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    Montag, 07.11.2005 - 17:58 Uhr -  Internationales  
    die Waffen der Verlierer
    Jugendrevolten in Frankreich - und Deutschland?
     
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    Die Waffen der Verlierer, das sind Steine, Knüppel, Molotow-Cocktails. Und immer wieder verblüfft es, wie schutzlos eine Welt, die Atombomben erfunden hat und Schußwaffen, kugelsicheres Glas und Elektroschocker, derart barbarischen, urtümlichen Waffen gegenübersteht.
    Ihre Benutzer sind Jugendliche, Asylanten, die tiefsten sozialen Verlierer einer Gesellschaft, mit der sie oftmals nicht einmal die Sprache teilen. Und ihre Ziele sind Autos - die ultimativen Symbole einer Gemeinschaft auf der Droge Tempo, die Warenfetische der schönen neuen Welt. Und Schulen, die niemandem zum Aufstieg verhelfen können; Geschäfte, in denen die Eintrittskarte Geld heißt, das man nicht hat.

    Gebannt, verängstigt und fasziniert schaut die westeuropäische Welt auf einen Ausbruch an Gewalt, der sich nicht ankündigte und nicht erklärt. Niemand trägt Transparente, brüllt Parolen oder schwenkt Fahnen, es gibt keine begleitenden Diskussionen, keine politischen Manifeste oder gar Untergrundorganisationen, die die Randale koordinieren und politisch fundieren. Gewalt um ihrer selbst willen, ohne Überbau, ohne Sinn und Zweck.

    Die jüngsten Ausschreitungen, die derzeit von den Pariser Vororten auf die Innenstadt übergreifen, in vielen anderen Landesteilen aufflackern und bereits in Berlin und Bremen Nachahmer fanden, forderten bis jetzt Sachschäden in Millionenhöhe und die ersten Menschenleben. Konkreter Auslöser war der noch immer ungeklärte Tod zweier Jugendlicher in einem Pariser Vorort, die auf der Flucht vor der Polizei starben. Nicht erklärt dies, warum ausgerechnet dieses Ereignis, das nun nichts absolut Außergewöhnliches in den sozialen Brennpunkten des Landes ist, zu einer wahren Welle der Gewalt wurde und auch völlig Unbeteiligte aus anderen Provinzen und gar Nachbarländern in Randalestimmung versetzt.

    Ein geworfener Stein ist eine kriminelle Tat. Tausend geworfene Steine, das ist eine politische Aktion, schrieb lange vor dem Beginn ihrer eigenen Karriere als "Steinewerferin", nämlich als Anführerin der RAF, die Journalistin Ulrike Meinhof.
    Da hatte sie Recht - selbst wenn die Steinewerfer nicht einmal wissen, warum sie zur Waffe greifen. Auch rein destruktive, dumpfe und urwüchsige Ausbrüche an Gewalt wie dem derzeitigen in Frankreich verraten eine politische, zumindest aber ökonomische Grundlage. Es sind die Schwächsten und Niedrigsten, die normalerweise niemand nach ihrer Meinung fragt. Plötzlich schaffen sie es mit geringem Aufwand auf die Titelseiten der Zeitungen der Welt.
    Das alles ist eigentlich relativ klar - von "Integrationsproblemen" wird derzeit wieder viel geschrieben; von "sozialen Ghettos", von "Konfliktpotential" - bestes Wetter für soziologische Fachwörter. "Parallelgesellschaften" lehnen sich auf einmal auf gegen ein System, das Schwächere und Schlechtergestellte gnadenlos abhängt. Diese "Parallelgesellschaften" gibt es nicht erst seit elf Tagen. Und dennoch scheint ein zwar trauriges, aber kaum einmaliges Ereignis den Kessel zur Explosion gebracht zu haben - die Unterschicht vereint sich, neben Migranten beteiligen sich einheimische Jugendliche; aus spontaner Wut, die sich ein Ventil sucht, entsteht eine Eigendynamik bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen. Europa hat Angst - nicht vor der Todesgrippe, der Hühnerpest oder Al-Qaida, sondern vor seinen Bewohnern.

