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Dossier: Ja, der Franz! Ja, der Wahnsinn! // Volksgemeinschaft, reloaded? Die
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Renaissance des Nationalen: in nicht erwarteter Intensität wehen uns seit Beginn der Fußball-WM Fahnen von Balkonen, Häuserwänden und Autos entgegen, entsprechende Trikots und T-Shirts umhüllen die unterschiedlichsten Leiber. Was ist so wichtig daran, dass wir uns damit beschäftigen ? Warum betrachten wir dies in seinen Ausprägungen als Nationalismus?

Ein unerbetener Kommentar zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006.



„Wir feiern doch nur ein großes Fest!“

Genau da hat man mittlerweile sehr gemischte Eindrücke - zumindest Teile dieses Festes sind eher unüblich: wie ist es zu verstehen, wenn bei diversen Spielen verschiedener Mannschaften die deutschen Zuschauer aufstehen und „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!“ grölen? Sollen die Fans der beteiligten Mannschaften sitzen bleiben, zeigen wir so unseren Gastgeberstatus oder ist es reine Gedankenlosigkeit? Etwas unerklärlich auch, warum mittlerweile bei vielen Spielen: „Deutschland, Deutschland!“ hereingerufen wird...

Was für ein friedliches Fest ist das, wenn die Bild-„Zeitung“ auf dem Niveau miesester Bundeswehrstuben-Kalauer „Klinsi, putz die Polski“ fordert und ARD-Reporter Delling nach dem Sieg gegen Polen mitteilt, die deutsche Mannschaft würde noch in der Nacht vom Spielort Dortmund in ihr „Hauptquartier“ zurückfahren? Gerade die Reporter sind gut geeignet als Barometer des Kerns der Angelegenheit, weil sie soviel quasseln müssen und als Fußballfans natürlich auch so aufgeregt sind, dass ihnen gelegentlich ihre Gedanken ziemlich ungefiltert rausrutschen.
Ein nicht nur fußballtechnisch, sondern auch politisch ziemlich unerträgliches Subjekt ist in diesem Zusammenhang übrigens der ARD-Chef-Analytiker Günter Netzer, der vor Rassismus nur so strotzt. In kommisartig abgehackten Sätzen bringt er Dinge wie: „Es liegt im Naturell der afrikanischen Mannschaften nicht den entscheidenden Torschuss zu suchen“ – übersetzt: „Die Neger sind halt verspielt und ein bisschen hinter der Zeit.“ Die Holländer, Engländer usw. sind soundso, das war schon immer so undsoweiter.

Die Welt zu Gast bei Freunden ?

Wie die WM genau nach Deutschland vergeben wurde, ist bis heute etwas unklar. Der Vorgänger Klinsmanns als Trainer, Rudi Völler, hat jüngst nochmals bestätigt, das die Satire-Zeitschrift „Titanic“ mit gefälschten Bestechungsangeboten an die Stimmberechtigten einen erheblichen Einfluss bei der Entscheidungsfindung hatte. Wie auch immer, jetzt haben wir den Salat. Das offizielle Bewerbungsschreiben des Deutschen Fußball Bundes (DFB) vom 01.06.1993 liest sich jedenfalls angesichts der Zustände in diesem Land und der konkreten Gegebenheiten bei der WM wie der blanke Hohn: „Sie selbst, lieber Herr Dr. Havelange (damalige Präsident Welt-Fußballverband), haben im November 1990 in Leipzig nach jahrzehntelanger Trennung die Wiedervereinigung des deutschen Fußballs erlebt. Nun sieht es der DFB auch als Verpflichtung an, den Menschen im Osten unseres endlich wiedervereinigten Landes Fußball von höchster internationaler Klasse zu präsentieren. Wie ginge dies besser als durch eine Weltmeisterschaft!“ So war das also gedacht: gerade auch für die ehemalige DDR Brot und Spiele!
Was ist die Realität? Einer von 12 WM-Spielorten (Leipzig) liegt in der annektierten DDR, dort verlieren sich sonst Fans viertklassiger Vereine im schönen Rund und – man glaubt es kaum - eine unserer hochgeschätzten 31 Gastmannschaften (Ukraine) hat ihre Unterkunft im Osten gewählt. Dies im Übrigen in dem nahe der Hauptstadt gelegenen Potsdam. Ansonsten ist der Osten auch hier abgehängt, Brachland, total gelogen somit auch der oben zitierte Tenor des Bewerbungsschreibens. Da überzeugt es wenig, wenn nach dem Sieg über Polen in Ballacks Geburtsort Görlitz geschaltet und dort live seine Hebamme zum Spielverlauf befragt wird.

