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Von secarts

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© by John Heartfield Großbildansicht heartfield_hyena.jpg (36.7 KB)
Dem geneigten Leser mag es schon aufgefallen sein: www.secarts.de ist nicht zufrieden mit dem Stand der Dinge in diesem unseren Lande. Vieles liegt im Argen; gar kein Zweifel. Und wenig wird gemacht.
Von diesem Wenigen wiederum ist viel auch noch falsch - genau hier hier wird es gruselig. Neben einer sozial unbarmherzigen Realit√§t, einem forcierten R√ľckbau der gesellschaftlichen Sicherungssysteme, sinkenden Chancen auf Bildung und Beruf und allgemeiner gesellschaftlicher Stagnation war es nat√ľrlich nur eine Frage der Zeit, bis es zu Gegenbewegungen kommt. Dies k√∂nnen neue, die tradierte Volksparteienlandschaft untergrabende Gruppierungen sein, Gro√üdemonstrationen; eine Hinwendung zu alternativen, systemkritischen Gesellschaftstheorien.

Eine Gegen-Gegenbewegung pr√§sentiert uns nun ein Konsortium aus Medienkonzernen, die ihrerseits gerne und viel zur Verschleierung der Zust√§nde beitragen: unter Schirmherrschaft des Bertelsmann-Konzern und "kreativer" Leitung der Werbeagentur Jung von Matt stecken Springers "Bild", Der "Spiegel", die "WAZ-Gruppe", und einige weitere ganz Gro√üe dahinter. 30 Millionen Euro hat der Spa√ü gekostet - in poppigem Gewande daher kommt altbekannter Nationalismus; FDGO (f√ľr unkundige LeserInnen: die "freiheitlich-demokratische Grundordnung" ist gemeint!)-treu verpackt als aufgekl√§rter Multikulti-"Patriotismus". "Du bist Deutschland", lautet das Schlagwort; mit klavieruntermalten Endlosspots und einer schleunigst zusammengeschusterten Website wird seit einigen Wochen den am schmaler werdenden Geldbeutel verzeifelnden Konsumenten eingeh√§mmert, dass auch sie "dazugeh√∂ren"; zu Deutschlands Glanz und Gloria.

Sch√∂n. Wir sind Papst, Kanzlerin - und Deutschland. Kaufen kann man sich freilich nichts davon; die metaphysisch konstruierte Schicksalsgemeinschaft "Nation" f√§ngt ihre gestrauchelten und in die Dauerarbeitslosigkeit entlassenen Kinder nicht mehr auf. Der Heilsbund ist denn auch eher immaterielller Natur: Auf dem Arbeits- oder Sozialamt kann sich jeder der das Gl√ľck hatte, einen der raren Sitzpl√§tze zu ergattern, mit dem wohligen Gef√ľhl, "dazuzugeh√∂ren", erw√§rmen. Wer keinen Platz abbekommt, kann dies immerhin noch im Stehen tun. Denn auch er oder sie "ist Deutschland".

Albern, l√§cherlich bis zynisch, k√∂nnte man den Budenzauber um's Heimatgef√ľhl nennen. Zu durchschaubar ist der angestrebte psychologische Effekt dahinter; zu dramatisch waren die Auswirkungen bei dem letzten Versuch der Deutschen, ihre Gef√ľhle zurt Nation auszuleben: bekannterma√üen endeten sie in Auschwitz und Stalingrad.

Großbildansicht denndu.jpg (146.5 KB)
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"Um 1935: NS-Kundgebung auf dem Ludwigsplatz", aus dem Buch "Ludwigshafen - Ein Jahrhundert in Bildern".
Andererseits ist die Idee kaum neu, denn lange vor den netten Jungs und M√§dels, die sich auf der Website www.du-bist-deutschland.de pr√§sentieren d√ľrfen (z.B.: "ich bin √ľbergl√ľcklich, diese Kampagne am Laufen zu sehen und √ľberzeugt, das Deutschland emotional wieder Hero sein wird", oder "ich will ohne schlechtes Gewissen sagen k√∂nnen, da√ü ich SStolz bin, Deutscher zu sein"...), kamen auch schon andere auf die Idee.

