Manchmal macht es Sinn, alte Dinge für die Zukunft aufzuheben. Flaggenhalter zum Beispiel. Kennen'se nicht? Sind noch aus den tausend braunen Jahren, und in deutschen Städten an jedem zweiten Haus, das älter als 60 Jahre ist, irgendwo an der Fassade in Höhe der ersten Etage zu finden. Die lassen sich ganz wunderbar reaktivieren, wenn man zum nationalen Großereignis WM seinen Verfassungspatriotismus unter Beweis stellen möchte.
eine Momentaufnahme am Abend des WM-Beginns
"Ich kenne keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche!" (Wilhelm der Letzte, 1914) |
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| © by reuters |
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Deutschlands Hoffnung |
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Der Nationalismusbeauftragte Reinhard Mohr von "Spiegel Online" will "
ab morgen den Finger in die deutsche Luft halten. Jeden Tag. Vier Wochen lang, ganz kurz und sehr subjektiv. Wir versuchen, den täglichen Patriotismus-Pegel (PP) zu messen, den Klinsimeter (KM) der Nation". Um damit die schon vorher feststehende These a la "wir dürfen wieder und tun's auch" zu bestätigen: "Jetzt
dürfen wir auch mal die eigene Flagge zeigen und müssen nicht Ghana, Togo oder der Elfenbeinküste zujubeln". Nein, müssen wir nicht. Schwarz-Rot-Mostrich geht wieder - und wird fleißig genutzt. Seit Monaten schon kein Supermarkt, kein Schaufenster und kein Werbeslogan, der nicht Fußball und Nationalfahne in Tateinheit kombiniert: das wasserkopfgroße Leder als ultimativer Transporteur nationaler Verbundenheit.
Das Sprüchlein, die Deutschen hätten ein "verkrampftes Verhältnis zu ihrem Land", legen gerne Deutsche, die genau zu diesem Resultat zweier deutscher Weltkriege ein "verkrampftes Verhältnis" haben, bevorzugt imaginären "amerikanischen Bekannten" in den Mund - um so en passant die "Entkrampfung" einzufordern. Zu den entkrampfenswerten Zuständen gehören zum Beispiel die mindestens moralisch strafbaren zwei ersten von drei Strophen unserer Nationalhymne. Eine Geschichte, die Mitte des 20. Jahrhunderts einen nebulösen Anfang nimmt, nachdem die braunen Außerirdischen ebenso plötzlich verschwanden, wie sie einst auftauchten. Und eine Fahne, für die man sich schämt.
Was kommt besser als eine WM, um mit diesen linksliberalen Marotten endlich aufzuräumen? Ein Ruck muss durch unser Land gehen - auch wir wollen endlich heimkehrende Heldensärge unserer Verteidiger am Hindukusch, und zwar
mit Fahnenbedeckung!
"Du bist nichts, dein Volk ist alles" (dt. Nazis, 1933) |
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1996: Deutsche begrüßen Polen |
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Nun - heute finden die ersten beiden Spiele statt - und Deutschland, der Gastgeber, das "
größte WM-Team aller Zeiten", der "
Fanclub Deutschland 06", trat gegen Costa Rica an. Ja - und wir, wir müssen nicht mehr die Fahne von Costa Rica bejubeln, sondern können wieder unseren eigenen Lappen aus dem Fenster hängen, ans Auto heften, am Fahrrad drapieren, als Irokesenschnitt tragen oder als Kondom benutzen.
Und aus Radio, TV und Internet darf uns Sonder-Frontmeldungs-Grusel überkommen, wenn auf einmal 1:1 (Ballack krank!) durchgegeben wird - haben wir noch eine Chance gegen die heranstürmenden Horden aus Zentralamerika? Doch dann die jähe Wendung: 2:1, fürs Abendland, die kreolischen Barbaren sind gestoppt! 4:2, "
Deutschland bezwingt Costa Rica"!
Ganz Deutschland, um den Volksfernseher versammelt, hört die Stimme seines Trainers. Gekämpft, gehofft und doch gewonnen - Stalingrad ist lange her,
that's reality!
Schon versammeln sich die ersten, noch spontan zusammenfindenden Menschenhäufchen, um ihrer Freude plastischen Ausdruck zu verleihen; es nahen Autokorsos mit festgeklemmter Hupe und gröhlende, erleichterte Quartalspatrioten mit Tröten, Trommeln und Dosenbier. Gut genutzt wollen die anderthalb Stunden vor der nächsten, nicht einmal annähernd so wichtigen Begegnung sein; später dann darf der Abend im wohlverdienten Delirium tremens ausklingen - das ganze Land stand wie ein Mann zusammen und kann sich nun gemeinsam erbrechen. Da verschmelzen alle Standesdünkel, alle Klassenschranken, alle Hemmungen: Professor und Hartz-IV-Empfänger, Arbeiter der Stirn, der Faust und der Jobagentur liegen sich in der Armen, die Volksgemeinschaft ist vor den öffentlichen Großbildleinwänden greifbare Realität geworden.
"Hier gibt es kein Ich. Hier gibt es nur Wir" (2006, Klinsmann) |
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Morgen, am 09.06., darf in Gelsenkirchen die NPD aufmarschieren. Gelsenkirchen ist einer der Hauptaustragungsorte der Weltmeisterschaft; amerikanische und polnische Fußballfans werden zugegen sein, wenn die BRD demonstriert, was sie unter dem "Grundrecht auf freie Meinungäußerung" versteht: Das Bundersverfassungsgericht, höchstmögliche Instanz, hatte zuletzt das bestehende Verbot durch das Oberverwaltungsgericht aufgehoben.
Deutsche Richter urteilen: "
diese Begründung [das Verbot der NPD-Demo] sei unter verfassungsrechtlichen Gesichtspunkten nicht tragfähig. Das Ansehen Deutschlands beruhe besonders auf der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, für die auch die Meinungs- und Versammlungsfreiheit bestimmend sei" (FR, 02.06.2006). Unser Ansehen in aller Welt - abhängig davon, ob wir Faschisten marschieren lassen oder nicht?!
"Die Welt zu Gast bei Freunden" - morgen, in Gelsenkirchen zum Beispiel. Oder gelegentlich, in Potsdam, wenn dunkelhäutige Menschen beinahe ermordert werden.. Oder beinahe täglich, in weiten Gebieten des Landes - wenn "Gäste", die zum Teil hier geboren sind oder seit Jahrzehnten hier leben, zusammengeschlagen werden; wenn die Volksgemeinschaft "Fremdkörper" aussondert.
Nicht nur das Recht, seinen Nationalstolz zeigen zu dürfen, indem man sein Fähnchen aus dem Fenster hängt, ist unterdessen längst wieder alltäglich geworden - Rassismus auf den Straßen, Faschisten in den Parlamenten und Idioten in Richterroben auch.