„Wir wollen doch nur wie alle Anderen...“

...unsere Mannschaft unterstützen, mitfeiern, unsere Herkunft zeigen, unser Land repräsentieren.
So - oder ähnlich - wird Kritik an der derzeitigen Nationalismuswelle abgetan, oft noch gespickt mit der Anmerkung, ein gesunder (was ist das eigentlich?) Patriotismus sei doch ganz richtig, in anderen Ländern „völlig normal“ und gehöre zur Demokratie eben dazu. Nun gibt es sicherlich Torfköpfe verschiedenster Nationalität, die ihre Fahne schwenken und dabei auch nicht sonderlich über kritikwürdige Umstände in ihren eigenen Ländern nachdenken. Das ist zunächst jedoch nicht unser Thema: wir befinden uns hier nun einmal in Deutschland; Politik in anderen Ländern zu kritisieren ist zuallererst Aufgabe der dort lebenden Menschen. Wir haben mit den Verhältnissen in Deutschland wahrlich genug zu tun. In den oft harmlos vorgetragenen Worten der Befürworter des scheinbar unpolitischen Schwenkens der Deutschlandfahne steckt letztlich vor allem eines: „Schlussstrich ziehen, mit der Nazivergangenheit Schluss machen, in der Normalität ankommen“. Was ist die Realität? Hat in diesem offiziellen Nachfolgestaat des Faschismus (BRD) eine fortschrittliche Revolution stattgefunden? Wurden Faschisten enteignet, verfolgt, bestraft? Ist Arbeitslosigkeit und Armut beseitigt, Grundversorgung für alle gewährleistet? Das so als einmalig anzusehende dreigliedrige Bildungssystem abgeschafft? Verhält sich Deutschland friedliebend und nicht aggressiv gegenüber seinen Nachbarn?

Nein, dies alles ist nicht der Fall. Die Ergebnisse des 2.Weltkrieges sind in negativer Form revidiert, sprich: viele Ziele der kriegerischen Expansion sind 50 Jahre nach der militärischen Niederlage politisch erreicht worden: die Sowjetunion existiert nicht mehr; die DDR als antifaschistischer Staat ist einverleibt; deutsche Soldaten treiben wieder in diversen Auslandseinsätzen auf dem Erdball ihr Unwesen. Sicher wird man wenige Fahnenschwenker treffen, die bekunden: „Ich unterstütze diesen Staat, weil hier Millionen arbeitslos sind und Deutschland tatkräftig daran wirkt, in Osteuropa Staaten wie Jugoslawien, die Tschechoslowakei usw. zu zerschlagen.“ Sicherlich werden die wenigsten Menschen solche Dinge denken, wenn sie sich an der momentanen Welle des Nationalismus beteiligen, aber gerade dies zeigt ja, welches Potential besteht, das dort nur offensichtlich wird. Der Nationalismus braucht nicht so sehr bewusste Unterstützer, er braucht vor allem Mitläufer. Und solange das funktioniert, können Organisatoren und Nationalisten immer versuchen jede Kritik im Keim mit der Behauptung zu ersticken: „Die Politik soll draußen bleiben“ oder „nun lasst doch wenigstens mal vier Wochen gut sein, ihr Spielverderber“.

Panem et Circensis - Amüsement im Überwachungsstaat

Sport als Transporteur politischer Botschaften hat eine lange Tradition. Bereits 1936 nutzte die Führung des deutschen Faschismus die nach Berlin vergebenen Olympischen Spiele, um ein (offiziell so tituliertes) „Fest der Völker“ als gigantisches Propagandabrimborium zu inszenieren: politische Beschwichtigung nach außen, Brot und Spiele nach innen. Wenige Jahre später machten sich die Faschisten daran, viele der beteiligten Nationen zu überfallen.
Gerade Fußball eignet sich in Deutschland traditionell als sozialer „Blitzableiter“ und nationalistisches Derivat: das als patriotisches Erweckungserlebnis hochstilisierte (und passend zur WM filmtechnisch reanimierte) „Wunder von Bern“ setzt hier die Maßstäbe. Nach dem verlorenen Weltkrieg musste die Fußball-Elf als Miniatur-Wehrmacht die Schlachten nachträglich gewinnen; die (durchaus so wahrgenommene) militärisch-strenge „Zucht und Ordnung“ unter Trainer Herberger rechtfertigte im Nachhinein die verworfenen Ideale einer verratenen und verkauften Generation. Übrigens sollte die Fußball-WM, die dann kriegsbedingt abgesagt wurde, 1942 in Deutschland stattfinden, die Planungen dazu waren übrigens völlig unpolitisch erfolgt, versteht sich.

