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LHASA/BEIJING/ULAAN BAATAR/BERLIN (02.10.2007) - Hochrangige Vertreter der deutschsprachigen Minderheit Norditaliens ("S√ľdtiroler") erkl√§ren die Zugeh√∂rigkeit Tibets zur Volksrepublik China f√ľr "illegal" und fordern die Sezession des westchinesischen Autonomiegebiets. Entsprechende Verlautbarungen erfolgten am vergangenen Wochenende bei einem Besuch norditalienischer Parlamentarier in Indien, wo die "Exilregierung" Tibets ihren Sitz hat. Die "S√ľdtiroler" Beh√∂rden, die die "Exilregierung" seit mehreren Jahren √ľber deutsche "Volksgruppen"-Politik beraten, kooperieren mit Vorfeldorganisationen der Berliner Au√üenpolitik. Ein Mitglied der aktuellen Besuchsdelegation verlangt auch die Sezession "S√ľdtirols" nach montenegrinischem Modell. Die gegen die territoriale Integrit√§t Chinas gerichteten Vorst√∂√üe erfolgen wenige Tage nach dem Start einer antichinesischen Offensive der Bundesregierung, die die Unterst√ľtzung tibetischer Separatisten mit breit angelegten Einflussma√ünahmen in der Mongolei verkn√ľpft und die Bev√∂lkerung aller Autonomieregionen West- und Nordchinas gegen die Zentralregierung in Stellung bringen soll. Entsprechende Politikkonzepte reichen bis in die 1920er Jahre zur√ľck und finden bis heute Resonanz beim ehemaligen Achsenpartner des Deutschen Reichs und sch√§rfsten Rivalen Chinas - in Japan.

Eine Delegation norditalienischer Parlamentarier hat sich in der vergangenen Woche zu ausf√ľhrlichen Gespr√§chen am Sitz der selbsternannten "Exilregierung" Tibets im nordindischen Dharamsala aufgehalten. Der Vorgang ist f√ľr die deutsche Au√üenpolitik von Bedeutung, da "S√ľdtirol" in vielf√§ltiger Weise in die Netzwerke der deutschen "Volksgruppen"-Politik eingebunden ist. Die Partei des Delegationsleiters Franz Pahl, die S√ľdtiroler Volkspartei, geh√∂rt der in Flensburg (Norddeutschland) ans√§ssigen F√∂deralistischen Union Europ√§ischer Volksgruppen (FUEV) an, die von ehemaligen NS-"Volksgruppen"-Experten gegr√ľndet wurde und sich bis heute mit deutschen Staatsgeldern finanziert. Die FUEV wird zudem von der Autonomen Region Trentino-S√ľdtirol und der Autonomen Provinz Bozen unterst√ľtzt. Die "S√ľdtirol"-Autonomie folgt Konzepten der deutschen "Volksgruppen"-Politik und wurde nach einer Serie terroristischer Anschl√§ge installiert, deren Hinterm√§nner in der Bundesrepublik ans√§ssig waren. Ehemalige "S√ľdtirol"-Terroristen genie√üen bis heute Zuflucht in Deutschland.1

Tibet den Tibetern

Zu den Gespr√§chspartnern der norditalienischen Delegation geh√∂rten s√§mtliche relevanten Organisationen des tibetischen Exils: Die "Exilregierung", das "Exilparlament", Exilbeh√∂rden, soziale und kulturelle Vereinigungen sowie das unumstrittene geistliche und weltliche Oberhaupt der Exilanten, der Dalai Lama. Die Exil-Tibeter werden seit Jahren in Bolzano ("Bozen"), der Zentrale der "S√ľdtirol"-Autonomie, √ľber Mittel und Methoden deutscher "Volksgruppen"-Politik instruiert (german-foreign-policy.com berichtete2). "Die Okkupation Tibets durch China ist illegal", behauptete jetzt Delegationsleiter Franz Pahl: "Wir unterst√ľtzen die tibetischen Anliegen und tun alles, was im Rahmen unserer M√∂glichkeiten liegt, um sie zu st√§rken."3 "Tibet den Tibetern!", forderte Delegationsmitglied Eva Klotz: "Tibet muss befreit werden". Die Landtagsabgeordnete, die einer einflussreichen Familie der deutschsprachigen Minderheit entstammt, hat erst k√ľrzlich von sich reden gemacht, als sie die Losl√∂sung "S√ľdtirols" von Italien verlangte - nach dem Modell Montenegros.4

Vor Olympia

Die Tibet-Offensive aus Bolzano folgt einem Treffen der deutschen Kanzlerin mit dem Dalai Lama und einer Ank√ľndigung des hessischen Ministerpr√§sidenten Roland Koch (CDU), wonach die westliche Unterst√ľtzung f√ľr den tibetischen Separatismus vor der Olympiade 2008 zunehmen wird.5 Berlin erg√§nzt die gegen Beijing gerichteten Ma√ünahmen um Einflussprojekte, die auf den ersten Blick nichts mit China zu tun zu haben scheinen und einem anderen souver√§nen Staat gelten: der Mongolei.

