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    Dienstag, 08.02.2011 - 07:00 Uhr -  aus der BRD  
    Eine Wertepartnerschaft
    Deutsche und japanische Eliten beschwören "alte, bewährte Verbindungen"
     
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    TOKIO/BERLIN (08.02.2011) - Mit einem kürzlich gestarteten Jubiläumsjahr beschwören deutsche Politiker und Wirtschaftskreise die "alten, bewährten Verbindungen" zwischen Deutschland und Japan. Eine umfangreiche Serie von Feierlichkeiten und Events, die zum 150. Jahrestag der Unterzeichnung des Preußisch-Japanischen Handels- und Freundschaftsvertrages eingeleitet wurde, soll die Kooperation zwischen Berlin und Tokio sowie die wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen zwischen den Eliten beider Länder neu stärken. Die enge bilaterale Zusammenarbeit, die in der deutschen Hauptstadt als "Wertepartnerschaft" gepriesen wird, beruht auf jahrzehntelanger gemeinsamer Expansion, die in der mörderischen Waffenbrüderschaft im Zweiten Weltkrieg gipfelte. Japan hat sich in der Zeit davor stets stark am Deutschen Reich orientiert und aus Berlin eine Vielzahl an Gesetzen und anderen Strukturelementen übernommen, die bis in die Gegenwart wirksam sind. Heute teilen die beiden Staaten ähnliche ökonomische Probleme - und vor allem die gemeinsame Konkurrenz zur aufstrebenden Weltmacht China.

    "Die Jugend für Deutschland begeistern"

    Im Beisein des japanischen Vize-Außenministers Yutaka Banno hat das Auswärtige Amt am 19. Januar im Berliner Haus der Kulturen der Welt das "Jubiläumsjahr Deutschland-Japan" gestartet. Anlass ist der 150. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen[1]; im Mittelpunkt stehen ein Ausbau der bilateralen Zusammenarbeit unter anderem beim Streben nach einem Sitz im UN-Sicherheitsrat[2] und beim Klimaschutz sowie die Förderung der Wirtschaftsbeziehungen. Deutschland und Japan arbeiteten in der Weltpolitik "als Partner (…) eng zusammen", schreibt das Auswärtige Amt. Japan sei "nach China der wichtigste Wirtschaftspartner Deutschlands in Asien"; das "kulturelle und wissenschaftliche Netz" habe man "mit 56 Japanisch-Deutschen Gesellschaften, 127 Hochschulkooperationen und 66 Städtepartnerschaften sehr eng" gespannt; das Goethe-Institut sei mit insgesamt "drei Zweigstellen in Tokyo, Osaka und Kyoto vertreten".[3] Staatssekretärin Pieper nennt als Ziel des Feierjahres, "bestehende Netzwerke (zu) stärken und die Jugend in unseren beiden Ländern füreinander neu (zu) begeistern".[4] Der Veranstaltungskalender auf einer eigens für das Jubiläum eingerichteten zweisprachigen Webseite[5] des Auswärtigen Amtes verzeichnet hunderte geplante Kultur- und Wirtschaftsevents. Betont werden im Berliner Außenministerium vor allem die geschichtlichen "Gemeinsamkeiten" beider Länder und die "deutschen Einflüsse" auf die Entwicklung Japans.

