Schulform, die es je in Deutschland gab, lie├čen sich PISA-Leuchtt├╝rme wie Finnland inspirieren. Warum wohl ist das selten Thema?

Margot Honecker war als Kind ├╝ber kommunistische Verwandte mit Wolf Biermann bekannt, der sie bei allen kaum gez├╝gelten Hassausbr├╝chen gegen die SED praktisch nie angegriffen hat. Sonderlich beliebt war sie in der DDR nicht. Ihr Auftreten war das einer Schneek├Ânigin, das Bild von ihr als lustiger Frau im ┬╗Jugendlexikon┬ź eher untypisch. Aber taugt das zum Vorwurf? Eine Volksbildungsministerin ist nicht dazu da, von m├Âglichst vielen geliebt zu werden. Und was die Bildung des Volkes anbelangt, ist Margot Honecker nicht allzuviel vorzuwerfen. Das war zu DDR-Zeiten weniger klar als heute.

Kanzlerin Angela Merkel beispielsweise war ein F├Ârderkind des DDR-Bildungswesens. In einer schwachen Stunde r├Ąumte sie mal ein, man habe damals als Sch├╝ler im Osten ┬╗ordentlich Physik und Chemie gelernt┬ź. Doch sei Dankbarkeit ┬╗keine Kategorie, in der ich die DDR sehen kann┬ź. Sich vorzugsweise an die unangenehmen Seiten ihrer Kindheit zu erinnern, steht ihr nat├╝rlich frei.

Zweifellos hat der DDR-Schulalltag mit seinen Appellen und Pioniernachmittagen disziplinierende Wirkung entfaltet. In F├Ąchern wie Staatsb├╝rgerkunde oder Geschichte und auch sonst fand eine geistig-weltanschauliche Beeinflussung mit dem Ziel statt, ┬╗vielseitig entwickelte sozialistische Pers├Ânlichkeiten┬ź hervorzubringen, manchmal sogar ┬╗allseitig entwickelte┬ź. Jetzt darf gelacht werden, aber diese Fr├Âhlichkeit tr├Ągt ein dummes Gesicht. Denn geistig Pate stand hier das Menschenbild der Renaissance. Der Uomo universale, der allseitige Mensch.

Honeckers Wirken in einem deutschen Staat, der keinen Krieg begann, wird auf Staatsb├╝rger- und Wehrkunde reduziert. Einen Einblick in die ├ťbungen zur Zivilverteidigung an den DDR-Schulen gew├Ąhrt Andreas Dresens Film ┬╗Als wir tr├Ąumten┬ź (2015). Es ging vor allem darum, wer bei der Mund-zu-Mund-Beatmung von den M├Ądchen der 10. Klasse gek├╝sst wird. In der H├Âlle landeten viele Kinder erst nach 1989, vermittelt der Film.

Das DDR-Bildungswesen brachte klar denkende, selbstbewusste, den Mitmenschen achtende und politisch interessierte B├╝rger hervor. Mit einem Bewusstsein f├╝r Unterdr├╝ckung, Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Man kam nicht nur in Chemie und Physik ordentlich voran, hielt Antifaschisten in Ehren.

Was die Ostdeutschen an ihrem Bildungswesen hatten, wurde vielen erst sp├Ąter klar. Nach Jahren war dem Springer-Blatt Die Welt zu entnehmen, seit der ┬╗Wende┬ź sei der Intelligenzquotient ostdeutscher Kinder von 102 (├╝ber dem europ├Ąischen Durchschnitt) auf 95 (westdeutsches Niveau) gefallen. Welche ├ťberschrift sollte man da w├Ąhlen? ┬╗In Freiheit verbl├Âdet┬ź? Der Welt-Autor mutma├čte jedenfalls, dass die BRD mit dem DDR-Schulsystem im PISA-Ranking nicht hinten, sondern vorne gelandet w├Ąre. Solche Anf├Ąlle von Ehrlichkeit d├╝rfen als Ausnahme gelten. Der Siegeszug der DDR-P├Ądagogik vollzieht sich klammheimlich. In den Osl├Ąndern wurden wichtige Elemente wieder eingef├╝hrt: Verhaltensnoten, Zentralabitur, Reifepr├╝fung nach zw├Âlf Jahren. Lehrer werden wieder mit einem Erziehungsauftrag ausgestattet, richten sich nach verbindlichen Lehrpl├Ąnen usw.

Platon zufolge ist die Erziehung der Kinder zu wichtig, um den Eltern ├╝berlassen zu werden. Mit Blick auf Teile der Jugend unserer selbstbestimmt-autistischen Spa├č- und Klassengesellschaft ist man geneigt, ihm das Ohr zu leihen.

Die DDR-Erziehung beruhte auf der materialistischen Weltanschauung, appellierte dabei in hohem Ma├č an Uneigenn├╝tzigkeit und Gemeinsinn, trug mithin sehr idealistische Z├╝ge. Anlehnungen an das Christentum waren offensichtlich. Es gab die zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik wie auch die zehn Gebote der Jungpioniere. Oft und geduldig wurde erkl├Ąrt, dass das kommunistische Menschenbild im urchristlichen wurzelt. Die Kirche aber blieb vom Staat getrennt, auch vom Schulwesen. Das nahm die DDR fast so genau wie Frankreich.

Mit einem breiten Angebot an Arbeits- und Sportgemeinschaften nahmen Margots Schulen die umst├Ąndlich und halbherzig eingef├╝hrte Ganztagsschule der Gegenwart leichten Schrittes vorweg. Alle Kinder lernten im DDR-Schulsport schwimmen, das ist heute so wenig garantiert wie die obligatorische Wanderfahrt jeder Schulklasse. Kinder, die nicht aus Akademikerkreisen stammten, wurden gezielt gef├Ârdert, nicht als ┬╗bildungsfern┬ź eingestuft. Staatsdoktrin war die Brechung des b├╝rgerlichen Bildungsmonopols. Nichts k├Ânnte weiter entfernt sein vom heutigen Streben der ┬╗besseren┬ź Kreise, ihre Nachkommenschaft vor intellektueller Konkurrenz ┬╗von unten┬ź zu sch├╝tzen. Nirgends in Europa bestimmt die soziale Herkunft so sehr die Bildungsergebnisse wie in Deutschland. Die ┬╗neuen Bundesl├Ąnder┬ź sind da keine Ausnahme mehr.


Dieser Artikel ist in der Tageszeitung junge Welt am 14.05.2016 erschienen.


 
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