Wir haben aus der Geschichte gelernt. Das heutige „Fest der Völker“, die Fußball-WM, lädt die Welt als Gast „zu Freunden“ ein, während diese Freunde auf der Straße totgeprügelt werden. Den Menschen geht es dreckiger als jemals zuvor im wirtschaftswundernden Nachkriegs-Deutschland; die Arbeitslosigkeit kratzt nicht nur absolut, sondern auch prozentual wieder an historischen Spitzenwerten. Mit einer Vielzahl politischer Kampagnen, zuletzt „Du bist Deutschland“; demnächst „Deutschland – Land der Ideen“, soll ein nationales Heimeligkeitsgefühl als Ersatz für den Verlust sozialer Sicherheiten angeboten werden. Dies ist die eine Komponente – „Brot und Spiele“ für das Volk. Da läuft die höchste Mehrwertsteuererhöhung (schon jetzt die Massensteuer überhaupt, höher als die Lohnsteuer) der Geschichte mit 3% letzte Woche locker durch.

Die zweite Komponente besteht in den mit der WM begründeten flankierenden Maßnahmen: Deutschland hat nach innen wie nach außen gerüstet. Die Überwachung wurde massiv hochgefahren, das Schengener Grenzabkommen ausgesetzt, Bundeswehreinsätze im Inneren im Vorfeld heftig diskutiert. Niemand bekam ein Ticket ohne Lieferung sämtlicher persönlicher Daten; eine der umfassendsten Registrierungen überhaupt. Alles als Abwehr gegen böse polnische und andere Hooligans und den internationalen Terrorismus im Besonderen gedacht und daher notwendig... Letztlich also auch eine riesige Übung für den Staatsapparat, Polizei, Grenzschutz usw.. Dass dabei das Gefahrenpotential der Hooligans quasi ausschließlich aus Deutschland kommt, geben sogar führende Polizeikräfte z.B. in der Sport-BILD zu. Eine feine Geste an viele Gäste aus aller Welt, deren Freund man sein möchte ist auch, dass diese einen Krankenversicherungsnachweis zur Einreise benötigen. Dies muss notfalls eine private Absicherung bis zu EUR 30.000 sein. Unser Gesundheitswesen wollen wir den tanzenden Latinos dann doch nicht kostenlos zur Verfügung stellen, wenn Ihnen im Regen die Grippe begegnet.

„Warum sollen wir nicht unsere Mannschaft unterstützen ?“

Die deutsche Fußballnationalmannschaft ist durchaus nicht so wie alle anderen. Begründet liegt dies im „Ius Sanguis“, dem Blutsrecht in der deutschen Staatsangehörigkeit – kurz „Deutscher ist, wer deutschen Blutes ist“. Dies bedeutet (und im ist Kern trotz bestimmter Änderungen der vorherigen Regierung immer noch so), dass in Deutschland nicht diejenigen Deutsche sind, die hier geboren werden; im Kontrast z.B. zu den USA oder Frankreich. Nicht die Dauer des Aufenthalts; nicht einmal die Geburt in Deutschland macht einen Menschen zum deutschen Staatsbürger – jedoch deutsche Vorfahren; unabhängig, in welchem Verwandtschaftsgrade, denn deutsches Blut geht nicht verloren. Ein Nachweis über deutsche Vorfahren, unabhängig von Sprachkenntnis, reicht völlig aus, um die Staatsbürgerschaft zu erlangen. Im Bezug auf die deutsche Nationalmannschaft bedeutet dies, dass einige Spieler nicht in der BRD geboren sind, aber für die BRD spielen. Dies wäre für sich genommen natürlich nicht zu kritisieren, im Gegenteil muss man insbesondere mit dem schwarzen, in Ghana geborenen Spieler Asamoah solidarisch sein, wenn er seitens der NPD angegriffen wird (-> NPD-Kampagne: „Weiß ist mehr als eine Trikotfarbe“).