Rohstoffe

Die Bundesregierung hat die Zusammenarbeit mit der Mongolei in diesem Sommer deutlich intensiviert. Im Juli 2007 besuchte Bundeswirtschaftsminister Michael Glos mit einer gro√üen Unternehmerdelegation das Land, im August folgte eine Managerreise des Ostasiatischen Vereins. Der bilaterale Handel hat bereits im ersten Halbjahr 2007 um rund ein Drittel zugenommen. Die √∂konomischen Bem√ľhungen Berlins betreffen "insbesondere die Zusammenarbeit im Bergbau", teilt das Bundeswirtschaftsministerium mit6 - die Mongolei verf√ľgt √ľber bedeutende Metallvorkommen (Kupfer, Gold). "Deutschland und die Mongolei erg√§nzen sich ganz hervorragend", lockte Bundestagspr√§sident Norbert Lammert im September seinen mongolischen Amtskollegen: "Sie haben die Rohstoffe, die wir ben√∂tigen, und wir k√∂nnen zur Veredlung und Verarbeitung Ihrer Rohstoffe Wissen und Technologie beisteuern".7

Dschingis Khan

Dass die Berliner Einflussnahme nicht nur einem abh√§ngigen Ressourcenlieferanten der deutschen Industrie gilt, zeigt der "Au√üenpolitische Dialog", den Berlin und Ulaan Baatar im April 2006 eingerichtet haben. M√∂gliche Sto√ürichtungen offenbart eine aufsehenerregende Exposition, die Bundeskanzler Schr√∂der im Jahr zuvor im Beisein des mongolischen Ministerpr√§sidenten in der staatseigenen Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn er√∂ffnet hatte. Unter dem Motto "Dschingis Khan und seine Erben" wurden √∂ffentlichkeitswirksam deutsche Forschungsergebnisse aus der Mongolei pr√§sentiert - unmittelbar vor dem 800-j√§hrigen Jubil√§um der Gr√ľndung des mongolischen Gro√üreichs, das in Ulaan Baatar mit gro√üem Prunk gefeiert wurde (in Anwesenheit des Bundestagspr√§sidenten).8 Aufmerksam registriert wurde die Bonner Ausstellung auch in der "Inneren Mongolei", einer Autonomieregion im Norden Chinas, in der Dschingis Khan gro√üe Verehrung genie√üt - als Symbolgestalt gro√ümongolischer Bestrebungen.

Spionage

Das deutsche Interesse an der Mongolei und der chinesischen Region "Innere Mongolei" reicht zur√ľck bis in die 1920er Jahre. 1924 lud Berlin den mongolischen Bildungsminister zu einer Deutschland-Reise ein, 1926 entsandte Ulaan Baatar 35 Sch√ľler zur Ausbildung nach Deutschland. Ziel war der langfristige Aufbau enger Beziehungen, um die starke Abh√§ngigkeit von Moskau zu verringern. 1927 startete das Ausw√§rtige Amt eine Expedition in die Innere Mongolei und nach Xinjiang (heute eine weitere Autonomieregion9); als Forschungsreisende getarnt schickte Berlin gemeinsam mit dem prodeutschen schwedischen Wissenschaftler Sven Hedin mehrere Milit√§rs nach China - laut j√ľngsten Untersuchungen zwecks Spionage in den unruhigen Minderheitengebieten.10 Beide Vorhaben scheiterten: Im Fr√ľhjahr 1928 untersagte Beijing den deutschen Milit√§rs die Weiterreise, die mongolischen Sch√ľler mussten 1929/30 auf Druck Moskaus in die Mongolei zur√ľckkehren.

Pufferstaat

Der Gedanke, sich in Kooperation mit der Mongolei und gro√ümongolischen Kr√§ften in Asien festsetzen zu k√∂nnen, blieb jedoch erhalten. Als die Wehrmacht 1942 immer weiter nach Osten vorr√ľckte und japanische Truppen die tibetische Grenze erreichten, bekamen in Berlin Pl√§ne neuen Auftrieb, unter der Hegemonie Deutschlands und Japans einen Pufferstaat ("panmongolischer Staatenbund") zwischen den Weltm√§chten zu errichten11 - aus Tibet, das seine Beziehungen nach Berlin ausbauen wollte, der Mongolei12 und der Inneren Mongolei, die mit Unterst√ľtzung Japans 1937 eigene Hoheitsrechte erhalten hatte. Nur die Niederlage der Weltkriegsaggressoren verhinderte die Umsetzung dieser Pl√§ne.

