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Es ist immer ein undankbarer Job, wenn einem die Leute, denen man schreiben wollte, unter der Hand wegsterben. Aber es hilft ja nix:

Lieber Addi!


Du hast gelebt für deine Unternehmen, für deine zeitweilig angeblich 9 Milliarden Dollar Vermögenswerte, für jeden Einzelnen deiner insgesamt mehr als 100.000 „Mitarbeiter“...

Adolf Merckle*, Jahrgang 1934, hat sich Montag Abend bei Ulm vor einen Zug geworfen. Familie Merckle teilt mit: "Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen und die damit verbundenen Unsicherheiten der letzten Wochen sowie die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen, und er hat sein Leben beendet."
Im Leben des Milliardärs Merckle ist die anonyme "Finanzkrise", die das Lebenswerk des "schaffenden" Kapitalisten zerstört haben soll, zumindest die letzte Lüge. Keine US-Hypothekenkrise, sondern schlichte Fehlspekulation hat Merckles Imperium, das von Anfang an durch Hochrisikogeschäfte aufgehäuft wurde, zum Einsturz gebracht. Entgegen vielfachen Darstellungen - gerade auch aus der Linken - sind Spekulanten nicht anonyme Kräfte und Personen - vorzugsweise aus den USA -, sondern sozusagen mitten unter uns. Durch diverse Transaktionen mit mehr als 100 Firmen (die Größten und Bekanntesten: Ratiopharm, Baustoffkonzern Heidelberger Cement und Pharma-Großhändler Phoenix) hat Merckle sich ein Vermögen von geschätzt zeitweilig mehr als 9 Milliarden Dollar zusammengerafft. Alles nur für die Familie, das Land und die Beschäftigten, welch ein schwäbischer Messias! 9 Milliarden bedeutet 900.000 Euro als verzinster Profit auf jeden der von ihm angekauften Arbeiter (= beschäftigte „Mitarbeiter“).

Bei einer seiner diversen Transaktionen hat sich dieser deutsche Vorzeigeunternehmer; der "Patriarch", der seine Firmen wie seine "Familie" anführte, dann verzockt und die Todsünde des sog. "Casinokapitalismus", der bekanntlich nach Meinung mancher "kapitalismuskritischer" "Theoretiker" deutscher Fasson nur in den USA und dort vorzugsweise an der überwiegend jüdisch besiedelten Ostküste betrieben wird, begangen: auf fallende Aktien spekuliert (sog. "Leerverkäufe", die angeblich nach zumindest einer der vielen wirren Theorien über die möglichen Ursachen der derzeitigen Wirtschaftskrise ursächlich daran schuld sind). Nun kam es just zu diesem Zeitpunkt zum Höhenflug eben jener Derivate, und Merckle fuhr Verluste von geschätzter einer Milliadre Euro ein (oder Gegenwert für ungefähr 11.000 Arbeiter). Anscheinend waren auch andere Unternehmungen des schwäbischen Zockers mehr Schall und Rauch als wertbeständig - der Betriebsgefolgschaftsführer mit Verantwortungsbewusstsein tut dann das, was vor ihm gescheiterte römische Centurionen taten, und deutsche Wehrmachtsgeneräle meistens leider nicht: den "ehrenhaften" Freitod wählen.

Interessant daran: ein deutscher, ein schwäbischer Spekulant wird ein "engagierter Familienunternehmer"; ein "Patriarch", mit "Liebe" und "Pflichtbewußtsein" zu und gegenüber seiner Firma und seinen Angestellten gewesen sein (so zumindest der absehbare O-Ton der in den nächsten Tagen in "FAZ", "taz", "WAZ" und anderen Boulevardjournaillen erscheinenden Nachrufe), während die anderen, amerikanischen Monopolisten und ihre gedungenen Handlanger, Manager und Dirigenten zu Tieren werden, nämlich „Heuschrecken“. Unser deutsches Heuschreckle hat sich umgebracht, andere werden seinen Platz und/oder seine Firmen übernehmen.

Es bleibt festzustellen: Nicht einmal im Tod gelang es diesem deutsch-schwäbischen Paradeunternehmer, sozial zu sein: anstatt eine halbwegs private, andere nicht in mindestens psychische Mitleidenschaft ziehende Freitodart zu wählen, hat Merckle wohl auch hier lieber "g'spart" und den letzten noch verfügbaren unendgeltlichen Service der Deutschen Bahn in Anspruch genommen.

Wir bedauern alle Fahrgäste der Bahn, die durch diese unappetitliche Art der Flucht vor weiteren Konsequenzen Unannehmlichkeiten erfahren haben und trauern um alle nicht genannten und nicht bekannten Arbeiter des Merckle-Imperiums, die in letzter Zeit verstorben sind, demnächst gekündigt werden oder auf viel profanere Art durch Merckles asoziales Lebenswerk in den Freitod getrieben werden: nicht, weil ihr "Werk", "ihre" Firmen zusammenbrechen, sondern weil sie mit ihrer Arbeit ihre Familien nicht mehr ernähren werden können. Naturgemäß hätten einige von Ihnen ohne die Ausbeutung durch Adolf Merckle ein längeres und erfüllteres Leben gehabt. Unser Mitgefühl gehört insbesondere auch dem Lokführer, der mindestens einen tiefen Schock erlitten haben dürfte.


Anmerkung:
* Nicht zu verwechseln mit der Kräuterbutterfirma „Meggle“, die aus ähnlicher Gegend kommt, aber auch eher unappetitlich schmeckt.

 
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