Es geht im Hinblick auf das Staatsbürgerschaftsrecht darum, dass zum Beispiel bei Kroatien oder der Türkei zeitweilig die halbe Mannschaft aus in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Spielern besteht, die Kinder von einst eingewanderten Arbeitern sind. Da zeigt sich der Unterschied dieses Rechts zu Mannschaften Frankreichs, der Niederlande usw., die diese Einwanderer selbstverständlich in ihren Reihen haben. Es ist dies übrigens schon zur Kolonialzeit so gewesen: während die Einwohner der anderen Kolonialstaaten Staatsbürger des Koloniallandes mit bestimmten Rechten wurden, waren die durch den deutschen Imperialismus kolonialisierten Menschen nie deutsche Staatsangehörige. Die deutsche Mannschaft repräsentiert somit dieses rückständige Staatsangehörigkeitsrecht (davon abgesehen, dass sie sich lange Jahre mit in der DDR ausgebildeten, sowie aktuell noch vier dort geborenen – allen voran Ballack - Spielern gestärkt hat). Dass es außerdem sportlich Erfolg versprechender wäre, die oben genannten Kinder (oder Enkel) von Einwanderern zu integrieren, zeigt letztlich nur die Dummheit und Nachteile einer solch reaktionären Politik. Aber so ist das bei einer Politik, die sich in Widersprüchen verfangen und dann wieder durch Aggressivität einen Ausweg suchen muss.

“Venedig bleibt unser!“ - Das Deutschlandlied

Zurück zu den deutschen Fahnenschwenkern – nicht zuletzt die Hymne, die eigentlich gar keine ist, gehört zu den meiststrapazierten nationalen Symbolen. Offiziell besitzt die BRD keine verfassungsrechtlich festgelegte Nationalhymne. Das „Lied der Deutschen“, vom fanatischen Antisemiten Hoffmann v. Fallersleben in nationaler Hybris im Jahre 1841 zur Melodie von Haydns „Gott erhalte Franz den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz“ getextet, ist 1952 (also erst drei Jahre nach der Staatsgründung!) gegen vielfachen Widerstand per Dekret zur Hymne gemacht worden; nicht zuletzt auf massives Betreiben des damaligen Kanzlers Adenauer, der es sich zum Steckenpferd machte, das durch die Siegermächte verbotene (!) Lied bei allen möglichen Gelegenheiten demonstrativ anzustimmen und damit manchen Eklat zu provozieren – bisweilen weigerten sich die Kapellen schlicht, das Lied zu intonieren. Schlussendlich hatte der Kanzler mit seiner Zermürbungsstrategie jedoch Erfolg – das 1922 von Sozialdemokraten erstmalig als Nationalhymne verwendete und von den Nazis 1933 mit seinem Pendant, dem „Horst-Wessel-Lied“, verknüpfte „Lied der Deutschen“ ist als Kontinuität mit vielen anderen Dingen und Ansichten über die so genannte „Stunde Null“ hinübergerettet worden. Gegenüber der früheren Verwendung, insbesondere während des Naziregimes, werden die ersten zwei Strophen in der Regel nicht gesungen. Im an alle Schüler verteilten Heftchen mit dem Grundgesetz ist dennoch der komplette Text abgedruckt; versehen mit dem „Briefwechsel“ zwischen Ex-Kanzler Kohl und Ex-Präsident Weizsäcker (als historische Analogie zum Adenauer-Heuss-Breifwechsel, in dem Adenauer seine Ansicht zum „Lied der Deutschen“ durchdrückte), in dem beide Politiker langatmig die dritte Strophe zur „Hymne“ hochloben. Dieser hochoffizielle „Briefwechsel“ soll Verfassungsrang suggerieren. Das Absingen aller drei Strophen soll nach Meinung mancher rechtskonservativer Kultusminister längst wieder Normalität sein.

Zum Deutschlandlied erklärte Hitler: „Viele, in anderen Völkern, verstehen es nicht. Sie wollen gerade in jenem Lied etwas Imperialistisches erblicken, das doch von ihrem Imperialismus am weitesten entfernt ist. Denn welche schönere Hymne für ein Volk kann es geben als jene, die ein Bekenntnis ist, sein Heil und sein Glück in seinem Volk zu suchen und sein Volk über alles zu stellen, was es auf dieser Erde gibt.“ Die Illustrierte Bunte bestätigt diesen im Grunde wie wir sehen harmlosen Wunsch bereits in dem Bericht über den Gewinn der Fußball-WM 1954 in Bern: „ Den Deutschen aber bricht das Lied aus der Brust, unwiderstehlich. Soweit ihnen die Tränen der Freude nicht die Stimme im Hals ersticken, singen sie alle, alle ohne Ausnahme, das Deutschlandlied. Niemand, auch nicht ein einziger, ist dabei der von „Einigkeit und Recht und Freiheit“ (Anführungszeichen im Original!) singt. Spontan, wie aus einem einzigen Munde kommend, erklingt es „Deutschland, Deutschland über alles in der Welt.“

Sport ist Politik?