Sicher, es wird ein dummer Zufall sein, dass Hitler mit haargenau dem gleichen Slogan beworben wurde - symptomatisch ist das dennoch. "Wir", wir sind nicht Deutschland. Deutschland, das k√∂nnte ein Territorium auf einer Landkarte sein, ein staatliches Gebilde, eine historische Erscheinung, ein metaphysischer Begriff, ein Firmenname. Frau Meier eine Etage h√∂her, der dicke Busfahrer aus Linie 7 oder die Frau bei Plus an der Kasse, sie sind vielleicht weiblich oder m√§nnlich, arm oder reich, zufrieden oder ungl√ľcklich. "Deutschland" sind sie mit Sicherheit nicht.
Was bleibt f√ľr den Einzelnen? Deutsche Staatsb√ľrgerschaft eventuell. Oder die √úberzeugung, durch das "Blut" zum Deutschen geworden zu sein. Oder zu partizipieren an einer "deutschen Kulturlandschaft" oder "deutschen Leidkultur".

Ob das ein probates Mittel gegen steigende Armut und sinkende Chancen auf Selbstverwirklichung und Lebensgl√ľck ist, sich mit "Deutschland" zu identifizieren, mag jeder f√ľr sich ausmachen.
Ich will an dieser Stelle jedoch noch einmal ausdr√ľcklich darauf hinweisen, da ich es als meine gesetzliche Pflicht erachte: "Auch bei v√∂lliger, positiv bejahender oder auch stolzer Identifikation mit dem staatlichen und/oder kulturellen Gebilde 'Deutschland' besteht keinerlei Anspruch auf materielle Besserstellung, Erhalt des Arbeitsplatzes oder gute Schulbildung. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen."
Es tut mir leid, wenn ich Illusionen zerstört haben mag.



Bekannterma√üen gibt es hier auf www.secarts.de eine Gegenkampagne zum Thema. Teilnahme durchaus erw√ľnscht, im Gegensatz zum "Gro√üen Vorbild" kann man hier aber wirklich was ganz handfestes gewinnen: der bestbewertete Beitrag wird zum Jahresende mit einer B√ľchse "feuriger Westerntopf" pr√§miert. Da haste was davon - und kannst dich schonmal an die zuk√ľnftige Nahrung breiter gesellschaftlicher Schichten gew√∂hnen!




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  Kommentar zum Artikel von secarts:
Donnerstag, 02.02.2006 - 18:01

Ich ging eigentlich von einer Deadline 31.01.2006 aus - leider scheinen die Kampagnenmacher das aber nicht zu wissen, den der Zirkus läuft noch immer, zumindest im Internet.
Vielleicht sind ja die TV-Spots unterdessen eingestellt?


  Kommentar zum Artikel von bajazzo:
Donnerstag, 12.01.2006 - 16:20

jetzt ist ja die schöne Anti-Kampagne wieder eingestellt; die "offizielle" läuft aber noch...
Habe grade wieder so eine bescheuerte Anzeige "du bist Otto Lilienthal" gesehen. Weiß wer, wann die "offizielle" zu Ende ist? Es ist echt unerträglich!


  Kommentar zum Artikel von ZigZag:
Dienstag, 03.01.2006 - 01:00

hihihi


  Kommentar zum Artikel von secarts:
Montag, 02.01.2006 - 23:02

Die offizielle Link ...jetzt anmelden! ist beendet; Sieger ist "Martin Hohmann", der Ex-CDU-Abgeordnete, der mit antisemitischen Spr√ɬľchen negativ ins Sommerloch platzte und sp√ɬ§ter dankenswerterweise abges√ɬ§gt wurde.

Der "DBD-Generator" zum Erstellen von "Du bist Deutschland"-Karten ist nun erstmal deaktiviert, wird aber wohl demnächst eine neue Verwendung finden: Als interaktiver E-Card-Generator!


  Kommentar zum Artikel von 127757:
Sonntag, 27.11.2005 - 15:14

Also, erstmal eine ultrapeinliche Geschichte mit diesem Slogan. Das h√ɬ§tte "langsam-einschlafen-lassen-und-nicht-mehr-dr√ɬľber-reden"-Qualit√ɬ§t...

