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BERLIN/TOKIO (08.04.2011) - Deutsche Unternehmen rechnen aufgrund der Umweltkatastrophe in Japan mit verbesserten Expansionschancen. Noch vor kurzem sahen Spitzenvertreter der deutschen Wirtschaft die japanische Konkurrenz als "Bedrohung"; jetzt verweisen Unternehmensberater auf die Möglichkeit, von der Krise in Japan zu "profitieren". Insbesondere der japanische Autobauer Toyota gilt der deutschen Wirtschaftspresse nach dem Tsunami in Japan als "großer Verlierer". Da die Firma in ihrem Heimatland mit gravierenden Produktionsausfällen zu kämpfen habe, sei es nun für den deutschen Volkswagen-Konzern möglich, Toyota "vom Thron zu stoßen", heißt es unter Berufung auf Analysten. Auch den deutschen Herstellern elektronischer Bauteile wird die Fähigkeit zugeschrieben, Marktanteile von der japanischen Konkurrenz zu erobern.

Alternativlieferanten

Wie der Unternehmensberater Gerd Kerkhoff in der deutschen Wirtschaftspresse ausführt, bestehe die reelle Möglichkeit, dass japanische Unternehmen aufgrund der dortigen Umweltkatastrophe gegenüber der deutschen Konkurrenz "ins Hintertreffen geraten". Nicht nur seien sie von den Tsunami-Schäden unmittelbar betroffen; auch viele Firmen außerhalb Japans, die von dort Zulieferprodukte zur Weiterverarbeitung bezögen, müssten sich in Anbetracht der Produktionsausfälle nach "Alternativlieferanten" umsehen. "Das könnte japanische Unternehmen langfristig Marktanteile kosten", erklärt Kerkhoff.1 Ähnlich äußert sich auch Horst Wildemann, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Technischen Universität München. Er geht nach eigener Aussage davon aus, dass insbesondere die mit der Zulieferproduktion für die Automobilindustrie befassten deutschen Firmen auf Kosten der japanischen Konkurrenz expandieren werden: "Sie können die zwanzig größten deutschen Autozulieferer herunterdeklinieren: Auch wenn es erst einmal Mehraufwand für sie ist, werden sie alle profitieren - und wenn es nur durch größere Chancen bei der nächsten Ausschreibung ist."2 Noch vor kurzem sah der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel, in Japan "fast eine Bedrohung wirtschaftlich für uns".3 Dies hat sich gewandelt.

Großer Verlierer

Als "großer Verlierer" der Umweltkatastrophe in Japan gilt der deutschen Wirtschaftspresse der Automobilkonzern Toyota, der im letzten Jahr etliche seiner Pkw wegen technischer Mängel aus dem Verkehr ziehen musste.4 Von den jetzigen Produktionsausfällen in den Werken des Unternehmens dürfte insbesondere Volkswagen profitieren, heißt es: "Das Erdbeben könnte den Branchenprimus zum zweiten Mal zurückwerfen und VW schneller vorbeiziehen lassen, als sich das jemals einer der Vorstände in Wolfsburg erträumt hätte."5 Diese Auffassung wird von namhaften Experten der Automobilwirtschaft geteilt. So geht Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen davon aus, "dass der japanischen Automobilindustrie künftig weniger Kapital für weltweites Wachstum zur Verfügung steht"; sie werde daher "gegenüber ihren Rivalen an Boden verlieren".6 Helmut Becker, Leiter des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation, schätzt, dass vor allem VW hiervon profitiert: "Massenhersteller sind eher begünstigt, weil die Produktion in Japan ausfällt."7

Auf Rekordkurs

Dementsprechend positiv gestalten sich die Zukunftsprognosen der deutschen Automobilindustrie. Der Präsident des Branchenverbandes VDA und ehemalige Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann sieht die deutschen Autobauer "auf Rekordkurs für das Gesamtjahr 2011" und rechnet nach eigenen Angaben mit einem "Exportvolumen von 4,45 Millionen Pkw".8 Dass zahlreiche deutsche Automobilhersteller Bauteile von japanischen Zulieferern beziehen, stellt dabei Wissmann zufolge lediglich ein untergeordnetes Problem dar: "Unsere Unternehmen haben 'Task Forces' gebildet, die täglich zusammenkommen, um die Lage zu analysieren, alternative Lieferoptionen zu prüfen, und alle logistischen Themen behandeln, die die Lieferkette stabil halten. Wir sind zuversichtlich, dass unsere Unternehmen diese Herausforderung meistern werden."9

Einspringen

Von der Suche nach "alternativen Lieferoptionen" versprechen sich auch deutsche Elektronikproduzenten lukrative Geschäfte. So prüft etwa die im baden-württembergischen Waldkirch beheimatete Firma Sick eigenen Angaben zufolge die Möglichkeit, Prozessoren nicht mehr von den japanischen Unternehmen NEC und Toshiba zu beziehen, sondern von dem Münchener Chiphersteller Infineon. Infineon wiederum berichtet von "Anfragen" eines "deutschen Autoherstellers", der "vorgefühlt" habe, ob das Unternehmen "als zweiter Lieferant einspringen könne, wenn die Probleme in Japan anhielten".10

Von Vorteil

Auf die Schwäche der japanischen Konkurrenz spekuliert auch die Augsburger Rüstungsschmiede Kuka.11 Da die Zulieferbetriebe der japanischen Wettbewerber Fanuc und Yaskawa Electric über den gesamten Inselstaat verteilt sind, werden gravierende Auswirkungen der aktuellen Umweltkatastrophe auf deren Produktionsfähigkeit vermutet. Kuka-Finanzvorstand Stephan Schulak wollte deshalb auf der unlängst abgehaltenen Bilanzpressekonferenz seines Unternehmens nicht ausschließen, dass das "für uns ein Vorteil sein" könne.12 Wie eine ganze Reihe weiterer deutscher Firmen zählt sich damit auch Kuka zu den Katastrophengewinnlern des Tsunamis in Japan.


Anmerkungen:
1 "Deutsche Wirtschaft betroffen". Interview mit Gerd Kerkhoff; www.wiwo.de 06.04.2011
2 "Suche nach Alternativen anheizen". Interview mit Horst Wildemann; www.wiwo.de 06.04.2011
3 BDI-Chef wirbt für Japan als Investitionsstandort; www.dradio.de 18.03.2011
4 Zwischen Pietät und Profit; www.wiwo.de 06.04.2011
5, 6, 7 Erdbeben zerstört Toyotas Hoffnung; www.wiwo.de 15.03.2011
8 Deutsche Autohersteller 2011 auf Rekordkurs; motor-traffic.de 04.04.2011
9 VDA: "Alles spricht für eine sehr gute IAA"; motor-traffic.de 04.04.2011
10 Zwischen Pietät und Profit; www.wiwo.de 06.04.2011
11 Zu Kuka s. auch Stadt des Friedens
12 Zwischen Pietät und Profit; www.wiwo.de 06.04.2011


 
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