Wer bis hierher gelesen hat und immer noch meint, wir würden in die doch so herrlich politisch neutrale, schönste Nebensache der Welt Dinge interpretieren, die überhaupt nicht dazu gehören, den werden wir wohl nicht vom Gegenteil überzeugen. Abgesehen von den bescheidenen Möglichkeiten der Verbreitung dieser Kritik ist momentan der Zugang bei vielen Leuten nicht zuletzt durch die flächendeckende, mal mehr, mal weniger unterschwellige Propaganda im Vorfeld der Mammutveranstaltung doch sehr eingeschränkt. Die sehr alte Faszination der Menschen, gegen Bälle zu treten (und in der neueren Zeit, das daraus gemachte, durchkapitalisierte Großereignis), wirkt gerade in dem Austragungsland der Fußball-WM sehr massiv.

Niemandem soll der Spaß verdorben werden – aber auch uns nicht! Und der ist eben am Größten, wenn für Deutschland möglichst bald das Turnier beendet ist. Auch fußballtechnisch sehen wir uns voll im Recht. Wenn man die deutsche Mannschaft in den letzten 30 Jahren betrachtet, so ist sie zwar mehrfach im Endspiel gewesen, hat aber überwiegend sehr unansehnlich und langweilig gespielt. Sie war dabei leider gelegentlich erfolgreich, hat aber zur Entwicklung des Fußballs nichts Erfreuliches beigetragen. Jedem echten, am Spiel interessierten Fußballfan müsste es daher – völlig unpolitisch - den Magen umdrehen, wenn man diese Mannschaft auch noch feiert. Es wäre nichts anderes, als das Ende von Kreativität, von Weiterentwicklung und Fortschreiten dieses durch die Engländern geschenkten Sports zu beklatschen. Dem wollen wir uns nun als allerletztes schuldig machen und wünschen ihnen auch deshalb nichts mehr als die möglichst schnelle Niederlage – zum Wohle des Fußballs.

Da zumindest jeder ernsthafte Fußballinteressierte die besondere Rivalität zwischen der BRD und England in diesem Sport kennt und schätzt, wäre ein Ende der deutschen Teilnahme durch eine Niederlage gegen England natürlich besonders erfreulich. Dass die englische Mannschaft sich wiederum im bisherigen Turnierverlauf dem früheren deutschen Vorgehen (schlecht spielen, aber gewinnen) angepasst zu haben scheint, wäre insofern nur eine gegenseitige Aufhebung des Ganzen; wer es philosophisch möchte: eine Negation der Negation eben. Schöner wäre natürlich ein glanzvoller Sieg wie beim 1:5 in München am 1.09.2001 im Rahmen der letzten WM-Qualifikation 2002. Am schönsten jedoch ein so umstrittenes Tor wie im Endspiel 1966 - es soll ja immer noch Leute geben, die meinen er war nicht drin. Dann hätten sie die nächsten 40 Jahre wieder zu knapsen, denn ein Markenzeichen teilen sie mit der deutschen Politik: Trotz der ganz großen Schnauze reicht es am Ende dann eben meistens doch nicht...
Aber, bitte, möge uns jetzt niemand vorwerfen, wir hätten die Politik Großbritanniens, den Irak-Krieg oder sonst was unterstützt, es ist doch nur eine unpolitische, ach so schöne Nebensache, nicht wahr?

Alsdann:
Bomber Beckham, do it again!




 
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Kommentare anzeigen: absteigend   aufsteigend
  Kommentar zum Artikel von secarts:
Samstag, 01.07.2006 - 14:05

Und, passend zum alldeutschen Jubel und Trubel, einige prominente Stimmen aus der B-Riege dieser unserer Republik:

Horst Köhler, Bundes-Hotte: "Mein Pulsschlag ist noch sie so hoch gewesen. Aber ein tolles Ende, dank Jens Lehmann. Es ist klingt jetzt komisch, aber nach dem 1:1 hatte ich das Gefühl, die Deutschen machen das. Im Endspiel werden sie sein, und ich glaube, die werden Weltmeister. Ich weiß nicht, ob man das Nationalgefühl noch steigern kann.."

