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Von secarts

Nach den neuerlichsten Vorkommnissen in und um unsere Freiheitlich-Demokratische Grundordnung assoziieren wir mit dem 18. September ganz andere Dinge - hier in China ist der 18. September aus zwei anderen Gruenden ein wichtiger Tag:

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chinesischer "Mondkuchen"
Zum Ersten findet hier das traditionelle "Mondfest" statt - Anlass fuer viele Chinesen, im Familienkreise zusammenzutreffen, zu feiern und die zu diesem Fest ueblichen "Mondkuchen", fettiges Gebaeck mit Lotossamen- oder Eigelbfuellung, zu verzehren.
Das Mondfest, auf dem chinesischen Herbstbeginn gelegen, ist das Pendant zum bekannteren "Fruehlingsfest" - und wird etwas kleiner begangen. Zum Fruehlingsfest (und auch zum Ersten Mai sowie zum Jahrestag der Gruendung des Neuen China am 1. Oktober) bekommen alle chinesischen Arbeiter und Angestellten (in Staatsbetrieben) jeweils eine Woche frei - das sind schonmal drei Wochen Feiertage, plus den Urlaub natuerlich, den man sich auch in China nehmen kann. Zum Mondfest gibt es keine Extra-Woche, vielleicht auch, weil der 1. Oktober direkt danach kommt. Nichtsdestotrotz ist auch das Mondfest ein typischer Reisetag - wer kann, macht sich auf zu Freunden oder Verwandten. Dementsprechend voll waren gestern die sowieso nicht gerade unter Besuchermangel leidenden Beijinger U-Bahnen...


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Hier in Beijing ist der Lebensrythmus sicher viel schneller geworden in den letzten Jahren und Jahrzehnten; in vielerlei Hinsicht geht es dennoch fuer eine Riesenmetropole nach wie vor sehr gemuetlich zu: ein Bummel durch die Innenstadt waehrend des Mondfestes ist ein wahres Erlebnis, denn allerorten sitzen auf den Buergersteigen der vielspurigen Stadtstrassen Familien im kleineren oder groesseren Kreise beisammen, ewssen und feiern miteinander.

Die frueher ueblichen Feuerwerke zu solchen Anlaessen sind in den Grossstaedten mittlerweile verboten worden - jedes Jahr gab es viele Braende, Tote und Verletzte. Dennoch lassen sich die Chinesen die Freude an diesem Fest nicht nehmen: bereits seit Freitag Abend wird gefeiert, getrunken und gegessen. Die Restaurants sind zum Bersten voll, die Mondkuchenverkaeufer machen ihr Jahresgeschaeft und die Kinder freuen sich ueber die bunten, selbstgebauten oder gekauften roten Lampions, die ueberall zu bewundern sind.

Der Zweite Anlass ist ein Trauriger - es jaehrt sich am 18. September der erste Ueberfall des japanischen Imperialismus auf die damalige Republik China im Jahre 1931 - damals okkupierte Japan die nordoestliche Provinz Heilongqiang und spaeter die Mandschurei. Begonnen hat diese Aggression am 18.09.1931 mit dem Ueberfall auf die Stadt Shenyang.
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Massaker beim Einmarsch der Japaner in China
Zum Gedenken an diesen tragischen Jahrestag in der chinesischen Geschichte - ueber 35 Millionen Chinesen starben insgesamt in den folgenden Auseinandersetzungen und dem Anti-Japanischen Krieg ab 1937 bis 1945 - wird in Shenyang des Angriffs mit einer grossen Zeremonie gedacht; auch das chinesische Fernsehen berichtet breit mit Dokumentationen, Interviews und historischen Filmen ueber die nach wie vor sehr praesente japanische Aggression.
Um den Stellenwert dieses Krieges fuer das chinesische Volk zu begreifen, muss man sich etwas von seinem duerftigen Schulwissen ueber den Zweiten Weltkrieg loesen, der sich mitnichten nur in Europa abgespielt hat: die meisten Toten in diesem Krieg und den damit verbundenen Auseinandersetzungen hatte China zu beklagen. Und Japan weigert sich bis heute, klar Stellung zu beziehen zu diesem durch nichts zu rechtfertigenden Angriffskrieg - in Erinnerung sind noch die grossen Demonstrationen vor einem Jahr, die in China als Reaktion auf japanische Schul-Geschichtsbuecher, die schlicht die Urheberschaft an den Massakern des Krieges leugnen, stattfanden.

Die Situation zwischen China (und uebrigens auch anderen damals durch die japanischen Attacken betroffenen Laendern wie Nord- und Suedkorea) und dem damaligen Aggressor Japan sind immer noch nicht ganz unkomlipiziert - Furcht vor einem massiv wieder aufruestenden Japan (dessen prozentuale Aufruestung weltweit an erster Stelle steht)und berechtigte Wut ueber die Geschichtsvergessenheit der japanischen Eliten mischen sich mit immer enger werdenden wirtschaftlichen Verpflechtungen - die antichinesische Stimmungsmache in Japan gegen einen staerker werdenden Konkurrenten in Asien traegt ihren Teil zu Verkomplizierung bei.