Andererseits ist das auch Ausdruck einer bedenklichen Unverfrorenheit, historischen Unbildung oder schlicht grenzenloser Dummheit von de Kampagnenmachern und ihren Auftraggebern. Die Hälfte der beteiligten Verlagshäuser hat historische Abteilungen, bestimmt jede Heerscharen von Juristen und mindrestens einen Hausgeschichtswissenschaftler - niemand kann mir erzählen, daß die nicht in der Lage gewesen wären, so ein Bild aufzutreiben, das längst im Populärbuchmarkt publiziert ist - es war ja nicht in tiefen Archiven vergraben, sondern frei zu kaufen in diesem Buch.
Wenn es einer Bloggerszene bedarf, um den Skandal aufrollen zu lassen, wirft es neben der schlampigen plannung aber noch ein ganz schlechtes Licht auf unsere Print- und TV-Medien, die schlie√ɬülich u.a. f√ɬľr solche Recherchen bezahlt werden: berufliche Journalisten kriegen es nicht gebacken, sowas aufzudecken; Hobbyschreiber und unbezahlte Internetjournalisten wie von spreeblick.de m√ɬľssen es tun - unglaublich!
Aber auch irgendwie verständlich, denn gerade die Medienkonzerne, die sich dazu bedeckt hielten, bis es nicht mehr anders ging, finanzieren den "DBD"-Scheiß schließlich...

In der Analyse stimme ich Secarts zu. Wahrscheinlich ist es echt ein (kaum zu entschuldigender, siehe oben) Zufall und keine Absicht. Dennoch ist es symptomatisch, denn solche dumpf nationalistischen Parolen sollen ja was auslösen.

"Solange es nur die Spr√ɬľche sind, die man wieder hervorholt, und nicht die Personen, Meinungen oder Methoden, sollten wir uns gl√ɬľcklich sch√ɬ§tzen."

Erst kommen die Spr√ɬľche. Dann kommen die Taten. Das war vor 33 nicht anders.
Ich zumindest hab keinen Bock mehr auf Deutschland. Fuck off!

(btw: der Anti-DBD-Generator ist echt cool! Bleibt der auch nach Beendigung der Kampagne online?)


  Kommentar zum Artikel von Stephan:
Sonntag, 27.11.2005 - 10:52

Der Auftritt Michael Schumachers f√ɬľr die offizielle Kampagne ist schon de ultimative Offenbarungseid. Nicht nur, da√ɬü der Herr mit einem aufgemotzen Fiat ein italienisches Auto um die Kurven steuert, er hat vor langer Zeit seinen Wohnsitz erst nach Monaco, dann in die Schweiz verlegt, um dem deutschen Steuerzahler nicht mit irgendwelchen Abgaben Konkurrenz zu machen.
Da√ɬü hingegen der pruch bereits in den Drei√ɬüigern verwandt wurde, ist dagegen keine √ɬúberraschung und auch kein Einzelfall. "Sozial ist, was Arbeit schafft" ist ja auch ein von der CSU recycelter NS-Slogan. Solange es nur die Spr√ɬľche sind, die man wieder hervorholt, und nicht die Personen, Meinungen oder Methoden, sollten wir uns gl√ɬľcklich sch√ɬ§tzen.


  Kommentar zum Artikel von hampel:
Sonntag, 27.11.2005 - 01:55

Sehr geil, daß ausgerechnet mitten in der shit DBD-Kampagne dieses Hitler-Bild aufgetaucht ist, finde ich...
Es ist ja wohl echt, nach allem was so rumging in letzter Zeit. Frage ist, ob die Verantwortlichen davon nix wußten oder ob sie es dennoch (oder gerade deshalb?!) so nannten...

Ich freu mir auf jeden Fall nen Ast, daß sowas so schnell publiziert wurde. Es kam ja aus der Bloggerszene und zeigt deutlich, wie man dank INet auch ohne viel Kohle oder Zeitungen schnell was in die Debatte wirft!


  Kommentar zum Artikel von 127712:
Samstag, 26.11.2005 - 21:50

Die Gegenkampagne ist schon sehr schön ins Rollen geraten, viele kreative Beiträge bereits erstellt. Nutz' die Chance, sei auch du dabei und zeig' der Nation, auf was "wir" noch so "stolz" sein können!
PS: Der Stoiber ist echt sehr gelungen, meinen Respekt! smiley


  Kommentar zum Artikel von secarts:
Samstag, 26.11.2005 - 17:10

...und hier die lange Debatte zum Bild auf dem Weblog www.spreeblick.com.


  Kommentar zum Artikel von secarts:
Montag, 31.10.2005 - 17:00

Bericht aus √ɬĖsterreich zur umstrittenen Kampagne und dem belastenden Bild: www.kominform.at