Edmund Stoiber, Führer der Bajuvaren: "Das war der dramatische bisherige Höhepunkt der Weltmeisterschaft mit einer kämpferischen Leistung der deutschen Mannschaft, die einen leidenschaftlichen Einsatz und unbändigen Siegeswillen gezeigt hat. Die Nervenstärke der deutschen Mannschaft ist beispielhaft."

Wolfgang Schäuble, Einsatzleiter für die Bundeswehr im Inneren: "Das war ein hartes Stück Arbeit, die Argentinier waren in der regulären Spielzeit sogar die bessere Mannschaft, aber der unbedingte Willen zum Erfolg und ein überragender Jens Lehmann im Elfmeterschießen halten unseren Traum vom WM-Titel weiter am Leben."

Roland Koch, verdienter Kämpfer für Artreinheit deutschen Blutes: "Danke, Jens Lehmann! Ein Riesenspiel, prickelnd, packend, dramatisch. Unsere Mannschaft hat Riesenmoral bewiesen, immer an sich geglaubt und ist dem großen Traum so verdient einen großen Schritt näher gekommen."

Thomas Gottschalk, KdF-Beauftragter: "Das ist schon Herzattacke, das war ein Thriller. Ich hätte gerne die deutsche Mannschaft vorher in Führung gesehen. [...] Aus spielerischen Bewertungen halte ich mich gerne raus. Aber die Außenwirkung dieser WM geht längst über das Sportliche hinaus."


  Kommentar zum Artikel von Lars:
Samstag, 01.07.2006 - 09:16

zu Hans:
Also die größten Simulanten waren ja wohl die Deutschen, als sie die etwas kräftigen, aber durchaus herzlichen Glückwünsche der Argentiner nach Spielende abgelehnt haben und Einzelne behaupteten sie seien geschlagen worden. Wirklich unhöflich solche Gastgeber, dafür muss sich das ganze Land schämen !
Fakt ist:
Hätte ein Argentiner Lehmann im 5-Meter-Raum so brutal gefoult wie Klose und der Schiri einem deutschen Stürmer eine Karte für Schwalbe gegeben statt Elfmeter. Beide wären wohl nur mit Schutz der FIFA außer Landes gekommen und so der standrechtlichen Erschiessung entgangen.
Die Deutschen haben gestern offensichtlich ihr Maximum gezeigt, kein besonderes Angriffsspiel mehr, es fehlt der Nachschub (Zitat Netzer) von hinten. Ja wenn der Nachschub fehlt, dann reicht es nicht und ihr dürft kein Finale im Adolf-Hitler-Stadion (Name derzeit vorübergehend nicht offiziell) mehr spielen !
Aber die Spaghettis sind doch kein Gegener, diese Obersimulanten, dass muß doch hier mal in einer entkrampften Atmosphäre gesagt werden dürfen. Wird ja immer schöner. erst dürfen sie bei uns das Arbeiten lernen und nun wollen se (in unserem Stadion), auch noch gewinnen. Nee, Deutsche, wehrt Euch !



  Kommentar zum Artikel von Hans im Glück:
Samstag, 01.07.2006 - 03:21

Komm grad vom Feiern, deswegen (und weil ich in 5 Stunden wieder arbeiten muß) nur kurz:

Toll, daß Ihr schon wieder ne neue Grafik entworfen habt (macht Ihr das egtl schon vorher?). Diese Sammlung erinnert immer mehr an das "Lexikon der populären Irrtümer" ;)

Werd mich das WE nochmal mit den politischen Sachen beschäftigen. Wollt nur mitteilen: WIR FEIERN!

@Hardcore: Sorry, das zu hören. Wir warn ca 20 Mann, einer war Argentinienfan, der Rest für Deutschland, ham trotzdem zusammen gefeiert. Trotz des 1. Torwarts, der der unumschränkte Weltmeisterschaftssimulant war. Aber bei uns gabs keinen Stress.