    150 Jahre Tradition

    Der geregelte diplomatische Verkehr zwischen dem damaligen Königreich Preußen und Japan begann im Jahr 1860, als eine preußische Delegation in Edo, dem heutigen Tokio, landete. Der Besuch mündete in den Abschluss des "Preußisch-Japanischen Handels- und Freundschaftsvertrages" vom 24. Januar 1861. Hintergrund war die Ähnlichkeit der preußisch-deutschen mit der japanischen Entwicklung: Beide Länder traten erst spät in die Industrialisierung und die Loslösung vom Feudalismus ein, verzeichneten dann jedoch eine rasche wirtschaftliche Entwicklung. Sie stießen auf ähnliche strukturelle Schwierigkeiten - ihr Binnenmarkt war begrenzt, die Bevölkerung wuchs schnell, die Modernisierung stieß auf feudale Hemmnisse. Zudem war der Globus bereits weitgehend zwischen den Kolonialmächten aufgeteilt. Dies machte das "deutsche Modell" einer nachholenden kapitalistischen Entwicklung "von oben" auch in Japan populär. Während der als "Meiji-Zeit" bezeichneten Regentschaft des Tenno Mutsuhito fand, vergleichbar mit den Bismarck'schen Reformen in Deutschland, ab den 1860er Jahren eine forcierte ökonomische Entwicklung Japans statt. Das eigentümliche Nebeneinander alter feudaler Strukturen und moderner westlicher Technik und der zügige Ausbau der Streitkräfte zu einer schlagkräftigen Angriffsarmee weisen deutliche Parallelen zum Deutschen Kaiserreich auf. Tatsächlich bediente sich Japan insbesondere deutscher Gesetzgebung in Straf-, Zivil- und Verwaltungsrecht, um die ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung einzufangen. In vielen Gesellschaftswissenschaften, in der Jurisprudenz und im Beamtenrecht finden sich heute noch deutsche Einflüsse.

    Achsenmächte

    Nur ein kurzes Intermezzo in den engen bilateralen Beziehungen bildete der Erste Weltkrieg, in dem sich Japan und Deutschland als Gegner gegenüberstanden. Die ehemalige deutsche Kolonie in China, Qingdao ("Tsingtau"), fiel 1917 an die kaiserliche japanische Armee, die die Kolonie zunächst für Japan übernahm und deutsche Kolonialsoldaten in japanische Kriegsgefangenschaft überführte. Bereits in den 1920er Jahren, verstärkt dann während der NS-Zeit wurden wieder enge Bande zwischen beiden Ländern geknüpft, die 1936 in den Abschluss des gegen die UdSSR gerichteten "Antikomintern-Paktes", 1940 in den "Dreimächtepakt" gemeinsam mit Italien und 1942 in ein Militärabkommen mündeten. Deutschland und Japan wurden zu "Achsenmächten", die mit beispielloser militärischer Brutalität ihre Expansion vorantrieben. Die strategische Partnerschaft resultierte aus ähnlichen Motiven einer nachholenden Expansion gegen schwächere Nachbarstaaten sowie gegen die bereits etablierten Kolonialmächte; ideologisch untermauert wurde sie mit rassistischen Weltbildern. Der immense räumliche Abstand zwischen den beiden "Achsenmächten" ließ ihnen genügend Spielraum zur Bildung eigener hegemonialer Sphären, ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen. Die Planungen gediehen bis hin zum Szenario einer deutsch-japanischen Waffenverbrüderung in China, wohin deutsche Soldaten von Tibet aus vorstoßen sollten.

    Nibelungentreue

    Zu Beginn des 21. Jahrhunderts verzeichnen Deutschland und Japan weiterhin grundlegende Gemeinsamkeiten. Beide Länder kämpfen mit einem Widerspruch zwischen dem begrenzten Binnenmarkt und gleichzeitig starker Exportabhängigkeit, mit einer Überalterung der Gesellschaft und mit ungelösten Krisenproblemen. Diese Ähnlichkeiten führen auf der Basis gewachsener historischer Beziehungen zu einem koordinierten Vorgehen beider Länder auf der Weltbühne. Bereits zweimal unternahmen Berlin und Tokio - begleitet von Hinweisen auf ihr politisches, ökonomisches und militärisches Gewicht und von Versuchen, sich Stimmen in Südamerika, Asien und Afrika zu kaufen - gemeinsame Vorstöße zu einer Revision der Nachkriegsordnung mittels eines Umbaus des UN-Sicherheitsrates. Die Versuche scheiterten. Auch die Neudefinition des "Verteidigungsauftrages" samt einhergehender Umgestaltung der Streitkräfte verläuft nach dem Ende der Systemkonfrontation parallel: Die japanische Armee, die laut Verfassung Japans von 1947 immer noch verboten ist, verfügt mittlerweile über einen der höchsten Rüstungsetats der Welt.[6]