Dalai Lama

In Tibet kn√ľpft die Bundesrepublik seit Mitte der 1980er Jahre verst√§rkt an alte Kooperationstraditionen an, die in den 1930er Jahren von der SS begr√ľndet wurden.13 Die Beziehungen zur Mongolei werden seit 1991 systematisch intensiviert. Gute Kontakte in die Innere Mongolei unterh√§lt vor allem der ehemalige Berliner Achsenpartner Japan. Die drei Gebiete sind nicht nur in ihrem Streben vereint, m√∂glichst gro√üe Unabh√§ngigkeit von Beijing zu erlangen, sie unterhalten auch enge kulturelle Bindungen untereinander. So ist der tibetische Buddhismus in der Mongolei und der Inneren Mongolei die vorherrschende Religion, sein Oberhaupt - der Dalai Lama - genie√üt dort nicht geringe Verehrung. Wie der Gottk√∂nig vor wenigen Tagen in einem deutschen Presseinterview betonte, werden eventuelle Unruhen in Tibet auch "Auswirkungen" auf die Innere Mongolei haben.14 Die Berliner Tibet-Offensive folgt nicht angeblichen Sorgen um die Kultur einer Minderheit, sie legt zum wiederholten Male Hand an rund die H√§lfte des chinesischen Territoriums und sucht dessen Bev√∂lkerung im Kampf gegen Beijing zu nutzen.


Bitte beachten Sie auch die beiden ersten Texte unserer Schwerpunktserie: Schwächungsstrategien (I) und Schwächungsstrategien (II) sowie unsere Rezension Peter Mierau: Nationalsozialistische Expansionspolitik.

Anmerkungen:
1 s. dazu Schutzmacht-Klausel, Partei√ľbergreifende Steuerungsgruppe, Minderheitenrechte und Rezension: "Neue Kommentare"
2 s. dazu Schwächungsstrategien (I)
3 Visiting Trentino-South Tyrol parliamentary members condemn China's policy on Tibet; phayul.com 29.09.2007
4 "Wenn alle, jeder an seinem Platz, daf√ľr arbeitet, dass wir freie Tiroler werden, so k√∂nnen wir dieses Ziel auch erreichen! Das zeigt das Beispiel Montenegros. Vor einem Jahr haben sich 55,5% der W√§hler f√ľr die Losl√∂sung von Serbien ausgesprochen. Heute ist Montenegro in aller Welt als unabh√§ngiger Staat anerkannt." S√úD-TIROLER FREIHEIT startet Mitgliederkampagne; Pressemitteilung der S√úD-TIROLER FREIHEIT 17.09.2007
5 s. dazu Schwächungsstrategien (II)
6 Staatssekret√§r Dr. Walther Otremba zieht positive Bilanz √ľber die deutsch-mongolischen Wirtschaftsbeziehungen; Pressemitteilung des Bundesministeriums f√ľr Wirtschaft und Technologie, 13.09.2007
7 Lammert: Mongolei und Deutschland ergänzen sich; Pressemitteilung des Deutschen Bundestags, 20.09.2007
8 s. dazu Mongolei: "Wertvoller Ratgeber" f√ľr Ostasien, Zivilgesellschaft und Identit√§t
9 s. dazu Hauptsitz und Druck aus√ľben
10 Hans Boehm: Finanzierung der Zentralasienexpedition Sven Hedins. "Strengste Geheimhaltung wird von allen Beteiligten als unerl√§sslich angesehen", in: Erdkunde. Archiv f√ľr wissenschaftliche Geographie 57 (2003), S. 40-54
11 Reinhard Greve: Tibetforschung im SS-Ahnenerbe, in: Lebenslust und Fremdenfurcht. Ethnologie im Dritten Reich, herausgegeben von Thomas Hauschild, Frankfurt am Main 1995
12 Ein Jahr sp√§ter, 1943, wurden die 35 Sch√ľler, die sich in den 1920er Jahren zur Ausbildung in Deutschland aufgehalten hatten, der Spionage bezichtigt und zu langj√§hrigen Haftstrafen verurteilt.
13 s. dazu Schwächungsstrategien (II) sowie unsere Rezension Peter Mierau: Nationalsozialistische Expansionspolitik
14 "China mischt sich auch in Deutschlands Angelegenheiten ein"; S√ľddeutsche Zeitung 21.09.2007. Der Dalai Lama rechnet f√ľr diesen Fall auch mit Unruhen in Xinjiang. Dort ist zwar der Islam die dominierende Religion, doch d√ľrften die nordwestchinesischen Separatisten ("Uiguren") jede Schw√§chung Beijings f√ľr ihre Zwecke nutzen. Auch sie finden Unterst√ľtzung in Deutschland: Hauptsitz und Druck aus√ľben.



 
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