Bis denne,

HiG


  Kommentar zum Artikel von rolf:
Samstag, 01.07.2006 - 07:42

ein sehr schönes logo oben! ;)

bin im übrigen voll euerer meinung: es geht schon gar nicht mehr um sport. ansonsten muß man anerkenen, das die deutsche mannschaft wirklich deutlich besser spielt als je zuvor. aber verwunderlich: während dem spiel heut waren hunderte leute mit deutschland-fahne unterwegs. wenn ich fan wäre würde ich doch wohl das spiel anschauen, und nicht brüllend durch die stadt ziehen. dieser rückfall in aggressiven partiotismus ist beängstigend!

mfg + macht weiter!
Rolf


  Kommentar zum Artikel von 127757:
Samstag, 01.07.2006 - 00:53

dieses ominöse "linke Forum" ist von der KomAk ML, der österreichischen MLPD-Ablegertruppe, oder? Die dulden eh nur, was der große Vorsitzende abgenickt hat... und das ist ganz überwiegend großer Schund, wenn ich mir die obskuren Pöbeleien dort anschaue. Erstaunlich, daß der Link zu diesem Artikel nicht auch gleich wieder gelöscht wurde! (btw: wer ist "Han-Do"? Kennt den hier wer?)

Ansonsten alles Mist: nicht verdient, und doch gewonnen und ein nationalistischer Ausbruch sonder gleichen... bin in der Kneipe beim Spiel gucken ne Stunde lang von drei Ariern angepöbelt und beinahe verdroschen worden, weil ich blau-weiß-blau aufgemalt hatte - der Wirt hat die Nationalisten allerdings dann rechtzeitig rausgeschmissen... Um Sport geht es hier gar nicht mehr. Die Volksgemeinschaft jagt jetzt wieder Schädlinge und Andersartige. Wenn ich nicht arbeiten müsste, wäre ich schon außer Landes wegen dieses Trubels.

Mann, freu ich mich auf die TdF, auch wenn (und weil!) Ulle nicht mehr dabei ist!


  Kommentar zum Artikel von secarts:
Freitag, 30.06.2006 - 11:38

@ Hans:
Ah geh', ich habe ja über der Kommentar-Box stehen, was wann warum gelöscht wird - und was nicht smiley Wie das "Linke Forum" das handhabt, weiß ich nicht; ein klassisches Forum hat für gewöhnlich auch andere Regeln...

Zu NPD & Gansel:
Die stecken natürlich in einem Dilemma: einerseits werfen sie BRD und "System" vor, die Menschen gezielt zu de-ideologisieren und zu de-nationalisieren, um so ihr schändliches Schächtwerk am deutschen Volkskörper im Auftrage fremder Mächte zu verrichten; andererseits sehen sie mit eigenen Augen anlässlich der WM, dass das alles gar nicht stimmt und tatsächlich Nationalismus auch hierzulande unter dem "plutokratischen System" überkochen kann. Schwer unter einen Hut zu bringen, wenn da nur wenig Platz ist. Sicher wäre die NPD glücklicher und müsste nicht solche verquast-hochtrabenden Texte verfassen, wenn der Mob mit Schwarz-Weiß-Rot rumlaufen würde; andererseits besinnt sich die NPD aufgrund des unverhofften Gesinnungswandels der Menschen schnell auf Schwarz-Rot-Gold, um von der Stimmung zu profitieren. Auch Nationalismus ist halt wie so vieles doch letztendlich nur Propaganda bei den Faschisten.
Das hochgelahrte Herumgewinde ihrer studierten Protagonisten dürften die allermeisten Anhänger der Partei sowieso a) nicht lesen oder b) nicht verstehen. Derzeit hat der systemimmanente potentiell reaktivierbare Nationalismus auf der Straße den der NPD längst überholt, was die Massenwirkung angeht.


  Kommentar zum Artikel von Hans im Glück:
Donnerstag, 29.06.2006 - 19:40

Der Ganzel scheint gern provozieren zu wollen, aber seine Texte liest doch eh keiner, oder? Das klingt mir alles zu sehr nach neonationalistischer Elfenbeinturmgetümelei, sit venia verbo. Mit der von der NPD-Basis propagierten Volksnähe hat das schon lange nix mehr zu tun.
@Hardcore: Morgen gehts los. Wie sieht Dein Tipp aus? Meiner lautet 3:1 für Deutschland nach Verlängerung.
@Secarts: Wollt mich mal schnell bedanken, daß hier nicht gnadenlos jeder weggelöscht wird, der eine andere Meinung vertritt. Find ich gut. Das ist nicht in jedem Forum so. (z.B.: Link ...jetzt anmelden! da war auch dieser Artikel von Euch verlinkt worden).