    Gemeinsame Feinde

    Für den unmittelbaren Nachbarstaat Japan, aber zunehmend auch für die Bundesrepublik Deutschland wird zudem die Volksrepublik China immer mehr zum Hauptkonkurrenten. Die Volksrepublik hat mittlerweile beide Länder im Ranking der Exportnationen auf den dritten und vierten Platz verwiesen und baut die eigene Wirtschaft zügig um. Die Stiftung Wissenschaft und Politik bringt die Befürchtungen Berlins wie auch Tokios auf den Punkt: "Zuallererst betroffen vom Machtzuwachs der Volksrepublik sind sowohl die USA, deren Hegemonierolle mittel- und langfristig bedroht wird, als auch Europa und Japan, deren internationaler Einfluss geringer wird und denen eine Marginalisierung droht".[7]

    Engpässe

    Ein gemeinsames Vorgehen gegen China streben Deutschland und Japan gegenwärtig im Falle der sogenannten Seltenen Erden an. Dabei handelt es sich um Metalle, die für die Computerindustrie unverzichtbar sind, aber nur in geringen Mengen vorkommen. Bedeutende Lagerstätten gibt es in China, das nun allerdings keine ungehinderte Ausfuhr dieser Metalle mehr zulässt. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hat jetzt Japan deutsche Hilfe angeboten, um einen Versorgungsengpass zu überwinden. Deutschland und Japan sollten prüfen, ob sie "gemeinsam in der Welt die Rohstoff-Exploration vorantreiben könnten", erklärt Brüderle. So gebe es Vorkommen in Namibia, der Mongolei und den USA. Die Mongolei sei bereits von deutschen Geologen erforscht worden.[8]

    Handys recyceln

    Weil die Drosselungen bei der Ausfuhr Seltener Erden auch die deutsche Wirtschaft treffen, hat Brüderle außerdem bereits versucht, Druck auf Beijing auszuüben. Ein Erfolg blieb bisher aus: Die chinesische Seite habe "unter anderem auf Landschaftszerstörung durch den Gesteinsabbau für die Seltenen Erden hingewiesen".[9] Für den Fall, dass der gemeinsame deutsch-japanische Vorstoß scheitern sollte, bietet der deutsche Wirtschaftsminister Tokio einen Rückgriff auf deutsche Erfahrungen an: "Japan kann auch versuchen, Handys zu recyceln".


    Anmerkungen:
    -1 150 Jahre Freundschaft zwischen Deutschland und Japan; Pressemitteilung des Auswärtigen Amtes 19.01.2011
    -2 zu den deutsch-japanischen Versuchen, die Nachkriegsordnung zu revidieren und im UN-Sicherheitsrat selbst zu eigenständigen Vetomächten zu werden, s. Zweite Klasse, Chinesisches Veto und Die alte Botschaft
    -3 150 Jahre deutsch-japanische Freundschaft; www.auswaertiges-amt.de, 20.01.2011
    -4 150 Jahre Freundschaft zwischen Deutschland und Japan; Pressemitteilung des Auswärtigen Amtes 19.01.2011
    -5 www.dj150.jp
    -6 s. auch Alte Freunde
    -7 Hanns Günther Hilpert: Chinas globale wirtschaftliche Herausforderung; SWP-Studie 2010/S29, Dezember 2010
    -8, -9 Deutschland hilft Japan bei High-Tech-Rohstoffen; www.welt.de 16.10.2010


    mehr zu diesem Thema im Internet :
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