In China selbst konnte ich einen besonnen Umgang mit Japan ausmachen: es wird klipp und klar von Japan Stellungnahme und Entschuldigung sowie Entschaedigung fuer Kriegsopfer und spaeter entstandene Schaeden gefordert (immer noch sterben jedes Jahr unschuldige Menschen in China an den dort von den Japanern zurueckgelassenen Giftgasbomben; Japan leugnet alle Schuld und weigert sich trotz eindeutiger Gerichtsurteile, einen Cent zu zahlen); gleichzeitig aber wird sehr streng getrennt zwischen den japanischen Machthabern, die immer noch in Kontinuitaet zu den damaligen militaerfaschistischen Diktatoren stehen, was die imperialen Traeume angeht, und dem japanischen Volk, das selbst einen sehr hohen Preis fuer den Zweiten Weltkrieg zu zahlen hatte.


...und war da noch was? Ach ja - Bundestagswahl in Deutschland...
Durch 10.000 Kilometer Distanz nimmt man die Vorgaenge daheim natuerlich ganz anders war als direkt vor Ort; ich kam und komme viel weniger als sonst zum Nachrichtenkonsum und bin deswegen ueber die Debatten der letzten fuenf Wochen gar nicht recht informiert.
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Nun, das Ergebnis scheint festzustehen und alles ist genauso wie vorher - niemand weiss, wer Kanzler wird oder gar in welcher Parteienkonstellation - und auch die Programme der einzelnen Parteien verschwimmen und verschwinden in dichtem Nebel... Es hat sich also nicht so viel geaendert seit meiner Abreise.

Interessant war hingegen, wie die deutschen Wahlen in den chinesischen Medien reflektiert wurden: Seit Tagen schon sehe ich regelmaessig Berichte ueber das Geschehen daheim, ueberwiegend im auf Englisch sendenden Kanal CCTV 9 International - ohne freilich den Text zu verstehen, kann ich auch in den vielen der ueber 60 weiteren Kanaele, die ich in Beijing empfangen kann, Bilder aus dem deutschen Wahlkampf entdecken. Die Kandidaten und Parteivorsitzenden wurden dem chinesischen Publikum vorgestellt (Guido Westerwelle haben sie zum Glueck ausgelassen...), das (nur fuer Chinesen?) ziemlich intransparente deutsche Wahlsystem mit Ueberhangmandaten, Erst- und Zweitstimme wurde in Diagrammen erlaeutert und Reporter aus Berlin berichteten live ueber die Stimmung in der deutschen Hauptstadt in den letzten Stunden vor der Wahl - die extrem hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland wurde hier als wichtigster Problempunkt der deutschen Gesellschaft dargestellt.

Ich habe von hier irgendwie ueberhaupt keine Lust, mehr zu dem Hickhack daheim zu sagen. Hier in China passieren viel interessantere Dinge - hier waechst und wird, waehrend sich daheim nur noch die Stagnationsverwalter die Klinke in die Hand geben...


Also - viele Gruesse nach Deutschland, viel Spass mit einem Steh-auf-Gerhard, einer bleiernen Lady oder dem Graesslichen Guido - vielleicht sollte ich gleich ganz hierbleiben, wenn ich mir das alles so vorstelle ;-)

Bis bald; euer Secarts

 
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  Kommentar zum Artikel von secarts:
Mittwoch, 31.08.2005 - 14:31

doch noch ein kleiner Nachtrag zum Wahlgeschehen: gerade lief im chinesischen Fernsehen ein Live-Interview mit dem deutschen Botschafter in China, Volker Stanzel. Thema war natuerlich die Wahl, die Konsequenzen aus dem Ergebnis und auch die deutsche Aussenpolitik im Allgemeinen.

Der Interviewer bewiess dabei echte Pitbull-Qualitaeten: in einer Dreiviertelstunde wurde dem Botschafter, der in dieser Position sicherlich zu einem der fuenf wichtigsten Vertreter Deutschlands in der Welt (neben dem in Frankreich, den USA, England und Russland) zaehlt, mit Fragen zu den Fehlern der Politik seiner Regierung ("es ist unmoeglich, dass ich meine Regierung kritisiere", so der Botschafter), dem Ansinnen Deutschlands auf einen staendigen Sitz im Sicherheitsrat ("Neben der Supermacht USA und der kommenden Macht China ist Deutschland lediglich ein mittleres Land..."), der kuenftigen Position der BRD zu China in Betreff Waffenembargo ("darueber entscheiden nicht mehr die Nationalstaaten, sondern die EU!") und dem Rechtsruck in Japan und Deutschland ("das kann man nicht vergleichen", und "Ideologie spielt keine Rolle mehr in der deutschen Politik") zugesetzt.

Der Botschafter, der ja nun eventuell auch durch einen Regierungswechsel tangiert wird (in Schluesselpositionen ist es durchaus ueblich, Parteimaenner in's Amt zu hieven, wenn sich die Mehrheiten aendern), gab sich alle Muehe, Angela Merkels starken Charakter zu loben (der vorher vom chinesischen Interviewer, der die Merkel strikt "Angela" nannte, deutlich angezweifelt wurde) und Deutschlands eigene Interessen in der Welt kleinzureden - er kam dabei maechtig in's Schwitzen und wurde mit der Zeit deutlich nervoeser, hielt sich aber ganz wacker.

Das war wirklich mal ein grosser Spass - und illustriert gleichzeitig, wie interessiert die Chinesen an den Vorgaengen in Deutschland und aller Welt sind.