Grüzi aus dem Sachsenlande,

HiG


  Kommentar zum Artikel von Hans im Glück:
Donnerstag, 29.06.2006 - 13:22

Hab grad die Artikel durchgelesen. Hast Du da wirklich kommentiert, die PDS könne die 10%-Marke knacken? Im Ernst jetzt? Ohne Scheiss? :)
Nee, glaub ich net .
Grüzli,

Hans


  Kommentar zum Artikel von secarts:
Donnerstag, 29.06.2006 - 13:14

Dass nicht nur wir hier, die üblichen "Nie-wieder-Deutschland"-Verdächtigen, sondern auch die Gegenseite erkannt hat, was da über Fußball-Patriotismus transportiert wird, beweist eine breite Kampagne auf NPD-Seiten (die ich hier freileich aus ästhetischen Gesichtspunkten nicht zu verlinken gedenke):

"Seit der Wende in Mitteldeutschland hat dieses Land nicht mehr so viel Flaggenstoff in Schwarz-Rot-Gold gesehen wie zu dieser Fußball-Weltmeisterschaft. In diesen Tagen wandet sich Deutschland schwarz-rot-gold, es denkt schwarz-rot-gold und fühlt schwarz-rot-gold. [...] Und schließlich soll der BRD-Patriotismus erklärtermaßen der NPD das Wasser abgraben und ihr das Monopol aufs Nationale streitig machen. Die Herrschenden wissen nur zu genau, daß sie das Ventil des Druckkessels, in dem die unterdrückten nationalen Leidenschaften, Sehnsüchte und Bedürfnisse brodeln, etwas öffnen müssen, damit ihnen eines Tages nicht der ganze Kessel um die Ohren fliegt. Die Deutschen wollen nämlich nach sechzigjähriger Odyssee durch die Irrgärten von Umerziehung, Auslandshörigkeit und Fremdentümelei zu ihrem Wesen zurückfinden. Sie wollen sich als Deutsche wieder spüren und das Deutschtum als ureigene Kraftquelle neu entdecken – wissend, daß sie ohne nationale Gemeinschaftskräfte vollends unter das Räderwerk der identitätsvernichtenden Globalisierung geraten. Gemäß dem Globalisierungsparadox, einerseits die De-Nationalisierung und andererseits die Re-Nationalisierung der Völker zu befördern, scheint das Ende der jahrzehntelangen Entdeutschung der Deutschen angebrochen zu sein. [...] Der gegenwärtige Fußball-Patriotismus hat – trotz seines trivialen und partyhaften Charakters – einen bislang nur unterirdisch wirkenden Normalisierungsnationalismus zutage treten lassen. Aus dem postnationalen Homo bundesrepublicanus wird wieder der aufrecht gehende Deutsche, der ein ganz natürliches nationales Identitäts- und Gemeinschaftsbewußtsein pflegt. Wer hätte gedacht, daß Fußball eine solche Entwicklung beschleunigen und ihr ein Gesicht geben könnte?"

Jürgen W. Gansel, NPD-Abgeordneter im sächsischen Landtag


  Kommentar zum Artikel von 127757:
Mittwoch, 28.06.2006 - 01:54

Die PDS-Debatte, so spannend sie immer auch ist, passt nicht hierhin - es gab hier mal vor nem Jahr einen recht profunden Artikel dazu (hier). Der korrespondiert tatsächlich sogar mit einigen deiner Gedanken zu Basis der PDS (im Osten).
Und auch zum NPD-Wahlerfolg in Sachsen gab es hier mal was...

Nun ja - englische Fahnen in Berlin haben mir schon immer gefallen und werden es natürlich auch weiterhin tun smiley)
Und die Brasilianer spielen in dieser WM nun wirklich mal wieder abscheulichen Fußball, ist zumindest meine Meinung: mit arrogant-individualistischer Attitüde alleine kommt man halt nicht weiter. Und die paar Stars, die alleine garantiert jeden anderen Spieler aller anderer Teams in die Tasche stecken würden, funktionieren irgendwie traditionell nicht als Team... das hat sich leider nicht geändert. Also, meine Prognose: England besigt Brasilien. Und Deutschland wird kaum über Argentinien hinauskommen. Wenn doch, gibt es eine schöne Wiederholung des urdeutschen Fußballtraumas zu Wembley :)

Nun, ist spät geworden und ich muss in der Früh arbeiten!
Also - Gute Nacht allesamt!

hardcore


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