    Ist vergleichbares in Deutschland möglich? Nein, die "Integration" sei hier "viel besser" gelungen als in Frankreich, reden sich bürgerliche Politiker ein. Natürlich, auch hier gäbe es "soziale Probleme". Aber: eine Welle der Gewalt, in deutschen Städten? Niemals, unmöglich.
    Und doch haben wir Millionen Arbeitslose, viele davon jugendlich. Jeder vierte hat keinen Schulabschluß, und selbst der hilft oftmals nicht mehr viel. Wer in den Betonwüsten deutscher "Problemzonen" lebt, in denen achtzig Prozent der Menschen kaum deutsch sprechen und wahrscheinlich noch viel weniger schreiben können, der weiß, das es kaum je nach oben, sehr leicht aber noch ein Stück nach unten gehen kann. Abschiebung in Krieg und Hungersnöte; Kriminalisierung, Drogen, Obdachlosigkeit. Fahrlässig wäre es obendrein, das Problem auf die Kinder von Asylanten zu reduzieren: diese Gesellschaft schafft sich aus ihrem Leib heraus ihre Totengräber. "Soziale Ghettos" gibt es nicht nur in Paris, sondern auch in Hamburg, Berlin und Köln. Das ist die echte "Globalisierung" - eine internationalisierte Schicht der Lumpenproletarier, die in den Zentren des hochentwickelten Kapitalismus und in den imperialen Metropolen auf Dritte-Welt-Niveau leben müssen.

    Diese Bewegung ist zum Scheitern verurteilt. Wie ihre Protagonisten im "normalen Leben" gegen die Wand gekracht sind, werden sie es auch hier wieder tun - sei es, weil sie durch den Staatsapparat auf kurz oder lang geschlagen werden; sei es, weil "die Luft irgendwann raus ist". Der Bewegung, die von sich nichts weiß, fehlt Programm und Organisation; Verknüpfung von sozialem Unmut und politischen Vorstellungen; ein Plan, diese Zustände dauerhaft zu ändern.
    Und ihr fehlt das Ziel: Genausowenig, wie durch die Zerstörung der Maschinen die industrielle Ausbeutung des Menschen gestoppt werden kann, wird das Anstecken von Supermärkten, Autos und Wohnhäusern Armut und Perspektivlosigkeit überwinden. Es geht noch weiter: dem Charakter nach ist diese anarchistische Warenvernichtung eher noch systemstabilisierend; die kaputten Autos und Häuser zahlt die Versicherung oder der Besitzer. Und kauft sich beides unter Umständen neu. Überproduktion und Nicht-Absetzbarkeit von Produkten sind stete treue Begleiter dieses ökonomischen Systems. Und insofern mag die objektive Auswirkung dieser subjektiv aus ökonomischen Gründen begangenen Taten dem Charakter des Systems eher noch entsprechen als es zu untergraben: kalkulierter Verschleiß oder anzünden; für den Verkäufer kommt es auf's Selbe hinaus.

    Der Bewegung jede Legitimation abzusprechen, nur weil sie zum Scheitern verurteilt ist und Autos dabei in Flammen aufgehen, wäre dennoch leichtfertig und allzu einfach: Sinnlose Gewalt, ja. Grundlos aber ist sie nicht.
    Man kann sich über die Wahl der Waffen streiten, über die Ziele der Attacken, über die Berechtigung von Gewalt, über den Sinn oder Unsinn dieser Form von Einzelterrorismus. Nicht aber über die Ungerechtigkeit der Zustände, die solche Explosionen hervorruft und ermöglicht. Und nach einem zu erwartenden raschen Sieg der Staatsmacht wieder hervorrufen und wieder ermöglichen wird.
    Solange die Protagonisten dieser Gesellschaftsform - in Frankreich, Deutschland oder sonstwo - nicht bereit sind, über die Unmenschlichkeit der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, des Ausgrenzens ganzer Schichten und Klassen und des tagtäglichen Absprechens der Existenzberechtigung durch Entzug von Arbeit zu sprechen, sollte niemand auch nur ein Wort vom unmoralischen Charakter brennender Autos verlieren.

    Das Drama wird derzeit in Frankreich aufgeführt.
    Frankreich ist der Joker in diesem Satz; es könnte auch Italien heißen. Oder Deutschland.

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